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Die fünf Koshas und die fünf Schichten des Selbst – Ein Vergleich

Das hier abgebildete Poster (copyright 2003, Integrative Yoga 1), welches  ich in verschiedenen Yoga-Studios gesehen habe, spiegelt die Verwirrung in der modernen Yoga-Welt in Bezug auf die 5 Koshas (kośa) bzw. Layer/Ebenen/Schichten (sheaths) wider, die dort auch als 5 Körper oder 5  Schichten des menschlichen Seins beschrieben werden.

Die vedantische Version dieser Lehre beruht auf einer kurzen Passage aus den Taittirīya Upanishaden, siehe Textende. Die tantrische Auffassung wird detailliert in meinem Buch (Tantra Illuminated) dargelegt.

Die Interpretation in der Abbildung stellt prāṇa-maya-kośa als ‚Energie-Körper‘ der cakras und nādīs dar, der sich von mano-maya-kośa dem ‚Emotional-Körper‘ unterscheidet. Dies ist von einem traditionellen Standpunkt aus vollkommen falsch, denn im traditionellen yogischen Verständnis ist der  Energie-Körper (sūkṣma-śarīraoder puryaṣṭaka) und der mentale/emotionale Körper EIN-UND-DASSELBE.

Daher sind die im Bild angegebenen „Energie-Blockaden“, die dem Prāna-Körper zugeschrieben werden, und das dem Mental/Emotional-Körper zugeordnete „fehlende Gewahrsein von (gewohnheitsmäßigen) Gedankenmustern und emotionalen Reaktionen“ ein-und-dasselbe, sie werden lediglich auf unterschiedliche Weise beschrieben! Dies zu verstehen ist ganz entscheidend!

Der Erschaffer dieses Posters verdient Log, denn er zeigt richtigerweise auf, dass Gedanken und Emotionen Bestandteil derselben Schicht sind; dies gilt für alle Yoga-Systeme gleichermaßen.

Die Bewegungen des Prāna-Körpers beziehen sich lediglich auf die ungestörten Funktionen der fünf Aspekte von prāṇa (Lebens-Kraft) – wie z.B. rülpsen, furzen, verdauen, hungrig werden wenn der Körper Nahrung braucht; das alles erfolgt durch die Bewegungen von prāṇa. Der Prāna-Körper ist demnach einerseits mit dem physischen Körper (anna-maya-kośa) und andererseits mit dem mental-emotionalen Körper (mano-maya-kośa) eng verwoben. Daher wird die Prāna-Hülle im vedantischen Modell zwischen den beiden positioniert. (Beachte dabei, dass wenn der mental-emotionale Körper im Ungleichgewicht ist, dies prāṇa beeinflusstwas sich wiederum auf den physischen Körper auswirkt. Ein extremes Beispiel hierfür wäre Anorexie.)

Im Gegensatz dazu verortet das tantrische Modell die Prāna-Schicht zwischen der mental-emotionalen Schicht und der Leere (void) (siehe Diagramm weiter unten). Tantra ordnet die Schichten des Selbstseins (selfhood) aufeinander aufbauend zu: in der Reihenfolge von grob hin zu fein, von vergänglich zu beständig, von weniger essentiell zu fundamental –  und Prana oder Lebenskraft ist sowohl subtiler als auch fundamentaler als der Geist (mind).

In KEINEM der beiden Modelle ist die Prāna-Hülle gleichzusetzen mit dem Energiekörper von nāḍīs, cakras und bindus, denn wie bereits erwähnt sind der Energiekörper und der mental-emotionale Körper identisch (auch wenn die Bewegungen von prāṇa den Energie-Körper beeinflussen). Nebenbei gesagt ist dies auch eher im Einklang mit einem modernen psychologischen Verständnis. Der Energiekörper ist also ein Modell zum Verständnis der subtilen Aspekte unseres mental-emotionalen Seins und gibt uns Aufschluss darüber, auf welche Weise es die Gewebe des physikalischen Körpers vollkommen durchdringt.

Welches sind nun die weiteren Unterschiede zwischen diesen beiden parallelen Modellen? Im Vedānta-Modell korrespondiert anna-maya-kośa exakt mit der Körper-Schicht (deha) des Tantra-Modells, aber darüber hinaus weichen die beiden Systeme voneinander ab. Wie zuvor erwähnt, ordnet das Vedānta-Modell die Prāṇa-Schicht an einer anderen Position  ein, als das Tantra-Modell. Desweiteren spaltet das vedantische Modell den Geist (mind) in zwei Schichten, eine denkend-fühlende Schicht (mano-maya-kośa) und eine unterscheidungsfähige, wahrnehmende Schicht (vijñāna-maya-kośa). Das tantrische Modell hingegen sieht beide als Teil der Herz-Geist-Schicht (heart-mind, citta), die identisch mit der Energiekörperschicht (puryaṣṭaka) ist und die „dickste“ – aber nicht die dichteste – Schicht darstellt.

Zudem fehlt im vedantischen Modell die Leere (śūnya)-Schicht, die für das tantrische Modell so wichtig ist. Teilweise deshalb, weil die ursprüngliche Form von Vedānta die Meditation im Vergleich zum Tantra nicht besonders betont. Die sogenannte Leere bezieht sich schlichtweg auf die  Erfahrung von Stille und Ruhe tief im Inneren, einem „Ort“ der Ruhe in einfacher weiter Offenheit, ohne Energie oder Aktivität. Daher empfehle ich Yogis, deren Schwerpunkt auf Meditation liegt, eher das tantrische Modell als das vedantische.


Dieses Diagramm des tantrischen Modells vom fünfschichtigen Selbst habe ich für mein Buch entworfen.

Entspricht ānanda-maya-kośa, die Glückseligkeits-Schicht (Bliss Body) des vedantischen Modells cit oder saṃvit (awareness, Gewahrsein), dem innersten Kern des tantrischen Modells? Man kann sicherlich so argumentieren, aber in der originalen Textpassage (s.u.), auf der das vedantische Modell beruht, wird Gewahrsein als integrales Element von Menschsein nicht einmal erwähnt, weder im Geist-Körper (mind-body), noch im Wahrnehmungs-Körper (perception-body) oder im Glückseligkeits-Körper (bliss-body). Auch denen die entgegenhalten, dass die vijñāna-maya-Schicht mit Bewusstsein (consciousness) gleichzusetzen sei, empfehle ich, die ursprüngliche Textpassage anzuschauen. Dort besteht diese Schicht aus Glauben, Wahrheit, Yoga, etc.. Wenn überhaupt, liegt ein frühes Konzept von buddhi nahenicht aber cit/samvit.

Im tantrischen Modell hingegen ist das Kern-Bewusstsein ausdrücklich formuliert und wird detailliert diskutiert. Diesem dynamischen Kern-Gewahrsein (im Gegensatz zur statischen, unbeweglichen Vorstellung von Bewusstsein im Vedānta) wohnen die fünf Kräfte inne (five powers) – beschrieben auf S. 101 von Tantra Illuminated, natürlich gehört auch ānanda dazu. In der vedantischen Vorstellung hingegen besitzt das Selbst die Kräfte von Willen, Wissen und Aktion nicht. Hier ist es absolut passiv, ein nicht aktiver Zeuge.

Die Pfeile in meinem o.a. Diagramm weisen auf die Dynamik des Gewahrseins hin, und darauf, dass jede Schicht die darüberliegenden durchdringt. In beiden, dem Tantra- und Vedānta-Modell durchdringen alle Körper / Layer / Schichten, die innen liegen und essentieller sind, die äußeren Schichten. Sucht man bei google nach entsprechenden Bildern der Koshas, so versagen sie meist in Bezug auf  diese Schlüssel-Lehre.

Das folgende Diagramm (durch Bildsuche gefunden) ist akkurater als das oben gezeigte Poster– zumindest was den Prozess der sukzessiven Verinnerlichung durch spirituelle Praxis anbelangt. Aber es ist immer noch unzulänglich in Bezug auf die Darstellung der Schlüssellehre, in der jede äußere Schicht durch die jeweils innenliegenden Schichten durchdrungen wird.


Nach diesem Kurzüberblick ist es an der Zeit, die Original-Passage aus den Upanishaden anzuschauen, die die vedantische Version der Lehre inspiriert hat. Hierbei ist zu beachten, dass das Original in Verbindung mit einer sehr alten vedischen Ritual-Kultur zu sehen ist, die vom reifen Vedanta tausend Jahre später komplett über Bord geworfen wurde. Daher ist anzunehmen, dass die Bedeutung dieser Passage im Sinne des Autors wahrscheinlich ziemlich weit von der späteren Interpretation im Vedānta abweicht. Dies gilt umso mehr für die Auslegung durch die heutige moderne Mischform des Vedānta (die tatsächlich von Tantra beeinflusst wurde).

Auszug aus den Taittirīya Upaniṣad’s, zweites Kapitel (brahma-vallī), ca. 500-400 v.Chr.:

„Jetzt, ein Mensch ist hier aus der Essenz von Nahrung gebildet. Dies hier ist sein Kopf; dies seine rechte Seite;  dies seine linke Seite; dies ist sein Rumpf; und dies der Grund auf dem er ruht.

Unterschiedlich von und in diesem Menschen liegend, geformt aus der Essenz von Nahrung ist das Selbst, bestehend aus dem Lebens-Atem (prāna), das diesen Menschen vollständig durchdringt/erfüllt/durchflutet.

Von diesem Selbst ist der Aus-Atem (prāna)  der Kopf; der Zwischen-Atem (vyāna) ist die rechte Seite; der Ein-Atem (apāna) ist die linke Seite; das Raum-Element (space) ist der Torso/Kern; und das Erd-Element ist der Grund auf dem es ruht.

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Atem, ist das Selbst bestehend aus Geist (mind), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. Von diesem Selbst ist der Kopf schlicht die Yajus Mantras; die rechte Seite sind die Ṛg Mantras; die linke Seite sind die Saman Chants; die Lehren (upadeśa) sind der Torso/Kern, und der Grund auf dem es ruht sind die Atharva-Āngiras.

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Geist (mind), ist das Selbst bestehend aus Wahrnehmung/Weisheit (vijñāna), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. Von diesem Selbst ist Glauben der Kopf; Wahrheit die rechte Seite; das Wirkliche die linke Seite; Yoga (wörtlich: effektive Methode) ist der Torso, und Feier (celebration) ist der Grund auf dem es ruht. 

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Wahrnehmung (perception) ist das Selbst, bestehend aus Glückseligkeit (bliss), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. 

Von diesem Selbst ist der Kopf einfach Freude/Wohlgefallen (pleasure), die rechte Seite ist Entzücken (delight), die linke Seite ist Spannung/Begeisterung (thrill), der Rumpf ist Glückseligkeit (bliss); und der Grund auf dem es ruht ist Brahman.“

Basierend auf einer Übersetzung von Patrick Olivelle, bzw. leicht modifiziert von Hareesh Wallis, aus dem Englischen


© Christopher D. Wallis (Hareesh), englisches Original: 23.11.2015 bzw. Überarbeitung 2016, siehe www.hareesh.org

deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Hareesh, Christopher Wallis (Link); Übersetzung: Brigitte Heinz; Lektorat: Marion Inderst, Daniela M.

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