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Nicole Konrad

19. November 2020

Hallo lieber Besucher,

die Yogaschule Openlotus gibt es leider nicht mehr. Aber Nicole Konrad unterrichtet weiter! Besuch doch mal ihre Webseite:

nicolekonrad.de

Auch diese Blog-Beiträge werden in Kürze auf die neue Seite umziehen.

 

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Die Philosophie des Tantra – Grundlage des heutigen Hathayoga

15. Juni 2020

Einführung in die Philosophie des Tantra

„Yoga ist das Erfassen, dass Śiva und das Selbst nicht voneinander unterschiedlich sind.” – Śāradā-tilaka 25.2

Die Essenz des Tantra steckt in diesem einen Satz: Das Absolute/das Eine und das Selbst sind nicht voneinander getrennt oder unterschiedlich. Es gibt nichts, was außerhalb des Einen/der Schöpfung steht, nichts, was in seiner Essenz höherwertiger oder besser ist, da alles, was ist, Teil des Einen ist. Dies liest sich so leicht und scheint einfach verständlich zu sein, jedoch ist die Bedeutung dieser Philosophie weitreichender als es zunächst scheint.

Da diese tantrische Philosophie, die ungefähr in der Zeit um 500 n. Chr. entstanden ist und ihre Blüte vom 9.-13. Jahrhundert hatte, Grundlage des modernen Hatha-Yoga ist, lohnt es sich, diese näher zu ergründen.

TATTVA CHART

(Darstellung als jpg siehe ganz unten)

PARAMSHIVA: Shiva und  Shakti in perfekter Einheit
1. Shiva und 2. Shakti
3. Sadashiva: Iccha
4. Isvara: Jnana
5. Shuddhavidya: Kriya
6. Maya (ab hier beginnt reale Ausdifferenzierung)

Die sogenannten Tattvas (Gegebenheiten bzw. Prinzipien der Realität) beschreiben aus der Sicht des Tantra, wie Schöpfung  entsteht. Von der höchsten, absoluten Ebene bis hin zur spezifischen Manifestation. Es erklärt dabei oftmals auftauchende Fragen des Menschen: Warum bin ich hier? Was ist der Sinn des Lebens? und Wie stehe ich zur höchsten Ebene/Gott?

Die höchste Ebene wird im Tantra Param Shiva genannt.

Param Shiva ist alles: jegliche Form der Energie, physische Kraft, Manifestation, Raum, Bewusstsein, Leben und Tod. Der einzige Begriff, der annähernd umfasst, was gemeint ist, ist Schöpfung. Schöpfung in all seinen Ausformungen, hier auf unserer Erde, alle Galaxien die es gibt, dichteste Materie wie schwarze Löcher ebenso wie auch die Unbegrenztheit des Alls, es ist das Kleine wie das Große, die gesamte Milchstraße als auch ich Selbst. Es ist unbegrenzt und hat doch Form, es ist unendlich, manifestiert sich aber dennoch immer wieder neu und erfährt dadurch Endlichkeit – es ist – wie bereits schon gesagt ALLES.
Ähnlich wie die Wissenschaft davon ausgeht, dass sich das gesamte Universum aus dem Urknall entwickelt hat, geht man von einer Art Ur-Energie aus, aus der alles geschaffen ist. Dabei muss das Eine nicht manifeste Form haben. Der Begriff Param Shiva umfasst auch Bewusstsein, pures Sein, ohne bestimmte Form.
Man kann viele Begriffe für Param Shiva finden: das Göttliche, Hrdaya (das Herz alles Seins), Atman, Potenzial, Totalität, das Ewige, das Namenlose, …
Im Kontext des Tantra ist der Begriff Gott keiner Religion zugeordnet. Abhinava Gupta, einer der maßgeblichen tantrischen Lehrer, beschreibt das Eine wie folgt:

In actuality it is only the unbounded Light of Consciousness, reposing in innate bliss, endowed with the powers of Will, Knowledge and Action that we call God. (s.S. 60 Tantra Illuminated von Hareesh, Christopher Wallis)

Übersetzt bedeutet das in etwa: »In Wahrheit gibt es nichts als das freie, ungebundene Licht des Bewusstseins, ruhend in seiner eigenen innewohnenden Glückseligkeit; ihm zueigen sind die Kräfte von Willen, Wissen und Handeln: Das nennen wir Gott.«

Es fällt immer schwer, sich das Eine vorzustellen. Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne, es ist hell ODER dunkel, es ist heiß ODER kalt, es ist klein ODER groß, man ist lebendig ODER tot. Es scheint ein entweder – oder zu sein.
Doch verlangt das Verstehen von Paramshiva, dass alles was ist, zur gleichen Zeit ist und nebeneinander existiert. Ähnlich wie bei Feuer immer Wärme und zugleich Licht vorhanden ist, gibt es das eine nie ohne das andere.
Zum Leben gehört der Tod, wenn es hell gibt, muss es dunkel geben und alle Stadien dazwischen. Die vermeintlichen Gegensätze sind vielmehr das jeweilige Ende des für uns wahrnehmbaren Spektrums. So ist es leise oder laut, und auch alles dazwischen, aber tatsächlich gibt es nach leise auch noch Frequenzen die vorhanden sind, nur eben für das menschliche Gehör nicht wahrnehmbar.

Das Eine zu beschreiben ist schier unmöglich, man kann nur seine vielen Ausdrucksformen benennen, bleibt dabei aber immer zwangsläufig unvollständig. Denn es ist immer auch das Gegenteil dessen, was man gerade sagt und alles dazwischen.
Der „normale“ menschliche Geist begreift Begriffe wie Unendlichkeit oder Absolutheit nicht.
Versuchen wir es mit der Unendlichkeit! Stelle dir bitte jetzt die Unendlichkeit vor.

Und, klappt das? Oder taucht nicht sofort die Frage auf, was hinter dem letzten Stern ist.
Die Ratio versteht, dass diese Frage sinnlos ist, kann aber dennoch nicht erfassen, was Worte wie Unendlichkeit bedeuten.

Da dies so ziemlich das Problem eines jeden ist, erläutert die Philosophie des Tantra Param Shiva weiter.
Jedoch taucht hier direkt eine Schwierigkeit auf. Sobald man anfängt, das Eine zu beschreiben, begrenzt man es in seinem Bedeutungsspektrum. Man beginnt etwas, das nicht teilbar ist, zu definieren und beraubt es somit seiner Ganzheit.

Ganz wichtig zu verstehen ist, dass die Gliederungen und Beschreibungen, die nun nachfolgen, nur dazu da sind, das Wesen des Einen verständlich zu machen. In Wirklichkeit bleibt das Eine immer das Eine, ist unteilbar und nicht zu schmälern.

Die nächste Ebene wird Shiva und Shakti genannt.

Shiva steht für den Nullpunkt, es ist transzendent, formlos, still, bewusst und ist die Basis allen Seins – Bewusstsein.
Shakti repräsentiert Dynamik, Aktivität und Lebendigkeit, Schöpfungskraft und Energie – und auch Materie.

Shiva und Shakti sind nicht getrennt, sie zusammen machen das Eine aus. Keines von beiden ist höherwertiger oder wichtiger.

SHIVA SHAKTI
pures Sein, Bewusstsein, schafft den Raum, damit sich Dinge entfalten können, Stille, nicht manifest, formlos, beständig, ewiglich, Gewahrsein, omnipräsent, … Kraft, Potenzial, Energie, Form, Materie, Erscheinung, manifest und definiert, dynamisch, Veränderung, Umwandlung, Transformation, …

Das „Problem“ an Shiva ist, dass er alleine nicht weiß, dass er die Kraft hat zu schaffen. Es gibt mehrere Darstellungsformen Shivas, oftmals sieht man ihn meditierend und mit geschlossenen Augen in tiefer Versenkung dargestellt. Die Symbolik ist hier, dass er im Gewahrsein ruht, er pures Sein erfährt, Zeit und Raum sich auflösen und Stille herrscht.
Shakti wird oftmals tanzend dargestellt, in Bewegung, Vibration schaffend, Ausdruck formend, ekstatisch und wild, kraftvoll und voller Potenzial.

Shiva alleine ist nicht „lebendig“, er braucht die Manifestationskraft Shaktis, um zu schaffen und sich zu erfahren.

Shakti alleine kann nichts schaffen, sie braucht Shiva, der den Raum schafft, in dem Schöpfung entstehen kann.

Die Einteilung von männlich/er und weiblich/sie ist ein Konstrukt unserer Sprache – ursprünglich gab es keine geschlechtliche Zuweisung.

Die Philosophie des Tantra besagt, dass alles was ist, im Kleinen wie im Großen zu erfahren ist. Was für die göttliche/absolute Ebene gilt, gilt auch für uns selbst. Wir selber können zum Beispiel durch Meditation stilles Gewahrsein und unser ganzes Selbst erfahren, aber auch Shakti ausdrücken, in dem wir unserer Kreativität Ausdruck verleihen und Dinge in unserem Leben „erschaffen“.

 

Die nächste Ebene erklärt, wie das Eine beginnt, sich auszuformen und sich entscheidet, eine bestimmte Form anzunehmen.
Wie in der Abbildung gezeigt wird, heißen die nun folgenden Ebenen: Sadashiva, Ishvara und Shuddha-Vidya.

 

Sadashiva (3)
Iccha – Willenskraft

Ich bin Das. Aham idam.

Diese Ebene beschreibt den Willen des Einen, sich auszudrücken und sich somit selber zu erfahren. Es ist das Erwachen zu dem Wissen der eigenen Natur und dem Wissen um das Potenzial derselben.
Das Mantra Aham idam will sagen, dass das Eine erst mal selber begreifen muss, dass es ist und was es alles erschaffen könnte.

Ahma idam: Es gibt ein ICH/SEIN, und das ich ist ALLES: DAS.
Dies alles ist sehr abstrakt und es scheint fraglich, was dies mit einem selbst zu tun hat. Gilt „wie im Kleinen so im Großen“, so muss diese Idee auch bei uns selbst anwendbar sein.

Stellen wir uns vor, dass wir in unserem Alltagstrott hängen und unsere Routinen erledigen. Der erste Schritt zur Veränderung ist das Erkennen, dass es die Möglichkeit der Veränderung gibt. Damit ich etwas ändern kann, muss mir erst einmal in den Sinn kommen, dass es möglich wäre und andere Optionen bestehen.
Das scheint auf den ersten Blick fast absurd. Doch gibt es immer wieder Momente in unserem Leben, die wir einfach immer wiederholen, da wir nicht in Betracht ziehen, dass es auch anders sein könnte. Es ist erforderlich, zum Potenzial des Selbst zu erwachen, Optionen und Möglichkeiten zu begreifen, erst dann wird Handeln möglich.
Vielleicht fällt mir ein, dass ich in den Urlaub fahren könnte, da ich spüre, eine Pause zu brauchen. Erst wenn mir in Sinn gekommen ist, dass dies eine – von vielen – Handlungsoption ist, kann sie Gestalt annehmen.
Das Erwachen und Erkennen des eigenen Sein und das Begreifen des immanenten Potenzials ist der erste Schritt auf dem Weg der Manifestation.
Um das Beispiel weiter zu erläutern, wäre die nächste sinnvolle Frage, die sich stellt, WOHIN ich in den Urlaub fahren will. Und genau diese Ebene ist Nummer 4, Ishvara.

 

Ishvara (4)
Jnana – Wissen

Ich bin Das, Das bin ich. Aham idam idam aham.

Diese Ebene beschreibt das Verstehen der innewohnenden Kraft/Potenzials.
Auf absoluter Ebene, beschreibt es, dass das Eine erfasst, dass es alles sein könnte, es begreift, dass jegliche Form der Manifestation möglich wäre, dass es ein Stein oder ein Tier werden kann, Raum und Zeit schaffen kann und auch Energie eine Ausdrucksform wäre als auch jede andere Option.
Der Satz: Ich bin Das, Das bin ich. Aham idam idam aham, will genau das sagen. Ich kann dies oder jenes sein, aber ich bleibe DAS EINE. Sowohl in dieser möglichen Gestalt als auch in der anderen bleibe und erkenne ich MICH.

Bei unserem Beispiel des Urlaubs sind als Reiseziele alle Destinationen auf unserer Erde und nunmehr auch der Mond als Ziel denkbar.
Der nächste Schritt nach dem Erwachen zu dem Wissen, DASS man handeln/schaffen kann (Nr.3) ist nun die Frage, WIE oder WAS genau (Nr. 4).
Wahrscheinlich beginnt man damit, sich über die möglichen Reiseziele zu informieren. Man wird sich selbst fragen, was will ich eigentlich? Will ich ans Meer oder in die Berge, Ruhe haben oder einen Abenteuer-Urlaub machen. Wir werden Erkundigungen einholen und Wissen schaffen, das uns befähigt, eine bestimmte Entscheidung zu treffen.
Das Treffen der Entscheidung, ist der nächste Schritt: Shuddhavidya.

 

Shuddhavidya (5)
Kriya – Kraft der Definition/Handlung

Ich bin das. Idam evaham.

Auf dieser Ebene entscheidet sich das Eine für eine bestimmte Form. Aus allen möglichen Optionen trifft es eine konkrete Auswahl.
Es ist wichtig zu verstehen, dass hier bislang nur „im Geist“ eine Entscheidung getroffen wurde, jedoch die Umsetzung noch nicht erfolgt ist (dies geschieht im nächsten Schritt: Nr. 6). Bis jetzt befindet sich das Eine noch immer in Ganzheit.

Es hat jedoch Verständnisebenen durchlaufen: Das Erkennen des Selbst (Nr. 3), das Begreifen der vielen Optionen (Nr. 4) und die konkrete Auswahl (Nr. 5).

Das Mantra Ich bin das – idam evaham will ausdrücken, dass das Eine seine Ganzheit bewahrt, auch wenn es eine bestimmtes etwas wird. Selbst wenn es nicht mehr das absolute DAS ist, bleibt seine Ganzheit auch dann, wenn es ein konkretes „das“ wird.
Die erste Manifestationsebene ist Schwingung/Vibration und Klang. Ähnlich wie in der Bibel im Johannesevangelium postuliert wird („Im Anfang war das Wort und das Wort war Gott“), geht auch Tantra davon aus, dass sich Schöpfung auf der ersten Manifestationsebene durch Klang ausdrückt, eine bestimmte Frequenz einnimmt, und obwohl es eine BESTIMMTE Frequenz/Ausdruck einnimmt, nichts von seiner Ganzheit verliert.

In unserem Beispiel würde das bedeuten, dass wir uns für ein konkretes Reiseziel entscheiden.
Das Buchen der Tickets und auch das Packen der Koffer, also die reale Umsetzung, ist dann jedoch schon die nächste Ebene Nr. 6, Maya.

 

Maya (6)
Manifestation

Die nächste Ebene Maya  lässt Schöpfung nunmehr echte Form annehmen, es geht los, man könnte auch sagen, es ist der Moment des Urknalls. Potenzial und Kraft fangen damit an, sich zu gestalten und sich selbst durch den vielfältigen Ausdruck zu erfahren.

Vielleicht kennst du den Ausdruck MAYA aus anderen Traditionen in der Übersetzung: Illusion oder Schleier. Nicht so im Tantra!

Im Tantra versteht man Maya keineswegs als etwas Schlechtes oder Unvollkommenes. Es beschreibt den Wunsch des Einen sich zu manifestieren. Es ist die Kraft der Unterscheidung, so dass das Vollkommende in Form erscheinen kann. Freiwillig und vollkommen bewusst wählt das Eine eine bestimmte Form. Freiwillig und in vollkommender Klarheit der Folgen gibt es andere Qualitäten dafür auf. Anders ist Manifestation nicht möglich.
Eine Form anzunehmen bedarf der Schaffung von Raum und Zeit und auch das Aufgeben von Allgegenwart und Omnipräsenz. Ohne die Begrenzung und Reduzierung auf etwas Bestimmtes kann es sich nicht ausgestalten und somit auch nicht in dieser konkreten Erscheinungsform erfahren.
Nehmen wir das Beispiel von Gold. Man kann daraus Ohrringe, Ringe, Ketten, Goldbaren und sonstige Dinge herstellen. Doch egal welche konkrete Form es annimmt, die Essenz bleibt weiterhin Gold, es erscheint nur unterschiedlich und erhält verschiedene Namen.
Im spirituellen Kontext besteht hier die Aufgabe, zu erkennen, dass die Essenz von allem die göttliche, absolute Energie ist, die in unterschiedlicher Form um uns ist. Es gibt nur das Eine. Es ist unterschiedlich und doch gleich.
Die große Herausforderung ist, Einheit in Unterschiedlichkeit zu erfassen.

Gehen wir zurück zu dem Beispiel mit dem Urlaub. Vielleicht haben wir und dazu entschieden in ein warmes Land zu fahren. Kaum sind wir da, ist es heiß, die Kleidung klebt an einem und irgendwie ist alles anstrengend. Da mag der Gedanke aufkommen, was man hier eigentlich macht und warum man nicht in den Norden gefahren ist. Man „vergisst“, dass man sich dafür entschieden hat, dass das jetzt Erfahrene Konsequenz der Entscheidung ist, hier hin zu kommen.

Genau auf dieser Ebene fangen die Probleme an – das Gefühl der Unvollständigkeit des Selbst entsteht, die Überzeugung, dass es außerhalb von uns etwas gibt, das wir brauchen, um uns ganz zu fühlen. Oder dass an uns etwas ist, was wir erst los werden müssen, um ganz zu werden. Wir vergessen, dass wir bereits sind, immer waren, nicht erhöht und nicht vermindert werden können. Wir vergessen unsere wahre Natur des Seins, da es uns nicht gelingt, in der Form des Ringes das Gold zu sehen.
Wir sehen in der Unterschiedlichkeit nicht die Vielfalt der Schöpfung sondern vermeintlich die Dinge, die fehlen, um ganz zu sein.

Entscheidet man sich für ein bestimmte Sache, entscheidet man sich zwangsläufig gegen alle anderen Optionen.
Die Philosophie des Tantra besagt, dass sich Schöpfung freiwillig begrenzt, um sich zu erfahren und auch Freude daran hat, sich in seinen vielen Ausdrucksformen zu erleben. Nur durch konkrete Manifestation ist die Vielfalt der daraus resultierenden Eindrücke möglich. Das Eine ist immer da, es bleibt allgegenwärtig, es hat nur viele konkrete Gesichter bekommen.
Begrenzung wird nicht als Strafe empfunden, sondern als Notwendigkeit.

Malas – „Schmutz“ auf unserem Spiegel der Selbstbetrachtung

Das Vergessen oder auch das Nichterkennen des Einen in Allem, also auch die Überzeugung, dass mit uns selbst etwas grundlegend nicht in Ordnung ist nennt man im Yoga Mala. Das grundlegende Mala heißt ANAVA MALA:  Die tief in uns, auch in unserem Unterbewusstsein verankerte Überzeugung, unvollständig, unvollkommen, unwürdig oder bedeutungslos zu sein, dass etwas Wichtiges fehle oder etwas an uns falsch sei.

Das Gefühl der Unvollkommenheit weist in seinem Kern auf die Wurzel des Übels hin. Es lässt uns nach dem suchen, was uns vermeintlich vollkommen macht. Zumeist glauben wir der Vollkommenheit mit einem „mehr“ von etwas begegnen zu können: mehr Geld, Macht, Einfluss, Berühmtheit, einem schöneren Körper oder sonstigen Dingen. Doch helfen diese Dinge nie, die Leere des spirituell Suchenden zu füllen.
Ein Bespiel. Ist es nicht so, dass wir manchmal in der Umkleide stehen, und glauben, dass wenn ich nur, sagen wir es sei eine Jacke, diese besitzen würde, ich schöner wäre, ich mich besser fühlen würde und glücklicher sei. Dann kaufen wir sie und auf dem Nachhauseweg wird aus der verheißungsvollen, vermeintlich magischen Jacke auf einmal eine ganz normale Jacke. Es dauert nicht lange und aus dem Spiegel blickt mich wieder mein Ich an, nur mit anderer Jacke dekoriert. Vollständiger, liebenswerter oder wertiger bin ich durch das Kleidungsstück nicht geworden.
Irgendwann entpuppen sich diese Erfahrungen als nicht von Dauer, ganz offensichtlich heilen sie das Gefühl der Unvollkommenheit nicht.
Es muss also etwas anderes geben, dass in der Lage ist, Ganzheit zu schaffen. Und wie finden wir das heraus?
Wir können uns beobachten, in unseren alltäglichen Handlungen und Situationen, und wir können unserem Geist zuhören.
Denkt der Geist: Wenn ich das habe/schaffe/überwinde, dann werde ich glücklicher/zufrieden sein? Das wäre der Moment inne zu halten und zu ergründen, was mein hinter diesem Denken liegender Glaubenssatz ist und welchem vermeintlichen Mangel ich Glauben schenke. Wenn ich die Wurzel des Problems finde, dann kann ich damit arbeiten und daran etwas ändern, statt immer nur oberflächlich und kurzfristig nach Erleichterung zu suchen. Die Antwort liegt im Inneren, im Verändern der Wahrnehmung und in der Veränderung des eigenen Bewusstseins.

Tantra postuliert wie beschrieben, dass das Grundübel Anava Mala ist, also die Überzeugung zu haben, unvollkommen zu sein. Unvollkommen, da wir eingeschränkt und begrenzt sind und eben vermeintlich getrennt von der Einheit.
Der Praxisweg des Tantra ist, zu erkennen, dass die ganze Zeit pures Sein um uns ist, wir selbst pures Sein sind, wir uns unserer wahren Natur erinnern und  die Heiligkeit des Seins in allem, auch in uns, sehen.
Wir im Grunde wie Fische im Wasser der Schöpfung sind, aber nicht wahrnehmen, dass Wasser um uns ist.
Es gibt diese schöne Geschichte von Zwillingen im Bauch der Mutter. Der eine Zwilling sagt: Du, es soll ja sowas wie eine Mutter geben. Jemand, der immer da ist und sich um einen sorgt.
Sagt der andere Zwilling: Ja, das hat man mir auch erzählt, aber offenbar stimmt das nicht, ich sehe niemanden.

Leben wird zu einem Akt des Erfahrens – egal wohin ich meinen Blick wende, ich sehe nur das Göttliche und ich akzeptiere und ehre auch das Göttliche in allem und in mir. Alles ist heilig, alles IST, alles hat seinen Platz.

! Gängiges Missverständnis in Bezug auf Tantra!
Nur weil alles in seiner Essenz gut ist, ist nicht jede Tat gut.

Wenn wir uns umsehen oder die Nachrichten anschauen, dann überfluten uns Berichte von den schlimmsten Grausamkeiten überall auf der ganzen Welt. Nein, es ist nicht alles gut, Ja, es gibt unendlich viel Leid und auch Tantra sieht „schlechte“ Taten. Doch wie entstehen schlechte Taten.

Je weniger wir uns nicht geliebt, nicht gesehen und weniger wert fühlen umso mehr haben wir das Bedürfnis, dies auszugleichen.
Jemanden zu beleidigen oder zu erniedrigen gibt dem Handelnden für einen Moment das Gefühl besser, wertiger und mächtiger zu sein.
Statussymbole sollen den Zweck erfüllen, sich selbst wertig zu fühlen und vielleicht auch, von anderen bewundert und anerkannt zu werden.
Das Gefühl des Minder-Wertes kann auch zur Folge haben, dass man die Schlussfolgerung zieht, dass in einem etwas wirklich schlecht ist und bekämpft werden muss. Selbst-Erniedrigung und Selbsthass können die Folge sein.
Wir alle haben den „Virus“ des Gefühls der Unvollständigkeit. Nur das Maß der Erkrankung unterscheidet uns. Je stärker die „Erkrankung“ umso mehr wird unser Handeln trennend und verletzend, auch selbstverletzend sein.
Je besseres uns gelingt, das Eine in allem zu erkennen, umso ehrender und wohlwollender wird unser Handeln sein.
Gibt es nur das Eine, dann erkenne ich das Eine in mir und ehre mich, wie auch jede andere Manifestationsform. Mich oder jemanden anderen zu verletzen würde bedeuten, dass ich das Eine und somit auch mich selbst verletze.

Bin ich im Zustand der Liebe und Einheit, kann ich nicht verletzen. Das letzte was man wollen würde, wäre Schaden zu erschaffen. Schlechtes Handeln entsteht also durch das Vergessen, dass alles Eins ist. Je stärker ich mit dem Einen in Verbindung bin, umso mehr werde ich es in all seiner Manifestation erkennen und ehren.

Nicole Konrad


Tattva-Chart wie es bei Anusara®yoga gelehrt wird (s. Immersion Handbuch S. 19) (s. auch Tantra Illuminated von Christopher Wallis, S. 124 ff.)

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Götter-Yoga

20. April 2020

Götter im Yoga: eine tantrische Praxis

Heutzutage trifft man in den meisten Yogastudios ein Bild oder eine Figur von Ganesha oder Shiva Nataraja an, beide erlangten in der tantrischen Periode an Bedeutung. Die Bildhaftigkeit und Lehren des klassischen Tantra sind voller Göttergestalten. Aber was ist eigentlich eine Gottheit?

(deutsche Übersetzung eines englischen Textes von Christopher Hareesh Wallis)

Das Götter-Yoga ist einer der am wenigsten verstandenen Aspekte des tantrischen Yoga. Der Begriff ,Götter-Yoga‘ bezieht sich auf die grundlegende tantrische Praxis, Aspekte des Einen göttlichen Bewusstseins anzurufen und sich mit ihnen zu identifizieren. Mit anderen Worten, die einzig existierende, alleinige, Eine Energie, drückt sich als unzählige unterschiedliche Formen von ,Schwingungen‘ oder ,Schwingungsmustern‘ aus – einige davon sind sehr kurzlebig, andere wiederum bestehen ewig (oder dauern eben so lange an, wie dieses Universum). Diese ,ewigen‘ Schwingungen sind wesentliche Bestandteile des Musters, welches allem zugrunde liegt. Sie halten so lange an, wie das Muster existiert. Einige dieser ewigen Schwingungen bewusster Energie nennen wir ,Gottheiten‘. Das Wort deva in Sanskrit (oder die weibliche Form devī) stammt von der Sanskrit-Wurzel √ div und bedeutet sowohl ,Glanz‘ als auch ,Spiel‘. Also sind Devas die glänzenden, leuchtenden Spielenden – verspielt in dem Sinne, dass sie sozusagen ,mit uns spielen wollen‘!

Manche Leute fragen: Sind denn die Götter real? Und ich sage: In welchem Sinne real? Die Gottheiten sind insofern real, als dass sie strukturelle Formen des Bewusstseins sind, die in uns existieren (als ein Aspekt unserer Wesensnatur), und auch als energetische Muster im weiter gefassten Universum (in dem jeder Einzelne ein Mikrokosmos ist). Daher sind diese Formen weder auf ,Götter‘ (göttliche Personen) noch auf ,Archetypen‘ (Aspekte unserer Psyche) reduzierbar, obwohl sie in gewissem Sinne beides sind (und mehr). Sie sind insofern Archetypen, als dass sie Paradigmen oder Muster innerhalb des kollektiven Unbewussten sind (gemäß C.G. Jung); und sie sind göttliche Personen in dem Sinne, dass du einer Gottheit ,begegnen’ kannst, in der du gleichzeitig die Gegenwart eines göttlichen ,Anderen‘ spürst, und doch erkennst, dass dieses ,Andere’ nicht von dir getrennt ist. (Apropos, ich nutze hier jede Menge Anführungszeichen um darauf hinzuweisen, dass Wörter nur sehr grob solche Erfahrungen beschreiben bzw. sich an das annähern können, was notwendigerweise jede mentale oder verbale Darstellung überschreitet, die wir daraus erschaffen können.)

Bekommst Du ,Besuch‘ einer solchen Gottheit, fühlt es sich ,anders und fremd‘ an weil du noch nicht dein gesamtes Sein realisiert hast, welches alle Formen einschließt, die das Eine Bewusstsein annehmen kann.

Die Tantrische Tradition lehrt, dass jede Gottheit eine ,Essenz-Natur‘ (svabhāva) hat, die ,Körper‘ (mūrtis) bewohnen kann, die dann als Repräsentationen davon dienen. Die meisten Gottheiten haben drei ,Körper‘: den Klangkörper (mantra), ein geometrisches Muster (yantra oder maṇḍala) und eine anthropomorphe Darstellung (als Skulptur, Bild oder Vision). Ein gegebener Körper, wie z.B. die Statue einer Gottheit, wird als ,tot‘ (jaḍa) betrachtet, es sei denn, die Energie der Gottheit wird in diese Statue verankert (dies wird prāṇa-pratiṣṭhā genannt). Das geschieht in der Regel mittels Mantras, die in einem Raum achtsamen und hingebungsvollen Bewusstseins ausgesprochen werden; dann wird die mūrti der Gottheit als ,lebendig‘ oder ,bewusst‘ (chaitanya) bezeichnet.

Dies ist einer der Gründe, warum die Briten in der Kolonialzeit (Baptisten und Muslime bis heute) Inder zu Unrecht als ,Götzendiener‘ bezeichneten. Wird nämlich Prāṇa (Lebenskraft) von einer Statue entfernt und vorübergehend in ein Gefäß übertragen (wie z.B. ein Wassergefäß oder ein Kräutertopf), dann wird die Statue kurzerhand entsorgt und das Gefäß als Gottheit behandelt! … bis die Energie in eine neue Statue oder ein anderes Substrat eingebaut werden kann. Ein Götzendiener zu sein bedeutet das Gegenteil, nämlich ein Symbol mit seiner Referenz zu verwechseln. Hier wird die Energie selbst verehrt, nicht ihr Gefäß oder ihre Darstellung.

Bhavatārinī Kālī (auf Śiva stehend), in Dakshineshwar. Eine von vielen Darstellungen von Kālī, der prototypischen tantrischen Göttin, aber nur diese bengalische Version wird heutzutage verehrt.

Was die eigentliche Tantrische Praxis von der von ihr beeinflussten Tempelkultur unterscheidet, ist, dass Tantrikas es eher vorziehen, die Energie einer Gottheit anhand eines visualisierten anstatt eines physischen Trägers anzurufen. Diese Praxis beinhaltet notwendigerweise, sich selbst als Ausdruck der Gottheit zu ehren, denn gemäß der Tantrischen Maxime „kann nur Gott selbst Gott anbeten“ (śivībhūtvaiva śivaṃ yajet). Nachdem die Energie der Gottheit anhand der Visualisierung angerufen wurde (Tantrische Buddhisten beschreiben dies als Beschwörung des jñāna-sattva, ,Weisheitswesen‘ in den samaya-sattva oder ,symbolisches Wesen‘), ehrt der Praktizierende die Kraft/Energie der Gottheit, während er sich bemüht, die Gottheit als Abbild seines eigenen Wesens zu sehen, als eine Art Spiegelung eines Aspekts seines wahren Seins.

Auch das Mantra einer Gottheit kann ,leblos‘ oder ,lebendig/bewusst‘  sein. Ein lebloses Mantra kann allerdings nicht zur eigentlichen Frucht einer Mantra-Praxis führen, dem Mantra-Siddhi. Um sicherzustellen, dass ein Mantra ,lebt‘, ist der beste Weg, es von jemandem zu erhalten, für den dieses Mantra lebendig ist. Ein Lehrer, der über ein erwachtes Bewusstsein verfügt, überträgt ein Mantra welches mit diesem Bewusstsein erfüllt ist. Hier geht es nicht darum, ob ein bestimmter Lehrer ,erleuchtet‘ ist, denn auch jemand, der in dieses Mantra verliebt ist und damit tiefreichend gearbeitet hat, kann es in einem lebendigen Zustand weitergeben (so etwas geschieht manchmal bei kīrtans).

Bei der Ausübung von Götter-Yoga kann man zwischen ,erleuchteten Gottheiten‘ und allen anderen unterscheiden. Erleuchtete Gottheiten sind solche, die als Teil einer spirituellen Praxis angerufen werden, die auf Befreiung und erwachtes Bewusstsein abzielt (mokṣa und bodha). Dagegen werden andere Gottheiten für bestimmte begrenzte Ziele angerufen – wie z.B. Steigerung von finanziellem Überfluss, Partnersuche, Befriedung eines Feindes u.v.m..  Sādhana einer bestimmten Gottheit auszuüben bedeutet, diese Gottheit täglich mit Mantra, Yantra und Visualisierung anzurufen (drei von vier der Schlüsselelementen des Tantrischen Yoga, das vierte ist der Atem). Solch ein sādhana kann zu inneren und äußeren Veränderungen führen – du erhältst möglicherweise ,Anzeichen‘ dafür, dass du mit der Energie dieser Gottheit in Verbindung stehst, wie z. B. dass Elemente der Attribute dieser Gottheit wiederholt in deinem Leben auftauchen.

 

Parā Devī, Höchste Göttin der Trika Traditionslinie, ein Beispiel für eine ,erleuchtete Gottheit‘ in einem modernen Darstellungs-Stil.

# Tantrik Yoga, #deutsch

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung durch Christopher D. Wallis (Hareesh), Übersetzung: Brigitte Heinz, Lektorat: Daniela A.

Links zu den englischen Originaltexten:
https://hareesh.org/deityyoga

https://www.facebook.com/groups/tantrikyoganow

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Die tantrische Sichtweise

15. April 2020

„The View“, deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Christopher D. Wallis (Hareesh) aus seinem Buch Tantra Illuminated 


Die Weltanschauung bzw. tantrische Sichtweise

Alles was existiert – durch alle Zeiten und darüber hinaus – ist ein einziges unend­liches gött­liches Bewusstsein, frei und glückselig. Im Feld seines eigenen Gewahrseins projiziert es eine Vielzahl vermeintlich unterschiedlichster Subjekte und ­Objekte: Jedes Objekt ist die Verwirklichung eines zeitlosen Potenzials, welches dem Licht des Bewusstseins innewohnt. Und jedes Subjekt, also Du und ich, sind genau dasselbe, plus ein limitierter, komprimierter Ort des Selbst-Gewahrseins.

Diese Schöpfung, ein göttliches Schauspiel, ist das Ergebnis eines natürlichen Impulses innerhalb des Bewusstseins der die Gesamtheit seiner Selbst-Erkenntnis durch Handlung zum Ausdruck bringen will. Dieser Impuls entspringt der Liebe.

Aus freiem Willen erfährt sich das ungebundene Licht des Bewusstseins selbst in komprimierten, endlichen Verkörperungen von Gewahrsein.

Wenn sich diese begrenzten Subjekte mit den eingeschränkten und eng umrissenen Möglichkeiten ihrer Wahrnehmung und Umstände identifizieren – die diese Phase ihrer Existenz ausmachen – anstatt mit dem überindividuellen umfassenden Pulsieren reinen Gewahrseins, welches ihre wahre Natur ist, dann erleben sie das, was man ,Leid‘ nennt.

Um dieses in seine natürliche Ordnung zu bringen, fühlen manche den inneren Drang, den Pfad von spiritueller Weisheit und yogischer Praxis zu verfolgen. Dies geschieht mit der Absicht, die fehl­geleitete Identifizierung aufzulösen und in der Unmittelbarkeit des Gewahrseins zu enthüllen, dass die gött­lichen Kräfte des Bewusstseins: Glückseligkeit, Wille, Wissen und Handeln ebenso der Gesamtheit jeder individuellen Erfahrung zugrundeliegen, wie auch der universellen. Dadurch wird ein Wiedererkennen hervorgerufen, dass die eigene wahre Identität zugleich die der höchsten Göttlichkeit ist, das Ganze in jedem einzelnen Teil.

Diese erfahrungsbezogene Erkenntnis wird wiederholt und durch unterschiedliche Mittel verstärkt, bis sie der nicht-konzeptionelle Urgrund für jeden Moment der Erfahrung wird, und die Wahrnehmung des begrenzten Selbst und der Trennung vom Ganzen sich schließlich im gleißenden Strahl ­vollständiger Expansion in perfekte Vollkommenheit auflöst.

Dann umfasst die eigene Wahrnehmung vollständig die Realität eines Universums, welches in der Lebendigkeit seiner vollkommenen Göttlichkeit exstatisch tanzt.

Übersetzung: Brigitte Heinz, Lektorat: Daniela M.


Mehr zu Tantra und warum dieser Begriff so fehlinterpretiert wird findest du hier!

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Bronze-Skulptur einer sehr alten Frau

Ich bin nicht alt – ich bin selten

9. März 2020

Ich bin nicht alt … sagte sie
Ich bin selten.
Ich bin der stehende Applaus
Am Ende des Schauspiels.
Ich bin die Retrospektive
Meines Lebens als Kunst-werk
Ich bin die Stunden
Verbunden wie Punkte
Im besten Sinne bin ich
Die ganze Fülle der Existenz.
Du denkst ich warte auf den Tod …
Dabei warte ich darauf,
Entdeckt zu werden:
Ich bin ein Schatz.
Ich bin eine Landkarte.
Und diese Falten sind
Zeugen meiner Reise.
Du kannst mich alles fragen!
~ S. Reynolds (übersetzt von Brigitte Heinz)

 

I am not old … she said
I am rare.
I am the standing ovation
At the end of the play.
I am the retrospective
Of my life as art
I am the hours
Connected like dots
Into good sense
I am the fullness
Of existing.
You think I am waiting to die …
But I am waiting to be found
I am a treasure.
I am a map.
And these wrinkles are
Imprints of my journey
Ask me anything.
~ Samantha Reynolds


Alter wird in anderen Kulturen häufig anders bewertet als bei uns. Dies gilt vor allem auch für die Rolle von alten Frauen in der Gesellschaft. In einigen asiatischen Gesellschaften z.B. sind Frauen nach der Menopause oft das Oberhaupt von Familien.

Die Weisheit und die Geschichten vieler Kulturen wurden oft von Frauen gehegt und weitergegeben. Frauen waren heilkundig, sie kannten die Wirkung der ansässigen Kräuter und Pflanzen. Sie erzählten den Kindern die Mythen und Märchen ihres Volkes. Omas waren und sind oft das Rückgrat der Familie, Hüter der Kinder und Erziehung, zusätzlich zur Entlastung, oder anstelle von Eltern.

Das intuitive, weibliche, erdverbundene Wissen und Können war so gefürchtet, dass man sie in Europa im Mittelalter kollektiv ermordete – um Kirche und Patriarchat den Vorrang zu geben. Nach dem Motto „Was ich nicht dominieren kann, töte ich“ wurden entsetzlich viele Frauen entrechtet, gepeinigt und ermordet – und damit ging viel Wissen und Erfahrung verloren. Lt. Wikipedia wird insgesamt geschätzt, dass in Europa im Zuge der Hexenverfolgung drei Millionen Menschen der Prozess gemacht wurde, wobei 40.000 bis 60.000 Betroffene hingerichtet wurden.

Zitat: „Die Gesellschaft wird durch Millionen von Gesprächen gebildet. Wenn ein Mensch seine Geschichte erzählen kann, wird er Teil einer Gesellschaft. Wem man nicht zuhört, der existiert nicht.“ (Henning Mankell)

Diese gesamtgesellschaftliche Abwertung und Geringschätzung von Frauen wirkt in vielen Bereichen bis heute an. Und es sind nicht nur die Frauen, die darunter leiden. Die anerkannten und erwünschten Rollen-Vorgaben sind oft für Männer ebenso einschränkend, dogmatisch und belastend, wie für Frauen. Alle Aspekte von eher Yin-betonten Lebensbereichen sind betroffen, ob das die gegenseitige Wertschätzung und Fürsorge betrifft, oder auch die für die Erde, die uns alle trägt und nährt.

Leider vergessen wir Frauen oft einen ganz wichtigen und sehr erfreulichen Fakt. Zitat: Wenn die Vorzüge der Jugend schwinden, gewinnt die Kraft der inneren Ausstrahlung, diese wächst zunehmend.“ (Guru Rattana). Charisma bedeutet genau dies: Lebenserfahrung, Milde, Nachsicht, Geduld, Fülle, Weisheit. All dies lässt sich nur durch das Leben selbst erwerben, durch bewusste Wahrnehmung, durch Entscheidungen, was und wer mir wichtig ist, durch aktives Tun oder Unterlassen.

Daher ist die derzeitig in Köln häufig anzutreffende Plakat-Kampagne „Umarmt Omas“ eine ganz praktikable Idee – oder um es mit den Worten des Gedichtes zu sagen: Du kannst mich alles fragen!

Auszug aus meinem Thema der gestrigen Yogastunde, anlässlich des Weltfrauentags 2020 – Brigitte Heinz

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Alles geschieht zum Besten

17. Februar 2020

Was sind die „nahen Feinde der Wahrheit“? Ich (Christopher Hareesh Wallis) entleihe diesen Satz aus dem Buddhismus, um mich auf verzerrte Versionen spiritueller Lehren zu beziehen. Auf Aussagen, die wesentlichen und subtilen Wahrheiten ziemlich nahe kommen, aber dennoch knapp daneben liegen, was auf lange Sicht gesehen zu großen Unterschieden führt. Wenn wir von tiefgreifenden und grundlegenden Wahrheiten sprechen, so machen Äußerungen, die „ein bisschen falsch“ sind, kurzfristig betrachtet keinen großen Unterschied, wohl aber auf lange Sicht. So wie eine kleine Kursabweichung deines Bootes auf kurzen Strecken zunächst unerheblich ist, dich aber nach einigen tausend Meilen auf einen anderen Kontinent bringt.

Manche Menschen werden gegen das Wort „falsch“ im letzten Absatz Einspruch erheben. Diese Leute folgen der Idee, dass das einzig notwendige Kriterium für die Wahrheit darin besteht, dass es sich für einen selbst wahr anfühlt. Diese Sichtweise ist in Bezug auf Spiritualität ebenso gefährlich wie in Bezug auf Politik. Denn dahinter steht zumeist: Ich will, dass es wahr ist, also glaube ich es –  egal wie die Fakten sind. Wenn du nicht erkennst, wie brisant dieses Thema ist, oder wenn du zweifelst, ob es überhaupt Fakten oder universelle Wahrheiten gibt, lies bitte die zweite Hälfte des vorigen Blogbeitrags (nahe Feinde #1) und den unten angefügten Nachtrag.

Für jeden spirituellen Sucher ist es enorm wichtig zu erkennen, warum es sich um nahe Feinde handelt, und nicht um die Wahrheit selbst, wenn er/sie über den Status eines Anfängers hinauswachsen will, um tief in die (überaus erfüllende) spirituelle Arbeit einzutauchen. Ich möchte hier noch anfügen, dass ein wirklich „naher“ Feind für einen Anfänger ein Verbündeter auf Zeit sein mag. Aber auf einem höheren/tieferen Level spiritueller Praxis gibt es kein „nahe genug“ mehr. Wenn du deine bequemen und wohlgefälligen Selbstbeteuerungen nicht auf dem Altar der Wahrheit opferst, wird dein Fortschritt stagnieren. Nach dieser kurzen Einführung, lass uns auf den nächsten nahen Feind der Wahrheit schauen.


NAHER FEIND #2: Alles geschieht zum Besten

Im letzten Blogbeitrag (Naher Feind #1: Nichts geschieht ohne Grund) haben wir den Grundsatz „Alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund“ angesprochen. Zuweilen wird diese Behauptung verwendet im Sinne von: „Du wirst schon sehen, es wird etwas Gutes dabei herauskommen (z. B. aus diesem schmerzhaften oder herausfordernden Ereignis)“. Dies ist im Grunde genommen eine mildere Variante der heutigen Behauptung: „Alles was passiert, geschieht zum Besten“. Solch eine Prämisse klingt im 21. Jahrhundert ganz offenkundig absurd (angesichts der anhaltenden Unruhen und Kriege). Warum also bezeichne ich diese Behauptung als einen nahen Feind, der per definitionem der Wahrheit recht nahe ist?

Zu Beginn können wir diesen nahen Feind mit einem Lehrsatz aus einem tantrischen Text vergleichen, „nāśivaṃ vidyate kvacit“ (Svacchanda-tantra 4.314)  bedeutet beides: „Nichts existiert, dass nicht Gott ist“, und „Nichts existiert, dass nicht eine Segnung ist“. Der Begriff śiva steht sowohl als Eigenname für Gott, als auch wortwörtlich für „Segen“. Sanskrit unterscheidet nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung, daher sind beide Bedeutungen hier möglich. Allerdings muss man diese Aussage als verbales Kürzel verstehen. Auch wenn aus non-dualer Sichtweise alles Gott ist, bedeutet das ganz sicher nicht, dass wir auch jedes einzelne Ding/Ereignis (oder Gefühl oder Gedanken) als Gott wahrnehmen. Eine derartige (kontinuierliche) Wahrnehmung (der Realität) wäre das Resultat von enormer spiritueller Arbeit. Dasselbe gilt insofern  als – obwohl alles und jedes als Segen erlebt werden kann – wir dies ohne spirituelle Arbeit zumeist nicht als solches erleben können – vor allem, wenn es sich um leidvolle Ereignisse handelt.

Ich möchte es mal so darstellen: Alle Ereignisse enthalten das Potenzial für Segen; je intensiver, desto größer die potenzielle Energie. Was wir „schmerzhaft“ oder „herausfordernd“ nennen, könnte man eher bezeichnen als: „Ereignisse, die der Arbeit bedürfen, um ihre segen-bringende Energie zutage zu fördern.“ Stell dir vor, du wärest in der Lage, allen schmerzhaften und/oder herausfordernden Begebenheiten ganz authentisch auf diese Weise zu begegnen. Wenn wir all das, was uns begegnet, nicht als schlecht oder falsch oder unwillkommen wahrnehmen würden, sondern schlichtweg als etwas, das Arbeit erfordert, damit wir Segen daraus ziehen können – wäre dies nicht ein wahrhaftiger Paradigmenwechsel? Diese Formulierung ist sorgfältig gewählt: Es reicht in der Regel nicht, den Segen in einem leidvollen Moment nur zu sehen; denn so etwas ist oftmals lediglich ein konzeptioneller Überzug; wir müssen die innere Arbeit tun. Dann können wir den Segen einer schmerzlichen Situation ganz unmittelbar fühlen und klar sehen bzw. erkennen.

Trösten wir uns selbst, indem wir die Behauptung „Alles geschieht zum Besten“ einfach nur glauben, anstatt die anstehende Arbeit zu verrichten, mag das dazu führen, dass wir uns ein bisschen besser fühlen. Aber auf lange Sicht gesehen, kommt dieses „sich besser fühlen“ einem Hindernis auf dem spirituellen Weg gleich. Wir erfüllen unser wahre innere Arbeit weitaus mehr, wenn wir unseren Schmerz und unser Leid komplett fühlen, ohne Zuckerguss oder Ausweichstrategien.

Wie geht das? Das hängt von der jeweiligen Person und dem Ereignis ab, aber als allgemeine Richtlinie gilt: Zuallererst, nimm sämtliche Emotionen, die durch ein Ereignis hervorgerufen werden, vollständig wahr; schiebe nichts davon fort, weiche nichts aus. Strebe gleichzeitig danach, die damit assoziierten „Stories“ oder mentalen Konstrukte beiseite zu lassen. Geschichten, die als Erklärungsversuche dienen sollen, warum du diese Emotionen erlebst, und wer daran „schuld“ ist. Erlaube den Emotionen, dich zu überfluten, dich zu durchströmen wie ein reißender Strom aus Energie (oder durch dich zu tröpfeln wie ein Energieregen, oder durch dich zu sinken wie ein Stein der durch Morast sinkt, oder was auch immer unmittelbar und authentisch geschieht). Vertrau dich der emotionalen Energie an, ohne dich mit ihr zu identifizieren (ein Selbst daraus zu kreieren). Ist die Kraft des  Stromes versiegt (oder während der Strom fließt), spüre in das Zentrum, den Ruhepol, den inneren Kern deines Seins. Bitte die innere Weisheit, dir die immanente Segnung des Ereignisses zu offenbaren. Sei achtsam, spring nicht gleich auf den nächstliegenden tröstlichen Gedanken, der vielleicht wahr ist, vielleicht auch nicht. Fühle deinen Weg, sorgsam und ehrlich, natürlich und verletzlich. Lausche auf das, was deine innere Weisheit dir offenbart. Sei geduldig, so als würdest du auf das Erblühen einer wunderschönen Rose warten.

Woran erkennst du, dass deine Arbeit erfolgreich war? Wenn du eine ehrliche Dankbarkeit für das Ereignis empfindest. Du hast die segen-bringende Energie eines schlimmen Ereignisses extrahiert, wenn: a) der Schmerz ganz oder überwiegend verdaut/aufgelöst ist, und b) du so tiefe Dankbarkeit erfährst, dass dein Herz überströmt und Tränen deine Augen erfüllen.

„Alles geschieht zum Besten“ ist der nahe Feind zu folgender Wahrheit: „Alles kann zum Besten geschehen – sofern du bereit bist, deine Arbeit zu tun“. Einer meiner Lehrer sagte immer „Möge es ein Segen sein“. Er hatte verstanden, dass alles Mögliche eine Segnung sein kann – und das hängt allein von Dir ab. In diesem Sinne (und nur dann) hat diese Behauptung für eine ganz bestimmte Person, die diese Arbeit getan hat, Gültigkeit. Aber wir sollten dieses schwer zu erreichende Ideal nicht anstreben, ohne die dem zugrunde liegende Lehre zu berücksichtigen:

Alles kann zum Besten geschehen – also tu, was nötig ist, damit es zum Segen wird.

Zahlreiche Beispiele belegen dies. So hat z. B. Viktor Frankl seine Leidenszeit in einem Konzentrationslager als „Segen“ bezeichnet, denn durch diese Erfahrung hat für ihn der Wert des Lebens an sich enorm an Kraft, Bedeutung und Vollkommenheit gewonnen. Christopher Reeve, der einstige Film-Darsteller von Superman, war durch einen Unfall vom Hals an abwärts querschnittsgelähmt. Er bezeichnete dies als Segen, für den er außerordentlich dankbar war. Dieses und weitere Beispiele finden sich in Dan Gilberts herausragendem Buch „Stumbling On Happiness“ (deutsch: Ins Glück stolpern). Solche extremen Beispiele lassen den Gedanken aufkommen, „Wenn diese Leute weitaus schlimmere Umstände als meine eigenen als Segen bezeichnen, vielleicht gelingt mir das ebenso!“ Solche lebensbejahenden Zeugnisse können motivierend sein, auch wenn ihr Wahrheitsgehalt nicht immer nachvollziehbar ist. Es wäre unfair, nicht anzuerkennen, dass manche Menschen – trotz größter Anstrengung – schlichtweg nicht die emotionalen/spirituellen Ressourcen haben, um aus schwierigen Situationen einen Segen herauszuziehen. Und es wäre falsch, sie dafür herabzuwürdigen. Schließlich wählt niemand sein verfügbares Maß an emotional-spirituellen Mitteln selbst aus. Niemand behauptet, diese Arbeit sei leicht; es geht vielmehr um die Frage: Ist es den Aufwand in jedem Fall wert? Ich glaube, die Antwort darauf ist: Ja! Denn auch dann, wenn jemand seine Erfahrung nicht vollständig verdauen kann, führt alleine schon der Versuch zu einem wahrnehmbaren Nutzen.

Was wäre der Höhepunkt solcher Arbeit? Wie weit kann sie mich führen? Weiter als du dir vorstellen kannst. Ich kenne ein vollkommen erwachtes Wesen, das sich selbst als „einen ganz normalen Menschen, der seine Arbeit vollbracht hat“ bezeichnet, aber anonym bleiben möchte. Er hat einen Punkt erreicht, an dem er jegliche leidvolle Erfahrung mühelos als Segnung empfindet. Er hat ein dermaßen tiefgehendes Vertrauen in das Muster (der göttlichen Intelligenz), dass er sogar inmitten von Schmerz und Leid die segen-bringende Energie fühlt, lange bevor der spezifische Segen des jeweiligen Ereignisses sich offenbart. Er fühlt tiefe Dankbarkeit, auch wenn er leidet. Er erfährt Leid nicht mehr als schlecht oder falsch (obwohl es immer noch unangenehm ist), und ist in jeder Hinsicht dankbar für alles. Als einer der wenigen Menschen auf Erden kann er ehrlich sagen: „Alles ist zum Besten in dieser besten aller möglichen Welten“. Dieses Statement ist wahr ­– allerdings nur dann, wenn es aus eigener Erfahrung entspringt. Andernfalls ist es einfach nur eine Absurdität.

Während ich selbst noch weit von dieser Form des Erlebens entfernt bin, so habe ich doch großes Vertrauen in das Muster. Ein Vertrauen, dass nur selten durch herausfordernde oder schmerzliche Ereignisse erschüttert wird. Ich erwarte den Tag, an dem auch ich diesen vollkommen unerschütterlichen Zustand erlange, und ich weiß, dass dies möglich ist. Das tiefe Vertrauen in das Leben, das ich erfahre (wenn auch noch nicht zu 100 %), ist bereits die kostbarste Frucht meiner gesamten spirituellen Praxis. Der weitaus erfüllendste Part des Grundvertrauens in das Leben ist sicherlich die fühlbare Sinneswahrnehmung, dass jedes noch so leidvolle Ereignis bereits Segen in sich trägt – Dankbarkeit mit sich bringend, sogar bevor sein Segen offenbar wird.


Wichtiger Nachtrag: In dieser Diskussion spiele ich auf Zustände des Bewusstseins an, in denen jemand unmittelbar (nicht-konzeptionell) die Wahrheit erfährt. Wie nun unterscheidet sich dieser Mensch von dem, den ich zu Beginn des Beitrags, aufgrund seiner Ignoranz und seiner Anhaftung an das, was sich für sie/ihn richtig anfühlt, kritisiere? Es gibt wichtige Unterschiede, auf einem feinen und tiefgreifenden Level. Im letzteren Fall ist jemand emotional gebunden an das Gefühl, dass in ihm aufsteigt, wenn eine bestimmte Haltung geglaubt wird. Jemand mag sich auch dann mit seiner Ansicht wohl fühlen, wenn die Fakten diese ganz offensichtlich widerlegen. Dies unterscheidet sich ganz grundlegend von dem, was geschieht, wenn wir uns erfolgreich von jeglichen Glaubenssätzen gelöst haben, und im rohen, nackten So-Sein des Lebens angekommen sind. Wir beginnen, das-was-wahr-ist  wahrzunehmen, ob wir es mögen oder nicht, und erkennen das-was-wahr-ist, ob wir es glauben wollen oder nicht. Diesen Bewusstseinszustand nennen wir präkonzeptionell, weil er stattfindet, bevor wir interpretieren, bevor wir Konzepte über das Erleben stülpen. Aber, anders als der präkonzeptionelle Zustand eines Kleinkindes, ist dieser Zustand erfüllt von vollem Gewahrsein und wortloser Klarheit, einer Art  durchdringender Einsicht, die auf vielfältige verbale Weise und im Einklang mit dem Seelenzustand des Zuhörers ihren Ausdruck finden kann (innerhalb der Grenzen von Sprache).

Es gibt ein Lied von Bilie Holliday mit Titel dieses Beitrags „Everything happens for the best“. Sie erzählt von der tröstlichen Glaubensvorstellung „der alten Leute/Ahnen“, dass Gott einen Plan hat, und zwar einen guten Plan. Ein Gottvertrauen, für das die Alten plädieren. Die Sängerin möchte ihnen Glauben schenken, denn das würde zu beruhigender Gewissheit führen. Aber genau das ist der Unterschied zwischen Religion und Spiritualität: Ersteres besteht aus tröstlichen Glaubensvorstellungen (so gesehen, wenn wir ehrlich sind, ist vieles, was heute unter dem Deckmäntelchen der Spiritualität läuft, eigentlich Religion). Und Letzteres besteht aus der Bereitschaft, jeglichen Glauben loszulassen, zu sehen was wirklich wahr ist, ob es einem gefällt oder auch nicht. Wir leben in unglaublich glücklichen Zeiten und Umständen, in einem Universum, in dem wahr ist, dass jedes Ereignis das Potenzial für segen-bringende Energie in sich birgt, und dass sich dieses Potenzial proportional zu der Intensität des Ereignisses verhält! Nun stellt sich die Frage, ob du dich damit zufrieden gibst, genau das zu glauben, oder willst du das Level der Realität selbst erleben, in dem all dies so unwiderlegbar wahr ist, wie der Himmel blau und der Regen feucht ist?

© Christopher Hareesh Wallis, Juli 30, 2017

Englischer Originalartikel hier!

Mit freundlicher Genehmigung übersetzt aus dem Englischen 02.2020 von: Brigitte Heinz, Yogalehrerin YA und Anusara Elements im Openlotus · Lektorat: Larisa Snjegota

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Musik und Chakras

2. Januar 2020

Ein 10-Chakra-System in Verbindung mit Musik und Emotionen – aus einem 800 Jahre alten Text

Link zum englischen Original Teil 1 von 2: 14.06.2015
Link zum englischen Original Teil 2 von 2: 20.06.2015
© Christopher D. Wallis (Hareesh)

In der Tradition des klassischen Tantra entwickelte sich nicht nur ein einziges, sondern mehrere cakra-Systeme (deutsch: Chakra – gesprochen: „Tschackra“ mit kurzem „a“). In der frühen Epoche wurden meist 5-Chakra-Systeme verwendet, sie korrespondieren mit den fünf Grundelementen des Lebens (s. auch: Die wahre Geschichte der Chakras, hier im Openlotus-Blog).

Mein (Hareesh) Mentor und Freund Somadeva Vasudeva (zur Zeit der Erstveröffentlichung des Textes an der Universität von Kyōtō) entdeckte ein faszinierendes 10-Chakra-System in einem Text (vermutlich 16. Jhd.) mit dem Namen „A Jewel-mine of [teachings on] Music (Saṅgīta-ratnākara)“ (eine Juwelen-Mine für Lehren hinsichtlich der Musik), geschrieben von jemandem mit Namen Śārngadeva. {{Der Text des Sangīta Ratnakāra ist seit langem als Uebersetzung von Prem Lata Sharma bekannt  (* siehe bitte auch Richtigstellung am Ende des Textes)}}.  Dies ist der einzige mir bekannte Sanskrit-Text, der bestimmte emotionale und mentale Zustände (bhāvas) mit spezifischen Chakras in Verbindung bringt, genauer gesagt, mit deren Blütenblättern. Zusätzliche Kommentare wurden aus dem Sanskrit durch Siṃhabhūpāla übersetzt. Zu beachten ist, dass dieses Chakra-System nicht für den genannten Text über musikalisches Können „erfunden“ wurde, sondern aus yogischen Quellen stammt, die heute nicht mehr verfügbar sind. 

Es folgen einige kurze Auszüge aus dem von Dr. Vasudeva übersetzten Text (mit kleinen Änderungen durch mich). Bitte nimm zur Kenntnis, dass ein vollständiges Verständnis dieser Inhalte nur durch die sorgfältige Literatur der Kommentare von Kallinātha und Siṃhabhūpāla möglich ist, beide sind hier nicht aufgeführt. Die ersten fünf von zehn Chakras dieses Systems werden an derselben Stelle verortet wie im 7-Chakra-System, welches im Westen bekannt ist, und sie tragen dieselben Namen.


CHAKRA #1. ādhāra — „Das ādhāra-cakra liegt zwischen Anus und Genitalien. Es hat vier Blütenblätter. Diese Blütenblätter sind so angeordnet, dass sie bei einem Kompass zwischen den Richtungsnadeln liegen würden. Ihnen werden vier Glückseligkeiten (bliss bzw. ānanda) zugeordnet: [1] höchste Glückseligkeit – Nord-Ost, [2] innewohnende Glückseligkeit – Süd-Ost, [3] heldenhafte Glückseligkeit – Süd-West, und [4] verbindende Glückseligkeit – Nord-West. Diese Lotus-Struktur ist die Heimstatt von Kuṇḍalinī. Ihr Aufstieg zur Krone des Kopfes schenkt Befreiung (liberation).“

CHAKRA #2. svādhiṣṭhāna — „An der ,Wurzel‘ (Basis) der Genitalien liegt das sechs-blättrige svādhiṣṭhāna-cakra (Kallinātha präzisiert hier, dass es etwa sechs fingerbreit oberhalb des ādhāra-cakra liegt). In seinen Blütenblättern, beginnend im Osten (subjektiv betrachtet vorne), findet man: [1] Bescheidenheit, [2] Grausamkeit/Härte, [3] Zerstörung von Stolz, [4] Benommenheit, [5] Nichtachtung, und [6] Misstrauen. [Siṃhabhūpāla erklärt: Wenn die Seele in dem jeweiligen Blütenblatt ruht, nimmt sie dessen Zustand an]. Dieses Chakra ist Wohnsitz der Kraft der Verblendung.“

CHAKRA #3. maṇipūraka — „In der Nabel[-region] befindet sich ein 10-blättriges cakra genannt maṇipūraka. In seinen Blütenblättern, von Osten ausgehend, zeigen sich [1] tiefer Schlaf, [2] Verlangen, [3] Neid, [4] Verleumdung, [5] Scham, [6] Angst, [7] Mitgefühl, [8] Stumpfsinn/Starrheit, [9] Degeneration, und [10] Depression. Es ist der Sitz der Sonne. [Siṃhabhūpāla identifiziert dies als eine spezifische, vitale Energy (prāṇa) genannt ,Sonne‘ (sūrya).]“

CHAKRA #4. anāhata — „In der Herz[-region] befindet sich das anāhata-cakra. Dies ist der Ort, an dem Śiva in Form von ‚Praṇava Oṃ‘ gehuldigt wird. Es hat zwölf Blütenblätter. Verweilt man in ihnen, so zeigen sich (beginnend im Osten/vorne): [1] Zerstörung von Unsicherheit, [2] klare Argumentation, [3] Reue, [4] Erwartungen, [5] Transparenz [oder Abwesenheit von Vortäuschung], [6] Sorge, [7] Streben, [8] Gleichmut, [9] Scheinheiligkeit, [10] Instabilität, [11] Urteilsvermögen, und [12] Mut [oder Glaube an sich selbst].“

Für die Chakras #1-3  gilt, dass keine der bhāvas (mental-emotionale Zustände) für Yogī-Musiker kultiviert werden sollen. Indessen sollten die Qualitäten der Blütenblätter #1, 8, 11, and 12 im vierten Chakra ausgebildet werden. Es wird gesagt, dass die natürlichen Fähigkeiten von SängerInnen zerstört werden, falls sie in der Qualität der Blätter #4, 6, oder 10 verharren.

CHAKRA #5. viśuddhi — „In der Kehle[-region] befindet sich das sechzehn-blättrige viśuddhi-cakra, dies ist der Sitz von Sarasvatī (Göttin der Sprache, Musik und des Lernens). [Siṃhabhūpāla: wird die Göttin der Sprache hier verehrt, schenkt sie Perfektion der Rede]. Verweilt die Seele in den 16 Blütenblättern, erwächst folgender Lohn (beginnend im Osten/Vorderseite): [1] Praṇava (Oṃ), [2] Udgītha chant, [3] huṃphaṭ Mantra, [4] vaṣaṭ Mantra, [5] svadhā Mantra, den Vorfahren (pitṛ) angeboten, [6] svāhā Mantra, den Göttern angeboten, [7] namaḥ, ein Wort des Grußes, [8] Nektar [erquickende Freude], [9] die sieben Noten der Musik, beginnend mit ṣaḍja, [10] der Bulle (von Lord Shiva), [11] gāndhāra, [12] madhyama, [13] pañcama, [14] dhaivata, [15] niṣāda, [16] Gift [vergiftendes Leid].“
Es wird gesagt, dass die Blütenblätter #8-15 von Musikern gepflegt und kultiviert werden sollen. 

CHAKRA #6. lalanā-cakra. „In der Gaumenzäpfchen[-region] befindet sich das zwölf-blättrige lalanā-cakra. In seinen Blütenblättern finden sich die folgenden Früchte, beginnend im Osten (Vorderseite): [1] Berauschtheit, [2] Arroganz, [3] Hinwendung, [4] Trauer, [5] Not [Siṃhabhūpāla: „Leiden aus unbekannten Ursachen“], [6] Gier, [7] Desillusionierung, [8] Unrast, [9] Die „Welle“ [Siṃhabhūpāla: „Die sechs Wellen existieren in: dem Lebensatem (prāṇa), dem Geist (mind, buddhi) und im Körper (deha): Hunger und Durst, Gier und Trug, Alter und Tod“], [10] Vertrauen, [11] Zufriedenheit, und [12] Respekt/Wertschätzung.“

„Im lalanā-cakra verleihen das zehnte [Vertrauen] und elfte [Zufriedenheit] Blütenblatt einem Musiker Meisterschaft, das erste [Rausch], vierte [Trauer] und fünfte [Leid] werden von Experten in der yogischen Wissenschaft als destruktiv erachtet.“

CHAKRA #7. ājñā-cakra. „[In der Region] zwischen den Augenbrauen liegt das drei-blättrige ājñā-cakra. Lohn sind die Manifestierungen [der drei guṇas]: [1] sattva, [2] rajas, und [3] tamas.“

CHAKRA #8. manaś-cakra. „Danach folgt das sechs-blättrige manaś-cakra, seine Früchte sind [die Beherrschung/Meisterschaft von]: [1] Traum, [2] Genuss von Aromen, [3] Geruchs-Sinneswahrnehmung, [4] optische Wahrnehmung, [5] Wahrnehmung von Berührung, [6] akustisches Erkennen.“

CHAKRA #9. soma-cakra. „Darüber liegt das sechzehn-blättrige soma-cakra. Auf seinen Blütenblättern befinden sich die sechzehn kalās (,Kräfte, Mächte, Stellen, sechzehnte, Teile, Aspekte‘). Die Seele erlangt [die folgenden] Belohnungen, wenn sie Fortschritte mit diesen Blütenblättern macht, beginnend im Osten (Vorderseite): [1] Mitgefühl, [2] Langmut, [3] Integrität, [4] innere Stärke, [5] Leidenschaftslosigkeit, [6] Beständigkeit, [7] Freude, [8] Heiterkeit, [9] Begeisterung, [10] Tränen (der Freude) in der Meditation, [11] Stabilität, [12] Einfluss/Bedeutung, [13] Fleiß, [14] Klarheit des Geistes, [15] Großzügigkeit, [16] Geradlinigkeit (single-pointedness).“
Beachte, dass vieles den Yamas & Niyamas in der
Śāradā-tilaka entspricht.

CHAKRA #10. sahasrapatra-cakra. „In der Öffnung des Schädels findet sich ein tausend-blättriger, Nektar-bringender Lotus. Er nährt den Körper mit strömendem Nektar … Die Seele, die sich in der ‚Krone des Kopfes‘ befindet, wird mit Nektar überströmt, ist zufrieden und kann sich in der Musik hervortun.“

Dr. Vasudeva, der diese Passage übersetzt hat, fügt hinzu:

„Musiker mögen sich zu Recht fragen, warum Śārṅgadeva in solcher Länge in einem musikwissenschaftlichen Werk auf die esoterische Physiologie eingeht. Die Antwort findet sich in den folgenden Versen: Nur wenn die Seele in einigen bestimmten Blütenblättern (petals/kalās) residiert, kann Musik gemeistert werden. Einige Blütenblätter schaden der Musik, andere sind in dieser Hinsicht unbeteiligt.“

Quelle: Die ‚Beschreibung‘ der cakras aus der Saṃgīta-ratnākara von Śārṅgadeva, bearbeitete Version von Pandit S. Subrahmanya Sastri, überarbeitet durch Smt. S. Sarada, Adyar Library and Research Centre, Madras, zweite Auflage 1992. 


Update Januar 2020 – eine Anmerkung und Richtigstellung von Patricia Jo und Hareesh

Patricia Jo: Der Text des Sangīta Ratnakāra ist seit langem als Uebersetzung von Prem Lata Sharma bekannt – ihn als Entdeckung zu bezeichnen ist deshalb vielleicht etwas drastisch formuliert. Somadeva Vasudeva arbeitet bestimmt (und Gott sei Dank) an einer neuen textkritischen Ausgabe. Der Verfasser, Śrāngadeva, stammt ja auch aus dem kashmirischen Kontext und ist deshalb natürlich für alle, die sich mit Abhinavagupta beschäftigen, wichtig und wertvoll. Zudem steckt im Text ein Fundus an ayurvedischem Wissen. Interessant für alle Yogalehrenden (auch die prenatalen Erkenntnisse). Trika Philosophie erkennt die Ästhetik als eine essentiell wichtige Komponente des Lebens an. Darum ist sie – vor allem im indischen Kontext oft unmittelbar an die Künste geknuüpft (man denke nur an die Verbindung: Abhinavabharati-Natyashastra). Aber auch in der Praxis: Im Dhrupad – und hier nennen ich speziell die Dagar Gharana und als Vertreter zB Nirmalya Dey – weiss um den Text und lehrt und praktiziert ihn aktiv. Kann ich nur empfehlen wenn man seine Praxis vertiefen möchte.
Deshalb wuerde ich die im Artikel beschriebenen Erkenntnisse nicht als neu bezeichnen, wohl aber als langersehnte Anerkennung des Westen von indischer Musikologie und Philosophie. Ich finde es wichtig, im Sinne eines gleichwertigen Dialoges zwischen Indien und dem Westen, den Entdecker’kredit’ bei Prem Lata Sharma zu lassen. 

Christopher Wallis: thank you so much Patricia, it was an honest mistake – at the time i wrote the original blog post (some years ago now) i didn’t know about the Sharma edition, and thought Somdev had discovered the text shortly before he taught part of it to me. So that was me having incomplete information and yes, wanting to attract attention to something i found revelatory at the time.
sinngemäß auf deutsch: danke Dir, Patrizia, das war in der Tat ein Fehler, wenn auch unbeabsichtigt. Als ich den Original Blog Post vor einigen Jahren geschrieben habe, kannte ich die Sharma Edition noch nicht. Ich bin davon ausgegangen, das Somdev den Text erst kürzlich entdeckt hatte. Somit waren meine Informationen unvollständig, dennoch wollte ich die Aufmerksamkeit auf diesen Text lenken den ich seinerzeit sehr aufschlussreich fand.


siehe auch: Die wahre Geschichte der Chakras!

Tags: #Musik und Yoga, #tantrisches Yoga, #deutsch, #german, #translation
Bild: pxhere.com

Mit freundlicher Genehmigung übersetzt aus dem englischen 01.2020 von: Brigitte Heinz, Yogalehrerin YA und Anusara Elements im Openlotus · Lektorat: Larisa Snjegota

 

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Nichts geschieht ohne Grund

14. Dezember 2019

Was sind die „nahen Feinde der Wahrheit‘? Ich entleihe diesen Satz aus dem Buddhismus um mich auf verzerrte Versionen spiritueller Lehren zu beziehen. Auf Aussagen, die wesentlichen und subtilen Wahrheiten ziemlich nahe kommen,, aber dennoch knapp daneben liegen, was auf lange Sicht gesehen zu großen Unterschieden führt. Wenn wir von tiefgreifenden und grundlegenden Wahrheiten sprechen, so machen Äußerungen, die „ein bisschen falsch“ sind kurzfristig betrachtet keinen großen Unterschied, wohl aber auf lange Sicht. So wie eine kleine Kursabweichung deines Bootes zunächst unerheblich ist, dich aber nach einigen tausend Meilen auf einen anderen Kontinent bringt.

Manche Menschen werden gegen das Wort „falsch“ im letzten Absatz Einspruch erheben. Diese Leute folgen der Idee, dass das einzig notwendige Kriterium für die Wahrheit darin besteht, dass es sich für einen selbst wahr anfühlt. Diese Sichtweise ist in Bezug auf Spiritualität ebenso gefährlich wie in Bezug auf Politik. Denn dahinter steht zumeist: Ich will, dass es wahr ist, also glaube ich es –  egal wie die Fakten sind. Wenn du nicht erkennst, wie brisant dieses Thema ist, oder wenn du zweifelst, ob es überhaupt Fakten oder universelle Wahrheiten gibt, lies bitte die zweite Hälfte dieses Blogbeitrags, da ich diesen nur für dich geschrieben habe.

Für jeden spirituellen Sucher ist es enorm wichtig, warum es sich um nahe Feinde handelt und nicht um die Wahrheit, wenn er/sie über den Status eines Anfängers hinauswachsen will, um tief in die (überaus erfüllende) spirituelle Arbeit einzutauchen. Ich möchte hier noch anfügen, dass ein wirklich ‚naher‘ Feind für einen Anfänger ein Verbündeter auf Zeit sein mag. Aber auf einem höheren Level spiritueller Praxis gibt es kein ‚nahe genug‘ mehr. Wenn du deine bequemen und wohlgefälligen Selbstbeteuerungen nicht auf dem Altar der Wahrheit opferst, wird dein Fortschritt stagnieren. Nach dieser kurzen Einführung lass uns auf den ersten nahen Feind schauen.


NAHER FEIND #1: 

Alles geschieht aus einem ganz bestimmten Grund

Im wortwörtlichen Sinne ist diese Behauptung schlichtweg wahr. Alles entsteht aufgrund von bestimmten Umständen und Ursachen. Allerdings wird dieser Satz oft verwendet, wenn es um herausfordernde oder schmerzhafte Ereignisse geht und mit einer Bedeutung hinterlegt, die so etwas impliziert wie: „Es ist alles Teil von Gottes Plan“ oder „Für all das gibt es einen verborgenen tieferen Grund“, oder „Es ist Teil eines grundlegenden Musters, welches in sich bedeutungsvoll ist und du solltest vertrauen, auch wenn du nicht weißt was dahinter steht“ oder „Das Universum will dir/mir etwas sagen“. Alle diese Aussagen sind problematisch, denn sie werden oft auf eine Art und Weise verwendet, die eine spirituelle Vermeidungsstrategie (spiritual bypassing) oder Wunschdenken (wishful thinking) unterstützen. Wenn postuliert wird, dass der Grund eines schmerzhaften Ereignisses nicht zu erkennen oder zu erreichen ist (wie etwa durch die Behauptung, dass Gott oder ein unsichtbarer Plan dahinter steht, nicht aber menschliche Interaktionen und menschliche Fehlbarkeit), so sind wir entmutigt. Solche Aussagen halten uns davon ab, unseren eigenen Anteil an einem Ereignis nüchtern zu betrachten. Das ist eine spirituelle Vermeidungsstrategie: Wir bedienen uns spiritueller Klischés um anstrengende emotionale Arbeit zu vermeiden, ungeachtet des großen Nutzens, den diese Arbeit uns bringen würde. John Welwood, der brillante Mann der diesen Begriff geprägt hat, definiert „spiritual bypassing“ als  „den Gebrauch von spirituellen Ideen und Praktiken um emotionalen Themen, psychologischen Wunden und nicht erledigten Aufgaben in der eigenen Entwicklung auszuweichen oder diese gleich ganz zu vermeiden … indem wir versuchen, uns über die rohe und chaotische Seite unserer Menschlichkeit zu erheben, bevor wir ihr wirklich begegnet sind und unseren Frieden damit geschlossen haben.“

Eher harmlos ist der folgende Satz der vier oben genannten Beispiele: „Das Universum möchte mir/dir etwas sagen“ was heute oftmals gleichgesetzt wird mit: „Gott möchte dir etwas sagen“. Diese Aussage kann ein temporärer Verbündeter sein, denn sie fordert immerhin zum Nachdenken auf: Was soll mir das sagen? Bedeutet dieser Autounfall dass es gefährlich ist, am Steuer zu SMSen? (Antwort: Ja)! Solche Gedankengänge sind allerdings insofern problematisch, weil man die ‚Botschaft‘ Gott zuspricht oder einer göttlichen Intelligenz des Universums (praktisch dasselbe). Das kann soweit führen, dass man dieser Intelligenz gegenüber einen ähnlichen Groll hegt, wie den Eltern, die uns einstmals Lektionen durch Bestrafung erteilen wollten. Du kannst dich so in ein kindisches oder pubertäres Bewusstsein verrennen, indem du versuchst, die Lektionen zu lernen und dich in die Spur des Universums einzuordnen um mit gutem Karma oder mit der perfekten Harmonie mit allem und jedem belohnt zu werden. Weitaus nützlicher aber als solche verdrehten und fehlgeleiteten Ansichten ist es anzuerkennen, dass Handlungen Konsequenzen nach sich ziehen. Achtest du auf solche Konsequenzen wenn sie sich im Kleinen zeigen, besteht die Chance, dass sie sich nicht vergrößern und zur Lawine auswachsen. Es kommt häufig vor – wenn wir eine Gelegenheit ignorieren, die uns etwas nützliches beibringen könnte über die Art wie die Dinge (oder Menschen) funktionieren – dass diese Gelegenheit mit zunehmend größerem Nachdruck immer wieder auftaucht, solange bis sie Beachtung findet.

Nun, was ist die tatsächliche Wahrheit, die hinter diesem nahen Feind steht? Von den oben genannten Statements ist folgender Satz der Wahrheit am nächsten: „Es ist Teil eines grundlegenden Musters, welches in sich bedeutungsvoll ist und dem du vertrauen solltest.“ Allerdings führt dieser Satz auf vielfache Weise in die falsche Richtung. Ja, es gibt Muster, die der Existenz zugrunde liegen – tiefliegende Strukturen, Rhythmen und Leitmotive, in die sich alles einfügt, auch wenn solche Muster viel zu subtil und komplex sind, als dass wir sie derzeit vorhersagen könnten (das wird  Chaostheorie genannt). Das bedeutet jedoch nicht, dass du solchen Mustern bedingungslos vertrauen ‘solltest’, denn das würde wiederum bedeuten, die Entscheidungskompetenz an eine (Eltern-ähnliche)‚ höhere Macht’ auszulagern und sich selbst von der spirituellen Arbeit freizustellen. Sowohl was meine eigene Erfahrung, als auch die anderer betrifft, die diesen Weg bereits gegangen sind, ist es weitaus nützlicher durch Meditation und die Kultivierung von Bewusstsein zu lernen, wie man über den eigenen Geist (mind) hinauswächst und die eigenen mentalen Filter überwindet, damit man beginnen kann, das Muster unmittelbar zu spüren (obwohl man es sicherlich nie wirklich verstehen wird). Ich behaupte, es ist spirituell weitaus reifer, dem zu vertrauen was du spürst – als einem abstrakten mentalen Konstrukt. Ganz gewiss ist das auch viel freudvoller. Erfahrungsgemäß ist es ein gewaltiger Unterschied daran zu glauben, dass es ein tiefer liegendes Muster gibt, oder tatsächlich etwas von seinem Wesen zu spüren (wie es Whitman tat als er schrieb „Die Offenbarung/der Urgrund der Schöpfung ist Liebe“). Du spürst es ganz unmittelbar, genauso wie du das Gras grün siehst oder die Vögel zwitschern hörst, ohne erst darüber nachdenken zu müssen, oder es erst im Nachhinein zu verstehen.

Ist dieses zugrundeliegende Muster von sich aus bedeutungsvoll? Ja und nein. Als Konzept ist es völlig unbedeutend, weder trägt es eine Botschaft, die in Worte gefasst werden könnte, noch geht es um die ‚Erfüllung‘ von irgendetwas. Aber auf nicht-konzeptioneller Ebene ist dieses Muster außerordentlich bedeutungsvoll, auf die selbe Weise wie eine Blume oder eine Galaxie sinnvoll sind. Es bedeutet was es ist, und was es ist, ist wunderschön. Gelangst du an den Punkt, an dem du das Muster selbst spürst, nimmst du seine Schönheit wahr. Seine unbeschreibliche, ehrfurchtgebietende Pracht, die gewissermaßen alles umschließt. Dann kannst du vertrauen. Du vertraust der Entfaltung deines Lebens. Du vertraust darauf, dass das Universum genau weiß was es tut, und du erkennst ganz unmittelbar wie absurd es war, nicht zu vertrauen. Und dann lachst du wie verrückt über dich selbst.

Welche Lehre lässt sich nun daraus ziehen? Sowohl im Shaiva Tantra wie auch im buddhistischen Tantra gilt: Ja, alles geschieht aus einem bestimmten Grund – und dieser Grund wiederum entsteht aus ‚all dem was jemals geschehen ist‘. Denn alles hat seine Ursachen und Bedingungen, die ihrerseits Ursachen und Bedingungen entspringen. Verfolgst du diese Spur weiter, so ist alles mit allem verwoben und du gelangst zum Urknall. (Daher sagte Carl Sagan: „Wenn du einen Apfelkuchen backen willst, musst du zunächst ein Universum erschaffen.“) Alles ist Ursache von allem was geschieht. Buchstäblich alles ist miteinander verknüpft. Aus diesem Grund sagt Shaiva Tantra: „Jedes einzelne Ding ist in allen Dingen enthalten, und alle Dinge sind in jedem einzelnen Ding enthalten. Über eines nachzudenken bedeutet, über alles nachzudenken.“ (interpretiert aus Śiva-dṛṣṭi, Kapitel 5)


DIE BEDEUTUNG VON WAHRHEIT
AUF DER SPIRITUELLEN SUCHE

Wir leben in einem sozialen und politischen Klima, das zu Recht als post-faktisch (,post-factual) bezeichnet wird. Das heißt, wir wissen gar nicht genau, welches die Fakten sind und/oder wir vermuten, dass sie nicht verlässlich nachprüfbar sind. Vordergründig liegt das am Internet, das seit seiner Privatisierung 1994 den Zugang zu einer enormen Fülle an Information ermöglicht, ebenso wie zu einem atemberaubenden Maß an Fehlinformationen. In Kombination mit unserem gescheiterten Bildungssystem, welches bis heute keinen Unterricht in kritischem Denken einfordert (wie z.B. das Verstehen von fundamentalen logischen Denkfehlern – logical fallacies) – führt das dazu, dass die große Mehrheit der Bürger völlig ungeübt darin ist, Fakten von Halbwahrheiten und diese von purer Fiktion zu unterscheiden (oder dieser Unterscheidung nicht einmal Bedeutung zumisst; mehr dazu in einem anderen Beitrag).

Lasst uns kurz auf diesen Unterschied eingehen. Ein Fakt ist etwas, auf das wir uns alle einigen können. Beispielsweise wird jeder einzelne Mensch, der sich so wie einst Galileo die Mühe macht, selbst herausfinden können, dass ein Objekt mit einer Geschwindigkeit von 9,8 m/s2 von einem hohen Gebäude herunterfällt. Das ist ein Fakt. Fakten existieren auch in anderen Disziplinen und in der Wissenschaft. So spricht z.B. eine hohes Maß an Beweisen dafür, dass ein Passagierschiff mit dem Namen Titanic im Jahr 1912 gesunken ist. Kein vernünftiger Mensch, der sich die Beweise ansieht, könnte an dieser Tatsache zweifeln. Fakten verändern sich nicht mit der Zeit, sie mögen allerdings in den Augen der Öffentlichkeit anders erscheinen da dadurch, dass wir heute mehr Daten sammeln können, Wissenschaftler frühere Rückschlüsse (durch die Presse voreilig veröffentlicht) im Lichte des erweiterten und genaueren Datensatzes revidieren. Aber die Fakten selbst verändern sich nicht; vielmehr verbessert sich unsere Fähigkeit, diese zu beschreiben, was manchmal mit der Erkenntnis einhergeht, dass ein früherer Versuch der Beschreibung sein Ziel verfehlt hat.

Im Gegensatz dazu ist eine Fiktion oder Unwahrheit eine Aussage, für die kein aufmerksamer Beobachter ausreichend Beweise finden kann (so etwas wie ‚Hunde können fliegen‘ oder ‚Außerirdische haben die Pyramiden gebaut‘ oder ‚Impfmittel führen zu Autismus‘) – vorausgesetzt, dass der Beobachter nicht von vornherein eine bestimmte Schlussfolgerung anstrebt  (das ist super wichtig: Nur eine Recherche, die durch Interesse und Offenheit motiviert ist, ohne ein im Voraus festgelegtes Ergebnis, kann die Wahrheit hervorbringen).

Eine wissenschaftliche Fiktion wird Hypothese genannt. Diese These beschreibt etwas, das wahr sein könnte, aber für das es noch keine ausreichenden Beweise gibt (das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen). Und nun wird es ein bisschen kompliziert. Wissenschaftlich betrachtet kann nichts mit 100%iger Sicherheit bewiesen werden (weil die wissenschaftliche Methode zumeist induktiv ist): Etwas kann widerlegt werden oder etwas kann mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 99,99999999999999 % nachgewiesen werden (diese exakte Zahl stammt aus der Quanten-Elektrodynamik, dem bewährtesten aller wissenschaftlichen Modelle). Erreicht eine Hypothese einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad (in der Regel zwischen 97-99 %), so handelt es sich um eine wissenschaftliche Theorie. Das ist für Nicht-Wissenschaftler verwirrend, denn sie verwenden den Begriff „Theorie“, wenn sie von einer „Hypothese“ oder gar von einer „Vermutung“ sprechen. Aber die Relativitätstheorie und die Evolutionstheorie der natürlichen Selektion werden deswegen als Theorie bezeichnet, weil sie nach mehr als einem Jahrhundert der Prüfung zu mehr als 99 % bestätigt sind. Wie stellen wir eine solche Übereinstimmung fest? Indem die Anwendung einer Hypothese durch unzählige Experimente zurückliegende und aktuelle Ereignisse präzise erklären kann, und darüber hinaus künftige Ereignisse genauestens prognostizieren kann.

Eine Theorie ist ein erfolgreiches Denkmodell (mental model – so benannt in einem früheren Blogbeitrag), Teil der Realität zweiter Ordnung, und nicht Teil der ersten Ordnung von Realität. Es ist außerordentlich wichtig zu erkennen, dass einige Denkmodelle weitaus zutreffender sind als andere (weil sie auf wiederholbaren Tests beruhen und zutreffende Voraussagen tätigen). Würden solche wissenschaftlich erstellten Theorien nicht schlüssig funktionieren, könntest Du das hier nicht lesen, denn dann gäbe es keine Computer.

Aber wir können noch weiter gehen. Gäbe es nicht ganz fundamentale Wahrheiten, die auf alle Menschen zutreffen, könnten wir einander gar nicht verstehen. Solche Wahrheiten sind schwierig in Worte zu fassen, denn obwohl es so etwas gibt wie zutreffende Verallgemeinerungen, ist es ziemlich schwierig, diese so zu formulieren, dass wenigstens einige Ausnahmen mit eingeschlossen sind (Kritiker werden immer auf die Ausnahmen verweisen, als ob diese die Allgemeingültigkeit entkräften könnten). Wie auch immer, wir können ein Beispiel aus der Sozial-Psychologie testen: Ich denke, wir sind uns einig, dass alle menschlichen Wesen eine unbestimmte Zahl an mental-emotionalen Bedürfnissen haben, wie z.B. das Bedürfnis nach einem gewissen Maß an Autonomie, Schutz, Sicherheit, und so weiter. Es ist unmöglich, solche Wünsche zu quantifizieren, sicher aber ist, dass jeder sie hat. Nach eingehender Betrachtung werden wir wohl auch dahingehend übereinstimmen, dass viele Menschen überwiegend damit beschäftigt sind, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, auf die ihnen jeweils bestmögliche Weise. Sind wir uns über solche Dinge einig, nennen wir das Fakten, oder zumindest Wahrheiten.

Wie hängt das nun alles mit spiritueller Philosophie zusammen? Gehört Spiritualität nicht zu einer ganz anderen Domäne? Ich sage ,Nein‘, denn dann wäre es nicht Spiritualität, sondern Fantasie oder Wunschdenken. Jede spirituelle Philosophie (SP) von Wert bietet Vorschläge (Hypothesen) an, die in direkter Anwendung und Erfahrung, also empirisch verifiziert werden können und müssen. Eine SP (im Gegensatz zu Religion) argumentiert implizit: „Wenn du dich den Übungen zur Kultivierung von Gewahrsein über eine gewisse Zeit widmest, ist es sehr wahrscheinlich, dass du vielen unserer Aussagen zustimmst, auch wenn du ihnen gegenüber zunächst abgeneigt oder skeptisch bist“. Dies setzt voraus, dass du dieser SP und ihrer Gültigkeit weder emotional noch persönlich verpflichtet bist, und gleichzeitig unvoreingenommen gegenüber der Möglichkeit bist, dass sie in einigen Kernaussagen wahr ist.

Wie die Wissenschaften entwickelt auch SP Hypothesen, einige davon werden Theorien. Spiritualität ist aber nicht mit Wissenschaft gleichzusetzen. Viele ihrer Behauptungen sind nicht widerlegbar, d. h. es kann nicht bewiesen werden, dass sie falsch sind. Letzteres ist aber eine wissenschaftliche Voraussetzung. Einige Theorien aber sind belegbar, wie z.B. die Annahme „wir sind alle miteinander in Verbindung“ (ganz spezifisch: in der Sprache der Physik ist das Universum in sich verschlungen, was wiederum bedeutet, dass man nicht an einer Stelle etwas ändern kann, ohne an anderer Stelle Auswirkungen zu erzeugen; zumindest aber gilt, dass das Universum untrennbar ist, d.h. kein einzelnes Teil kann dauerhaft von einem anderen abgetrennt werden). Schließlich bietet Spiritualität im Gegensatz zur Wissenschaft Vorschläge, die nicht im öffentlichen objektiven Raum verifizierbar sind, sondern nur durch subjektive, bewusste Erfahrung. Trotzdem können einige Theorien mit einem soliden Grad an Wahrscheinlichkeit verifiziert werden (sofern man geduldig genug ist).

Nicht zuletzt gilt es festzuhalten, dass jede verbale Aussage in SP der Wahrheit lediglich nahe kommen kann, denn das subjektive Erleben des Bewusstseins ist naturgemäß nonverbal. Andernfalls könnte man seine Gefühle so perfekt beschreiben, dass jeder Zuhörer jederzeit exakt nachvollziehen könnte, was gemeint ist, und das ist ganz sicher nicht der Fall. Einige spirituelle Lehren nähern sich der wortlosen Wahrheit allerdings mehr an als andere. Und einige kommen der Wahrheit so nahe, wie es mit Worten nur möglich ist. Haben SP ihre Lehre und beschreibenden Worte über die Jahrhunderte so verfeinert, warum sollten wir uns überhaupt mit ‚Nahen Feinden‘ oder ‚Verbündeten auf Zeit‘ abgeben, anstatt direkt den bestmöglichen und erprobten Weg zu beschreiten?


© Christopher Hareesh Wallis, July 29, 2017
Englischer Originalartikel hier!

Mit freundlicher Genehmigung übersetzt aus dem englischen 12.2019 von: Brigitte Heinz, Yogalehrerin YA und Anusara Elements im Openlotus · Lektorat: Eva Ananya

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Become aware in order to let go

21. Oktober 2019

Of what must we become aware in order to let go?

written by Marc St. Pierre

Inspirations from a workshop taught at Openlotus Yoga Studio – Friday 18th, Oct 2019


First I must ask exactly to what? am I holding on?

Once I am able to gain clarity, usually whatever this feeling – whatever this thought – whatever this “sense of something at unrest” will likely be rooted somewhere within the lack of awareness. It awaits understanding. It needs deep inquiry.
For example: When I reflect upon any harm that I may have afflicted upon myself or another, it was always due to a lack of awareness. If my intention WAS bring harm or cause suffering to another or vice versa, that too, while worse, will still be due to my lack of understating. When those terrible feelings arise accompanied by my inability to “be” with them, I then had hastily moved to blame and then punishment.

Rather than, breathe and doing further inquiry and contemplation in order to gain understanding, so that the insight of a deeper awareness allows me to move forgiveness. Forgiveness, deep and real forgiveness arises with potent ease in the light of truth. The light of this truth with rooted in deep understanding dissolves the that which has been nagging at me. I gain an expanded vision to now objectively observe the sequence of events – I say to myself, “This happened, oh, then that, and before that happened, this also happened, and then finally, this situation manifested.” “Wow, okay.” There will be a place along that type of inquiry that you will discover the blind spot – several blind spots – some belonging to you, and some to whomever else is involved. THIS, is not so easy to face – yet this is where the steadiness you and I have cultivated through practice. Each of us is human, and each of us prone to error and folly. It is part of this journey – Concealment/Revelation. And somehow needed for our hearts to embrace the mystery that is life.

What is real?

The Rig Veda, the oldest spiritual script from the Upanishads, says, the first line of this great scripture tells us, “No One knows for sure.” To cling, (to people or events, or maybe the feelings that those interactions have created both good or bad) is usually the beginning of troubles. What I mean to say is that a lack of awareness combined with projection, seeds the fertile imagination with delusion. This grows fast and deep. I have moved away from reality and am experiencing only what I choose to see. Not what is real. Delusion is what eventually creates suffering. So I must ask myself: what exactly is delusion? Do I wish to be free of this burden? If “yes,” then I must be willing to do the work it takes to gain the insight and understanding needed to release the added sufferings that my delusion has created. A good first question often is, “How did I participate and/or sustain the delusion of this dynamic through which suffering arose? Next question: What were the perceived expectations? This is actually a 4 part question. Expectations of myself set towards myself? Expectations of myself towards those involved? Expectations others had towards me? Expectations the others may have had of themselves.

Once observed, to the best ability, expectations that were present at the time of the event that seems to have been the “cause” of suffering, I then can see the structure or reasons for my delusion, and hence, the reason(s) that suffering arose. Clarity and Understanding arise from this process. It may not necessarily bring about fast and full forgiveness – but “seeing” the ignorance that is part of being human will help. The reasons things fail is due to an inability to know my truth, to speak my truth, and have to demonstrate the courage to love myself within that truth. To imagine that we are likely to disappoint some people when we live our truth is reasonable. There is the saying which is appropriate in these times; “Are you willing to disappoint another to live the truth of your own soul?” This is about letting go. Am I willing to release the fear of being “unloved” by another? To think that I cannot say my truth for fear of abandonment, which may or may not be true, is usually the motivation. Anyone who cannot accept my true self, may not be someone who really sees and truly loves me anyway, so why build upon a foundation which lacks this primary element? Do you see and truly love yourself? This is the practice.

Once seeing the part I played within the delusion dynamic, (which again, is not so easy) I then may look at the other(s) involved and begin to see the pieces of the puzzle. This expanded view or perspective is often a big “ah-ha.” Now, I must be willing to receive the teaching. To yield my once limited knowing to this new understanding. Now then begins the practice of forgiveness. First, towards myself. Forgiving my own lack of knowing, my ignorance. Forgive. Eventually I learn how better to begin to forgive others. This is not a flimsy shallow forgiveness but one that is rooted in profound understanding and humbling compassion. Now – just a Warning: just because I have forgiven someone doesn’t meant they have become aware of their part within the dynamic. If they have, then wonderful! If not, I need not place myself in the circumstance or their company again. That may be foolish and harmful. Forgive from afar.

Letting go

Also – I should not be surprised if likely I “attract” the same energy for a time because as shifts slowly occur, awareness may be tested to see if that pattern is still in place. Tread slowly and with gentleness and with all the awareness available. Breathe. Remember to breathe feel observe. We will have many challenges in life. Some not so important – others strike at our core. Those for certain are the invitations to gain awareness by doing the work of inquiry. It’s only through truly doing this work of transformation that the lightness of being may arise. Keep repeating the good. Mantra Asana Breath. These are the foundations of the practice and keep us connected to our awareness. On Yoga Asana & Letting Go – Asana gives us the opportunity to become present. But let’s observe the quality of that presence – The breath invited and mediates the conversation between the mind and body. Breath supports the interaction of the two, so that body may perform Asana with more skill. In turn, this calms both the mind and body even as they collaborate. Breath draws the mind from it’s noisy “busy place” towards a state of focus and then arising will be a serene awareness. During Asana, awareness stills the mind so it may observe patterns within the body. These will be misaligned or aligned. When the alignment is achieved the poses become comfortable and steady as the Sutras suggest. The mind and body combine to create a oneness of being and a state of beauty arises from the dynamic tension (the balance of spanda) in the poses. Observe yourself in a pose. Do you: tend to force your body into poses without awareness, breath, understanding, or skill? Do you: tend to be more passive and just absently let yourself mentally slip away? Do you: listen with your senses and to the breath to support the integration of the body and then respond in kind? In other words: are you forcing the pose into something to support some Delusion of what you think it should be? Or are you Doubting any of your ability to skillfully or effectively engage. And therefore tune out? If so, then pause. Breathe, invite yourself to this moment, this breath in, this breath out, and release expectations and doubts. Breathe. Be with the breath. Practice being present and truthful with your body and your self. One breath at a time. This way you honor “what is” from one moment to the next, and you will travel with steadiness and lightness. These are the instructions we receive from such teachings as the Sutras. This is a way to reduce suffering and make life more fulfilling.

Marc St. Pierre

Blessing and gratitude, Marc

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Göttinnen im Yoga: SARASWATI – LAKSHMI – KALI

27. September 2019

Die 3 Göttinnen, deren Qualitäten den Kreislauf der Schöpfung beschreiben

SCHAFFENSKRAFT – SARASWATI
Saraswati gilt, wie Brahma, im Kreislauf der Schöpfung für die Phase des Schaffens, Hervorbringen und Ermöglichen.
Sie gilt als Göttin der Weisheit und Gelehrsamkeit und steht für Kreativität und Ausdruck. Die schönen Künste wie Musik, Tanz und Literatur werden ihr zugeschrieben.

Aus der Urkraft des Seins, aus dem Ozean der Möglichkeiten, schafft Saraswati eine organisierende Matrix, um eine bestimmte Form zu schaffen. Sie trifft eine Entscheidung für einen bestimmten Ausdruck und schafft dadurch die Welt.

Ich mag diese Göttin, da sie uns immer wieder daran erinnert, dass auch in uns selbst schaffende Kraft liegt.
Was möchte ich heute in diesem Tag erleben?
Was in dieser Yogastunde praktizieren?
Warum bin ich hier?

Diese Qualität fragt immer wieder nach dem WARUM – nach unserer Absicht. Im Yoga nennt man das SANKALPA – und erinnert daran, Verantwortung für sich zu übernehmen, für jeden Moment, für jeden Atemzug, für jeden Gedanken.


Lakshmi


Lakshmi ist eine sehr geliebte und geehrte Göttin. Es ist auch einfach, sie zu mögen. Alles an ihr ist angenehm und willkommen. Sie spendet Segen, Fülle, Harmonie, Wohlstand, Anmut, Schönheit und Erfolg.
Im Kreislauf der Schöpfung steht sie für die Phase der Blüte, der vollen Entfaltung und des stärksten Ausdrucks – sie ist, wie auch Vishnu, die Bewahrerin.

Es gibt, wie bei allen mythologischen Figuren eine Vielzahl von Geschichten, die sich um sie ranken. In einer Geschichte, in der man versucht, Lakshmi oder ihre Qualitäten zu besitzen, entzieht sie sich vollkommen. Die Botschaft ist, dass man sie nicht besitzen und auch nicht für später aufbewahren kann.
Lakshmi bietet unermesslich Fülle – die Gnade des Moments. Es sind diese Augenblicke, in denen man im Sein ist, vollkommen erfüllt, vollkommen durchdrungen – im Jetzt und Hier.
Es ist aber unmöglich, diesen Augenblick zu konservieren. Sobald man danach greift, ist es weg.


Darstellung hier als Mahakali die die Kreisläufe des Lebens überwacht (Copyright)

Kali
Kali zu mögen, ist schwer. Alles an ihr scheint fürchterlich. Sie trieft von Blut, ist wild und kraftvoll und steht für Transformation, Vergehen, Tod und Wandlung. Im Kreislauf der Schöpfung steht sie, wie Shiva (in der Darstellung der 3-Murti) für den letzten Abschnitt, das Ende, das M vom OM.
Kali manifestiert sie sich aus Durga, der Figur, die für das Sein und die gesamte Schöpfung steht, sie ist und bleibt Teil davon.

Dinge, die wir nicht schätzen, bedauern wir nicht, wenn sie vorbei gehen – wir sind eher froh darum, dass es zu Ende ist.
Erheblich schwerer fällt das Loslassen bei geliebten Umständen und natürlich auch Beziehungen und dem Leben. Abschied zu nehmen ist wohl die schwerste spirituelle Aufgabe.

Kali wurde mir erst sympathischer, als ich die Geschichte mit dem Dämon Rakta Bija kennen lernte. Dieser unterwarf alle Welten und brachte Schrecken über alles. Niemand, auch keiner der anderen Götter, war in der Lage, ihn zu besiegen. Immer, wenn man ihn verletzte, wurde er nur stärker, sobald ein Blutstropfen die Erde berührte, entstand er erneut.
Nicht so bei Kali. Kali scheut nichts und niemanden. Sie schluckte die Blutstropfen Rakta Bijas und aß ihn auf. Radikal nutzte sie ihren Körper und verwandelte den Schrecken des Dämons zurück zu Schöpfungskraft – transformierte ihn und erinnerte ihn an seine Essenz.
Die Legende sagt, dass Rakta Bija in seinem letzten Moment sagte: oh, wie konnte ich vergessen das ich nur ein Kind von dir (der Schöpfung) bin und ich nicht außerhalb von dir sein kann.

Das ist das Versprechen – es gibt nur das Eine und nichts steht außerhalb davon. Wenn es vergeht, dann verwandelt es sich zurück und geht erneut in dem Einen auf. Kali beendet konkrete Manifestation, führte diese zurück zum Sein und ermöglicht dadurch erneutes Entstehen.
Wenn es nur das Eine gibt uns außerhalb des Einen nichts sein kann, dann gibt es im Grunde nichts zu fürchten. Alles ist Eins, bleibt das Eine und ist auch im Prozess des Vergehens von diesem Einen gehalten und bewahrt.


Die drei Göttinnen stehen für den Kreislauf der Schöpfung: Anfang, Mitte und Ende – gleich der Symbolik des AUM (OM):
A = Anfang
U = Mitte
M = Ende

Mehr zu diesem Thema erfährst du u.a. im Rahmen der Anusara Immersions.

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Negative Energien

15. September 2019

Die nahen Feinde der Wahrheit #4: Negative Energien

Was sind die „nahen Feinde der Wahrheit“? Ich entleihe diesen Satz aus dem Buddhismus, um mich auf verzerrte Versionen spiritueller Lehren zu beziehen. Auf Aussagen, die wesentlichen und subtilen Wahrheiten ziemlich nahe kommen, aber dennoch knapp daneben liegen, was auf lange Sicht gesehen zu großen Unterschieden führt. Wenn wir von tiefgreifenden und grundlegenden Wahrheiten sprechen, so machen Äußerungen, die „ein bisschen falsch“ sind, kurzfristig betrachtet keinen großen Unterschied, wohl aber auf lange Sicht. So wie eine kleine Kursabweichung deines Bootes auf kurzen Strecken zunächst unerheblich ist, dich aber nach einigen tausend Meilen auf einen anderen Kontinent bringt.

Manche Menschen werden gegen das Wort „falsch“ im letzten Absatz Einspruch erheben. Diese Leute folgen der Idee, dass das einzig notwendige Kriterium für die Wahrheit darin besteht, dass es sich für einen selbst wahr anfühlt. Diese Sichtweise ist in Bezug auf Spiritualität ebenso gefährlich wie in Bezug auf Politik. Denn dahinter steht zumeist: Ich will, dass es wahr ist, also glaube ich es –  egal wie die Fakten sind. Wenn du nicht erkennst, wie brisant dieses Thema ist, oder wenn du zweifelst, ob es überhaupt Fakten oder universelle Wahrheiten gibt, lies bitte die zweite Hälfte des Blogbeitrags (nahe Feinde #1) .

Für jeden spirituellen Sucher ist es enorm wichtig zu erkennen, warum es sich um nahe Feinde handelt, und nicht um die Wahrheit selbst, wenn er/sie über den Status eines Anfängers hinauswachsen will, um tief in die (überaus erfüllende) spirituelle Arbeit einzutauchen. Ich möchte hier noch anfügen, dass ein wirklich „naher“ Feind für einen Anfänger ein Verbündeter auf Zeit sein mag. Aber auf einem höheren/tieferen Level spiritueller Praxis gibt es kein „nahe genug“ mehr. Wenn du deine bequemen und wohlgefälligen Selbstbeteuerungen nicht auf dem Altar der Wahrheit opferst, wird dein Fortschritt stagnieren. Nach dieser kurzen Einführung, lass uns auf den nächsten nahen Feind der Wahrheit schauen.


NAHER FEIND #4: NEGATIVE ENERGIE

Zunächst einmal geht es darum festzulegen, was wir mit ‘Energie’ meinen. Es gibt nur eine Definition, die gleichermaßen für physikalische wie auch für spirituelle Zusammenhänge gilt: ‚die Kraft (power), Arbeit zu verrichten’, oder ‚die Kraft zur Transformation’. Was würde im Sinne dieser Definition ‚negative Energie’ bedeuten? Es könnte sich hier nur um eine Kraft handeln, die auf irgendeine Art und Weise deine Energie drosselt, deine Kraft zu arbeiten reduziert – dies gilt für physikalische, emotionale oder spirituelle Arbeit. Manche Leute glauben, dass andere eine derart schändliche Kraft besitzen: Verbringt man Zeit mit solchen ‚negativen Menschen’, so schwindet deine prāṇa-śakti, also deine Lebens-Energie.

Ich behaupte, dass solche Annahmen falsch sind. Der Grund dafür, dass du dich durch manche Menschen ausgelaugt fühlst, besteht darin, dass du keine gesunden Grenzen für dich selbst ziehst, und das erschöpft dich. Diese geänderte Deutungsweise ist ganz wesentlich für unser spirituelles Leben: anstatt jemand anderes zu beschuldigen, dass er/sie uns ‚auslaugt’, übernehmen wir selbst die Verantwortung dafür, dass wir uns erschöpft fühlen wenn wir  ihm nicht die Wahrheit sagen. Wie z.B.: „Es tut mir leid, aber ich habe gerade jetzt weder die Zeit noch die Energie um dir zuzuhören“, oder „Ich bin dir wirklich verbunden, aber ganz ehrlich, ich brauche gerade etwas mehr Abstand in dieser Beziehung“, oder was auch immer gerade der Wahrheit entspricht. Du selbst entscheidest, wie viel Zeit du jemandem schenkst. Du entscheidest, ob du eine Grenze setzt oder nicht. Du bist derjenige, der über die eigenen Gefühle spricht und die eigenen Bedürfnisse ehrt, oder eben nicht. Und solltest du jetzt sagen: „Aber ich fürchte, andere werden verärgert sein oder mich verurteilen, wenn ich Grenzen setze und meine wahren Bedürfnisse ausspreche“ – nun, dann ist genau das deine spirituelle Arbeit. Du ehrst dich selbst nicht, wenn du keine gesunden Grenzen ziehst bevor du dich leer und erschöpft fühlst; und ebensowenig ehrst du die andere Person, wenn du ihr nicht die Wahrheit sagst. Sei hier ganz glasklar: Es ist niemals ein anderer Mensch, der dich auslaugt, das bist ganz alleine Du!

Natürlich kann es vorkommen, dass bestimmte Menschen deine samskāras triggern. Und wenn du nicht die emotionale Reife hast, solche samskāras angemessen ‚zu verdauen’, dann fühlt sich das ziemlich ermüdend an. Oder möglicherweise äußert jemand ‚negative Gedanken’, die ablehnend, verunglimpfend oder pessimistisch sind. Neigst du ohnehin dazu solchen Gedanken Glauben zu schenken, dann wird dich solch eine Gesellschaft herunterziehen, und es wäre besser, das zu vermeiden (siehe weiter unten). Wie auch immer, die Verantwortung liegt bei dir. Dein innerer Zustand ist niemals der Fehler von irgendjemand anderem.

Im wörtlichen Sinne gibt es weder ‚negative Energien’, noch gibt es so etwas wie ‚Energie-Vampire’. Letzteres bezieht sich auf ein bedürftiges menschliches Wesen das gewillt ist, alles zu nehmen, was du geben willst. Es besteht kein Grund denjenigen deshalb zu dämonisieren. Dein Job besteht darin, deine Ressourcen zu achten, nicht seine. Allerdings ist es völlig O.K. so etwas zu sagen wie: „… bitte frag mich doch künftig, wie viel Zeit ich für unsere Unterredung aufbringen kann. Denn ich möchte Dich ungern unterbrechen, um für mich selbst zu sorgen “.

Manche Menschen glauben, sie könnten deine Lebens-Energie durch irgendeine Art ‚schwarzer Magie’ aussaugen. Alle vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass so etwas nur dann Wirkung zeigt, wenn Du daran glaubst (‚Nocebo-Effekt’ als Gegenteil von ‚Placebo-Effekt’).


Doch dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild. Heutzutage wird der Begriff ‚negative Energien’ oft synonym zu negativen Emotionen verwendet. Lass uns dieses wichtige Thema genauer anschauen. Die nonduale tantrische Philosophie argumentiert ohne jede Einschränkung, dass Emotionen nicht negativ sind, nicht schlecht und auch nicht falsch. Punktum!

Es gibt schlichtweg keine negativen Emotionen. Lass uns die Gründe dafür gemeinsam untersuchen:

  1. Es gibt Emotionen, die man nicht gerne spürt.
  2. Es ist manchmal schwer, mit bestimmen Emotionen umzugehen.
  3. Es gibt Emotionen, die scheinen einen leer-zu-saugen.

All diese Emotionen bezeichnen wir fälschlicherweise als ‚negativ’.

Um den letzten Punkt vorwegzunehmen, es sind nicht die Emotionen selbst die uns ermüden, sondern der Umstand, dass wir die Story für wahr halten, die hinter der Emotion steht und sie vielleicht sogar erst erzeugt. Das kann sicherlich überaus kraftraubend sein. Es ist ein ganz gravierendes Energie-Leck wenn wir unseren Gedanken glauben schenken – besonders solchen, die uns entmachten. Gelingt es jedoch, die Geschichte von der Emotion zu trennen, werden wir feststellen, dass die Emotion selbst – unabhängig davon wie ‚negativ’ sie ist – zu einem Gefühl von mehr Lebendigkeit führt. Es ist nur die Story dahinter, die einen erschöpft. Das gilt für alle Beteiligten: Nur dann, wenn man die dahinterstehende Story glaubt („XY hat Schuld dass ich mich soundso fühle“), wird man geneigt sein, die eigene ‚negative’ Emotion jemand anderem anzulasten – meist in Form einer Anklage-Story.

Glaubst du eine Geschichte, und führt sie zu Emotionen von Ärger oder Trauer wie z.B. „er/sie will mich sabotieren“ oder „er/sie liebt mich nicht“, so wird eine Distanzierung von der Story dazu führen, dass die Emotionen sehr schnell abklingen. Werden Emotionen jedoch nicht durch eine Story initiiert, sondern vielmehr durch diese verstärkt, dann wird eine Distanzierung allein wenig Erfolg haben. Z.B. „Ich weiß dass die Annahme ‚er liebt mich nicht’ nicht stimmt, aber ich bin wirklich traurig, dass er nach vier Tagen immer noch nicht angerufen hat“. In so einem Fall ist es notwendig, die Emotion zu ‚verdauen’, um Zugang zu deren Energie und lebensfördernden Kraft zu erlangen. Zu glauben etwas sei ‚negativ’ verhindert diesen Verdauungs-Prozess. Verwirf die Vorstellung, Emotionen seien negativ, falsch oder schlecht. Dann wirst du (möglicherweise) immer noch Aversionen verspüren. Das heißt, du magst es nicht sonderlich, dich traurig oder frustriert, oder wie auch immer zu fühlen. Bestätige dir selbst mit voller Überzeugung: „Es ist O.K., wenn ich mich traurig fühle (oder wütend, oder ängstlich, oder …). Lass die Gefühle an dich heran, lass sie zu. Werde weich, lass die Emotion hinein, und lass sie durch die Mitte deines Seins hindurch ziehen. Dabei wird sie zunächst noch intensiver, dann schwächer; dies geschieht in einer oder in mehreren Wellen. Auf diese Weise beginnst du, die Emotion zu verdauen.

In der Mitte deines Seins gibt es so etwas wie eine ‚Transformations-Station’, eine Art Singularität durch die emotionale Energien hindurch müssen, um entweder integriert oder losgelassen zu werden. Tatsächlich gibt es mindestens zwei solcher Stationen: eine im Bereich des Nabels und eine in der Herzgegend.

Man sagt man in Bezug auf intensive Emotionen manchmal: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll“. Aber es geht gar nicht darum, damit ‚umzugehen’, sondern sie zu verdauen. Das geschieht, indem man die dahinter liegende Story (falls vorhanden) aussortiert, und die Emotionen den ganzen Weg nach innen und durch sich hindurch ziehen lässt.

Wenn es gelingt Emotionen zu verdauen, erhälst Du den direkten Beweis, dass jede Emotion – egal wie ‚negativ’ sie auch sein mag – deine absolute Lebendigkeit fördert und die Lebens-Freude verstärkt. Ein Komödiant (Louis C.K.) stellte einmal fest, wie er seine Traurigkeit verdauen kann: „Ich bin glücklich, dass ich unglückliche Momente leben kann“. Diese Art von Dankbarkeit ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Verdauung von Emotionen.

Wenn du also zugibst, dass keine deiner Emotionen im eigentlichen Sinn negativ ist, so gilt das auch für jeden anderen. Vermutlich fühlt sich das aber ganz anders an, wenn jemand seine emotionalen Energien um sich schleudert oder auf dich richtet! Was dann?

Wir kommen nun zu einem der aufschlussreichsten Aspekte dieser Lehre. Für einen praktizierenden tantrischen Yogi ist ein solcher Fall so etwas wie eine goldene Gelegenheit. Öffne schwungvoll die Türen deines Herzens (Vorder- und Hintertür) und lass all diese Energie durch dich hindurch strömen, erlaube ihr, deine Lebendigkeit zu verstärken! (Zeige vielleicht nicht allzu offensichtlich, wie sehr du das genießt.) Es ist völlig egal, was es ist: Alle emotionalen Energien, sogar Ärger und Hass, verstärken deine prāṇa-śakti. Nimm es als Geschenk. Nun ja, es kann ziemlich hart (oder sogar unmöglich) sein, so etwas als Geschenk zu erleben – wenn du die Story abkaufst, die der andere dir andrehen will. Wenn seine Geschichte dich beschuldigt oder dich runterziehen will, und wenn Du das für bare Münze hältst, dann kann die Energie, auf der diese Geschichte reitet, sich anfühlen wie ein Dolch ins Herz (oder in die Eingeweide). Aber lass es mich kristallklar darstellen: es fühlt sich nicht deshalb schmerzhaft an, weil der andere Mensch dich verletzt (das kann er nicht, weder mit Worten noch mit Emotionen), sondern weil du seiner Geschichte auf irgendeine Art und Weise zustimmst. Jeder Mensch auf dem Weg des Erwachens hat die freie Wahl, einen Gedanken oder eine Story anzunehmen oder zu verwerfen. Auch wenn es sich nicht danach anfühlt, genau das ist es. Und bevor du die Gabe dieser Energien annehmen und verdauen kannst, musst du die Story selbst zunächst einmal in Frage stellen bzw. verabschieden. Und das ist harte Arbeit!

Ein Freund von mir sagt – sobald seine Freundin ihn böse oder unglücklich anschaut: „Oh-oh, nerve ich dich?“. Eigentlich steht dahinter: „Bist du sauer weil ich etwas getan oder unterlassen habe?“. Dies ist ein recht anschauliches Beispiel, denn würde sie ihm sagen, dass er nervt, würde er das glauben und leiden, und eine ausgefeilte Verteidigungs-Strategie aufstellen, eine Kampagne um ihr (ebenso wie sich selbst) zu beweisen, dass er weder nervt noch zum Kotzen ist. All das bedarf einer ganzen Menge an Energie, und sowas laugt aus. Was wäre wenn er / ich / du diese ganze impulsive Selbstreferenz aufgeben könnten; dieses ganze Zerlegen und Auseinander-Pflücken anderer Leute Urteil. Wenn wir stattdessen eine Haltung liebevoller Anteilnahme kultivieren könnten („Ich frage mich, welches ihrer Bedürfnisse ich nicht gesehen habe? Vielleicht kann ich es jetzt sehen, oder ihr zumindest den Raum geben, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, ohne dass sie mich beschuldigt“). Dann kann etwas wunderbares und magisches geschehen: Der andere Mensch kann seine Emotionen verdauen, und als Ergebnis entsteht eine größere Möglichkeit für Verbindung. Eh Voilà! Wenn wir so geduldig und vernünftig sind, die Emotionen des anderen ebenso wie die eigenen durch uns hindurch fließen zu lassen, dann wird mehr Liebe in dem Raum zwischen uns erblühen. Liebe entsteht nicht ‚trotz’ ‚negativer Emotionen’, sondern eben weil wir sie akzeptieren. Es gibt immer eine Möglichkeit für tiefergehende Intimität.

[ Ich sollte hier anmerken: Auch wenn man dem Ärger oder den boshaften Worten eines Gegenübers nicht Glauben schenkt, so ist dies dennoch schmerzhaft. Wenn du wahrhaftig nicht an die dahinter liegende Story glaubst, dann besteht dieser Schmerz aus dem ganz natürlichen Kummer darüber, dass die andere Person dermaßen verletzend agiert, dass sie/er nicht in der Lage ist, freundlich oder respektvoll zu sein, und dich sogar absichtlich verletzen will. Es liegt an dir, solch einen Kummer zu verdauen, und manchmal mag es besser sein, von einer derartigen Beziehung Abstand zu nehmen, die mehr Schmerz oder Kummer erzeugt, als du verdauen kannst. ]


Wir haben nun erörtert, dass es so etwas wie negative Energien nicht gibt: Nicht in dir, nicht in anderen. Auch wenn jemand seine Emotionen nicht mag und sie auf dir abladen will (zusammen mit der Story, die dies für ihn rechtfertigt), so ist das eine Gabe. Ein Geschenk, wenn du emotional stark genug bist, diese Energien anzunehmen und den ganzen Weg durch dich hindurch passieren zu lassen. Und falls du irgendeinen Aspekt der Story für wahr hältst (was dazu führen kann, dass emotionale Energie irgendwo ins Stocken gerät, meistens in einem Chakra, was meistens schmerzhaft ist), so ist auch das ein Geschenk. Wie das? Weil du auf deinem spirituellen Weg jede Lüge und Falschheit an die du noch glaubst, erkennen musst, bevor du sie auflösen kannst. Und denk daran, die Geschichten über dich können dich nur dann anfechten, wenn du daran glaubst. In diesem Fall verletzt du dich selbst. Möchtest und musst du nicht im Grunde genommen deinen selbst-beschränkenden Glaubenssätzen begegnen, damit du sie angehen und lösen kannst?

Demnach ist es für einen Tāntrika nicht nötig, sogenannten negativen Energien oder sogenannten negativen Menschen aus dem Weg zu gehen. Alle menschlichen Interaktionen sind energiegeladen und Gaben, die Ermächtigung ermöglichen. Allerdings ist es auch unnötig und unangemessen, solche Interaktionen zu suchen oder herbeizuführen. Warum? Weil der ‚Energie-Körper’ (besser gesagt, der subtile innere emotionale Körper), ebenso wie der physische Körper, eine Obergrenze der Belastungsfähigkeit besitzt. Wenn du es übertreibst, wirst du irgendwann keine weiteren emotionalen Energien mehr verdauen können, und dein Körper wird verletzt und erschöpft werden. (Aus diesem Grund ist es überaus wichtig, dass du die begrenzte ‚Bandweite’ deiner Grenzen anerkennst!) Im tantrischen Yoga gibt es Praktiken zur Stärkung des Energie-Körpers. Aber auch hier ist es super-wichtig, demütig zu sein und die eigenen Grenzen zu kennen. Denn es kann deine mental-emotional-physische Gesundheit beeinträchtigen, wenn du diese zu oft überschreitest.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie eine negative Person? Jemand, der unablässig nach den Schattenseiten von allem und jedem sucht? Zehrt nicht so jemand ständig andere aus? Ja, aber nur insoweit, als du ihm zuhörst, seine Vorschläge hegst, und seinen Worten und Gedanken folgst. Umso anstrengender ist es für jemanden, der für das eigene Wohlbefinden auf positive Gedanken angewiesen ist, denn diese können durch Bosheit und Zynismus untergraben werden. Aber auch wenn du ein Tāntrika bist, der frei vom Bedürfnis nach positivem Denken ist, und der Energien verdauen kann, auch dann wirst du dich nicht oft dafür entscheiden, solche ‚negativen’ Personen um dich herum zu haben. Denn als Tāntrika sucht man ganz natürlich nach Synergien, nach Beziehungen, in denen wir einander Energie geben, die aus Liebe entspringt – einfach weil es uns so viel Freude bereitet und weil es so nährend ist.


Schließlich, kann ein Ort negative Energien haben? Ich würde sagen nein, mit einigen wenigen Ausnahmen. Die Schwingungen (mir fehlt ein besserer Ausdruck hierfür) eines traumatischen Ereignisses verblassen zumeist relativ rasch. Es scheint so zu sein, dass ein bestimmter Ort so etwas wie negative Energie beherbergt, weil du dich davon gestört oder beeinflusst fühlst. Tatsächlich sind fast immer die psychologischen Assoziationen, die einem Ort zugeschrieben werden, der Grund. Zum Beispiel wirst du dich vielleicht im völlig verschluderten Haus eines anderen Menschen unwohl fühlen, wenn du selbst gerade bei dir im Haus und/oder im Leben Ordnung geschaffen hast. Oder du bist gerade dem Einfluss eines depressiven Elternteils entkommen, und ein Ort triggert deine samskāras entsprechend, sodass du dich leer und ausgelaugt fühlst. Daher vermeide solche Orte, solange dein Emotional-Körper nicht stark genug ist.

Was ist mit bösartigen oder übelwollenden Geist-Wesen? Sind diese real? Die tantrische Tradition besagt, dass es unzählige nicht-körperliche Wesen überall gibt. Aber darum musst du dir keine Sorgen machen, denn ebenso wie bei menschlichen Wesen wird es hilfreiche und streitbare Geister geben, die große Mehrheit aber schert sich überhaupt nicht um dich.

Sollte man vor einer spirituellen Praxis einen Raum von nicht-körperlichen Wesen reinigen? Die tantrische Tradition lehrt eine tägliche Reinigung, und diese Praxis kann effektiv und wohltuend sein, egal ob Geister oder andere Kobolde in der Gegend sind oder nicht. (Es gibt ein Video dazu in meiner englischsprachigen, geschlossenen Facebook Guppe „Tantrik Yoga Now“.)

Als letzten Punkt, gibt es wirklich böse Menschen? Das hängt von deiner Definition für ‚böse’ ab. Wenn du damit meinst: „Menschen, die so geschädigt sind, dass sie quasi nichts Gutes bewirken können, und deren Handlungen überwiegend schädlich sind,“ dann ja. Ich selbst würde sie nicht als böse bezeichnen. Tragisch, ja. Böse, nein. Ich erinnere an die Maxime: jede/r von uns tut dasselbe wie ich und du, immer: Jeder versucht den eigenen Bedürfnissen auf die ihm bestmögliche Weise gerecht zu werden. Wenn jemand nur manipulative und/oder gewalttätige Strategien zur Verfügung hat, so ist das tragisch und bedauernswert. Solche Leute verdienen Mitgefühl, nicht Verurteilung. Aber Achtung, Mitgefühl bedeutet keineswegs Nachgiebigkeit oder Billigung.


Die freudvolle Krönung des spirituellen Lebens auf dem tantrischen Weg gipfelt in dem Augenblick, wenn der ‚Energie-Körper’ so kraftvoll ist, dass es nichts mehr zu fürchten oder zu vermeiden gibt, keine Situation, Person oder Ort. Dies ist zutiefst befreiend! In der Tat, das ist die Befreiung selbst.

Möge jede/r der diesen Beitrag liest, einen kraftvollen Energiekörper hervorbringen, und für immer frei werden von der Sklaverei der Angst!

tathāstu!  Śivo’ham! iti śivam!


© Christopher Hareesh Wallis, September 8, 2017
Englischer Originalartikel hier!

Mit freundlicher Genehmigung übersetzt aus dem Englischen 08.2019 von: Brigitte Heinz· Lektorat: D.

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Warum Sanskrit Mantras?

8. September 2019

Warum rezitieren wir z.T. 3.000 Jahre alte Mantras aus einer anderen Kultur in einer „toten“ Sprache? Warum zieht mich die Yoga-Philosophie so an? Warum kommt mir vieles so vertraut vor?

Ich habe gefühlt schon immer mit Freude Sanskrit Mantras gechantet und lausche gerne Kirtan-Gesängen und -Konzerten. Inzwischen kenne ich viele Mantras, bei den meisten auch die deutschen Übersetzungen; und die Teilnehmer meiner Yoga-Klassen machen mit mehr oder weniger Begeisterung meistens mit. 😉

Die alten Yoga-Schriften wurden in Sanskrit verfasst, und für mich ist Yoga ein Gesamtpaket aus Asanas, Philosophie, Meditation, Mantras und Atemübungen (Pranayama). Gerade im tantrischen Yoga ist der „Laut“ (Phonem), das Wort oder die Silbe als Mantra sehr wichtig. Jeder Laut hat seine Bedeutung und im Zusammenspiel sind diese Mantras so etwas wie ein Gebet. Sogar die Aneinanderreihung des Sanskrit Alphabetes mit 50 Lauten ist ein eigenes Mantra mit Namen „matrika“ was soviel bedeutet wie Matrix oder auch kleine Mutter. Sprache selbst wird als heilig erachtet, da die Welt selbst aus Schwingung bzw. Klang entstanden ist. Die Sprache Sanskrit ist buchstabengetreu und wissenschaftlich zugleich, sowohl was das Denken, also die Philosophie angeht, als auch die Mathematik bzw. Algebra.

Als der Yoga in den Westen kam, etwa zur Jahrhundertwende des 19. Jhr., passte dies zur mystische Welle dieser Zeit. Das exotische unbekannte war spannend, aufregend und in den entsprechenden Gesellschafts-Kreisen hoch in Mode. Noch in den 60er Jahren galt Yoga auch deshalb im bürgerlichen Umfeld als gefährlich und sektiererisch. Immer noch ist der Hang zum Esoterischen ungebrochen. Lt. Wikipedia bedeutet Esoterik: „bestimmte religiöse, mystische oder philosophische Riten, Ideen und Gebräuche, die nur für Eingeweihte (geistig) zugänglich sind“. Insofern können wir heute kaum mehr von Esoterik sprechen wenn es um Yoga geht. Denn das ehemalige Geheimwissen für gebildete, männliche Menschen der höchsten indischen Kaste ist inzwischen für jede/n zugänglich, die/der sich dafür interessiert. Hinzu kommt, dass unsere Kultur bzw. unsere Religionen oft unzureichende Antworten auf die Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod bieten.

Die Menschen sehnen sich nach Sinnhaftigkeit, nach Versprechen von Erleuchtung, Befreiung, ewigem Leben – und suchen dies zuweilen im Fernen Osten. Nicht zuletzt weil der Sanskrit-Begriff „bhoda“ im deutschen mit „Erleuchtung“ übersetzt wurde. Dieses Wort beinhaltet so etwas wie: man legt einen Schalter um und Schwups ist die Welt hell und klar, man weiß alles, das Leben ist leicht und licht und das Ziel ist erreicht.

So einfach ist es natürlich nicht. Bhoda heißt wörtlich übersetzt eher so etwas wie „gewahr sein, wach sein für die Realität“. Das klingt schon gar nicht mehr so verlockend. Wenn ich nun noch berücksichtige, dass im englischen „Enlightenment“ für das Zeitalter der Aufklärung steht, nähern wir uns dem eigentlichen Sinn des Wortes. Aufklären, Erklären, Erkennen und Erwachen, das viel genutzte Wort „bewusst-Sein“ ist eher etwas Aktives und noch dazu anstrengend, denn es erfordert Aufmerksamkeit und Disziplin.

Philosophie heißt übersetzt „Liebe zur Weisheit“. Es ist der Versuch, die Welt und die eigene Existenz zu ergründen, zu erklären und dadurch vielleicht auch zu erleichtern.

Europas Wurzeln gründen auf dem Mystizismus der Naturvölker, die die Welt anhand von Omen und Weissagungen erklärten; gefolgt vom Hellenismus der Griechen und Römer, die in ihrem Pantheon eine Vielzahl an Göttern als überhöhtes Spiegelbild der Menschen verehrten; und später stark beeinflusst von semitischen Strömungen, die dann zu den drei großen monotheistischen Religionen von Islam, Judentum und Christentum führten.

Die Philosophie der Antike war größtenteils auf (alt)griechisch bzw. später auf lateinisch verfasst. Letztere ist heute fast ebenso eine „tote“ Sprache ist wie Sanskrit. D.h. Latein wie auch Sanskrit haben sich über mehr als 3.000 Jahre kaum verändert und die Gelehrten aller Zeiten konnten und  können sich bis heute untereinander in dieser Sprache verständigen. Mein Vater erinnert sich noch an komplett auf Latein gehaltene Messen, und auch in meiner Kindheit wurden einige Texte und Lieder in der Kirche in dieser Sprache rezitert. Leider hat die Kirchengeschichte mit ihrem Dogmatismus, den Kreuzzügen und Hexenverfolgungen sicher nicht nur bei mir dem Lateinischen einen unangenehmen Beigeschmack verliehen. (Dank Asterix & Obelix hat sich meine Abneigung hier etwas gelegt, und ich hatte das Glück, eine nette Latein-Lehrerin zu haben.)

Doch zurück zu meiner Ausgangsfrage, warum Sanskrit Mantras? Und wieder lande ich bei der Geschichte, diesmal noch viel weiter zurück. Soweit mir bekannt ist, haben wir Europäer und zumindest die hellhäutigeren Einwanderer, die von Norden her Indien „eroberten“, gemeinsame „indo-germanische bzw. indo-europäische“ Wurzeln. Man vermutet ein Volk im südlichen Russland bzw. im Norden des heutigen Irans, dass sich einerseits über den Kaukasus Richtung Indien ausgebreitet hat, und andererseits eben nach Europa zog. Daher stammt wohl auch der Begriff „kaukasische Gesichtszüge“ was auf viele Europäer zutrifft. Als die gebeutelten Ahnen dann endlich die kargen Landschaften und schroffen Gebirgszüge des Kaukasus überwunden hatten und ins fruchtbare Punjab (Nordindien) gelangten, wähnten sie sich als von den Göttern gesegnet, der Begriff „Arier“ bedeutet übrigens in etwa dieses – was durch den entsetzlichen Mißbrauch in unserer Geschichte leider zu den vielen „verbrannten“ Wörtern im deutschen Wortschatz zählt.

Vielleicht sind es diese gemeinsamen Wurzeln, die einerseits zu einer immer noch nachvollziehbaren Verwandtschaft der Sprache, andererseits und viel wichtiger noch: zu einer vergleichbaren Art zu denken führte. Denn es ist gar nicht so selbstverständlich, dass die Menschen auf der Welt ähnliche Gedankengänge und -zusammenhänge denken. Bekannt ist vielleicht, dass es in der Mathematik neben unserem 10er Dezimalsystem auch 6er (Hexalsystem), 12er  und 16er (Hexadeszimalsysteme), vielleicht auch weitere gibt.

Entsprechend unserer Schreibweise, von links nach rechts oder umgekehrt (z.B. im Arabischen) ordnen wir Vergangenheit und Zukunft auf einem Zeitstrahl an, also von links nach rechts oder umgekehrt. Im indonesischen Raum gibt es Menschen, die die Vergangenheit vor sich verorten, und die Gegenwart hinten. Australische Ureinwohner kennen kein rechts und links, sondern ordnen alle Dinge im Raum automatisch den Himmelsrichtungen zu. Unterschiedliche Denkstrukturen zeigen sich in Bezug auf Zeit- und Raumangaben, auf Familienzugehörigkeit und gesellschaftliches Selbst-Verständnis.

Wir denken in Sprache, Sprache bestimmt das Denken; sie beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen (diese Idee ist uralt, z.B. von Humboldt: „Denken ist eine Ansammlung linguistischer und nichtlinguistischer Prozesse“). Worte sind mit Bildern und Emotionen verknüpft, das nennt man Framing. Wenn Menschen grundverschieden sprechen, dann denken sie auch unterschiedlich. Vielleicht ist mir Yoga deshalb „vertraut“, weil Sprache und Denkweise die gleichen Wurzeln haben.

Nicht zuletzt hat es von der Antike bis zum Mittelalter einen regen Austausch von Gedanken zwischen den Kulturen der bekannten Welt gegeben. Austausch führt zu Verstehen, Verständnis zu einem solidarischeren Miteinander – all dies ist hochaktuell und dringend nötig!

Nun genug der Geschichte und Infragestellungen:
Lange Rede, kurzer Sinn: Mantras tönen macht (mich) einfach glücklich!

Ein Beitrag von Brigitte Heinz, Yogalehrerin YA und Anusara Elements im Openlotus


Quellen und Inspiration: Christopher Wallis, Hareesh: Einführung in die Sprache Sanskrit – kultureller Hintergrund – Patreon-Beitrag 2019; Internet; Geschichts- und Philosophie-Unterricht und viele Bücher; „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder; uvm.

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Definitionen von „Yoga“

9. August 2019

Der Begriff  „Yoga“ hat sich in den Schriften von vor-tantrischer zu tantrischer Philosophie gewandelt.
Ein Vergleich anhand von Übersetzungen vom Sanskrit-Original ins englische durch Hareesh Christopher Wallis …


Vor-tantrisch

• „Yoga ist der Zustand in dem mental-emotionale Wirbel in der Stille ruhig geworden sind.“ ODER „Yoga ist ein [temporärer] Stillstand von Gedanken und Emotionen“ – Yoga-sūtra 1.2

• „Yoga ist die Vereinigung des Selbst mit Gott“ (ātmeśvara-saṃyogaḥ yogaḥ) – Pāśupata-sūtra

• „Yoga ist der direkte Weg um die Realität wahrzunehmen“ – anonymes antikes sūtra, welches im Brahma-sūtra-bhāṣya 2.1.3 zitiert wird (Vedānta)

• „Wenn sich der Geist im Selbst auflöst, gibt es weder Freude noch Schmerz für den, der verkörpert ist. Das ist Yoga.“ – Vaiśeṣika-sūtra 5.2.17

• „Man sagt, Yoga ist Gleichmut.“ – (samatvam yoga ucyate, 2.48) / „Yoga ist Geschick im Handeln“ (yogaḥ karmasu kauśalam, 2.50) / „Yoga ist die Trennung der Verbindung zum Schmerz“. (duḥkha-saṃyoga-viyogaṃ yoga-saṃjñitam) – drei Definitionen aus der Bhagavad-Gītā

Tantrisch

• „Das Wort ‘yoga’ bedeutet nirvāṇa, die Ebene von Śiva.” – Lingapurāṇa 1.8.5

• „Yoga gilt als das Einssein eines Wesens mit einem anderen.“ – Mālinīvijayottaratantra 4.4

• „Yoga ist das Erreichen von Identität mit JENEM („That“ = das [universelle/göttliche] was ist) – Svacchanda-tantra-uddyota 6.45

• „Ein Yogi zu sein bedeutet Meisterschaft über sich selbst“. – Mṛgendra-tantra YP 2a

• „Der Begriff Yogi bedeutet ‚einer der unbedingt mit der Manifestation seiner [wahren] Natur verbunden ist’, mit anderen Worten, der Śiva-Zustand … als die unveränderliche Begleiterscheinung der Meisterschaft seiner selbst.” – Mṛgendra-tantra-vṛtti Yoga-pāda 2a

• „Yoga entspringt [spontan] aus der Verbindung mit Śakti, oder Yoga entsteht durch das Erlangen von *samādhi*, oder Yoga ist das Vertiefen [samāveśa] in Gott, welches entsteht aus der Kontemplation über Seine Natur.” – Parākhya-tantra 14.98-99

• „Yoga wird definiert als die Vereinigung der vielen Gegensätze [wie z.B.] die Vereinigung von Ein-Atem und Aus-Atem, von Sonne und Mond, [oder] des individuellen Selbst mit dem höchsten Selbst.” Gorakṣa Nātha’s Yogabīja 89-90

• „Ein Yogi ist jemand, der/die die gegenseitige Vereinigung von Ein-Atem [prāṇa] und Aus-Atem [apāna] erlangt hat.” Raviśrījñāna’s Guṇabharaṇī (Tantrischer Buddhist)

• „Yoga ist das Erfassen, dass Śiva und das Selbst nicht voneinander unterschiedlich sind.” – Śāradā-tilaka 25.2

• „Yoga ist das Wissen über das ursprüngliche Sein.” – Śāradā-tilaka 25.3

In dem antiken Sanskrit Lexikon mit dem Namen Amarakośa werden fünf verschiedene Bedeutungen gegeben:

3.3.371: yogaḥ saṃnahanopāya-dhyāna-saṃgati-yuktiṣu.

1. Vorbereitung für den Krieg (Anjochen der Pferde an die Streitwagen), 2. Mittel/Methode, 3. Meditation (dhyāna), 4. Union/Eins-sein, 5. Logische Beweisführung / Anwendung einer Technik.

Weitere Bedeutungen werden in der Śabda-ratna-pradīpa 1.51 hinzugefügt:
*yogo jātir viśeṣaś ca saṃyogo yoga ityapi / yogaś cāgāmilābhaḥ syāt samādhir yoga ucyate.*

1. Eine besondere Art von Geburt, 2. Union, 3. zukünftige Errungenschaften und 4. Meditative Vertiefung (samādhi).


Englischer Text bzw. Übersetzung aus dem Sanskrit von © 2019 Christopher Wallis. Use freely with credit.
Link  zum Original in moderierter Facebook-Gruppe „Tantrik Yoga Now“

Übersetzung aus dem englischen von Brigitte Heinz, Lektorat Eva Ananya. Zum freien Gebrauch bei Nennung des Autors. Mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh, Christopher Wallis.

Link zu einem A4-Blatt zum Ausdruck hier.

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Realität versus Interpretation

29. Juni 2019

Erfahrung vs. Interpretation

(Realität erster Ordnung versus Realität zweiter Ordnung)

Diesen Beitrag findest Du auch als Audio-File in unserem Podcast, hier!

Realität der ersten Ordnung definiere ich (Christopher Hareesh Wallis) als das was wir erleben bevor wir dazu einen Gedanken gefasst oder es interpretiert haben. Unsere Interpretationen sind Realität zweiter Ordnung. Interpretationen, Geschichten, Erzählungen oder mentale Denkrahmen sind gewissermaßen Mittel anhand derer wir unser Erlebtes uns selbst und anderen gegenüber darlegen. Alles was wir in Worte fassen können ist automatisch eine Realität zweiter Ordnung. Es ist eine Darstellung unserer Erfahrung.

Realität der ersten Ordnung ist das was ist (Präsentation), die Realität der zweiten Ordnung ist unsere Darstellung dessen was ist (Re-Präsentation). Wenn wir es ein wenig genauer strukturieren wollen, so tritt die erstrangige Realität in Form von Gefühlen, Bedürfnissen und Werten auf (im Sinne von menschlichen Erfahrungen). ‚Wert’ ist hier nicht gleichzusetzen mit ‚Glauben/Überzeugungen/Ansichten’, letztere gehören zur zweiten Ordnung. Mit Wert ist hier eine Art instinktives Spüren gemeint, ein Wissen darüber, was in jedem einzelnen Augenblick für dich von Bedeutung ist.

Einiges davon taucht häufig auf, manches oft und immer wieder, dann formen wir daraus Glaubensvorstellungen, die das wahrgenommene Muster als für uns wichtig einordnen. Ich möchte behaupten dass etwas, das uns ein sehr wichtiges Anliegen ist, Teil unserer Realität erster Ordnung ist.

Du erlebst eine Emotion, diese ist vielleicht mit einem Sehnen oder einem Bedürfnis nach etwas verknüpft; jedes Bedürfnis ist eine Form von Sehnsucht. Also sehnen wir uns nach etwas, oftmals ist das der Wunsch nach Gemeinschaft. Beziehungen sind ein natürlicher Teil menschlicher Verkörperung von Bewusstsein, wir sehnen uns danach – nicht immer, aber immer wenn wir sie nicht erleben. Und so ist die Verbindung mit anderen Menschen etwas das Wert für dich hat, das dir wichtig ist.

So können wir solche Erfahrungen haben: eine Emotion, ein Bedürfnis, Wertvorstellungen, diese können miteinander verknüpft sein. Zusammengenommen können sie Teil der Realität erster Ordnung sein, wir nehmen sie wahr noch bevor wir einen Gedanken dazu formulieren. Du kannst dich nach einer Beziehung sehnen noch bevor du darüber nachgedacht hast. Dieses Gefühl ist nicht Produkt deiner Gedanken. Es mag durch Gedanken verstärkt werden, oder gerechtfertigt, oder interpretiert, oder erklärt; aber es kann da sein bevor du daran denkst.

Es gibt eine ganze Reihe von Emotionen die stattfinden können, bevor du sie benennst. Und es gibt bestimmte Emotionen, die nur aufgrund von bestimmten Gedanken existieren. Ein simples Beispiel dafür wäre Neid oder Eifersucht. Beide sind häufig das Produkt von Gedanken über eine Situation auf eine bestimmte Art und Weise. Es sind ganz sicher diese Art von Emotionen die wegfallen, wenn wir eine radikale Form des Erwachens erleben.

Erwachen ist die Fähigkeit der Unterscheidung

Eine zentrale Eigenschaft dessen was wir Erwachen oder Erleuchtung nennen, ist eben diese Fähigkeit: zwischen der Realität erster und zweiter Ordnung unterscheiden zu können; unsere Fähigkeit, den Unterschied zwischen Erlebten und dessen Interpretation zu erkennen.

Diese Lehre behauptet nicht, dass die zweitrangige Ordnung der Realität ungültig wäre. Deswegen heißt es ja „Realität“, es ist real! Unsere Darstellungen und Interpretationen unserer Erfahrungen sind sehr wohl real in ihrer Funktion als Stellvertreter. Denn sie können niemals die ganze Totalität unserer Erfahrungen erfassen, mit allen Nuancen, ihrer ganzen Komplexität oder Subtilität. Aber nichts desto trotz sind sie völlig real. Es kann recht anspruchsvoll werden, dies näher zu besprechen.

Es gibt LehrerInnen, eine davon ist Byron Katie, die beharrlich daran arbeiten, Menschen darin zu unterstützen, ihre emotionalen Anhaftungen an ihre Interpretationen und Geschichten zu lösen; was ein durchaus geeigneter und wichtiger Teil spiritueller Vorhaben ist. Aber dieser Weg endet in einer spirituellen Sackgasse. Wir lassen hierbei unsere eigenen Interpretationen von Erleben genauso unberücksichtigt wie die der anderen. Das führt häufig dazu, dass wir unsere Interpretationen von Erfahrungen gegenseitig abwerten.

Hingegen erfordert die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen Realität erster und zweiter Ordnung – zwischen Erleben und Interpretation – eben nicht, dass wir die Interpretationen anderer entkräften oder ablehnen. Es verlangt von uns, sie als genau das zu betrachten was sie sind. Wenn wir genau hinsehen entdecken wir, dass jede Interpretation nicht nur aus dem Anteil der Erfahrung besteht, die es vorgibt zu deuten, sondern aus viel mehr. Nämlich aus unseren Meinungen, die auf der Gesamtheit unserer Konditionierungen und vergangenen Erfahrungen basieren und davon abhängig sind.

Wenn es also darum geht, irgendeinen Moment unserer Wahrnehmung zu benennen, so ist dies eine Interpretation die nicht nur ein Bild des Augenblicks zeichnet, sondern auch das unserer sozio-kulturellen Konditionierung, unserer psychologischen Konditionierung und unserer Samskaras. Samskaras sind Eindrücke früherer Erfahrungen in uns, die noch „nicht verdaut“, nicht gelöst sind. Unsere Samskaras sowie auch unsere Konditionierungen beeinflussen die Art und Weise, wie wir jeden Moment unserer Erfahrungen deuten. Konditionierungen durch Eltern und Freunde, durch Medien, Film und Fernsehen beeinflussen zu einem gewissen Teil, wie wir gegebene Erfahrungen einordnen.

Gibt es wahre Gedanken?

Was Interpretationen angeht, so sagen einige Lehrer (wieder wie Byron Katie), dass es keine wahren Geschichten gibt, keine wahren Gedanken. Sie gibt hier ein absolutes Statement; ironischerweise ist der Gedanke, dass kein Gedanke wahr ist, ebenso ein Gedanke – und somit ein Widerspruch in sich. Andere Lehrer wie z.B. Adyashanti versuchen diesen Widerspruch aufzulösen indem sie sagen: kein Gedanke ist absolut wahr. Ich erinnere mich an eine Situation als Adyashanti sagte, dass es so etwas wie einen wahren Gedanken nicht gibt, und er hat dies sogleich korrigiert. Ähnlich wie in seinem Buch „Way of Liberation“ sagt er: manche Gedanken sind wahrer als andere, aber kein Gedanke ist absolut wahr. Damit verändert er seine Aussage dahingehend, dass einige Interpretationen unserer Erfahrungen zutreffender sind als andere.

Manche Interpretationen weisen entweder auf eine individuelle Erfahrung hin oder auf eine universelle. Manchmal bezeichnen wir letztere als „spirituell“ – es gibt weder spirituell noch nicht-spirituell. Aber wir nennen solche Einblicke in universelle Erfahrungen spirituell im Gegensatz zu individuellen Erkenntnissen. Wir gehen davon aus, dass Einblicke in unsere individuellen Erfahrungen eine andere Qualität haben, einen anderen Charakter, als Einblicke in universelle Erfahrungen. Das trifft in gewisser Weise auch zu, aber das eine ist nicht mehr wahr als das andere, es ist lediglich universeller.

Unabhängig davon werden einige Gedanken, Geschichten oder Erzählungen so ausgeführt, dass sie möglichst effektiv Menschen dahingehend unterstützen, dass sie Verbindung mit ihren Erfahrungen aufnehmen können, unabhängig davon ob diese individuell oder universell sind. So würden wir sagen, dass diese Gedanken wahrer sind in dem Sinne, dass sie effektiver sind. Wahrheit bedeutet hier demnach effektiver darin zu sein anderen zu helfen Verständnis, Sympathie und  Einfühlungsvermögen für die eigene Wahrnehmung zu erfahren und mit ihr im Einklang zu sein.

Wenn nun jemand versucht ein ganzes Erfahrungsspektrum darzustellen, z.B. wenn wir eine Bewertung einer anderen Person vornehmen, eine Einschätzung seiner Themen, seiner Psyche oder was auch immer, dann tun wir selbstverständlich nichts anderes, als Aspekte unserer eigenen Erfahrung in Bezug auf diese Person zu vertreten. In diesem Sinne ist jede Diagnose, die du jemand anderem stellst, indirekt auch über dich.

Es gibt diese alberne Populärkultur-Idee „Was immer du über jemand anderen sagst gilt auch für dich selbst“. Nein, so einfach ist es nicht. Vielmehr gilt, welche Beurteilung oder Diagnose du über jemand anderen fällst, ist (und kann nicht anders sein), basierend auf deiner Erfahrung mit dieser Person. Tatsächlich ist es eine Geschichte über deine Erfahrung mit dieser Person. Und wie jede Geschichte ist auch diese beides, wahr und falsch zugleich, je nachdem wie man sie betrachtet.

Jede Geschichte ist wahr und falsch zugleich

Wenn du so etwas wie eine Analyse über dich selbst oder jemand anderen verfasst, so ist jeder einzelne Satz mit deiner gelebten Erfahrung auf irgendeine Weise verbunden. Jede Geschichte ist ganz unausweichlich eine Verzerrung – und in diesem Sinne falsch. Eine Geschichte, Interpretation oder Erzählung ist unvermeidlich eine Verfälschung in mehrfachem Sinn, zum einen weil sie fragmentiert ist und nur einen Teil erzählt. Du kannst niemals eine vollständige Geschichte erzählen, weil es unmöglich ist jede einzelne Nuance der Erfahrung zu berücksichtigen. Deine Geschichte wird immer nur ein Fragment sein. Jemand anderes, der dasselbe Ereignis erlebt hat, wird eine andere Geschichte erzählen weil er/sie sich auf ein anderes Detail fokussiert. In diesem Sinne ist jede Geschichte verfälscht.

Zum anderen entsteht eine Verzerrung durch den ‚Dreh’, die Richtung, die unsere Gedanken in Bezug auf jedes einzelne Ereignis, auf eine Reihe von Ereignissen oder auf die Dynamik zwischen Menschen nehmen. Dieser Dreh wird durch unsere Samskaras, die Gesamtheit unserer vergangenen Erfahrungen, in Gang gesetzt ebenso wie durch unsere Konditionierungen. Jede Geschichte oder Interpretation ist auf diese beiden Arten verzerrt: weil sie unvollständig ist und weil sie verdreht ist. Wir können nicht anders, wir müssen ‚ver’-drehen. Wenn wir Geschichten erzählen sind wir alle „Spin Doctors“, also Tatsachenverdreher. Wir erzählen zwar die Geschichte unserer Erfahrungen, aber unser Verständnis der Erfahrung wird tiefgreifend beeinflusst durch alles das, was wir bis zu diesem Punkt je gedacht, geglaubt oder erlebt haben.

Ich möchte hier herausstellen, dass dies eines der faszinierendsten Dinge über die Natur des Bewusstseins ist, dass wenn es um die Darstellung von Erfahrung geht, jede einzelne Geschichte darüber gleichermaßen wahr und falsch ist. Falsch wie ich bereits erläutert habe, doch ebenso gut ist sie auch wahr. Denn wenn wir uns mit der Entfaltung unserer Geschichte abmühen, so korrespondiert jeder einzelne Satz mit dem, wie wir uns selbst oder andere darstellen wollen, mit einigen Aspekten unserer gelebten Erfahrung. Das gilt auch, wenn es eine verdrehte Darstellung ist und unausweichlich immer sein muss, selbst dann, wenn wir die besten Absichten haben. Da ist ein Wahrheitswert in allem was wir über unsere Erfahrungen sagen, denn jede einzelne Aussage kann mit einem bestimmten Moment unseres Erlebens verbunden sein. Aber sie ist zugleich eine Interpretation und kann somit nichts anderes sein als genau das.

Der Grund warum einige Lehrer behaupten, dass Gedanken/Geschichten nicht wahr sind ist ganz einfach der, sie versuchen zu erklären, dass zweitrangige Realität nicht dasselbe ist wie erstrangige Realität. Daraus entsteht die Lehre „du bist nicht deine Geschichte über dich selbst“. Jede/r in deinem Leben entspricht nicht deiner Geschichte über sie/ihn. Das Leben selbst ist nicht dasselbe wie deine Geschichte über das Leben. Die Welt ist nicht mit deiner Geschichte der Welt gleichzusetzen. Selbst wenn du sehr starke, kraftvolle und gründlich durchdachte Geschichten erzählst, die Person um die es geht ist nicht  deine Geschichte über sie. Das bedeutet nicht dass deine Geschichte wertlos ist oder dass sie nichts mit der Realität zu tun hat. Natürlich hat sie das. Die Lehre hier ist ganz einfach: wenn du die erste und zweite Ordnung der Realität miteinander verwechselst, dann bist du per definitionem schlafend. Also das Gegenteil von wach. Und wir können in einigen Dimensionen unseres Lebens wach sein, während wir in anderen Dimensionen schlafen. In manchen Bereichen unseres Lebens können wir die erste Ordnung der Realität von der zweiten unterscheiden, in anderen Bereichen bringen wir beides durcheinander. Wenn du so handelst als wäre eine Person in deiner Geschichte mit dieser gleichzusetzen – im Sinne von: deine Geschichte sei wahr oder eine wahre Beschreibung – dann verwechselst du die Realitäten erster und zweiter Ordnung. Und doch, wenn wir unsere eigenen Geschichten oder die von anderen unberücksichtigt lassen, so es ist ein spirituelles ‚Ausweichen’ (spiritual bypassing).

Eine Geschichte ist immer eine Interpretation

Jemand mag eine Geschichte über uns erzählen, die uns nicht gefällt und wir sagen: „Ich bin nicht deine Geschichte über mich“ und das ist absolut wahr! Aber es ist ebenso wahr, dass seine Geschichte auf etwas hinweist oder ein Versuch ist, reale Aspekte seiner Erfahrung mit dir aufzuzeigen. Und das sollte nicht zurückgewiesen werden, auch das wäre spirituelles ‚Ausweichen’.

‚Erwacht sein’ beruht zum Teil auf der Fähigkeit, in unserer inneren Wahrheit zu ruhen. Du weißt instinktiv, dass du nicht deine eigene Geschichte bist oder die Geschichte eines anderen über dich. Wenn du das verinnerlicht hast ist es nicht nötig, die Geschichten anderer abzuwerten. Nur wenn du dich erst selbst noch davon überzeugen musst, dass du nicht die Story über dich bist, dann gerätst du in eine Abwehrhaltung und Verleugnung. Wenn du aber weißt, dass du nicht ihre Geschichte bist, kannst du ihrer Geschichte über ihre Erfahrung mit dir zuhören. Ihr Bild von dir mag nicht in dein Selbstbild passen, aber das macht es nicht weniger wahr. Es ist insofern wahr, als es auf Aspekte hinweist, die vielleicht fragmentarisch, ganz sicher verzerrt durch ihre Konditionierung sind; aber dennoch zeigen sie Aspekte ihrer gelebten Erfahrung in ihrer Beziehung zu dir auf.

Ein Problem in unserem aktuellen kulturellen Diskurs ist, mit Verlaub, dass die meisten Menschen nicht wirklich den Unterschied zwischen erster und zweiter Ordnung der Realität verstehen. Die meisten Leute werden das Infragestellen ihrer Geschichte als einen Versuch zur Abwertung ihrer eigenen Erfahrung ansehen. Zum Beispiel erzählt jemand seine Geschichte über irgendein Thema (bsp. gegenwärtiges politisches Szenario) und dann stellst du diese Geschichte in Frage. Gesetzt den Fall, dass derjenige die Beziehung zu seiner erlebten realen Geschichte mit Emotionen aufgeladen hat, so wird er/sie gegenüber dem Umstand, dass du seine/ihre Interpretation infrage stellst, so reagieren, als ob du die Erfahrung selbst anzweifelst. Das geschieht ziemlich oft bei zwischenmenschlichen Angelegenheiten, kann aber überall dort passieren wo man Interpretationen hinterfragt. Und Interpretationen sind immer fragwürdig. Das bedeutet nicht, dass es dein Job ist, ständig zu hinterfragen. Dies ist nur dann möglich, wenn darüber Konsens besteht. Auch wenn die Frage aus einem allgemeinen Interesse entspringt, der Wissbegierde, was hinter den Dingen steht. Nochmal, das Einverständnis für diese Art von Konversation ist unabdingbar. Wenn dein Liebster/deine Liebste dir seine/ihre Geschichte erzählt und du zweifelst diese ohne sein/ihre Einwilligung an, wird das schiefgehen, auch wenn die Frage an sich berechtigt sein mag.

Gaslighting

Wir haben heutzutage ein Problem, einen relativ neuen Diskurs: „Gaslighting“*. Wenn jemand die Interpretation einer Erfahrung auf eine solche Weise infrage stellt, dass der andere der eigenen Erfahrung nicht mehr traut, so nennt man das Gaslighting. In seiner schlimmsten Form bedeutet es, die Saat des Zweifels im anderen zu sähen und zu implizieren, der andere sei verrückt. Es ist wichtig, wach und aufmerksam zu sein, für die Winkelzüge mit denen wir unsere Beziehungen selbst untergraben.

Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen dem Infragestellen jemandes Interpretation der Erfahrung aus Neugier und Sorge im Gegensatz zu einem Hinterfragen der Interpretation als manipulativer Versuch systematisch das Vertrauen der Person in die eigenen Überlegungen oder Gedankenprozesse. Gaslighting ist ein manipulativer Akt. Es geht darum, die eigene Position auf Kosten des anderen zu verstärken, um irgendein gewünschtes Resultat zu erzielen. Oft wird Gaslighting in Beziehungen im Ringen um Macht eingesetzt.

Das ist hier eine sehr feine Grenze die leicht verschwimmt. Als Gaslighting wird manchmal sogar  das Hinterfragen von Interpretationen bezeichnet, auch wenn es sich lediglich um eine Frage handelt. Wir alle sollten sehr umsichtig sein, damit wir nicht unwissentlich diesen Machtanspruch in unserer Beziehung aufstellen. Wir können nachfragen ohne zu manipulieren oder unsere eigene Deutung oder unsere Erfahrung ins Zentrum zu stellen und ohne dies auf Kosten des anderen zu tun. Das erfordert von uns bei diesen schwierigen und subtilen Dingen genau darauf hinzusehen, wo wir gerade stehen. Und manchmal wissen wir das gar nicht. So können wir uns fragen: agiere ich aus einem ehrlichen Wunsch nach Wahrheit, Sorge um mich selbst und die andere Person? Aus Interesse nachzusehen was passiert wenn wie tiefer graben, tief unter die Interpretationen gelebter Erfahrung der erstrangigen Realität die geschieht, bevor wir sie in Gedanken fassen? Was ist lebendig in uns?

Vikalpas

Dies steht in direkter Verbindung zur tantrischen Philosophie. Denn wir haben eine zentrale Vorstellung von ‚vikalpas’ (mentale Konstrukte), die unter anderem die Geschichten sind, die wir über unsere Erfahrungen weben. Diese Einladung gilt nicht nur für Tantra, sondern für alle Formen von Yoga: lernen, die erstrangige Realität zu erleben und von der zweitrangigen Realität zu unterscheiden (zwischen dem was sich offenbart und wie wir es darstellen).

Ich stelle die These auf, dass genau dies eine entscheidende und aussagefähige Definition für Erwachen ist: die Fähigkeit zwischen beiden zu unterscheiden. Wenn das für dich möglich ist, nicht aber für deinen Gesprächspartner, dann kann es für den anderen frustrierend sein. Die/der andere nimmt dich als jemand wahr, die/der sich selbst als überlegen positionieren möchte, denn du versuchst über einen Unterschied zu sprechen, der für den anderen keinen Sinn macht. Solltest du in der Praxis über den Unterschied zwischen Realität erster und zweiter Ordnung sprechen, mag das manchen Menschen wie ein heimtückischer Versuch erscheinen sie zu manipulieren.

Dies sind herausfordernde Punkte, die auszuhandeln sind, insbesondere deswegen weil, die erstrangige Realität immer einfach ist, während die zweitrangige Realität immer kompliziert ist. Die exakte Beziehung zwischen unseren mentalen Strukturen der ‚Re-Präsentation’ mit dem, was sie versuchen darzustellen, ist eine der schwierigsten Aufgaben. Sie fordert alles von uns, unsere intellektuellen Möglichkeiten, unsere Intuition sowie unsere Fähigkeit der Selbstreflektion, die oftmals weit weniger ausgeprägt ist als wir glauben. Es ist überraschend, aber der einfache Part besteht darin, den Unterschied zwischen Realität und Interpretation zu erkennen. Der schwere Part besteht darin, die Verbindungen klar zu sehen; die dünnen Fäden, die auf höchst komplexen und nuancierten Wegen die unterschiedlichen Aspekte der Darstellung miteinander und mit dem Erleben selbst verbinden. Aufgrund der immanenten Natur von Sprache gibt es keine perfekte Art der Kommunikation.

Wenn es dir gelingt, zumindest für einen Augenblick der Erkenntnis, den Unterschied zwischen direkter und indirekter Realität erster und zweiter Ordnung wahrzunehmen und wenn du mit jemandem sprichst für den dieser Unterschied kaum mehr als theoretisch ist, wird eine Unterhaltung auf dieser Ebene wenig produktiv sein. Es sei denn, du möchtest dieses Spiel spielen und die Interpretation einer Erfahrung überprüfen. Und nochmal, dies ist keineswegs hinterhältig, denn Interpretationen sind nicht von der Realität entkoppelt, sondern mit dieser auf sehr komplexe Art und Weise verknüpft. Sie sind bloß nicht nur mit der Realität verbunden, die sie vorgeben zu transportieren, sondern auch mit allem anderen was die Person ausmacht, die gerade erzählt.

Es ist wichtig zu erkennen, ob du oder dein Gegenüber diesen Unterschied besser theoretisch erfasst, als real. Denn theoretisch kann jeder vom Bestehen eines Unterschiedes zwischen Erlebten und der Interpretation davon überzeugt werden. Nur weil man dies versteht heißt das noch nicht, dass es verinnerlicht ist. Wir sprechen hier davon, etwas zu begreifen was nicht begreifbar ist – klar diesen nicht begreifbaren Unterschied zwischen Erfahrung und Interpretation zu sehen. Wenn dieses ‚Erwachen’ tatsächlich stattfindet, ist der Einfluss auf dein Leben radikal. Es gestaltet das Erleben der Realität ganz elementar um, auf eine Art und Weise die schwer zu beschreiben ist, aus naheliegenden Gründen. Theoretisches Wissen ist das eine, die Praxis ist etwas anderes. Wenn du dies erfasst hast wirst du eingeführt in diese Welt tiefen erstaunlichen Nicht-Wissens. Was nicht alle deine Interpretationen plötzlich bedeutungslos erscheinen lässt, denn es mag es wert sein herauszufinden, wie sie mit der Realität in Verbindung stehen.

* lt. Wikipedia: Gaslighting ist eine besonders perfide Form der emotionalen Manipulation, da sie häufig von Menschen ausgeübt wird, die uns nahe stehen.


© by Christopher (Hareesh) Wallis · Link zum englischen Originalvideo in der von Hareesh moderierten Facebook-Gruppe „Tantrik Yoga Now“ – nur zugänglich für Gruppenmitglieder.

genehmigte Übersetzung ins deutsche durch: Brigitte Heinz, Lektorat: Eva Ananya,
Sprecher + Meme: Brigitte Heinz

TRANSKRIPTION (eines Live-Videos vom 28.05.2019)

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Energielecks verstehen oder: Sieben Wege um Deine Kraft zu behalten

28. Juni 2019

In der Yogatradition begegnet uns eine faszinierende Metapher: Es heißt, dass die Milch einer Löwin so stark und kraftvoll ist, dass nur ein Behälter aus purem Gold sie aufnehmen kann. Wenn das goldene Gefäß verunreinigt ist, wird sich an diesen Stellen die Milch wie Säure durch das Behältnis fressen und auslaufen. Wenn ein Yogi oder eine Yogini zu viele Energielecks haben, verlieren sie auf ähnliche Weise die spirituelle Energie (shakti) wieder, die durch die Yogapraxis erzeugt wurde.

Warst du jemals bei einem Yogaretreat oder Meditationswochenende, das so inspirierend und motivierend war, dass du sicher warst, dass sich dein Leben radikal ändern würde, nur um einige Tage oder Wochen nach deiner Rückkehr festzustellen, dass all die zusätzliche Kraft zerronnen war und du mehr oder weniger in deinen Normalzustand vor dem Retreat zurückgefallen bist? Mit dieser Erfahrung bist du nicht allein, es ist eine sehr verbreitete Erfahrung. Weil Energie ausläuft.

Sobald Du weißt, welches die wichtigsten Energielecks sind, kannst du daran gehen, sie zu verstopfen. Wenn es dir gelingt, die meisten von ihnen zu schließen, wirst du etwas Erstaunliches erleben: Genau dieselben Yogaübungen, die du schon die ganze Zeit gemacht hast, scheinen jetzt viel mehr Kraft, Energie, prāṇa zu erzeugen. Tatsächlich wird nicht mehr Energie geschaffen, du verlierst nur nicht mehr so viel.

Sich systematisch mit diesen Energielecks zu beschäftigen verändert das Spielfeld spiritueller Praxis radikal. Natürlich kann es Zeit benötigen, sich damit zu beschäftigen – Zeit und Mühe sind aber gut investiert und werden sich weit stärker auszahlen als du dir vorstellen kannst.

Welches sind die häufigsten Energielecks? Hier ist eine kurze Erläuterung für jedes wesentliche Energieleck. Diese Liste entstammt in seiner ursprünglichen Fassung von meinem Śākta-Śaiva Lehrer Dharmabodhi (aka Kol Martens, Fb Gruppe: Trika Mahāsiddha Yoga), ich (Christopher Hareesh Wallis) habe viel von ihm gelernt.


1. Erschöpfung wegen Überlastung/Multi-Tasking

Dies ist sicherlich das am weitesten verbreitete Energieleck in unserer heutigen Gesellschaft. Überlastung bedeutet, dass dein Teller zu voll ist, dass zu wenig Zeit für Entspannung, Spiel und soziale Bindungen bleibt. Aktivitäten, mit denen sich Menschen zu allen Zeiten weiter entwickelt haben. Diese sind nicht nur aus gesundheitlichen Gründen notwendig, sondern sie erschaffen auch ein körperlich-geistiges Behältnis, das die Energie, die durch spirituelle Praxis erzeugt wird, halten kann. Im Gegensatz dazu ist ein erschöpfter Körper/Geist durchsetzt von „Löchern”, aus denen Energie auslaufen kann. Dein konditionierter Geist mag der Meinung sein, dass du es dir nicht leisten kannst, weniger zu tun; tatsächlich aber kannst du es dir nicht leisten, nicht weniger zu tun. Und übrigens, wenn du täglich Stimulanzien wie Koffein etc. verwendest, bist du erschöpft, obwohl du es vielleicht nicht wahrnimmst. Wie der Śākta-Śaiva Lehrer Dharmabodhi sagt: „Wache auf aus dem Traum der Übertreibung. Übernimm Verantwortung für dein Leben, das aus Davonlaufen besteht. Schaue dir den kulturellen Trancezustand von Überlastung und Übertreibung genau an, entlarve ihn und verbinde dich stattdessen mit deinen eigenen Energien. Nimm einen einfacheren und natürlicheren Lebensstil an, der in Wahrheit eine produktivere Art zu leben darstellt.”

Wichtiger noch: Der Yoga-Tradition zufolge benötigt man zumindest vier freie Stunden am Tag, um körperlich und geistig gesund zu sein, wenigstens ein volles freies Wochenende im Monat und wenigstens drei volle freie Wochen im Jahr. Wenn ich sage „frei“ meine ich nicht nur, nicht im Büro zu sein – ich meine damit, keine E-mails zu lesen, nicht an To-Do-Listen zu denken, nichts erreichen zu müssen. Einfach zu Sein. Unverplante Zeit, frei von jeder Tagesordnung, um dich mit dir selbst, deinen Lieben, der Natur und/oder der Kunst zu verbinden. Schau dir einfach Kinder an, die noch nicht süchtig nach leuchtenden Bildschirmen sind, falls du welche finden kannst: Sie erforschen die Welt um sich herum mit großen staunenden Augen und ihre kreative Energie fließt durch ihr lebhaftes und fantasievolles Spiel. Es ist nicht unsere Bestimmung, das zu verlieren. Wir brauchen diese kreative Energie, diese Neugier, dieses Staunen, um das Leben als lebenswert zu empfinden. Du wirst langsam immer mehr Zugang dazu finden, wenn du dir Zeit für zweckfreie Verbindungen nimmst.

2. Körperliches Un-wohlsein

Das zweite Energieleck steht natürlich in einem engen Zusammenhang zum ersten. Übertreiben wir es, entwickeln wir ziemlich schnell Unwohlsein (oder sogar ausgeprägte Krankheiten). Wenn sich so ein Unwohlsein ausbreitet, nimmt es unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und lässt unser prāṇa (Vitalität oder Lebenskraft) auslaufen. Un-Wohlsein (dis-ease) und Einschränkungen oder Behinderungen (dis-able) sind zwei verschiedene Dinge; jemand kann behindert sein oder eine chronische Einschränkung haben, ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Es kommt darauf an, auf welche Weise man mit einer Beeinträchtigung umgeht (z.B. wie sehr man sich damit beschäftigt, ob man ein Selbstbild darauf aufbaut und durch welchen gedanklich-emotionalen Rahmen man es betrachtet). Unwohlsein wird als zweitwichtigstes Energieleck aufgeführt, weil es vorrangig behandelt werden muss. Dein Körper ist voller Weisheit. Oft (aber nicht immer) sind Krankheit oder Unwohlsein Warnzeichen, die dir etwas mitteilen möchten. Frage die natürliche Weisheit des Körpers um herauszufinden, was es ist. Vielleicht mithilfe eines fähigen intuitiven Heilers – dessen Dienste allerdings ärztliche Hilfe nur ergänzen und niemals ersetzen sollten.

3. Übermäßige emotionale Reaktionen

Dies ist ein heikles Thema. Wie ein Forscher auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaft kürzlich schrieb: „Die Fähigkeit, die Intensität unserer emotionalen Reaktionen zu regulieren, ist sehr anpassungsfähig: Sie hält uns davon ab, zu viel Energie in (bestimmte) Dinge zu investieren.“ Obwohl es aus tantrischer Sicht kein Maß der Emotionen gibt, das „zu viel“ wäre, ist es wichtig zu erwähnen, dass manche Emotionen durch eine gedanklich konstruierte ‚Story‘ über eine Situation erschaffen oder verstärkt werden. Dieses sehr verbreitete Energieleck kann so beschrieben werden, dass du den Kontakt mit deiner eigentlichen Natur, mit deiner natürlichen Präsenz verlierst. Dies geschieht, indem du dich mit einer starken emotionalen Reaktion in Geschehnisse einbringst. Dies führt häufig dazu, dass du deine Energie (von dir selbst) auf jemand anderen richtest (meist auf denjenigen, den du für deine Gefühle verantwortlich machst). Wenn du aus einer ärgerlichen Stimmung heraus sprichst und Dinge sagst, die du später am liebsten zurücknehmen würdest („ich habe es nicht so gemeint“), dann ist das ein gutes Beispiel für emotionale Reaktivität. Wenn du bei deinen Gefühlen bleibst (sitzt oder dich bewegst oder tanzt) und dich weder mit ihnen identifizierst noch sie ablehnst, sondern einfach mit ihnen als eine Form reiner Energie präsent bist, dann ist das das Gegenteil von emotionaler Reaktivität. Wenn dir deine Annahmen wie feststehende Fakten erscheinen und du von Selbstgerechtigkeit und Empörung erfüllt bist, dann ist das emotionale Reaktivität. Wenn du neugierig bist, wo diese intensiven Emotionen herkommen und staunend über dich selbst lachen kannst, dann ist das das Gegenteil. Wenn du einem abschätzigen Kommentar eines Kollegen Glauben schenkst, dich in eine innere Welt der Verletzung begibst und dich mit sich wiederholenden schmerzhaften Gedanken quälst („Wie konnten sie nur? Was für ein Arschloch! Ich kann nicht glauben, dass er oder sie mich so hasst!“ etc.), dann ist das emotionale Reaktivität. Wenn Du Dein Herz offen hältst, den Schmerz des anderen und deinen eigenen Schmerz wahrnimmst, ohne dich von der Geschichte der betreffenden Person vereinnahmen zu lassen; wenn du vielleicht sogar Schönheit und Chancen in der Verletzlichkeit sehen kannst, dann ist das das Gegenteil.

Das Gegenteil emotionaler Reaktivität ist in Wirklichkeit einfach nur die natürliche menschliche Präsenz. In dieser Präsenz zu ruhen ist das Ziel des Weges. Dann können starke Emotionen aufkommen, ohne die emotionale Reaktivität, die dir und anderen schadet. Es ist offensichtlich, dass emotionale Reaktivität ein ganzes Seminar für sich verdient hätte. Sie steht in einem engen Zusammenhang mit der unten folgenden Nr. 9.

4. Den Kontakt mit der natürlichen Präsenz verlieren – durch Gedanken, Fantasien, Träumereien

Diejenigen, die sich gewohnheitsmäßig in der Welt des denkenden Verstandes (mind) aufhalten, können sich kaum vorstellen, wie viel Freude und Lebendigkeit ihnen entgeht. Leider betrifft das einen Großteil der Menschen auf diesem Planeten. Sich in vikalpas (Fantasien, Träumereien, geistigen Bildern) zu verlieren, ist einer der Haupt-Wege, die uns von dem süßen einfachen Ruhen in unserem natürlichen Zustand abbringen. Wir sprechen hier von: a) sich mögliche Zukunftsszenarien vorstellen, in denen man glücklicher ist (Fantasien); b) sich mögliche Zukunftsszenarien vorstellen, in denen man leidet (Angst); c) sich durch eine rosarote Brille an vergangene „bessere Zeiten“ zu erinnern mit dem Wunsch, die Zeit zurückzudrehen (Träumerei); und sich in vergangenen ,Fehlern‘ zu suhlen und darüber nachzudenken, was man hätte tun sollen oder können (Reue/Schuld) (vgl. S. 138 von Tantra Illuminated). Diese vier Denkweisen sind aus yogischer Sicht schlichtweg die häufigsten Formen von Irrsinn. Menschen sind echt schlecht darin vorherzusagen, wie sie sich in einer bestimmten zukünftigen Situation fühlen werden, selbst wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind (wie Dan Gilbert bewiesen hat). Und auch die Erinnerungen an unsere Vergangenheit sind lückenhaft und verfälscht. Was wir für präzise Erinnerungen halten, sind zum großen Teil Ausdrucksformen unserer eigenen Psyche, ähnlich wie Träume, die aus den Bruchstücken vergangener Geschehnisse gewoben sind. Eine fünfte Art, sich in vikalpas zu verlieren besteht darin, sich eifrig auf Datenströme jeglicher Art zu konzentrieren, um die eigene existenzielle Angst abzupuffern oder davon abzulenken, was man selbst oder jemand anderes fühlt. Wer ein Kreuzworträtsel löst oder ein herausforderndes Videospiel spielt oder sämtliche Nachrichten des Tages liest, mag behaupten, dass er oder sie sich mehr im gegenwärtigen Moment befindet; aber der- oder diejenige ist tatsächlich in seinem bzw. ihrem Kopf und Gedankenkonstrukt verhaftet. Er ist ebenso von seiner fließenden Präsenz getrennt wie jemand, der sich in Gedanken an eine mögliche Zukunft oder erinnerte Vergangenheit verliert. Geistige Welten und eingebildete Realitäten zu bewohnen ist ein erhebliches Energieleck für einen Yogi, noch dazu eines, das in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist.

5. Starke Glaubenssätze oder Meinungen

Dies hat einen engen Bezug zu Nr. 4. Es mag schwer sein zu glauben, dass dies ein Energieleck ist, bis du selbst den Zufluss von Lebensenergie erlebst, der daraus resultiert, dass du schließlich tief in deinem Inneren die Wahrheit zugibst, dass du eigentlich nichts sicher weißt. Dass praktisch alle deine starken Glaubenssätze und Meinungen entweder Wunschdenken oder Angstvorstellungen sind. Dass die Welt viel zu komplex ist und die Variablen zu zahlreich sind, als dass unsere kleinen Gehirne berechtigterweise eine feste Meinung über irgendetwas haben könnten (vielleicht mit Ausnahme deiner inneren Erlebnisse). Es ist wichtig zu verstehen, dass Glaubenssätze/Meinungen zu haben an sich noch kein Energieleck ist; es ist das Festhalten an diesen Meinungen mit einer unbeugsamen und harten Einstellung (anstelle einer weichen und offenen). Es ist die Überzeugung, dass du Recht hast und genau weißt, wie die Dinge wirklich sind (im Gegensatz zu dem Anderen) – das ist das Energieleck. Die Realität enthält viel mehr als irgendjemand von uns sehen kann; das Zugeben hilft dir weicher zu sein, offener, und macht es einfacher, dich mit anderen zu verbinden.

6. Unklare Beziehungen / unklare Grenzen

Da sich das gesamte Spektrum sozialer Normen, das alle Arten intimer Beziehungen betrifft, im 21. Jahrhundert in stetigem Wandel ist, ist Nr. 6 ein ziemlich großes Thema. Es versteht sich von selbst, dass die Natur einer Beziehung noch nicht klar definiert ist, wenn man jemanden gerade erst kennengelernt hat. Dagegen führt das lang andauernde Verweilen in einem Schwebezustand zu starkem prana-Verlust. Dieses Übergangsstadium, in dem du nicht genau weißt, was die andere Person will, braucht oder fühlt; du aber hoffst, dass er/sie die Beziehung schließlich genauso sehen wird wie du. Umgekehrt ist es genau so eine Leckage, wenn du zwar genau weißt wo du stehst, aber die andere Person im Unklaren lässt, indem du dich nicht auf eine bestimmte Form der Beziehung mit klaren Absprachen und Grenzen festlegst (indem du andere Menschen ausnutzt, erschöpfst du deine shakti).

Es liegt auf der Hand, dass Kommunikation die Lösung ist. Aber die Wenigsten von uns wissen, wie wir unsere Gefühle und Bedürfnisse mitteilen sollen, ohne daraus eine  Geschichte zu machen – darüber was die andere Person falsch macht (oder was du falsch machst, wenn wir schon dabei sind). Ein fortlaufender, klärender Dialog (der nicht in Erbsenzählerei, Pseudo-Psychoanalyse oder Schuldzuweisungen abgleitet) über das, was du willst und womit du einverstanden bist, und was dein geliebter Mensch will und womit sie/er einverstanden ist, ist entscheidend, um eine stabile Grundlage für Beziehungen zu schaffen, die keine Energielecks sind.

Allerdings ist Kommunikation nicht immer die Lösung; manchmal hält man aus Angst oder Abhängigkeit an einer Beziehung fest, deren „Haltbarkeitsdatum“ längst überschritten ist. Das ist ein riesiges Energieleck. Hier hilft nur loslassen und weggehen. Wenn du dabei Unterstützung suchst, beschäftige dich einmal mit dem Konzept der bewussten Trennung (conscious uncoupling).

7. Unbewusstes oder übermäßiges Sprechen, Klatsch & Tratsch

Ein ebenfalls weit verbreitetes Energieleck in unserer Gesellschaft lässt sich kaum ändern. Es besteht ein enormer sozialer Druck, sich dem allgemeinen Gebrauch von Sprache anzupassen. Dessen ungeachtet heißt es im Ayurveda, dass übermäßiges Geplapper zu Energieverlust und dadurch zu verschiedenen Formen von Krankheiten führen kann (hauptsächlich durch ein Übermaß von Vata Dosha). Ist dir schon aufgefallen, dass Yoga- und Meditationsmeister wenig und umsichtig sprechen? Swami Muktananda sagte einst: „Die Macht deiner Worte verstärkt sich proportional zu deinem Schweigen.“

Idealerweise stellen wir uns vier Fragen bevor wir ein Gesprächsthema eröffnen. Die sogenannten vier Tore der Sprache: 1) Ist diese Sache, die ich sagen will, wahr? 2) Ist es nötig oder hilfreich, es zu sagen? 3) Habe ich eine liebevolle Art und Weise gefunden, es zu sagen? 4) Ist es der richtige Zeitpunkt? (Die vier Schlüsselworte: wahr, nötig, liebevoll, richtiger Zeitpunkt). Um mehr über dieses wichtige Thema zu erfahren, verweise ich auf die beiden Kapitel über die „Disziplin beim Sprechen“ in „The Yoga of Discipline“.

Wie stopft man Energielecks? Ich habe hier einige Vorschläge und Hinweise gegeben. Ergänze sie durch deine eigene Recherche, dein intuitives Wissen und durch das Praktizieren mit einem qualifizierten Lehrer. Insbesondere bietet die Tradition des Tantrischen Yoga viele Methoden, um solche Leckagen abzudichten.

Über alle diese Themen könnte man so viel mehr sagen als wir hier Raum dafür haben. Weiter unten findest du fünf weitere heftige Energie-Löcher, die ich (C.W.) hoffentlich in einem weiteren Beitrag behandeln werde.

Weiter Energielecks sind unter anderem:

8. Süchte aller Art
9. andere gewohnheitsmäßige Verhaltensmuster, die von Samskaras am Leben erhalten werden und die selbst weitere Samskaras erzeugen
10. Schlechter Umgang mit sexueller Energie
11. sich Fatalismus oder dem Gebrauch von Weissagungswerkzeugen unterwerfen, die Dich Deiner Macht berauben (d.h. sich mehr auf Astrologie, Tarot oder mediale Botschaften verlassen, als auf die Dir innewohnenden intuitiven Fähigkeiten)
12. Unrichtige Ausführung spiritueller Praktiken (zumeist aufgrund falscher/fehlender Anleitung)


WICHTIGER VORBEHALT: Wenn es dir gelingt, Energielecks zu stopfen, du aber nicht gelernt hast, Selbstbilder aufzulösen und du dir nicht der Fallen bewusst bist, die in der „Lehre von den sechs Existenzebenen“ beschrieben werden, dann kann die stark intensivierte Energie und Macht, die dir zur Verfügung steht, latente schädliche Tendenzen ebenso verstärken wie Tugenden. Wie Dharmabodhi es so treffend ausgedrückt hat: „Wenn wir unsere zentralen Muster nicht aufgelöst haben – wie wir uns sehen und kennen (unsere Persönlichkeitsgeschichte oder unser Persönlichkeitskonzept) und wie wir mit anderen in Verbindung treten – wird die Macht, die durch shakti sādhanā freigesetzt wird, lediglich die existierenden, egoistischen Muster des Denkens, Fühlens und Handelns verstärken. Dann erleidet der Praktizierende häufig Schaden, indem er/sie durch Hindernisse oder Fähigkeiten/Erfolge/Kräfte abgelenkt wird.“

– Mögen alle Wesen ihre Freiheit realisieren –


Übersetzung von Agnes B. und Brigitte Heinz, Lektorat von Marion Inderst und Daniela M.
mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh, Christopher Wallis

Englischer Orginalartikel:
https://hareesh.org/blog/2016/2/20/understanding-energy-leaks


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Die reine Motivation

21. Juni 2019

Diese Lehre adressiert die entscheidende Thematik, warum wir spirituelle Praktiken üben und lädt uns ein, uns unserer (manchmal unbewussten) Motive gewahr zu werden; Beweggründe, die aufgrund unserer Konditionierung auftauchen und die manchmal unsere Praxis sabotieren und ein Erreichen des Ziels verhindern.


In diesem Beitrag teilt Christopher Hareesh Wallis eine der wirksamsten Lehren aus der Tradition des Tantra. Sie gilt als als außerordentlich wirkungsvoll. Traditionell wird sie ‚Reines Motiv‘ genannt, präziser wäre ‚Effektives Motiv‘.

Lasst uns zunächst die drei „unreinen Motive“ betrachten, erst dann können wir die Kraft der Reinen Motive verstehen. Das Wort „unrein“ bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich „ineffektiv“. In indischen Volksmärchen heißt es, die Milch einer Löwin sei so machtvoll, dass sie nur in einem Behälter aus purem Gold aufbewahrt werden kann. Jede Verunreinigung des Behälters kommt bald ans Licht, denn an diesen Stellen zerfrisst die Löwenmilch das Gefäß. Ein Gefäß ohne „Verunreinigungen” ist einfach eines, das kraftvolle Substanzen effektiv aufbewahrt. Auf Yoga angewendet bedeutet diese Metapher, der Körper ist das Gefäß, die Löwenmilch ist die transformierende Energie die durch die Yogapraxis erzeugt wird, und die Unreinheiten sind Beweggründe für die Praxis, die auf subtile Art und Weise nicht mit dem Ziel übereinstimmen (dies ist für alle Yoga-Richtungen gleich: Erwachen und Befreiung). Ein unreines Motiv ist schlichtweg nicht zielführend.

Wir alle beginnen unsere Yogapraxis (oder jede Form spiritueller Disziplin) zunächst aus unreinen Motiven heraus. Soll die Praxis Früchte tragen, müssen wir die reinen Motive entdecken und umsetzen. Solltest du an diesem Punkt der Erörterung misstrauisch sein, so geht das in Ordnung! Ich bin sicher, deine gesunde Skepsis wird sich auflösen, wenn du verstehst, welches die Reinen und die Unreinen Motive sind.

Unreines Motiv #1:

Dein Selbstbild ist gebrochen, du fühlst dich beschädigt, unvollständig und sündenbehaftet. Du praktizierst Yoga in der Absicht, dich selbst zu ‚reparieren‘.

Mit einer solchen Motivationsgrundlage kannst du das Ziel nicht erreichen, denn es beruht auf einer Sichtweise, die ganz grundlegend nicht mit der Realität übereinstimmt. Dieser Glaubenssatz impliziert, dass so wie du bist etwas falsch  mit dir ist. Du siehst Yoga als Problemlöser um dein ‚gebrochenes Selbst‘ zu reparieren. Das ist aber nicht wahr! Mit dir ist alles vollkommen in Ordnung – außer deinem Glaubenssatz der behauptet, dass mit dir etwas nicht stimmt. Mit solchen Hintergedanken untergräbst du deine eigene Praxis.

In diesem Paradigma soll Yoga einem ‚Selbst-Optimierungs-Projekt‘ dienen, das aus dir einen ‚besseren Menschen‘ machen soll. Wenn du ehrlich bist, steht dahinter der Gedanke, dass du nicht gut genug bist. Dieses Projekt ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt denn es steht auf wackligen Füßen: einer falschen Wahrnehmung deiner wahren Natur. In Wirklichkeit ist die Essenz deiner Natur bereits perfekt. Sie bedarf keiner Verbesserung. Dein Körper-Geist (body-mind) ist und bleibt unvollkommen. Es geht lediglich darum, genau das zu akzeptieren. Natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, mit dem Körper-Geist zu arbeiten und daran zu feilen. Entscheidend ist, ob du dies unter der Vorgabe tust, erst dann wert zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden, wenn du „anders“ geworden bist. Auf diese Weise legst du dir nur selbst Steine in den Weg, bevor das Rennen überhaupt beginnt.

Wenden wir uns dem unreinen Motiv #2 zu:

Du praktizierst Yoga (oder eine andere spirituelle Disziplin) um dich gut zu fühlen, um ‚high‘ zu werden und/oder um andere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Vielleicht denkst du jetzt: „Wie bitte??? Ich dachte, genau das ist die Absicht von Yoga. Dass ich mich besser fühle in meinem Leben! Was bist Du für ein Yoga-Puritaner?“

Klar bewirkt Yoga dass wir uns gut fühlen, egal ob wir physisch oder mental praktizieren. Es ist absolut in Ordnung sich gut zu fühlen. Aber ist das das grundlegende Motiv für die Praxis? Wenn dem so ist – so sagt die Tradition – kann das endgültige Ziel nicht erreicht werden. Warum? Weil das Ziel darin besteht, vollständig zu deiner wahren Natur zu erwachen (bodha), frei von jeder Falschheit und Irrglauben (moksha). Um dieses Ziel zu erreichen, musst du nach Wahrheit streben, nicht nach Vergnügen oder Glückseligkeit.

Zielt deine Praxis (bewusst oder unbewusst) darauf ab dich gut zu fühlen, wirst du diejenigen Aspekte meiden, die dich mit Schmerz, Kummer und Sorgen konfrontieren. Willst du frei werden und erwachen, führt kein Weg an der Bereitschaft vorbei, alle Teile deines Selbst zu erkunden und anzunehmen. Nach Vergnügen zu streben und Schmerz zu umgehen hat nichts mit dem Pfad des Erwachens zu tun. Wenn du die Wahrheit mehr als alles andere suchst, wirst du es allerdings auch erfahren, denn Glückseligkeit (bliss, ānanda) ist ein natürliches Nebenprodukt der Erkenntnis der Wahrheit. Solltest du dann wiederum an der Glückseligkeit anhaften und diese mehr begehren als die Wahrheit, so bist du wieder auf dem Holzweg.

Im Paradigma dieses unreinen Motiv #2 führt uns der spirituelle Pfad zu ‚höheren Zuständen des Bewusstseins‘. Ein Pfad, auf dem wir das weltliche transzendieren und zu den göttlichen Wesen werden, die zu sein wir bestimmt sind. Einer meiner Lehrer argumentiert sehr treffend: ‚Faszination für irgendwelche Zustände führt zu Abhängigkeit und Zwang (Knechtschaft)‘. Es geht nicht darum, irgendein anderes Wesen zu werden, sondern vielmehr darum, die tiefgreifende liebevolle Akzeptanz für uns selbst zu erlangen, so wie wir sind. Dieser Pfad führt nicht zur Überwindung/Transzendenz des Gewöhnlichen, sondern dahin das Göttliche zu erkennen. Er erhebt dich nicht über den Rest der Menschheit, sondern du verankerst dich wahrhaftig in der Realität und liebst alles-was-ist.

Das unreine Motiv #3

… ist unter Yoga-Schülern weniger verbreitet, wohl aber unter Yoga-Lehrern (und anderen spirituellen Lehrern):

Du praktizierst Yoga (oder jede andere spirituelle Disziplin), um Macht über andere zu erlangen, um Freunde zu gewinnen und Menschen lenken zu können, oder um dein Ego durch Anerkennung und Bewunderung aufzuplustern.

Offensichtlich ist dieses Motiv nicht zielführend. Aus traditioneller Sicht ist Motiv 3 ein Unterpunkt zu Motiv 2, denn Macht und Einfluss fühlen sich ziemlich gut an. Allerdings sind solche Gefühle nur wie fader Abglanz der Glückseligkeit, die aus einer innigen Verbindung mit der Wahrheit deines fundamentalen Seins erwächst.


Was ist nun eine Reine Motivation? Die Reinen Motive sind die Gegenpole der drei Unreinen Motive. Sie bieten Beweggründe für eine Praxis die garantiert die gewünschten Früchte trägt.

Reine, pure Motive:

  • Du folgst dem Pfad auf der Suche nach der Wahrheit deines Seins, aus Liebe zu dir selbst und zum Wohle aller.
  • Du erkundest deine bereits vollständige, immanente, göttliche Natur, denn dies ist dein natürlicher Herzenswunsch und du bietest die Früchte deiner Erkenntnis allen Wesen dar.
  • Du gehst den Weg mit Ehrerbietung und Liebe, weil dies einfach deine Natur ist.

Die Reinen Motive werden hier auf drei unterschiedliche Arten erklärt, denn eine einzelne Formulierung reicht nicht aus, es perfekt auf den Punkt zu bringen. Ich lade dich ein darüber nachzudenken, auf welche Weise sie den drei o.g. Unreinen Motiven entgegenstehen.

Spirituelle Praxis ist nur dann effektiv, wenn das Motiv rein ist. Aber wie bereits gesagt, wir alle fangen mit einem oder mehreren der Unreinen Motive an. Daher beginnen wir traditionell jede Praxis mit dem Gebet: „Möge ich das wahre, reine Motiv haben“. Es geht nicht darum, so zu tun als wäre dein Motiv rein; bete und bitte einfach darum, strebe nach dem süßen Nektar, den das authentische Gefühl mit sich bringt dann es wird geschehen. Von da an werden alle spirituellen Praktiken in höchst überraschenden Maße an Effizienz gewinnen.

Das Reine Motiv zu erlangen ist der kraftvollste Wendepunkt für ein spirituelles Leben. Mögen alle, die diese Lehren lesen, den Nektar des Reinen Motivs erfahren. Und möge dies allen Wesen zugutekommen.

* Wer sich im buddhistischen Tantra auskennt wird erkennen, dass das Erlangen des Reinen Motivs dem Entwickeln von bodhichitta entspricht, dem Geist, der sich zum Wohle aller Wesen im Erwachen verneigt.


© Christopher D. Wallis (Hareesh) · Originaltext:  The Pure Motivation · 14.01.2016, Foundational Reading #3
deutsche Übersetzung (06.2019) mit freundlicher Genehmigung durch Christopher Hareesh Wallis :
Brigitte Heinz, Lektorat: Eva Ananya

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Die wahre Geschichte der Chakren

3. Juni 2019

Die sechs wichtigsten Dinge, die Du noch nicht über die Chakren wusstest

In den letzten hundert Jahren hat das Konzept der Chakren oder feinstofflichen Energiezentren im Körper, die westliche Vorstellungskraft mehr als jede andere Lehre aus der Yoga-Tradition gepackt. Wie bei den meisten anderen, aus Sanskrit-Quellen stammenden Vorstellungen hat der Westen (abgesehen von einer Handvoll Gelehrter) kaum verstanden, was der Chakra-Begriff in seinem ursprünglichen Kontext bedeutet und wie man mit ihnen üben soll. Dieser Artikel versucht, diese Situation einigermaßen zu korrigieren. Wenn Du nur wenig Zeit hast, kannst Du die kontextuellen Kommentare überspringen und direkt zur Liste der sechs grundlegenden Fakten über die Chakren gehen, die moderne Yogis nicht kennen.

Zunächst einmal, wie definieren wir „Chakra“? In den tantrischen Traditionen, aus denen das Konzept abgeleitet ist, sind Chakren (Skt. Cakra) Fokussierungspunkte für Meditationen im menschlichen Körper, die als Strukturen von Energie dargestellt werden. Sie ähneln Scheiben oder Blumen, und zwar an den Stellen, an denen eine Reihe von Nāḍīs (Kanäle oder Meridiane) zusammenlaufen. Es sind begriffliche Strukturen, die jedoch phänomenologisch begründet sind, da sie tendenziell dort liegen, wo Menschen emotionale und/oder spirituelle Energie erfahren, und die vorgestellte Form die visionären Erfahrungen von Meditierenden widerspiegelt.

(Ich habe oben gesagt, dass der Westen Chakren bisher nicht verstanden hat. Ich möchte klarstellen, dass mit „der Westen“ nicht nur die euroamerikanische Kultur gemeint ist, sondern auch die Aspekte der modernen indischen Kultur, die von der euroamerikanischen Kulturmatrix beeinflusst werden. Da es an diesem Punkt fast unmöglich ist, eine Form von Yoga in Indien zu finden die nicht von euroamerikanischen Vorstellungen beeinflusst wird, schließe ich auch die meisten Lehren über Yoga in Indien ein, die heute in Indien in englischer Sprache existieren, wenn ich den Begriff „westlich“ verwende.)

Okay, ich sage es ganz direkt: Im Großen und Ganzen versteht das westliche Yoga fast nichts von den Chakren, die für die ursprüngliche Tradition wichtig waren. Zum Beispiel, wenn du ein Buch wie Anodea Judiths berühmtes Lebensräder oder dergleichen liest, ist es wichtig zu erkennen, dass du nicht ein Werk der Yoga-Philosophie liest, sondern des westlichen Okkultismus, das auf drei Hauptquellen basiert: 1) frühere Werke des westlichen Okkultismus die Sanskrit-Begriffe ausleihen und anpassen, ohne sie wirklich zu verstehen (wie „Die Chakras“ von Theosophist C. W. Leadbeater, 1927); 2) John Woodroffe’s fehlerhafte Übersetzung aus dem Jahr 1918 eines Textes über die Chakren der 1577 in Sanskrit geschrieben wurde (siehe dazu weiter unten); und 3) Bücher indischer Yoga-Gurus aus dem 20. Jahrhundert, die zumeist auf den Quellen 1) und 2) basieren. Bücher über Chakren, die auf einem soliden Verständnis der ursprünglichen Sanskrit-Quellen basieren, existieren bisher nur in der akademischen Welt.

„Aber ist das wichtig?“, fragen mich Yogis. „Ich habe so viel von Anodea Judiths Buch profitiert und viele mögen es, nimm mir das nicht weg!“ Das  werde ich nicht und kann ich nicht. Welchen Nutzen Du auch immer erhalten hast, egal aus welcher Quelle – er ist real wenn Du sagst, dass es so ist. Ich bin nur hier, um Dir zwei Dinge zu sagen: Zum einen, wenn moderne westliche Autoren über Chakren behaupten, dass sie alte Lehren präsentieren, täuschen sie Dich – aber sie wissen nicht, dass sie es tun, weil sie die Gültigkeit ihrer eigenen Ausgangsmaterialien nicht beurteilen können (da sie kein Sanskrit lesen). Zum anderen, bin ich hier für diejenigen, die interessiert sind, sich darüber zu informieren, was yogische Begriffe in ihrem ursprünglichen Kontext bedeuten (weil ich ein Sanskrit-Gelehrter und ein Praktizierender bin, der die traditionellen Formen bevorzugt). Nur Du kannst beurteilen, ob das für Dich von Nutzen ist. Ich behaupte nicht, dass älter an sich besser ist. Ich versuche nicht zu unterstellen, dass der westliche Okkultismus keinen spirituellen Wert hat. Ich nähere mich nur der historischen Wahrheit in einfachen [[deutschen]] Worten, so gut ich kann. Also werde ich jetzt fortfahren mit: die sechs grundlegenden Fakten über die Chakren, die moderne Yogis nicht kennen.


1. Es gibt nicht nur ein Chakrasystem in der ursprünglichen Tradition, es gibt viele.

So viele! Die Theorie des subtilen Körpers und seiner Energiezentren, genannt cakras (oder padmas = Lotusse), ādhāras, lakṣyas (Fokussierungspunkte), etc.), geht auf die Tradition des tantrischen Yoga zurück, der von 600-1300 n.u.Z. blühte und bis heute lebendig ist. Im vollentwickelten tantrischen Yoga (etwa dem Jahr 900) artikulierte jeder der vielen Zweige der Tradition ein anderes Chakra-System, und einige Zweige formulierten mehr als einen. Fünf-Chakra-Systeme, sechs-Chakra-Systeme, sieben, neun, zehn, zwölf, zwölf, einundzwanzig und mehr Chakren werden unterrichtet, je nachdem, welchen Text und welche Linie du betrachtest. Das sieben (oder technisch gesehen 6 + 1) Chakrasystem, das westliche Yogis kennen, ist nur eines von vielen, und es wurde um das 15. Jahrhundert herum dominant (siehe Punkt #4 unten).

Nun, ich weiß, was du denkst: ‚Aber welches System ist das richtige? Wie viele Chakren gibt es wirklich?‘ Und das bringt uns zu unserem ersten großen Missverständnis. Die Chakren sind nicht wie Organe im physischen Körper; sie sind keine festen Fakten, die wir studieren können, wie Ärzte die Nervenknoten (mit denen die Chakren im 19. Jahrhundert verwechselt wurden). Der Energiekörper (sūkshma-sharīra) ist eine außerordentlich fließende Realität, so wie wir es von allem Nicht-Physischen und Übersinnlichen erwarten sollten. Der Energiekörper kann sich erfahrungsgemäß mit einer beliebigen Anzahl von Energiezentren präsentieren, abhängig von der Person und der yogischen Praxis, die sie ausführen.

Allerdings gibt es einige wenige Zentren, die in allen Systemen zu finden sind: speziell im Unterbauch oder Sexualzentrum, im Herzen und in oder in der Nähe des Scheitelpunkts, da dies drei Orte im Körper sind, an denen Menschen auf der ganzen Welt sowohl emotionale als auch spirituelle Phänomene erleben. Aber abgesehen von diesen drei finden wir in der Originalliteratur eine große Vielfalt an Chakrasystemen. Das eine ist nicht „richtiger“ als ein anderes, außer in Bezug auf eine bestimmte Praxis. Wenn du zum Beispiel eine Fünf-Elemente-Übung machst, benutzt du ein Fünf-Chakra-System (siehe Punkt #6 unten). Wenn Du die Energie von sechs verschiedenen Gottheiten verinnerlichst, benutzt du ein Sechs-Chakra-System. Puuuh, nicht wahr? Aber dieses entscheidende Stück Information hat den westlichen Yoga noch nicht erreicht.

Wir haben gerade erst den Kaninchenbau betreten, Alice. Möchtest Du mehr erfahren?

2. Die Chakrasysteme sind vorschreibend, nicht beschreibend.

Das könnte der wichtigste Punkt sein. Englische [[Westliche]] Quellen neigen dazu, das Chakra-System als existenzielle Tatsache darzustellen, indem sie beschreibende Sprache verwenden (wie „das mūlādhāra Chakra befindet sich an der Basis der Wirbelsäule und ist rot“ und so weiter). Aber in den meisten der ursprünglichen Sanskrit-Quellen wird uns nicht gelehrt wie die Dinge sind, sondern wir erhalten eine spezifische yogische Praxis: Wir sollen ein subtiles Objekt aus farbigem Licht, das wie ein Lotus oder ein Spinnrad geformt ist, an einem bestimmten Punkt im Körper visualisieren und dann mantrische Silben darin für einen bestimmten Zweckaktivieren. Wenn du dies verstehst, macht Punkt #1 oben mehr Sinn. Die Texte sind vorschreibend – sie sagen, was man tun muss, um ein bestimmtes Ziel mit mystischen Mitteln zu erreichen. Wenn das wörtliche Sanskrit in seiner elliptischen/umschreibendenForm den „vierblütigen roten Lotus an der Basis des Körpers“ beschreibt, sollen wir verstehen: „Der yogī sollte einen vierblütigen Lotus visualisieren….“. Siehe Punkt Nr. 5 unten für weitere Informationen dazu.

3. Die mit den Chakren verbundenen psychologischen Zustände sind völlig modern und westlich.

Auf unzähligen Websites und in unzähligen Büchern lesen wir, dass das mūlādhāraChakra mit Überleben und Sicherheit verbunden ist, dass das maṇipūraChakra mit Willenskraft und Selbstwertgefühl verbunden ist, und so weiter. Der gebildete Yogi sollte wissen, dass alle Assoziationen der Chakren mit psychologischen Zuständen eine moderne westliche Innovation sind, die mit Carl Jung begann. Vielleicht repräsentieren solche Assoziationen für manche Menschen Erfahrungswirklichkeiten (wenn auch meist nicht ohne Vorkenntnisse), aber wir finden sie sicherlich nicht in den Sanskritquellen. Es gibt nur eine Ausnahme, die mir bekannt ist, und das ist das 10-Chakra-System für Yogi-Musiker, über das ich einen Blogbeitrag geschrieben habe. Aber in diesem System des 13. Jahrhunderts finden wir nicht, dass jedes Chakra mit einem bestimmten Gefühl oder einem bestimmten psychologischen Zustand verbunden ist; vielmehr ist jedes Blütenblatt eines jeden  Lotus-Chakras mit einem bestimmten Gefühl oder einem bestimmten psychologischen Zustand verbunden, und es scheint kein Muster zu geben, mit dem wir ein Kennzeichen für das Chakra als Ganzes schaffen könnten.

Aber das ist noch nicht alles. Fast alle der vielen Assoziationen, die in Anodea Judith’s „Lebensräder“ zu finden sind, haben keine Grundlage in den indischen Quellen. Jedes Chakra, sagt uns Judith, ist mit einer bestimmten Körperdrüse, bestimmten körperlichen Fehlfunktionen, bestimmten Lebensmitteln, einem bestimmten Metall, einem Mineral, einer Kraut, einem Planeten, einem Yogaweg, einer Farbe des Tarots, einer Sephira der jüdischen Mystik und einem Erzengel des Christentums verbunden! Keine dieser Assoziationen findet man in den ursprünglichen Quellen. Judith oder ihre Lehrer schufen sie auf der Grundlage wahrgenommener Ähnlichkeiten. Das gilt auch für die ätherischen Öle und Kristalle, von denen andere Bücher und Websites behaupten, sie würden jedem Chakra entsprechen. (Ich sollte anmerken, dass Judith einige Informationen aus einer originalen Sanskrit-Quelle vorstellt  [d.h. das Ṣaṭ-cakra-nirūpaṇa, siehe unten] unter dem Namen: ‚Lotossymbole‘ für jedes Chakra.)

Dies ist nicht so zu verstehen, dass es  Dir nicht besser gehen kann, wenn Du dir bei Problemen mit dem Selbstwertgefühl eine bestimmte Art von Kristall auf den Bauch legst und dir vorstellst, es reinigt dein maṇipūra Chakra. Vielleicht wird es das, je nach Person. Diese Praxis ist sicherlich nicht traditionell ist und sie wurde nicht über Generationen hinweg  getestet (was der eigentliche Sinn einer Tradition ist); aber, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als mein rationalistisches Gehirn zu träumen vermag. Meiner Meinung nach sollten die Menschen aber wissen, wenn der Stammbaum einer Praxis einige Jahrzehnte beträgt, und nicht Jahrhunderte. Wenn eine Praxis einen Wert hat, dann muss man ihre Herkunft nicht verfälschen, oder?

4. Das heute populäre Sieben-Chakra-System stammt nicht aus einer alten Schrift, sondern aus einer 1577 verfassten Abhandlung.

Das Chakra-System dem westliche Yogis folgen, wurde in einem Sanskrit-Text von einem Mann namens Pūrṇānanda Yati gefunden. Er stellte seinen Text (das Ṣaṭ-Chakra-nirūpaṇa oder „Erklärung der sechs Chakren“, das eigentlich Kapitel sechs eines größeren Werks ist) im Jahr 1577 fertig, und er wurde vor genau 101 Jahren, 1918, ins Englische übersetzt.

In einer früheren Version dieses Beitrags nannte ich dieses Sieben-Chakra-System „spät und etwas untypisch“. Aber nach ein paar Tagen wurde mir klar, dass ich mich geirrt hatte – eine einfachere Version desselben Sieben-Chakra-Systems findet sich in einem postscripturalen Text aus dem dreizehnten Jahrhundert namens Śāradā-tilaka, auch wenn dieser Text die Existenz mehrerer Chakra-Systeme (wie Systeme mit 12 oder 16 Chakren) eindeutig anerkennt. Eine umfangreichere Version desselben Systems finden wir auch im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert in der Śiva-samhitā. Die meisten Yogis (sowohl Inder als auch Westler) kennen das Sieben-Chakra-System jedoch durch das Werk von Pūrṇānanda aus dem 16. Jahrhundert, oder besser gesagt durch die etwas zusammenhanglose und verwirrende Übersetzung von John Woodroffe aus dem Jahre 1918. Dennoch ist es wahr, dass dieses Sieben-Chakra-System seit vier oder fünf Jahrhunderten dominiert. Aber es ist auch wahr, dass das verwestlichte Sieben-Chakra-System, das du kennst, auf der Interpretation einer fehlerhaften Übersetzung einer nichtscripturalen Quelle durch Okkultisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts basiert. Dies entkräftet sie keineswegs, sondern problematisiert lediglich ihre Überlegenheit.

Beachte bitte, dass der tantrische Buddhismus (z.B. in Tibet) oft ältere Formen bewahrt hat, und in der Tat ist das Fünf-Chakra-System in dieser Tradition dominant (ebenso wie das grundlegendere Drei-Bindu-System). Für ein typisches Fünf-Chakra-System, wie es im klassischen Tantra zu finden ist, siehe Seite 387 in meinem Buch „Tantra Illuminated“.

5. Der Hauptzweck eines Chakra-Systems ist es, als Vorlage für nyāsa zu dienen – Installation von Mantras und Gottheiten.

Für die ursprünglichen Autoren war der Hauptzweck eines jeden Chakra-Systems die Funktion als Vorlage für nyāsa, d.h. Mantras und Gottheits-Energien an bestimmten Stellen des subtilen Körpers einzurichten. Obwohl Millionen von Menschen heute von den Chakren fasziniert sind, verwendet fast niemand sie für ihren Zweck. Das ist in Ordnung. Nochmals, ich bin nicht hier, um jemanden schlecht zu machen, sondern dazu, interessierte Menschen zu informieren.

Die herausragendsten Merkmale der Chakrasysteme in den ursprünglichen Quellen sind diese drei: 1) dass die mystischen Klänge des Sanskrit-Alphabets über die „Blütenblätter“ aller Chakren im System verteilt sind, 2) dass jedes Chakra einem bestimmten Großen Element (Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum) zugeordnet ist und 3) dass jedes Chakra einer bestimmten hinduistischen Gottheit oder Gottheiten zugeordnet ist. Denn, wie gesagt, ist das Chakra-System in erster Linie eine Vorlage für nyāsa. In nyāsa (lit., ‚Platzieren‘) visualisierst Du eine bestimmte mantrische Silbe an einer bestimmten Stelle in einem bestimmten Chakra in deinem Energiekörper, während du dessen Klang leise intonierst.

Offensichtlich ist diese Praxis in einen kulturspezifischen Kontext eingebettet, in dem die Klänge der Sanskrit-Sprache als einzigartig kraftvolle Schwingungen angesehen werden, die den eigentlichen Teil einer mystischen Praxis bilden können und so spirituelle Befreiung oder weltlichen Nutzen durch magische Mittel bewirkt. Das Bild und die Energie einer bestimmten Gottheit in ein bestimmtes Chakra einzubringen ist auch kulturspezifisch, aber wenn westliche Yogis verstehen, wofür diese Gottheiten stehen, könnte die Praxis möglicherweise auch für sie von Bedeutung sein. Auch wenn sie für jene  wahrscheinlich nie so bedeutungsvoll sein werden wie für jemanden, der mit diesen Gottheiten als beispielhafte Ikonen aufgewachsen ist, die in ihrem Unterbewusstsein verhaftet sind und auftauchen.

Die sogenannten Ursachen-Gottheiten (karana-devatās) finden sich weitgehend in jedem Chakra-System. Diese Gottheiten bilden eine feste Abfolge: vom untersten bis zum höchsten Chakra sind sie Ganesh, Brahmā, Vishnu, Rudra, Īśvara, Sadāśiva und Bhairava, wobei die erste und letzte von ihnen je nach Anzahl der Chakren oft nicht erscheint. Die letzte Gottheit in der Liste der Ursachen-Gottheiten ist nie die ultimative Gottheit des gegebenen Systems, denn diese Gottheit (wer auch immer es ist) thront im sahasrāra oder tausendblütigen Lotus auf der Krone des Kopfes (was technisch gesehen kein Chakra ist, da Chakren per Definition von Kuṇḍalinī in ihrem Auf- oder Abstieg durchbohrt werden, während das sahasrāra ihr endgültiges Ziel und ihre Heimat ist). Daher ist Bhairava (die esoterischste Form von Shiva) nur dann in der Liste der Ursachen-Gottheiten enthalten, wenn er von der Göttin transzendiert wird, die in vielen dieser Systeme die ultimative Gottheit ist.

6. Die Saat-Mantras, von denen du denkst, dass sie zu den Chakren gehören, passen tatsächlich zu den Elementen, die gerade in diesen Chakren eingerichtet sind.

Das ist einfacher, als es klingt. Dir wurde gesagt, dass das Wurzel-Mantra (bīja) des mūlādhāra Chakras LAM ist. Nun, das ist es nicht. Nicht in einer einzigen Sanskrit-Quelle, noch nicht einmal in Pūrṇānandas etwas verstümmelten synkretistischen Darstellung. Und das Mantra von svādhiṣṭhāna Chakra ist nicht VAM. Moment mal, wie bitte?

Es ist ganz einfach: LAM (klingt wie „lang“) ist das Wurzelmantra des Erdelements, das in den meisten Chakra-Visualisierungspraktiken in mūlādhāra installiert ist. VAM ist das Wurzelmantra des Wasserelements, das in svādhiṣṭhāna installiert ist (zumindest in dem Dir bekannten Sieben-Chakren-System). Und so weiter: RAM ist die Silbe für Feuer, YAM für Wind und HAM für Raum. (All diese bījas reimen sich auf „lang“; obwohl ich anmerken sollte, dass im esoterischen tantrischen Yoga die Elemente-bījas verschiedene Vokallaute haben, die als viel mächtiger angesehen werden.)

Der Hauptpunkt ist also, dass die grundlegenden Mantras, die mit den ersten fünf Chakren verbunden sind (so behaupten zumindest die Webseiten die man mit Google findet), nicht zu diesen Chakren selbst gehören, sondern zu den fünf darin installierten Elementen. Dies ist wichtig zu wissen, wenn du jemals eines dieser Elemente an einem anderen Ort installieren möchtest. “ Waaas?! Das kann ich tun?“ Auf jeden Fall. In der Tat finden wir die Elemente in verschiedenen Tantrik-Linien an sehr unterschiedlichen Orten. Zum Beispiel installierten die Saiddhāntika die Erde im Herzchakra. Was könnte deiner Meinung nach ein Effekt auf deine Beziehungen sein, wenn du das Windelement immer im Herzzentrum installierst? (Bedenke, YAM ist das Mantra von Luft/Wind, nicht von anāhata, dessen innewohnendes Mantra ist OM). Hast du jemals bemerkt, dass moderne amerikanische Yogis instabile Beziehungen haben? Könnte das möglicherweise damit zusammenhängen, dass man den Wind auf der Ebene des Herzens wiederholt hervorruft? Nahhhh…… (Ich kann jetzt scherzen, weil nur ein kleiner Prozentsatz meiner Leser es bis hierhin geschafft hat.) Vielleicht möchtest du also irgendwann einmal Erde im Herzen installieren, denn Erdung ist gut für dein Herz. In diesem Fall ist es irgendwie praktisch zu wissen, dass LAM das Mantra des Erdelements ist, nicht das mūlādhāra-Chakra-Mantra.

Darüber hinaus gehören auch die meisten geometrischen Figuren, die heute mit den Chakren verbunden sind, in Wirklichkeit zu den Elementen. Die Erde wird traditionell durch ein (gelbes) Quadrat, Wasser durch einen (silbrigen) Halbmond, Feuer durch ein nach unten gerichtetes (rotes) Dreieck, Wind durch ein Hexagramm oder einen sechszackigen Stern und Raum durch einen Kreis dargestellt. Wenn Du also die Figuren siehst, die in den Illustrationen der Chakren eingeschrieben sind, weißt Du jetzt, dass es sich tatsächlich um Darstellungen der jeweiligen Elemente handelt, nicht um eine Geometrie, die dem Chakra selbst innewohnt.

Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Selbst eine Sanskrit-Quelle kann fehlgeleitet sein. So sind beispielsweise im Text von Pūrṇānanda aus dem 16. Jahrhundert, der die Grundlage für das populäre moderne Chakrensystem bildet, die fünf Elemente in den ersten fünf Chakren eines Sieben-Chakrasystems angeordnet. Aber das funktioniert nicht wirklich, denn in allen klassischen Systemen ist das Raumelement an der Kopfkrone installiert, denn dort erlebt der yogī eine weitreichende Öffnung in unendliche Weiten. Der Raum ist das Element, das in das Unendliche übergeht, also muss er sich an oder in der Nähe der Krone befinden. Ich würde spekulieren, dass Pūrṇānanda den Raum am Hals-Chakra platzierte, weil er in einer Zeit lebte, in der die empfangene Tradition ohne kritische Reflexion zunehmend dogmatischen befolgt wurde (ein Trend, der sich leider fortgesetzt hat). Seine Tradition war eine Kaula-Tradition, in der die klassischen Ursachen-Gottheiten nach unten geschoben wurden, um Platz für spätere, höhere Gottheiten (insbesondere Bhairava und die Göttin) zu schaffen, und die Elemente kritiklos mit den Gottheiten und Chakren verschmolzen wurden, mit denen sie zuvor verbunden waren. (Es ist allerdings nicht offensichtlich dass Pūrṇānanda sich auf Kaula-Quellen stützte, denn anstatt dass die Göttin auf sahasrāra thront, wie wir es in einem Kaula-Sieben-Chakra-System erwarten würden, finden wir dort Paramaśiva, möglicherweise durch den Einfluss von Vedānta. 

Wir haben die Oberfläche dieses Themas kaum angekratzt. Nein, ich mache keine Witze. Es ist wirklich komplex wenn man wissenschaftliche Literatur betrachtet, wie z.B. die Arbeiten von Dory Heilijgers-Seelen oder von Gudrun Bühnemann. Es braucht ungewöhnliche Geduld und Konzentration, um ein solches Werk überhaupt zu lesen, geschweige denn zu produzieren. Nun, ich hoffe, das Ergebnis dieses Beitrags wird etwas mehr Demut sein. Ein geringererAnspruch auf Autorität, wenn es um wirklich esoterische Themen geht. Vielleicht ein paar Yogalehrer weniger, die versuchen, ihren Schülern zu sagen, worum es in den Chakren geht. Ich bin echt demütig wenn ich die Komplexität der ursprünglichen Quellen sehe, und das mit vierzehn Jahren Sanskrit auf dem Rücken.

Dies alles ist noch weitgehend Neuland. Wenn es also um die Chakren geht, behaupte nicht, dass Du dich damit auskennst. Sag deinen Yogaschülern, dass jedes Buch über die Chakren nur ein mögliches Modell darstellt. Praktisch nichts, was in westlichen Sprachen geschrieben ist, ist für Yoga-Praktizierende wirklich maßgeblich. Warum also nicht vorsichtig mit den Überzeugungen umgehen, die du über Yoga erworben hast, gerade wenn du ständig dazu lernst? Es ist zugegebenermaßen noch nicht ganz klar, dass wir diese alten Yogapraktiken verstehen; und anstatt zu versuchen, eine Autorität für eine über-vereinfachte Version von ihnen zu sein, kannst Du dich und deine Schüler einladen, klarer, ehrlicher, genauer und unvoreingenommener auf ihre eigene innere Erfahrung zu schauen.

Schließlich ist auch alles, was je ein Yogameister erlebt hat, in dir.

~ ~ ~

PS: Dieser Beitrag erhält eine größere Verbreitung als ich es gewohnt bin, und einige Leute, die mich nicht kennen, interpretieren meinen leicht schrägen Ton als Arroganz oder Sarkasmus. Tatsächlich bin ich im Grunde genommen ein echter Softie. Bitte lies meine Biografie, damit Du meine Qualifikationen beurteilen kannst, um die Aussagen zu machen, die ich mache.


© Christopher D. Wallis (Hareesh) · 5.2.2016

hareesh.org / blog / The real story on the Chakras · deutsche Übersetzung (03.2019) mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh, Christopher Wallis : Cornelius Woelke,  Lektorat: Marion Inderst und Brigitte Heinz

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Die Tantrische Traditionslinie in der modernen Welt

12. Juni 2019

Eine einfache und kurze Zusammenfassung

Die tantrischen Traditionen die im Süden Indiens ihre Blütezeit hatten, erlitten einen enormen Niedergang im Zuge der muslimischen Eroberung (ca. 1200 n. Chr.), der tantrische Buddhismus wurde wenig später in Indien ausgelöscht. Nach der Eroberung verfielen die überlieferten Traditionen weiter, ebenso wie unter der Britischen Herrschaft, so dass sie in vielen Regionen etwa um die Zeit der Unabhängigkeit (1940er Jahre) endgültig aufgegeben wurden. Wer auf seinen Reisen durch Indien das Vertrauen der Landbevölkerung gewinnen kann, erfährt, dass die letzten tantrischen Priester vor etwa 50 Jahren verstorben sind. Dies ist teilweise den Indern selbst zu verdanken, die sich mehr an der Moderne orientieren wollten; sie dachten es sei an der Zeit, eine neue Ära anzutreten. Zum anderen fand sich niemand mehr, der die erforderlichen sādhana (spirituelle Praktiken) ausüben wollte um die abhishek (spirituelle Weihen) zu erhalten und ein āchārya (spiritueller Lehrer) zu werden. Dennoch ist dieser Verlust relativ gering, denn diese lokalen Traditionslinien waren bereits im Lauf des 20sten Jahrhunderts zerfallen. Tantrische Rituale wurden oft ohne tieferes Verständnis der Philosophie von Yoga ausgeübt.

Diese Aussagen sind jedoch nicht allgemeingültig. Shrīvidyā bekam institutionelle Unterstützung durch den Mainstream-Hinduismus im Süden (z.B. Kāñchī und Shringeri), und hat sich so bis zum heutigen Tag bewahrt, dasselbe gilt für Shaiva Siddhānta (allerdings ohne Yoga) auch im Süden.

Was den Norden der Region angeht, so hat sich die Trika-Linie ununterbrochen in Kaschmir gehalten, bis hin zum Tod von Swami Lakshman Joo (1991). Diesem folgte 1992 ein Exodus der letzten Pandit-Familien. Und auch hier war die Linie bereits erheblich geschrumpft, das meist esoterische yogische Wissen war über die Jahrhunderte unter muslimischer Vorherrschaft verloren gegangen (s. auch den brillanten Artikel von Sanderson: „The Place of Swami Lakshman Joo in the Kashmirian tradition“).

Im Westen (Rājasthān) überlebte tantrischer Yoga durch eine königliche Schirmherrschaft sogar die Kolonialzeit. Es scheint aber, als wäre er am Vorabend der Moderne verschwunden. Im Osten (dies gilt gesichert für Assam und Bengalen), haben einige Erblinien bis zum heutigen Tag Fortbestand. Dort wurden leider auch häufig Praktiken von übergriffigem Fehlverhalten mit übernommen, während die dazugehörige, einst erhabene Philosophie verloren ging. In Nepal konnten einige Linien fortbestehen, und möglicherweise laufen auch heute noch einige Kramāchāryas irgendwo durch die Gegend. Auch diese Linien haben unter einer erheblichen Ausdünnung des einstigen Wissens gelitten.

Keine der Traditionen, die die Zeit überlebt haben, hat die gesamte Vielfalt von Ritualen, Yoga und Philosophie in ihrem ursprünglichen Zusammenhang bewahrt. Jede für sich hat ganz substanzielle Teile der Tradition auf dem Weg verloren. Sie wurden auf vielfältige Weise stark geschwächt, so dass nirgendwo alle Puzzleteile des großen Ganzen zusammengehalten werden konnten, oftmals nur einzelne Bruchstücke.

Wie einige andere engagiert sich auch Christopher Wallis dafür, diese Puzzlestücke zusammenzutragen und so etwas wie ein Tantrisches Revival in Gang zu setzen. Die Einzelteile sind bereits vorhanden, aber in alle vier Himmelsrichtungen verstreut.

Vereinfacht gesagt hat die Philosophie überwiegend im Norden überlebt, der Yoga im Westen, die Rituale im Süden und die übergriffigen Praktiken zumeist im Osten. Natürlich sind die Zusammenhänge weitaus komplexer, so haben zum Beispiel höchst authentische und detaillierte tantrische Rituale in Nepal Bestand.

Es werden sicher weitere 50 Jahre nötig sein, um dieses Puzzle wieder zusammenzusetzen. Aber was für ein wunderbares Unterfangen, wenn man bedenkt, dass wir auf alle mögliche Art und Weise versuchen, das wieder zusammenzusetzen, was auf seinem Höhepunkt die anspruchsvollste spirituelle Tradition der Welt war. Sie bot zu ihrer Zeit eine unglaublich große Palette an Werkzeugen, Praktiken und Einsichten auf dem spirituellen Pfad an, und das für eine große Vielfalt an Persönlichkeits-Typen.

~ Hareesh


© Christopher D. Wallis (Hareesh) · 3.7.2018 · deutsche Übersetzung (06.2019) mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh: Brigitte Heinz,  Lektorat: Eva Ananya

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Egal welchem Gott du huldigst, in Wahrheit ehrst du das Bewusstsein selbst

25. Mai 2019

Der vorliegende Beitrag führt die Übersetzung des „Tantrāloka“ von Abhinavagupta durch Christopher Hareesh Wallis fort. Dieser Text beinhaltet eine enzyklopädische Übersicht über alle Aspekte des Tantra, verfasst vor etwa tausend Jahren auf dem Höhepunkt der tantrischen Tradition. In diesem Abschnitt erklärt Abhinava die tiefere Bedeutung, die jedem Akt von Anbetung zugrunde liegt und wie es sein kann, dass egal welche Gottheit man anbetet, nichts anderes als das Gewahrsein (Awareness) selbst verehrt wird. Dieses Argument ist außerordentlich faszinierend, denn es offenbart, dass Abhinava, obwohl er äußerst fromm war, genau genommen Atheist war (zumindest aus westlicher Perspektive betrachtet).

Abhinava baut seine Argumentation auf beeindruckende Weise durch Zitate aus der Bhagavad-gītā auf. Dieser Text hatte stets (und hat bis heute) eine hohe Verbreitung und Akzeptanz in der indischen Gesellschaft, so wurde sie z.B. auch von den meisten sampradāyas* anerkannt.

Der Guru lehrte [in der Bhagavad-gītā„Auch die, die anderen Göttern huldigen, [wenn] sie dies mit Glauben und Vertrauen tun, [tatsächlich] verehren sie allein Mich.“ (BG 9.23)

[Wir könnten es so übersetzen:] Wenn jemand glaubt, dass die spezifische [Gottheit] die er oder sie anbetet, etwas anderes als Gewahrsein ist, wenn derjenige das Objekt seines Gewahrseins [und seiner Hingabe] genauestens betrachtet, wird er realisieren, dass er/sie/es [in der Realität] nichts anderes ist, als Gewahrsein (bodha)|| Tantrāloka 1.124-5b

Mit anderen Worten sagt Abhinava: Jeder, der seine Gottheit verehrt – unabhängig davon, ob es Krishna oder Shiva oder Allah oder Jahwe ist – und der glaubt, dass es sich dabei um irgendetwas anderes als das reine Bewusstsein handelt, der muss sich lediglich immer mehr dem verehrten und angebeteten hingeben und nähern. Dann wird er mit der Zeit realisieren (sofern er wahrhaftig nach der Wahrheit sucht), dass das, worauf er sein Bewusstsein und seine Anbetung richtet, nichts anderes ist, als eine Form des eigenen Gewahrseins. Diese kann gerade deshalb einen göttlichen Archetypus erhalten, ein solches mysterium tremendum [gr.-lat. „Geheimnis, das Furcht und Zittern auslöst“], weil Gewahrsein selbst göttlich ist, das bedeutet, vollkommen unbegrenzt in seiner wahren Natur. 

Abhinava’s Kommentator Jayaratha stärkt dieses Argument mit einem wunderschönen und verblüffenden Vers aus einer inzwischen für uns verloren gegangenen Quelle: 

Verstehe, dass alles was zu Wissen möglich ist auf einen Modus des Wissens reduziert werden kann; und Wissen ist ein Aspekt von Gewahrsein/Bewusstsein. Du bist Gewahrsein; wenn dies wahr ist, dann besteht diese Welt [bestehend aus dem was man wissen kann] aus nichts anderem als aus dir. ||

Anders ausgedrückt, jedes erfahrbare Objekt kann nur dadurch erkannt werden, wie es sich im Bewusstsein manifestiert und somit als eine Form von Gewahrsein. Weil Gewahrsein die treffendste Analogie zu etwas wie dem Selbst ist und weil die erkennbare Welt aus Objekten des Gewahrseins besteht, deshalb ist es absolut korrekt zu behaupten, dass die Welt aus nichts anderem besteht als aus dir. Diese Aussage ist nicht in einem solipsistischen Sinne zu verstehen (die Welt ist eine Projektion deines Geistes), da du nicht dein Geist bist, sondern vielmehr ein Feld von Gewahrsein welches beides umfasst und bereitstellt, den Geist und das was der Geist erkennt. Abhinava fährt fort:

Da dies [Bewusstsein] selbst-offenbarend ist und weil es die Manifestation eines „Ich-Seins“ ist, welches aus Gewahrsein besteht und intrinsisch unteilbar ist [weder durch Zeit, Ort, Form o.ä.], kann diesem keine rituelle Regel vorausgehen, [denn jegliche Regel bzw. Formen von Ritual oder Kult] sind ihrerseits Schöpfungen [des Bewusstseins]. || 125

Im Gegensatz zur Meinung von vedischen Ritualisten kann das „Ich“ (das in Wahrheit nichts anderes ist als die Kraft des Bewusstseins) nicht an Regeln gebunden werden, die vorschreiben wo und zu welcher Zeit welcher Ritus ausgeführt werden soll, denn das Gewahrsein-Selbst ist diesen übergeordnet und unteilbar durch Ort, Zeit und Form. Das bedeutet, das Bewusstsein kann solche Unterscheidungen wahrnehmen, ist aber intrinsisch nicht durch diese limitiert oder definiert (was sich durch unsere Fähigkeit zeigt, bewusste Erfahrungen von Zeit- und Formlosigkeit zu erleben). Doch nun wird Abhinava noch radikaler: 

Sogar Gottheiten selbst sind Projektionen [von Gewahrsein], denn auch diese sind erfahrbare Entitäten die einer Ursache entstammen, nämlich der Kraft (power[von Gewahrsein, citi-śakti]. Dieses Bewusstsein (samvittiist ganz einfach das [grundlegende, nicht-konzeptionelle, wortlose] ‘Ich-Gefühl’, allgegenwärtig und selbst-offenbarend. || 126

Anders ausgedrückt, die Gottheit die du verehrst ist nichts anderes als du selbst. Dies ist auf verschiedenen Ebenen wahr: Zum Beispiel die Art und Weise wie du dir die Gottheit vorstellst, ist durch deine kulturelle Konditionierung und psychologischen Bedürfnisse geprägt. Auch auf einer noch fundamentaleren Ebene, selbst wenn du eine direkte Gott-Erfahrung erlebst, ist dieses Erlebnis schlichtweg ein Ausdruck innewohnenden Potenzials des Bewusstseins selbst. Welche Qualitäten auch immer diese mystische Erfahrung mit sich bringt, sie sind Ausdruck des Potenzials welches dem Gewahrsein innewohnt. Und dieses Gewahrsein ist allgegenwärtig als der unmittelbare Sinn deines eigenen Seins.

Was sind nun die Auswirkungen solch einer Argumentation für eine Kultur, in der Rituale so tief verwurzelt waren (und bis heute noch sind), wie in der indischen Gesellschaft?

Rituelle Regeln sind Vollmachten, deren drei Aspekte [wie durch vedische Exegeten analysiert] erschaffen wurden [durch Gewahrsein in seinem kontrahierten und konditionierten Zustand] um [religiöse Aktivität] zu erzwingen. Diesen [vedischen] Göttern, Indra und so weiter, [durch Anerkennung der o.a. Exegeten] sind [vedische] Anordnungen vorausgegangen [auf welche Weise ihnen zu huldigen sei][und ihre Existenz] wurde ausschließlich durch diese [Regeln] etabliert. || 127

Hier nutzt Abhinava sehr gewitzt die eigenen Argumente vedischer Exegeten** um sie zu widerlegen. Diese behaupten, dass die Veden chronologisch und ontologisch*** der Schöpfung der bekannten Welt einschließlich all ihrer Götter vorausgegangen seien.

Er fährt fort: 

Aber ‘Ich-Gewahrsein (aham-bodhaist nicht wie dies [denn es ist die Voraussetzung für jede Erkenntnis und jede Handlung]. Diejenigen, die fortfahren lediglich die spürbaren Aspekte [von Gewahrsein] als primär anzusehen [realisieren nicht, dass] obwohl sie Es spüren daran scheitern, Es zu wissen. [Aus diesem Grunde sagte der Guru] „Sie erkennen Mich nicht so wie ich wirklich bin; und deshalb sind sie verwirrt und gehen verloren.“ (BG 9.24) || Nun, „verloren gehen“ bedeutet, einen begrenzten & trennenden Zustand zu erlangen. Also lehrte er: „Diejenigen die Götter anbeten, gehen zu den Göttern, diejenigen die mich verehren, kommen zu Mir.“ (BG 7.23) || 128-130

Mit anderen Worten, die meisten Menschen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht: obwohl sie niemals etwas anderes sehen als eine Form ihres eigenen Gewahrseins, objektivieren sie diese Formen. Sie nehmen an, diese Formen seien von ihnen getrennte und unabhängige Wesenheiten. Um dieses Argument zu unterstreichen, zitiert Abhinava die Worte Krishnas, als die Stimme des fundamentalen Gewahrseins selbst. Der wahre Grund der Verwirrung im Leben, dem Gefühl verloren, begrenzt, allein zu sein, besteht darin, dass wir unsere wahre Natur nicht erkennen („sie erkennen Mich nicht wie Ich wirklich bin“). Krishna impliziert sogar (im zweiten Zitat oben) dass er kein Gott ist, sondern etwas anderes, nämlich Gewahrsein selbst. Nun kommen wir zum entscheidenden Argument:

Diejenigen aber, die die [trügerische] Natur von Objektivität erkennen, wissen um die Realität von Bewusstsein, [sogar] im Kontext [von offensichtlich eigenständiger Gottheit][und daher] „kommen sie zu Mir“ [bedeutet, das wahre ‘Ich’ zu erlangen], auch wenn sie diese [Gottheiten] verehrenÜberall in dieser [Schrift] bedeuten die Worte ‘Ich’ oder ‘Mich’ nichts anderes als Gewahrsein. || 131-132a

Mit einem brillanten hermeneutischen Schachzug lädt uns Abhinava ein, die Gītā auf eine grundlegend andere Art zu lesen, was einer Umdeutung des gesamten Textes gleich kommt. Überall dort wo Krishna von ‘Ich’ oder ‘Mir’ spricht (was häufig vorkommt), können wir dies aus einer Perspektive der Ich-Form betrachten. Denn ‘Ich’ ist das Personal-Pronomen der ersten Person, also sollten wir es genauso lesen! Krishna spricht als die Stimme unseres eigenen Gewahrseins, unserer Wesensnatur, unseres fundamentalen Seins. Was wäre wenn wir andere religiöse Texte auf die gleiche Art lesen würden? Zum Beispiel könnten wir das erste Personal-Pronomen auf das überlieferte Wort Jesu anwenden in dem er sagt: „Niemand kommt zum Vater denn durch Mich“?

Abhinava argumentiert, dass diejenigen die die Vorstellung überwinden, dass ihr Gott ein Objekt des Bewusstseins getrennt von ihnen selbst ist, plötzlich erkennen, dass ihr Gott ein Spiegel, ein Bild ihrer eigenen Wesensnatur ist. Abhinava stellt heraus dass Krishna genau dies annimmt:

Zum Beispiel, mit den Worten ‘[Ich bin] der Wahrnehmende’ und ‘[Ich bin] der Herr’ (in BG 9.24) zeigt er an, dass der Opfernde wie auch der zu dessen Ehren geopfert wird [beide Aspekte eines einzigen Bewusstseins sind]. || 132b

Weil, so sagt Krishna, ‘Ich’ bezeichnet beides, den Verehrenden ebenso wie den Verehrten, daher ist jegliche Form der Verehrung schlichtweg ein sich selbst verehren des Einen. 

Was [wahrhaft] gesagt wird [hier in der Gītāist, dass das Gewahrsein des Verehrenden selbst nichts anderes ist, als das Gewahrsein dessen der/die verehrt wird. Es gibt keinerlei wie auch immer geartete [göttliche] Form, die etwas anderes ist als [Gewahrsein], weil [wenn es das gäbe] könnte man es nicht eine ‘Gottheit’ nennen [gemäß der o.a. Definition]|| 133

Wenn du innehälst und darüber nachdenkst, wie kannst du tatsächlich an eine Gottheit glauben, die außerhalb deines eigenen Gewahrseins existiert? Solch eine Gottheit wäre kaum mehr als eine mentale Abstraktion. Und auch diese Abstraktion wäre nichts anderes als ein Aspekt deines Gewahrseins. Es spielt keine Rolle, wie erhaben oder pathetisch deine Vorstellung oder auch deine Wahrnehmung des Göttlichen ist, es kann nichts anderes sein, als eine Manifestation deines eigenen Gewahrseins. Du kannst nicht außerhalb deines Gewahrseins sein. Allerdings ist es hier ganz entscheidend, Geist (mind) und Gewahrsein (awareness) nicht miteinander zu verwechseln. Diese Auffassung behauptet keineswegs, dass alles ein Hirngespinst der eigenen Vorstellungskraft sei. Das göttliche Gewahrsein, das alles im Universum hervorbringt – Bäume, Berge, Galaxien, Insekten – ist auch der Urgrund deiner Vorstellungskraft. Geist (mind)/Vorstellungskraft ist eine von vielen Manifestationen des Bewusstseins, nicht ihre Quelle.

Deine Vorstellungskraft, deine Gedanken und alles was du ‘objektiv’ wahrnimmst, ist alles gleichermaßen eine Manifestation des Einen. Und die tiefe Wahrheit ist: du bist das Eine.

Du bist nicht irgendein Konzept des Einen. Du bist nicht deine Idee des Einen. Du bist das Eine, aus dem Konzepte, Ideen und Erfahrungen heraus strömen.

* spirituelle Tradition
** Fachleute zur Auslegung der Schriften
*** die Lehre des Seins betreffend


© Christopher Hareesh Wallis · 29. Juli 2018 · Link zum Originaltext

deutsche Übersetzung aus dem englischen mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh:
(05.2019)  Brigitte Heinz · Lektorat: Eva Ananya · Meme: Brigitte Heinz

(Abhinavagupta: Tantraloka, Kap 1, Fortsetzung folgt)

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Balance – STIRA und SUKHA

8. Mai 2019

Die Mitte finden – Die Balance zwischen Kraft und Sanftheit 

von Nicole Konrad

stira sukham asanam
Asanas sollen gleichermaßen die Qualitäten Stabilität und Leichtigkeit aufweisen.

Yogasutra 2.46

Stabilität und Leichtigkeit, scheinbar ein Widerspruch. Laut dem Yogasutra soll ein Asana beide Qualitäten aufweisen: zum einen Festigkeit, Fokus und Bestimmtheit, und zum anderen Sanftheit, Freiheit und Offenheit.

Die Vereinbarkeit scheint schwierig, da beide Qualitäten sich vermeintlich  gegensätzlich gegenüber stehen. Wie ist es möglich einen Ausgleich zu finden? Wie kann man dieses Gleichgewicht, den Tanz von Expansion und Kontraktion bewusst gestalten und eine Praxis schaffen, die Balance schafft? 

Eine Lektion zu diesem Thema war für mich Eka Pada Koundiyanasana I. Diese Position wollte nie gelingen, je mehr ich mich anstrengte und bemühte, desto instabiler und schlechter wurde das Ergebnis. Ich dachte, es liegt daran, dass die Kraft nicht reicht, Festigkeit und Stabilität in der Position fehlten. Jedoch war es das genaue Gegenteil. Sanftheit und Loslassen waren die Qualitäten, die fehlten und die mir verwehrten, zu schweben. Mein Körper war so angespannt, so fokussiert, dass ich nicht „fliegen“ konnte. Zufällig sah ich in einem Video, dass John Friend (Anusara Yoga), in dieser Position sagte: „melt your heart, let go“. Darin lag der Schlüssel. Sobald ich entspannte, meinen Oberkörper sanft werden ließ, war die Position möglich.
Durch dieses Asana verstand ich, dass für Anmut und Harmonie Balance erforderlich ist. Fokus ist ebenso notwendig wie Hingabe, Expansion ebenso wie Kontraktion, Bestimmtheit ebenso wie Akzeptanz. 

Die Natur ist voller Beispiele vom natürlichen Bestreben nach Balance. Alle Kräfte streben den Zustand von Ausgewogenheit an, eine chemische und physikalische Gesetzmäßigkeit. Auch die Atmung ist ein Beispiel dafür. Die Einatmung öffnet den Körper, der Brustkorb weitet sich, der Körper nimmt Prana (Lebensenergie) auf. Die Atmung strömt in den Körper, erdet, bringt Lebendigkeit, Raum, Weite und Kraft.
Mit der Ausatmung entspannen die für die Atmung zuständigen Muskeln, der Körper lässt los, wird sanft und ist in dem Moment der Leere – kurz bevor der neue Atemzug beginnt – in Stille. Es ist ein beständiger Tanz, ein Wechsel zwischen aktiv und passiv, zwischen Anspannung und Entspannung. 

In jedem Asana können ebenfalls beide Qualitäten gefunden werden. 
Um ein Asana zu entfalten, muss zuerst eine stabile Basis geschaffen werden. Das Körperteil, das den Boden berührt, muss sich kraftvoll verwurzeln, breit und stabil Richtung Boden ziehen. Die Muskeln müssen aktiviert werden, um die Position von Grund auf zu stabilisieren und zu festigen. Der Rest des Körpers wird in gleicher Weise über der bestehenden Basis ausgerichtet, ebenso kraftvoll und sorgsam. 
STIRA bedeutet, das Fundament zu schaffen, mit Absicht und Bestimmtheit die Position aufzubauen, aufmerksam zu beobachten, Mut und Unerschütterlichkeit, Zuversicht und Kraft zu etablieren. Es ist ein Gefühl von kraftvoller Mitte, Verwurzelung und Stärke.

Gleichzeitig ist Yoga Expansion, Weite und Raum. Aus der starken Mitte kann Energie nach außen zur Peripherie des Körpers fließen. Auch wenn der Körper kraftvoll ist und man „hart“ in dem jeweiligen Asana arbeitet, bedarf es ebenso der Gefühle Freiheit, Raum, Sanftmut und Hingabe: SUKHA. Es bedeutet zu akzeptieren, zufrieden zu sein mit dem was ist, mit mir, meinem Körper, der Position und dem Moment. Es ist ein Gefühl, sich in alle Richtungen zu strecken, zu öffnen, Barrieren und Blockaden gehen zu lassen. Dies bedeutet Leichtigkeit zu finden, die eigene Kreativität, den eigenen individuellen Ausdruck in dem jeweiligen Moment zu leben. 

Jede Situation in unserem Leben erfordert Balance.

Fokus, Beständigkeit, Mut und Ausdauer sind erforderlich, damit sich Dinge bewegen und verwirklichen lassen. Ohne eine Absicht, einem Ziel, würde man nichts wagen, keine Herausforderung annehmen. Ohne Ausdauer würde man nach kurzer Zeit aufgeben. Ohne das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten würde man nicht die Kraft und Zuversicht finden, auch bei Hürden auf dem Weg mutig weiter zu gehen. 
Nichtsdestotrotz bedarf es gleichermaßen der Qualitäten Kraft und Stabilität. Man kann nur sein Bestes geben, das Ergebnis haben wir meist nicht in den Händen. Ohne Vertrauen bekommen wir Angst, ohne Zufriedenheit Selbstzweifel, ohne Hingabe gelingt es nicht, anzunehmen. 

Jeder Atemzug ist für mich die Erinnerung, dass das Leben, jede Situation, jedes Asana beide Qualitäten erfordert. Die Kunst ist es, das Gleichgewicht zu finden, dieses Prinzip in das alltägliche Leben zu integrieren und zu leben. Zu spüren, wann es an der Zeit ist Mut zu haben und wann es an der Zeit ist loszulassen. 

Buddha soll einmal gesagt haben: „spannst du die Saite zu stramm, so wird sie reißen, ist sie zu locker, kannst du nicht darauf spielen“. 

Yoga ist wie das Saitenspiel, wie Musik, um schön zu klingen, bedarf es der Balance.

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Was ist Tantra? Eine längst überfällige Richtigstellung

17. April 2019

„Tantra“ ist heute nach wie vor ein Modewort in der modernen westlichen Welt. Es begegnet uns auf den Titelseiten von Magazinen und Büchern, zumeist mit schlüpfrigen Andeutungen von sexuellen Erfahrungen der Superlative. Und obwohl inzwischen fast jeder dieses Wort kennt, weiß kaum jemand – auch diejenigen nicht, die vorgeben Tantra zu lehren – Genaueres über die historische Entwicklung der indischen spirituellen Tradition, die Sanskrit-Gelehrte und Studierende als Tantra bezeichnen. Akademische Studien zu Tantra haben wenig bis gar keine Ähnlichkeit mit dem, was unter dem gleichen Namen in Workshops der westlichen alternativen Spiritualität gelehrt wird.

Den Rahmen dieses Beitrages würde es sprengen hier zu erklären, warum diese Kluft so tief ist – sie entstand aus einer komplexen Aneinanderreihung seltsamer Mißverständnisse sowie kultureller Fehl-Interpretationen. Das Buch von Christopher Hareesh Wallis, Tantra Illuminated, bietet hingegen einen gut nachvollziehbaren Überblick über die ursprüngliche indische spirituelle Tradition, die in den Sanskrit-Schriften namens tantras (woher der Name stammt) beschrieben wurde. 

Diesen Beitrag findest Du auch als Audio-File in unserem Podcast, hier!

Warum sollte uns das heute interessieren?

Es gibt einen ganz entscheidenden Grund: Millionen Menschen aus dem Westen praktizieren heute etwas, das Yoga genannt wird. Eine Praxis, die zwar in Form und Kontext stark verändert ist, aber in vielerlei Hinsicht auf die klassische tantrische Tradition zurückgeführt werden kann.

Yoga ist eine lebendige Tradition, die ganz grundlegend vom Tantra beeinflusst wurde, aber viel von seiner eigenen Geschichte vergessen hat. Seit einiger Zeit haben es sich mehrere Gelehrte, die auch Yoga praktizieren, zum Ziel gesetzt, Vergessenes wieder zu entdecken und neu zu integrieren, die Herkunft vieler Ideen und Praktiken aufzuklären, und die reiche und vielfältige Landschaft indischer spiritueller Denkweisen aufzuzeigen. Dies mit besonderem Blick darauf,  inwieweit solche Erkenntnisse unser heutiges Leben bereichern können. Fest steht, dass die meisten Lehren und Texte des 20. Jahrhunderts über die indische Denkweise, entweder unterhaltsam und fesselnd waren, jedoch gleichzeitig weitgehend aus dem Zusammenhang gerissen, inkohärent und unbegründet (Kontext der praxisnahen Herangehensweise). Oder aber solche Texte waren systematisch und dabei leider auch trocken und langweilig (Kontext der akademischen Herangehensweise). Es ist an der Zeit dies richtigzustellen. Keine andere indische Tradition wurde und wird derart missverstanden wie Tantra, vor allem vor dem Hintergrund seiner tiefgreifenden Einflüsse auf die gesamte globale Spiritualität.

Der Begriff „klassisches Tantra“ bezieht sich auf die Blütezeit der tantrischen Bewegung (800-1100 n. Chr.). Diese Periode unterscheidet sich sehr von dem späteren Hindu-Tantra und den Hatha-Yoga-Traditionen (beide 1100-1800 n. Chr.), und besonders von der modernen amerikanischen Neo-Tantra-Bewegung (ca. 1905 von Pierre Bernard begründet). Der klassische Tantra, den Christopher Wallis in seinem Buch beschreibt, ist eng verbunden mit einer spezifischen religiösen Tradition, der Religion von Shiva & Shakti, die allgemein bekannt ist als Shivaismus. Shivaismus wurde überall dort praktiziert wo heute Indien ist, sowie in Nepal, Pakistan, Südost-Asien und Indonesien. Er war die dominierende Religion des mittelalterlichen Indiens (600-1200 n. Chr.). Weiterhin gibt es die wichtige Kategorie des buddhistischen Tantra. Viele der dortigen Praktiken wurden direkt aus dem klassischen Śaiva-Tantra übernommen (wie Sanderson in „The Śaiva Age“ belegt hat). Darüber hinaus sind viele der spirituellen Lehren des buddhistischen Tantra (besonders die von Dzogchen und Mahāmudrā) kaum von den non-dualen Lehren des Śaiva-Tantra zu unterscheiden. (Eine exakte Definition von non-dualem Śaiva-Tantra wird in einem weiteren Beitrag von Christopher Wallis gegeben.)

Tantrische Schriften sind Grundlage für viele Strömungen

Eine in 2015 veröffentlichte wissenschaftliche Publikation beginnt mit folgenden Worten: „Tantrische Schriften bilden die Grundlage für fast alle theistischen und rituellen Strömungen im post-vedischen Indien, ebenso wie für einen Großteil des Buddhismus (Vajrayāna). Unter diesen Schulen verbreiteten sich besonders diejenigen, die sich auf die hinduistischen Gottheiten Śiva und Viṣṇu konzentrierten; weit über den indischen Subkontinent hinaus bis hin zum Kambuja-Königreich (Kambodscha/Laos/Thailand), Champa (Vietnam) und Indonesien, während der buddhistische Tantrismus rasch pan-asiatisch wurde.” (Goodall, Sanderson und Isaacson, EFEO/IFP)

In dem Buch (Tantra Illuminated) kommt die Tatsache ein wenig zu kurz, dass bis heute eine gut sichtbare Form des ursprünglichen Tantra existiert, und das ist der tibetische Buddhismus. Da dies für die meisten Menschen die einzige Berührung mit Tantra ist, erkennen sie nicht, dass viele seiner markantesten Merkmale (mantras, maṇḍalas, mudrās, Initiation, Götter-Yoga, Guru-Yoga, u.v.m.) eigentlich nicht spezifisch für den Buddhismus sind. Sie waren vielmehr Teil der pan-indischen tantrischen Bewegung, die alle Religionen ihrer Zeit beeinflusst hat (Shivaismus, Buddhismus, Vaishnavismus, Jainismus, Saurismus, etc.).

Obwohl Tantra eine äußerst einflussreiche Wirkung auf spirituelle, religiöse und ästhetische Bewegungen hatte, überschätzen einige „Tantra-Triumphalisten“, wie Ramesh Bjonnes (er schreibt  bemerkenswerte Beiträge für das Elephant Journal) seine Bedeutung und behaupten, Tantra hätte alle Formen des Yoga beeinflusst. Kein professioneller Sanskrit-Gelehrter würde diese Behauptung stützen. Nicht alle Formen des Yoga haben ihre Wurzeln im Tantra (es gibt viele vor-tantrische Yogas, z.B. im Yoga-sūtra und in der Mahābhārata). Tatsache ist, dass die meisten heute praktizierten Yoga-Formen auf Tantra zurückgeführt werden können, zumeist über Haṭha-Yoga als Bindeglied, dessen Texte gelegentlich zweifelsfrei auf Tantra hinweisen.

Was ist die Essenz von Tantra?

Tantra ist also eine spirituelle Bewegung, die die Entwicklung der meisten asiatischen Religionen beeinflusst hat. Aber was ist nun die eigentliche Essenz von Tantra? Woran erkenne ich, dass es Tantra ist? Wissenschaftler haben diese Frage diskutiert und statt einer einzelnen Eigenschaft eine ganze Liste von Merkmalen erstellt (s. Tantra Illuminated Seite 33). Ein ganz wichtiges Element unterscheidet Tantra von allen anderen Yoga-Pfaden: Tantra ist ganz grundsätzlich lebens-bejahend statt lebens-verneinend. Der Fokus liegt auf dem Immanenten, nicht auf dem Transzendenten. Es geht darum, Yoga in den Alltag zu integrieren und nicht darum, der Welt zu entsagen. Alle anderen Formen von Yoga sind transzendentalistisch und entsagend, sie vertreten einen Welt-ablehnenden, abwertenden Charakter – außer, sie sind von Tantra beeinflusst. „Transzendentalisten“ gehen davon aus, dass das Göttliche außerhalb von unserer Reichweite ist, jenseits dessen was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Daher wird das Leben geleugnet, „höhere Bewusstseinszustände“ müssen erreicht werden, um sich mit der göttlichen Essenz zu vereinen. Im Gegensatz dazu lehrt nonduales Tantra, dass – obwohl das Göttliche mehr ist, als das was das Auge wahrnimmt – das Göttliche auch in allem ist, was das Auge wahrnehmen kann (oder das Ohr hören kann, usw.). Daher streben wir nicht nach „höheren“ Bewusstseinszuständen, sondern nach einem vollständigeren Gewahrsein der Ganzheit des Seins, im Hier und Jetzt. Der tiefere Sinn des Wunders des Lebens offenbart sich in jeder Form, in jeder Wahrnehmung, jedem Gefühl  und in jeder Kreatur. Tantra sagt, dass sich dieser tiefere Sinn durch spezifische Praktiken des Bewusstseins und der Verkörperung offenbart und nicht durch die bloße Absicht. Der Weg zur Erleuchtung führt nicht über das Denken, sondern er erfordert einzigartige, ermächtigende und transformative Praktiken und aktive Übungen.

Um mehr zu erfahren, lies das Buch Tantra Illuminated von Christopher Hareesh Wallis!  Es enthält die erste umfassende Einführung in die Philosophie und Geschichte des klassischen Tantra, die für ein allgemeines Publikum geschrieben wurde. *


~ ~ ~* Ich (C.W.) werde diese Behauptung unter Bezugnahme auf die drei Bücher begründen, die sich mit demselben Thema befassen. Erstens – Tantra: The Path of Exstasy von Georg Feuerstein bietet einen Überblick, nicht über das einzigartige philosophische System des klassischen Tantra, sondern vielmehr über die Elemente des Tantra, die in den Mainstream-Hinduismus eingeflossen sind. Somit kann sein Buch als gute Einführung in die nach-klassische Zeit des Hindu-Tantra des 13. Jahrhunderts ff. verstanden werden. Zur klassischen Tantra-Philosophie in meinem Buch Tantra Illuminated bestehen einige Verbindungen, aber auch ganz beträchtliche Unterschiede. Das zweite Buch ist von Kamalakar Mishra, Kashmir Shaivism: The Central Philosophy of Tantrism. Dieses deckt vieles über die klassische tantrische Philosophie ab, berücksichtigt jedoch nicht den sozialen Kontext der Religion, die sie hervorgebracht hat. Mishra führt das inzwischen fast hundertjährige Mißverständnis fort, nachdem diese Tradition ein begrenztes Phänomen der Region von Kaschmir war, wohingegen es tatsächlich eine pan-indische (vielleicht sogar pan-asiatische) spirituelle Bewegung war. Drittens gibt es von Lama Yeshe eine klassische Introduction to Tantra. Dieses wunderbare kleine Buch vermittelt dem Leser einen guten Einblick in die Werte, Weltsicht und Ästhetik der tantrischen Bewegung. Allerdings hält es nicht viel von Genauigkeit, weder in Bezug auf die historische Entwicklung, noch über die Details der Praxis.

Einen weiteren Text zu Tantra von Hareesh, Christopher D. Wallis findest Du hier hier!


© Christopher D. Wallis (Hareesh) · What is Tantra?: Setting the records straight 02.08.2015

deutsche Übersetzung (04.19) mit freundlicher Genehmigung durch Hareesh: Brigitte Heinz · Lektorat: Marion Inderst, Eva Ananya

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Die fünf Koshas und die fünf Schichten des Selbst – Ein Vergleich

13. April 2019

Das hier abgebildete Poster (copyright 2003, Integrative Yoga 1), welches ich (Christopher Hareesh Wallis) in verschiedenen Yoga-Studios gesehen habe, spiegelt die Verwirrung in der modernen Yoga-Welt in Bezug auf die 5 Koshas (kośa) bzw. Layer/Ebenen/Schichten (sheaths) wider, die dort auch als 5 Körper oder 5 Schichten des menschlichen Seins beschrieben werden.

Die vedantische Version dieser Lehre beruht auf einer kurzen Passage aus den Taittirīya Upanischaden, siehe Textende. Die tantrische Auffassung wird detailliert in meinem Buch (Tantra Illuminated) dargelegt.

Die Interpretation in der Abbildung stellt prāṇa-maya-kośa als ‚Energie-Körper‘ der cakras und nādīs dar, der sich von mano-maya-kośa dem ‚Emotional-Körper‘ unterscheidet. Dies ist von einem traditionellen Standpunkt aus vollkommen falsch, denn im traditionellen yogischen Verständnis sind der Energie-Körper (sūkṣma-śarīraoder puryaṣṭaka) und der mentale/emotionale Körper EIN-UND-DASSELBE.

Daher sind die im Bild angegebenen „Energie-Blockaden“, die dem Prāna-Körper zugeschrieben werden, und das dem Mental/Emotional-Körper zugeordnete „fehlende Gewahrsein von (gewohnheitsmäßigen) Gedankenmustern und emotionalen Reaktionen“ ein-und-dasselbe, sie werden lediglich auf unterschiedliche Weise beschrieben! Dies zu verstehen ist ganz entscheidend!

Der Erschaffer dieses Posters verdient Lob, denn er zeigt richtigerweise auf, dass Gedanken und Emotionen Bestandteil derselben Schicht sind; dies gilt für alle Yoga-Systeme gleichermaßen.

Die Bewegungen des Prāna-Körpers beziehen sich lediglich auf die ungestörten Funktionen der fünf Aspekte von prāṇa (Lebens-Kraft) – wie z.B. rülpsen, furzen, verdauen, hungrig werden wenn der Körper Nahrung braucht; das alles erfolgt durch die Bewegungen von prāṇa. Der Prāna-Körper ist demnach einerseits mit dem physischen Körper (anna-maya-kośa) und andererseits mit dem mental-emotionalen Körper (mano-maya-kośa) eng verwoben. Daher wird die Prāna-Hülle im vedantischen Modell zwischen den beiden positioniert. (Beachte dabei, dass wenn der mental-emotionale Körper im Ungleichgewicht ist, dies prāṇa beeinflusstwas sich wiederum auf den physischen Körper auswirkt. Ein extremes Beispiel hierfür wäre Anorexie.)

Im Gegensatz dazu verortet das tantrische Modell die Prāna-Schicht zwischen der mental-emotionalen Schicht und der Leere (void) (siehe Diagramm weiter unten). Tantra ordnet die Schichten des Selbstseins (selfhood) aufeinander aufbauend zu: in der Reihenfolge von grob hin zu fein, von vergänglich zu beständig, von weniger essentiell zu fundamental – und Prana oder Lebenskraft ist sowohl subtiler als auch fundamentaler als der Geist (mind).

In KEINEM der beiden Modelle ist die Prāna-Hülle gleichzusetzen mit dem Energiekörper von nāḍīs, cakras und bindus, denn wie bereits erwähnt sind der Energiekörper und der mental-emotionale Körper identisch (auch wenn die Bewegungen von prāṇa den Energie-Körper beeinflussen). Nebenbei gesagt ist dies auch eher im Einklang mit einem modernen psychologischen Verständnis. Der Energiekörper ist also ein Modell zum Verständnis der subtilen Aspekte unseres mental-emotionalen Seins und gibt uns Aufschluss darüber, auf welche Weise es die Gewebe des physikalischen Körpers vollkommen durchdringt.

Welches sind nun die weiteren Unterschiede zwischen diesen beiden parallelen Modellen? Im Vedānta-Modell korrespondiert anna-maya-kośa exakt mit der Körper-Schicht (deha) des Tantra-Modells, aber darüber hinaus weichen die beiden Systeme voneinander ab. Wie zuvor erwähnt, ordnet das Vedānta-Modell die Prāṇa-Schicht an einer anderen Position  ein, als das Tantra-Modell. Desweiteren spaltet das vedantische Modell den Geist (mind) in zwei Schichten, eine denkend-fühlende Schicht (mano-maya-kośa) und eine unterscheidungsfähige, wahrnehmende Schicht (vijñāna-maya-kośa). Das tantrische Modell hingegen sieht beide als Teil der Herz-Geist-Schicht (heart-mind, citta), die identisch mit der Energiekörperschicht (puryaṣṭaka) ist und die dickste – aber nicht die dichteste – Schicht darstellt.

Zudem fehlt im vedantischen Modell die Leere (śūnya)-Schicht, die für das tantrische Modell so wichtig ist. Teilweise deshalb, weil die ursprüngliche Form von Vedānta die Meditation im Vergleich zum Tantra nicht besonders betont. Die sogenannte Leere bezieht sich schlichtweg auf die  Erfahrung von Stille und Ruhe tief im Inneren, einem Ort der Ruhe in einfacher weiter Offenheit, ohne Energie oder Aktivität. Daher empfehle ich Yogis deren Schwerpunkt auf Meditation liegt, eher das tantrische Modell als das vedantische.


Dieses Diagramm des tantrischen Modells vom fünfschichtigen Selbst habe ich für mein Buch entworfen.

Entspricht ānanda-maya-kośa, die Glückseligkeits-Schicht (Bliss Body) des vedantischen Modells cit oder saṃvit (awareness, Gewahrsein), dem innersten Kern des tantrischen Modells? Man kann sicherlich so argumentieren, aber in der originalen Textpassage (s.u.), auf der das vedantische Modell beruht, wird Gewahrsein als integrales Element von Menschsein nicht einmal erwähnt, weder im Geist-Körper (mind-body), noch im Wahrnehmungs-Körper (perception-body) oder im Glückseligkeits-Körper (bliss-body). Auch denen die entgegenhalten, dass die vijñāna-maya-Schicht mit Bewusstsein (consciousness) gleichzusetzen sei, empfehle ich, die ursprüngliche Textpassage anzuschauen. Dort besteht diese Schicht aus Glauben, Wahrheit, Yoga, etc.. Wenn überhaupt, liegt ein frühes Konzept von buddhi nahenicht aber cit/samvit.

Im tantrischen Modell hingegen ist das Kern-Bewusstsein ausdrücklich formuliert und wird detailliert diskutiert. Diesem dynamischen Kern-Gewahrsein (im Gegensatz zur statischen, unbeweglichen Vorstellung von Bewusstsein im Vedānta) wohnen die fünf Kräfte inne (five powers) – beschrieben auf S. 101 von Tantra Illuminated, natürlich gehört auch ānanda dazu. In der vedantischen Vorstellung hingegen besitzt das Selbst die Kräfte von Willen, Wissen und Aktion nicht. Hier ist es absolut passiv, ein nicht aktiver Zeuge.

Die Pfeile in meinem o.a. Diagramm weisen auf die Dynamik des Gewahrseins hin, und darauf, dass jede Schicht die darüberliegenden durchdringt. In beiden, dem Tantra- und Vedānta-Modell durchdringen alle Körper / Layer / Schichten, die innen liegen und essentieller sind, die äußeren Schichten. Sucht man bei google nach entsprechenden Bildern der Koshas, so versagen sie meist in Bezug auf  diese Schlüssel-Lehre.

Das folgende Diagramm (durch Bildsuche gefunden) ist akkurater als das oben gezeigte Poster– zumindest was den Prozess der sukzessiven Verinnerlichung durch spirituelle Praxis anbelangt. Aber es ist immer noch unzulänglich in Bezug auf die Darstellung der Schlüssellehre, in der jede äußere Schicht durch die jeweils innenliegenden Schichten durchdrungen wird.


Nach diesem Kurzüberblick ist es an der Zeit, die Original-Passage aus den Upanishaden anzuschauen, die die vedantische Version der Lehre inspiriert hat. Hierbei ist zu beachten, dass das Original in Verbindung mit einer sehr alten vedischen Ritual-Kultur zu sehen ist, die vom reifen Vedanta tausend Jahre später komplett über Bord geworfen wurde. Daher ist anzunehmen, dass die Bedeutung dieser Passage im Sinne des Autors wahrscheinlich ziemlich weit von der späteren Interpretation im Vedānta abweicht. Dies gilt umso mehr für die Auslegung durch die heutige moderne Mischform des Vedānta (die tatsächlich von Tantra beeinflusst wurde).

Auszug aus den Taittirīya Upaniṣad’s, zweites Kapitel (brahma-vallī), ca. 500-400 v. Chr.:

„Jetzt, ein Mensch ist hier aus der Essenz von Nahrung gebildet. Dies hier ist sein Kopf; dies seine rechte Seite;  dies seine linke Seite; dies ist sein Rumpf; und dies der Grund auf dem er ruht.

Unterschiedlich von und in diesem Menschen liegend, geformt aus der Essenz von Nahrung ist das Selbst, bestehend aus dem Lebens-Atem (prāna), das diesen Menschen vollständig durchdringt/erfüllt/durchflutet.

Von diesem Selbst ist der Aus-Atem (prāna)  der Kopf; der Zwischen-Atem (vyāna) ist die rechte Seite; der Ein-Atem (apāna) ist die linke Seite; das Raum-Element (space) ist der Torso/Kern; und das Erd-Element ist der Grund auf dem es ruht.

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Atem, ist das Selbst bestehend aus Geist (mind), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. Von diesem Selbst ist der Kopf schlicht die Yajus Mantras; die rechte Seite sind die Ṛg Mantras; die linke Seite sind die Saman Chants; die Lehren (upadeśa) sind der Torso/Kern, und der Grund auf dem es ruht sind die Atharva-Āngiras.

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Geist (mind), ist das Selbst bestehend aus Wahrnehmung/Weisheit (vijñāna), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. Von diesem Selbst ist Glauben der Kopf; Wahrheit die rechte Seite; das Wirkliche die linke Seite; Yoga (wörtlich: effektive Methode) ist der Torso, und Feier (celebration) ist der Grund auf dem es ruht. 

Unterschiedlich von und in diesem Selbst liegend, bestehend aus Wahrnehmung (perception) ist das Selbst, bestehend aus Glückseligkeit (bliss), welches dieses andere Selbst vollständig durchdringt. 

Von diesem Selbst ist der Kopf einfach Freude/Wohlgefallen (pleasure), die rechte Seite ist Entzücken (delight), die linke Seite ist Spannung/Begeisterung (thrill), der Rumpf ist Glückseligkeit (bliss); und der Grund auf dem es ruht ist Brahman.“

Basierend auf einer Übersetzung von Patrick Olivelle, bzw. leicht modifiziert von Hareesh Wallis, aus dem Englischen


© Christopher D. Wallis (Hareesh), englisches Original: 23.11.2015 bzw. Überarbeitung 2016, siehe www.hareesh.org

deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Hareesh, Christopher Wallis (Link); Übersetzung: Brigitte Heinz; Lektorat: Marion Inderst, Daniela M.

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Authentizität – nicht verhandelbar!

5. Dezember 2015

Buch: Alles geben nur nicht auf!Auszug aus dem Buch „Alles geben nur nicht auf“ von Stephanie Feyerabend Verlag
hier: der Beitrag von Nicole Konrad erzählt von der Intention zur Gründung von Openlotus – die Yogaschule

„Das ist total naiv“ war die Einschätzung einer befreundeten mittelständischen Unternehmerin, als ich ihr erzählte, in welcher Absicht und mit welchen Qualitäten ich das Yogazentrum plante, welches ich in naher Zukunft in „ganz groß“
eröffnen wollte. Dabei sah sie mich mit einem Blick an, der sagte: Du wirst schon sehen, dass ich recht habe, und dass du deine Ideale über Bord werfen wirst.
Dieses Ereignis ist nun über 6 Jahre her – und hatte sie Recht? Nein, zum Glück nicht.

Was wollte ich? Was war meine Motivation, ein weiteres Yogastudio in Köln zu gründen? Bislang unterrichtete ich nebenbei ein paar Stunden, ich hatte einen kleinen Raum gemietet. Die Kosten waren überschaubar – die Möglichkeiten zur Entfaltung aber eben auch.

Die Lotusblume, die Namensgeberin für das Studio wurde, steht in der asiatischen Symbolik für ein über sich Hinauswachsen und das Erkennen der wahren Natur. Wie alles, das lebt, gedeiht und sich entwickelt, braucht es Zeit, Kraft, Ausdauer und den Willen, nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren, um zur vollen Entfaltung zu gelangen. Die Seerosen entstehen am Grund des Bodens im Schlamm und arbeiten sich nach oben – durch das immer klarer werdende Wasser bis an die Oberfläche, wo sie ihre Schönheit offenbaren. Und sobald sie da sind, kann sie nichts mehr „beschmutzen“, der bekannte Lotus-Effekt wirkt. Sinnbildlich steht der Lotus also für unseren eigenen Weg der Entfaltung. Wir selbst haben manchmal das Gefühl, im Schlamm zu stecken, nicht klar zu sehen, da das Wasser um uns herum trüb ist, das Wachsen so langwierig und mühsam erscheint und manches einfach schwierig ist und wir oft nicht einmal einen Vorgeschmack auf das erhalten, was kommen wird. Jedoch, im Vertrauen darauf, der inneren Stimme zu folgen und unsere Wahrheit zu entfalten, gehen wir weiter, und überwinden Hindernisse und Zweifel.

Yoga stellt für mich DEN Weg dar. Für mich war und ist diese Praxis ein Weg zur Erkenntnis des eigenen Selbst, der Entwicklung von Güte und Freundlichkeit gegenüber mir und anderen, eine Praxis, die mich lehrt, stark zu sein, und dabei auch Verletzlichkeit zuzulassen. Yoga ist auf allen Ebenen heilsam – und genau auf diesen Qualitäten sollte das Studio fußen. In der Yogawelt sagt man gerne: Yoga ist für jeden da – was stimmt. Jedoch ist dieser Grundsatz nicht ganz einfach zu realisieren. Technisch gesehen ist es einfach, Menschen im Yoga zu unterrichten, die jung, fit und nicht verletzt sind. Aber mit allen Yogis zu arbeiten, egal ob sie alt oder jung sind, chronisch krank oder top-fit, leistungsorientiert oder Stille suchend – das ist eine ganz andere Herausforderung. Dieser wollte ich mich stellen.

Neben einem hochwertigen regulären Kursprogramm hatte ich außerdem im Bereich der Fort- und Weiterbildung von Yogalehrern die Absicht, Maßstäbe zu setzen. Um Yoga zu unterrichten, bedarf es eines tief fundierten Wissens über die menschliche Anatomie und die Bewegungsprinzipien wie auch eines Grundwissens über gängige Krankheitsbilder. Außerdem ist ein detailliertes Wissen über die Hintergründe des Yoga, seine Philosophie, die Geschichte und die daraus entstandenen verschiedenen Yogatraditionen nötig. Dazu ist Lehrkompetenz, Beobachtungsgabe, Didaktik und auch eine große Portion Einfühlungsvermögen, Geduld und Empathie notwendig. Besonders wichtig ist die Fähigkeit, jeden einzelnen Teilnehmer zu sehen und zu erkennen, was genau diese Person braucht, um Ganzheitlichkeit zu erlernen. Meines Erachtens fehlt es bei zu vielen Yogakursangeboten und auch Yogalehrerausbildungen fundamental an Kompetenz. Dies liegt unter anderem daran, dass der Begriff „Yogalehrer“ weder geschützt ist, noch bestimmte Ausbildungsstandards gelten.
Für mich selbst ist Yoga ein Geschenk. Es ist eine Technik, die Bewusstsein auf allen Ebenen schafft. Die Standfestigkeit, die Yoga lehrt, bietet auf der einen Seite die Möglichkeit, spannende Körperformen einzunehmen. Vielmehr aber befähigt sie auch dazu, den inneren Ängsten und alten Wunden zu begegnen, um diese zu heilen. Der Sanftmut, den Yoga ebenfalls vermittelt, half mir, geduldiger und mitfühlender zu mir selbst und auch zu anderen zu sein. Die bedingungslose Konfrontation mit mir selbst, half mir, herauszufinden, was ich wirklich möchte, was meine Wahrheit ist, wer ich bin, welche Muster und Gewohnheiten in mir wirken, und auch gewahr zu werden, nach welcher Verwirklichung ich mich sehnte. Im Grunde war es die Yogapraxis, die mich erkennen ließ, worin meine Fähigkeiten liegen, Mut zu fassen, auch Großes zu wagen, und Vertrauen in mich und auch in andere zu haben. Mein Anliegen ist es, das was für mich so transformierend und ermächtigend war und ist, weiterzugeben und dabei nicht aus den Augen zu verlieren, welche Kostbarkeit Yoga ist. Die Vermittlung dieser Lehre verlangt Respekt, Aufrichtigkeit, höchste Qualität und fortwährendes eigenes Lernen.

Openlotus sollte zu einem Ort werden, an dem jeder willkommen ist. Ich wollte einen geschützten Raum schaffen, der es erlaubt, mit seiner Freude und seinem Kummer, mit seinen Stärken und Schwächen zu sein, sich nicht verstecken und nichts beweisen zu müssen, um eben vorurteilsfrei zu begegnen und SEIN zu können. Die buddhistischen Tugenden von Mitgefühl, Güte, Achtsamkeit und auch Vertrauen in das grundsätzliche Gutsein des Menschen, waren die Grundlage meines Vorhabens. Damit dies Wirklichkeit werden konnte, suchten wir Mitarbeiter, die diese Gedanken teilen. Meine Absicht war, nicht nur „Hip und In“ zu verkaufen oder einen Trend zu vermarkten, sondern gelebtes, authentisches und qualitativ hochwertiges Yoga zu vermitteln. Mit Menschen zu arbeiten, braucht Zeit und einen Rahmen, der Einzigartigkeit willkommen heißt. Nur so ist es langfristig möglich, achtsames Bewusstsein für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und sich zu trauen, man selbst zu sein.

blühende RoseDer ganzheitliche Gedanke von Yoga – es schreibt sich so leicht – ist im Grunde genommen eine radikale Idee, die alles andere als leicht umzusetzen ist. Wie oft zum Beispiel ignoriert man die Bedürfnisse des eigenen Körpers? Der simple Impuls zur Toilette zu müssen, wird verschoben, bis dass das Schreiben fertig ist, an dem man gerade arbeitet, der Schlafmangel soll am kommenden Wochenende aufgeholt werden und die Erholung im nächsten fernen Urlaub stattfinden. Yoga sagt: JETZT, HIER, nicht gestern, nicht morgen. Leben ist JETZT. Die kleinen alltäglichen Begebenheiten machen den Unterschied, oder besser gesagt, die Bewusstheit, die ich in jedem Moment erlebe. Yoga lehrt auch die Einheit. Warum zum Beispiel bin ich vielleicht der Meinung, dass Arbeit und Privatleben zwei verschiedene Dinge sind? In dem einen verbringe ich irgendwie meine Zeit, auch wenn es mir nicht gefällt, während ich mich in der Freizeit um mein Wohlbefinden und die Freude kümmere? Sicher, wir müssen zwangsläufig Kompromisse eingehen, und nichts im Leben ist nur gut oder nur schlecht. Aber vielleicht ertragen wir Umstände im Leben, bei denen wir genau spüren, dass diese nicht richtig sind. Wir wagen es aber nicht, die Schritte zu unternehmen, die nötig wären, um Veränderung zu schaffen.

All diese Überlegungen und gehörig viel Optimismus lagen in mir, als ich Openlotus gründete.
Was nach den Jahren noch davon übrig ist? Eigentlich alles! Die Arbeit, die wir machen, zielt auf langfristige Qualität statt auf den schnellen, rauschenden Erfolg. Und nach den Jahren ist es so, dass Openlotus einen sehr guten Ruf genießt, und wir weiterhin nur mit Menschen arbeiten, die ebenfalls ernsthaft Interesse an der Tiefe des Yoga haben – und somit an der Entwicklung des eigenen Selbst. Wie die Lotusblume auf dem Weg an die Wasseroberfläche, um der Sonne ins Gesicht zu schauen und zurück zu lächeln.

Das folgende Zitat stammt vom XIV. Dalai Lama. Es hängt bei mir im Yogastudio, denn es erinnert mich immer wieder daran, nie aufzugeben!

GIB NIEMALS AUF
egal, was geschieht

gib niemals auf
entwickel dein Herz
zu viel Energie wird in deinem Land
dafür verschwendet, den Intellekt zu entwickeln
statt des Herzens
entwickel das Herz
sei mitfühlend
nicht nur zu deinen Freunden
zu jedem
sei mitfühlend
arbeite für den Frieden
in deinem Herzen, wie in der Welt
arbeite für den Frieden
und ich sage es nochmal
gib niemals auf
ganz egal, was passiert
ganz egal, was gerade um dich herum geschieht
gib niemals auf


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Yoga Deutschland 11/2015

11. April 2019

Titelbild Yoga Deutschland 11_2015

Teil 3 der Meditationsserie bei Yoga Deutschland  – Wie Wellen, die ans Ufer branden – von Nicole Konrad

Kaum hat man es sich auf der Matte oder dem Meditationskissen gemütlich gemacht, schon tauchen sie auf: diese galoppierenden Gedanken, die wie ein Gaul mit einem durchgehen!


Wie Wellen, die ans Ufer branden

Nicole Konrad, Openlotus Köln
Yoga Deutschland Nr. 11, Ausgabe Januar/Februar 2025 · YOGA Deutschland.de

Kaum hat man es sich auf Matte oder Meditationskissen gemütlich gemacht, schon tauchen sie auf: diese galoppierenden Gedanken, die wie ein Gaul mit einem durchgehen! Dabei kann Meditieren Meditieren ganz einfach sein – wenn du deinen inneren Beobachter ins Spiel bringst.

Der Geist ist wie ein junges, wildes Pferd, das man zu reiten versucht. Mit diesem Vergleich beschreibt der buddhistische Geistliche Sakyong Mipham die Meditationspraxis – er zeigt die Sprunghaftigkeit und Rastlosigkeit des Geistes. Gerade Anfänger der Meditationspraxis sind schnell frustriert, da die Gedanken unablässig abschweifen und schwer zu kontrollieren sind. Ein In-sich-Versenken oder Zur-Ruhe-kommen scheint kaum möglich. Manchmal mag es sogar den Anschein haben, dass der Geist gerade dann besonders unruhig ist, wenn man meditiert. Sollte man deswegen die Praxis verschieben oder sie besser ganz sein lassen? Ist mein Geist vielleicht gar nicht für Meditation geeignet? Die gute Antwort gleich vorneweg: Jeder Geist kann sich in Meditation üben.

Das JETZT UND HIER zählt

Vielleicht hilft die Idee, Meditation nicht als Stille zu definieren, sondern vielmehr als Gegenwärtigkeit im Augenblick. Die Praxis der Versenkung zielt darauf ab, sich bewusst zu machen, was in jedem Moment geschieht. Jetzt und hier. Das liest sich einfach, ist es aber keineswegs. Meist sind wir mit unseren Gedanken entweder noch in der Vergangenheit oder schon in der Zukunft: Hätte ich doch nur. Wäre es vielleicht besser gewesen. Hätte ich das gewusst. Ich sollte doch. Wenn ich das habe, dann. Gleich muss ich noch …

Die innere Welt entdecken

Verstehe ich die Meditation aber als Übung, das Verweilen im Augenblick zu praktizieren, ist es natürlich, dass das Erste was ich wahrnehme, mein ständig denkender und planender Geist ist. Ähnlich wie das junge Pferd springt der Verstand bei der kleinsten Ablenkung in ungestümer Wildheit davon und man selbst hat alle Mühe, nicht abgeworfen zu werden und wieder eine Verbindung aufzubauen. Meditation ist ein Weg der Selbsterfahrung – in Aufrichtigkeit ohne Erwartungshaltung. Unser Alltag ist angefüllt mit Aufgaben und Ablenkungen. Momente der Stille sind selten. Und wenn es sie gibt, schalten wir vielleicht das Radio oder den Fernseher an, lesen noch mal schnell die neuesten Mails oder die Zeitung. Einfach nur bei sich selbst sein, kein Tun-müssen, keine Ablenkung von den Erfahrungen des Jetzt sind rar. Wenn wir sie zulassen, sind wir oftmals überrascht festzustellen, wie rastlos sich unsere innere Welt darstellt.

Auf einmal nehme ich die Wildheit meines Geistes wahr, fühle die Emotionen des Augenblicks, höre mich denken und planen und fühle meine körperlichen Empfindungen deutlicher als sonst. Alle diese Eindrücke waren auch eben schon vorhanden, nur war ich selbst zu beschäftigt, um diese wahrzunehmen. Sich selbst auf den Moment einzulassen, bedeutet zwangsläufig erst einmal, mit dem was ist, einfach nur zu sein. Vor allem bedeutet es aber, der eigenen inneren Welt zu begegnen.

Eine Frage der eigenen Perspektive

Lassen wir uns auf die Praxis der Meditation ein, werden wir beobachten, dass in einem Moment eine Empfindung vorherrschend ist, manches Mal sogar übermächtig scheint, um wenig später von einer anderen Idee abgelöst zu werden. Wie Wellen, die an das Ufer branden, entfalten sich immer wieder neue Gedanken in unserem Geist. Meist sind wir vollkommen von dem Gedankenfluss gefangen und nehmen diesen als einzige Wahrheit wahr.

Ein kleiner Wechsel der Perspektive kann alles verändern. Bildlich gesprochen, kann ich mich an das Ufer stellen und beobachten, dass gerade diese Welle anbrandet. Sehend, dass dahinter schon die nächsten Wellen anrollen. Statt von der einen Welle eingenommen zu werden, kann ich das ganze Meer überblicken und erkennen, dass dieser eine Moment, diese Idee oder Empfindung eben nur ein Teil von etwas viel Größerem ist.
Dieser kleine Wechsel der Perspektive macht es einfacher, dem momentanen Erleben mit ein bisschen weniger Dramatik zu begegnen. Verweilen, atmen, beobachten, wie die Wellen brechen – in dem Wissen, dass es eben nur Wellen sind. Eine momentane Erscheinung aus dem tiefen Meer meines Bewusstseins. Gelingt es, den Geist zu beobachten, bin ich schon nicht mehr so davon gefangen. Vielleicht beobachte ich in einem Moment Wut und Zorn, fühle die Intensität, bemerke eventuell sogar meinen flacheren und schnelleren Atem. Und stelle fest: Etwas in mir beobachtet mich. Die wertvolle Erkenntnis daraus: Wenn ein Teil von mir einen anderen Teil in mir observieren kann, muss ich mehr sein als diese eine momentane Empfindung.

Der innere Beobachter

Das Problem sind nicht die Wellen, sondern das Identifizieren mit diesen. Es ist nicht möglich, den Geist vom Denken abzuhalten. Das Meer bleibt immer in Bewegung. Was ich aber schärfen kann, ist das beobachtende Bewusstsein. Also den Teil in mir, der Zeuge werden kann von meiner inneren Welt. Schule ich den inneren Beobachter, werde ich entdecken, um welche Themen sich mein Denken vorrangig dreht, welche Emotionen, Sorgen und Ängste ich durchlebe. Wahrscheinlich werde ich auch feststellen, dass die eigenen inneren Stimmen im ständigen Dialog miteinander stehen. Wie im Comic, wenn Engelchen und Teufelchen auf je einer Schulter sitzen und der Pessimist sagt: Vergiss das, das schaffst du nicht. Der Optimist aber ruft: Sicher, mach dich auf, es ist möglich, nur Mut!

Wir mögen erschrecken, wie vielfältig und widersprüchlich unsere innere Welt tatsächlich ist. Unser Beobachter wird auch sehr oft bemerken, dass wir uns selbst gegenüber fordernd, ungeduldig und herzlos sind. Jedoch ist auch diese Erkenntnis wundervoll. Nur in mir selbst kann ich damit beginnen, eine andere Realität zu schaffen. Taucht das Teufelchen auf, kann ich ihm dafür danken, dass es mich vor eventuellen Schwierigkeiten warnt, mich aber dazu entscheiden, dem Engelchen (dem Optimisten in mir) Gehör zu verschaffen.

Eine Facette der Realität

Höre ich mich denken: „Wie sehe ich schon wieder aus“, kann ich innehalten und mir selbst sagen, dass ich mir doch mit mehr Freundlichkeit und Güte begegnen will. Wenn ich glaube, vor Wut gleich aus der Haut zu fahren, kann ich mich erinnern, dass ich nur den Blick heben muss, um das Meer zu sehen. Die weitere, höhere Perspektive wird mir Raum geben. Ich kann kurz innehalten, durchatmen und reflektieren – und mit mehr Klarheit auf die Gegebenheiten des Moments reagieren.

Bei dieser Sichtweise bedeutet Meditation also nicht, das Denken aufzuhalten, sondern den Beobachter in uns zu bestärken. Schaffen wir das, wird die ständige Gedankenflut weniger starken Einfluss auf unser Empfinden haben, denn schließlich vergessen wir nicht mehr, dass dies nur eine Facette der Realität ist.

Gelebte Achtsamkeit im Augenblick

Meditation ist ein aufrichtiges Sich-wahr-nehmen, Begegnen und Sein mit dem was ist. Um mich darin zu üben, muss ich nicht auf der Matte oder dem Meditations-Kissen sitzen und still werden. Im Trubel des Alltags, im Leben mit meiner Familie, beim Arbeiten oder Einkaufen, beim Aufräumen und Putzen – egal wo und was ich mache, ich kann mich kennen lernen und Aufmerksamkeit üben. Unser Alltag ist unser Leben, unser gewöhnliches Denken macht unseren Geist und unsere Wahrnehmung aus, daher ist der beste Ort, zu üben im Jetzt und Hier.


Übung: Gehmeditation

Unzählige Schritte sind wir schon gegangen, aber haben wir diese tatsächlich wahrgenommen? Diese Meditation lädt dazu ein, das alltägliche Gehen bewusst zu erleben.

Nimm dir zehn Minuten Zeit, egal ob zu Hause oder unter freiem Himmel. Stelle dich aufrecht hin und schließe die Augen. Spüre, wie die Füße die Erde berühren und wie das Gewicht zwischen dem rechten und linken Fuß verteilt ist.

Beginne damit, ein Bein zu entlasten, um dem anderen den nächsten Schritt zu ermöglichen. Beobachte jedes Detail eines einzelnen Schrittes: Wie hebt sich der Fuß, wie setze ich ihn wieder auf, welche Stellen werden zuerst belastet, wie rollt der Fuß ab, wann beginne ich den anderen Fuß zu heben, nach vorne zu bringen und wieder zu belasten? Zwangsläufig wird sich das Tempo des Gehens erheblich verlangsamen. Es ist überraschend, wie komplex der Bewegungsablauf eines einzelnen Schrittes ist und wie intensiv die Erfahrung des Gehens tatsächlich ist.

Link zur PDF: Yoga Deutschland Nr. 11   Ausgabe Januar/Februar 2015

Link zu Teil 1 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad

Link zu Teil 2 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad


Nicole Konrad lebt Yoga und alles, was damit zusammen hängt. Die Praxis von Yoga und Meditation brachte sie dazu ihren früheren Lebensentwurf zu hinterfragen, festzustellen, dass dieser nicht richtig ist – und ihn umzuwerfen. Zum Glück! Heute leitet sie das Yogazentrum Openlotus in Köln (www.openlotus.de) und ist immer wieder begeistert, wohin ihr Weg sie führt.

 

 
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Yoga Deutschland 03/2015

11. April 2019

Yoga Deutschland - Beitrag zur Meditationspraxis

Die unzähligen Momente des JETZT

– von Nicole Konrad

 

Yoga Deutschland 03/15

Ganz im Sinne des Kinderbuch-Klassikers „Momo“ hetzen wir durch unser Leben – immer auf der Suche nach dem effizientesten Zeitmanagement. Um irgendwann einmal das zu tun, was wir vermeintlich nicht in unseren Alltag quetschen können … Warum eigentlich fragt sich unsere Autorin Nicole Konrad

In meiner Kindheit begleitete mich die Geschichte von „Momo“, ein Roman von Michael Ende. Sie handelt davon, dass die Menschen Zeit sparen und dieses Guthaben bei den „grauen Herren“ auf Zeitsparkonten anlegen. Versprochen wird den Sparern ein „Mehr“ an Zeit in der Zukunft. Errechnet wird, wie unglaublich viel Zeit jeder sammeln kann, wenn denn nur die alltäglichen Dinge schneller erledigt werden. Einspar-Möglichkeiten sind zum Beispiel die „unnötigen“ Gespräche mit Kunden und Nachbarn, die Stunden des Muüßiggangs und das Spielen mit Kindern.

Unwiederbringlich verlorene Momente

Fast alle Menschen verfallen den Versprechungen der grauen Herren und lassen sich darauf ein, Zeit zu sparen, um diese später nutzen zu können. Natürlich führt das dazu, dass niemand mehr Zeit zur Verfügung hat, sondern jeder nur noch schneller durch das Leben hetzt. Nicht erkennend, dass die „gesparte Zeit“ nicht existiert, und dass alle nicht genutzten Momente unwiederbringlich verloren sind.

Erinnerst du dich noch, wie du als Kind Zeit wahrgenommen hast? Für mich ging sie nicht vorbei, alles dauerte ewig. Bis endlich Weihnachten war – eine Unendlichkeit. Ich weiß noch, dass ich darüber nachdachte, was die Erwachsenen damit meinten, als sie am Silvesterabend einhellig erklärten, dass das gerade vergangene Jahr so schnell vorbei gegangen sei.

Später, später, nur nicht heute …

Einige Jahre später rennt auch meine Zeit. Ich ertappe mich dabei, Zeit sparen zu wollen. Ich tue verschiedene Dinge zur gleichen Zeit, um schneller zu sein. Ich plane und organisiere und höre mich immer wieder denken: Das mache ich später, wenn ich Zeit habe. Zum Glück war Momo ein praägender Begleiter meiner Jugend, so dass sol- che Sätze hin und wieder in mir nachklingen und mich ermahnen, zu hinterfragen. Wie ich lebe und ob diese Erfahrung von Zeit richtig ist.

Zeit und der Umgang damit ist ein spannendes Thema und sicherlich eine unserer groößten spirituellen Baustellen. Wir organisieren und strukturieren unsere Tage – und wehe wenn es anders kommt, als gedacht. Schnell stößt man an seine Flexibilitätsgrenzen. Muürrisch versucht man, an den Plaänen festzuhalten und kaämpft mit den tatsaäch- lichen Entwicklungen. Dabei ist man unfaähig zu erkennen, dass sich vielleicht gerade eine andere, nicht unbedingt schlechtere Option entwickelt. Wir neigen dazu, die Dinge doch genau so haben zu wollen, wie wir sie geplant hatten.

Nie der richtige Augenblick

Statt im jetzigen Augenblick zu sein, sind unsere Gedanken oft mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt. Unser Geist kreist um alte Ereignisse. Wir fragen uns, was wäre gewesen wenn. Oder malen uns die Zukunft in allen möglichen Facetten aus. Was könnte nicht alles passieren – wir planen und sorgen uns unermüdlich.

Ein weiterer Aspekt der Zeit: Wir verschieben Dinge, die wir tun wollen, auf später. Oftmals liegt es nicht an der Zeit, die wir vermeintlich nicht haben, sondern daran, dass wir ein Erleben und Zulassen des Wunsches an Bedingungen knüpfen. Dies entspringt unseren Vorstellungen, dass für unser Glück oder für den perfekten Moment immer noch was fehlt. Und solange dieses Etwas nicht da ist, ist Erfüllung nicht möglich.

Der perfekte Moment

Die spirituelle Wahrheit: Es gibt nur das JETZT! Diesen einen Augenblick, diesen einen Atemzug. Das Alte ist vergangen, nur noch Erinnerung, das Neue noch nicht da und reine Fantasie. So, wie der jetzige Moment sich entfaltet, ist er genau richtig – mit all seinen Unvollkommenheiten. Es geht nicht darum, auf die Perfektion zu warten, die unser Geist entwirft. Vielmehr lautet die Frage, ob es uns gelingt, präsent zu sein, also jetzt und hier mit Aufrichtigkeit teilzuhaben. Wie auch immer sich dieser Moment entfalten mag. Denn unser Leben findet nur in der Gegenwärtigkeit statt – die vielen Momente des JETZT machen das Leben aus!

Link zur PDF: Yoga Deutschland Nr. 12 Ausgabe März/April 2015 

Nicole Konrad liebt es, „Zeit zu sparen“ – und muss immer wieder lächeln, wenn sie bemerkt, dass sie gerade in das „Zeitsparkonto“ investiert, welches die denkbar schlechteste Verzinsung bietet. Yoga und Meditation helfen ihr, im Hier und Jetzt zu sein. Unsere Autorin leitet das Yogazentrum Openlotus in Köln (www.openlotus.de).

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Yoga Deutschland 10/2014

11. April 2019

Yoga Deutschland - Titelbild

Teil 2 der Meditationsserie: Im Rhythmus des Lebens tanzen – von Nicole Konrad

Wo ist eigentlich diese verflixte „Mitte“, von der beim Meditieren immer die Rede ist? Wie wir unseren Monkey-Mind besänftigen, die eigene Musik erklingen lassen und das Sein im Moment erreichen.


Yoga Deutschland – Nov./Dez. 2014

Im Rhythmus des Lebens tanzen

von Nicole Konrad

Wo ist eigentlich diese verflixte „Mitte“ von der beim Meditieren immer die Rede ist? Wie wir unseren Monkey-Mind besänftigen, die eigene Musik erklingen lassen und das Sein im Moment erreichen, weiß unsere Autorin Nicole Konrad.

Da gibt es diese eine Legende von Buddha: Eines Tages saß er am Ufer eines Flusses und meditierte. In einem vorbeifahrenden Boot unterhielt sich ein Mann mit seinem Sohn und Buddha vernahm das Gespräch der beiden. Der Vater erklärte seinem Kind, wie man ein Saiteninstrument spielt: „Weißt du, wenn die Saiten zu stramm gespannt sind, werden sie reißen. Sind sie aber zu locker, wird kein Ton erklingen.“ Diese Geschichte steht sinnbildlich für die innere Haltung, die wir beim Meditieren kultivieren sollten: Konzentration ohne Zwang und Hingabe ohne Abschweifen.
Das schreibt sich leicht und hört sich einfach an. Ist es aber nicht. Doch wie können wir diese Aufgabe meistern? Die Antwort: Mit Achtsamkeit und beständigem Üben des Gewahrseins – Augenblick für Augenblick. In der Yoga-Philosophie gibt es verschiedene Vorschläge für die Frage nach dem „Wie“. In einem sehr bekannten klassischen Text des Yoga, dem Yoga-Sutra des Patanjali, werden vier Schritte der Meditation beschrieben:

  • Pratyahara – Zurückziehen der eigenen Sinne
  • Dharana – Konzentration auf einen Gegenstand oder ein Objekt
  • Dhyana – Verschmelzen mit dem Meditationsgegenstand
  • Samadhi  – Vollkommenheit oder Vereinigung

Nicht den Affen machen

Pratyahara beschreibt die Phase des Sich-Sammelns und das Zur-Ruhe-kommen. Wenn wir mit der eigentlichen Meditationspraxis beginnen, werden wir oftmals einen sehr sprunghaften Geist wahrnehmen: Von Gedanken zu Gedanken hüpfend wie ein kleines Äffchen, rastlos und unstet. Nicht umsonst wird hier gerne der englische Begriff „monkey-mind“ verwendet. Die Praxis beginnt damit, die Gedanken auf einen Meditationsgegenstand zu richten. Das kann zum Beispiel der eigene Atemrhythmus sein. Zunächst mag das langweilig klingen, trotzdem gibt’s viel zu entdecken: Ein- und Ausatmung, die Pausen dazwischen, wie bewegt der Atem den Körper oder die sanften  Geräusche der Atmung. Doch schon dieser Schritt verlangt nach einem „Weg der Mitte“, von dem auch die kleine Geschichte mit dem Saiteninstrument erzählt.

Der Intellekt mag sich mit dem Atem beschäftigen und ihn analysieren. Zum Beispiel kann ich beobachten, dass die Einatmung länger ist als die Ausatmung und vielleicht taucht die Frage auf, warum das so ist. Schon denke ich wieder, analysiere und beurteile und schweife damit von der Erfahrung in genau diesem Moment ab. Auch ist es möglich, dass der beständige Atemrhythmus einschläfernd wirkt und alle Konzentration entschwindet, ich werde nachlässig. Das ist der Moment, an den ich mich erinnern kann, dass auf meinem Instrument gerade kein Ton erklingt – die Saiten sind einfach zu schlaff.

Einen freien Geist entwickeln

Sobald es gelungen ist, den Meditationsgegenstand fortwährend zu beobachten, folgt als nächster Schritt Dharana, die vollständige Konzentration auf dieses eine Objekt. Unser Geist soll hierbei vollkommen zielgerichtet sein. Dazu ein Beispiel aus der Physik: Licht wird, indem es gebündelt wird, zum Laser. Die Kraft des Lichts ist dann bekanntlich so stark, dass es sogar dickes Metall schneiden kann. Ähnlich verhält es sich mit unserem Geist. Gelingt es uns, die Kraft des Geistes zu verstärken und zu zentrieren, können wir den Geist als ein Werkzeug einsetzen. Statt unter der Sprunghaftigkeit des eigenen Geistes zu leiden, kann er zu einem Mittel der Freiheit werden – oder eben zu einem Instrument, auf dem wundervolle Musik erklingt.

Die Stille in sich entdecken

Die letzten beiden Schritte, die das Yoga-Sutra beschreibt, sind Dhyana und Samadhi. Diese können wir nicht bewusst üben, sie geschehen von selbst. Nämlich sobald es uns gelungen ist, den Geist in ausgeglichener Balance auf den Meditationsgegenstand auszurichten. Wenn wir tatsächlich im Augenblick verweilen – konzentriert, zielgerichtet, ununterbrochen (Dhyana) – dabei aber nicht fordernd oder verlangend, dann verschmelzen wir mit dem Moment und dem Objekt unseres Fokus. Gelingt dies, stellt sich perfekte Harmonie ein, oder in Yogasprache ausgedrückt: Samadhi.

Loslassen statt festhalten

Die beiden vorangegangen Schritte, Pratyahara und Dharana, sind also Mittel auf den Weg zu einem meditativen Zustand. Ist das Verschmelzen mit dem Meditationsgegenstand gelungen – oder anders ausgedrückt, ein Verweilen im Hier und Jetzt – ist ein meditativer Geist erreicht. An dieser Stelle muss man das Beobachten des Atems oder eines jeden anderen Meditationsgegenstandes loslassen.
Auch hierfür gibt es ein schönes Bild aus der buddhistischen Tradition: „Ein Floß ist gut, um einen Fluss zu überqueren. Bist du aber auf der anderen Seite angekommen, dann lass das Floß am Ufer liegen, statt es hinter dir her über Land zu ziehen“, soll Buddha gelehrt haben. Anders ausgedrückt: Alle Techniken sollen uns hinführen, unterstützen und den Weg bereiten. Sind wir jedoch angekommen, müssen wir sie gehen lassen.

Tatsächlich ist mir das selbst schon passiert. Während einer Meditation war nach einer Weile alles in mir friedlich und vollkommen. Kaum nahm ich diesen Zustand wahr, meldete sich mein Geist: Oh, da ist diese Stille, von der ich immer nur lese. Toll, davon will ich mehr … Aber, ich soll doch atmen! Schon war es vorbei – der denkende, beurteilende und verlangende Verstand war zurück und diese wundervolle Ruhe in mir war wieder dahin.

Das pure Sein zulassen

Auch das gehört zum Prozess der Meditationspraxis. Manchmal scheint man auf der Stelle zu treten oder schlimmer noch, Rückschritte zu machen. Selbst der erste Schritt der Meditationspraxis, das Sammeln, will nicht gelingen. Einatmen, Ausatmen, Einatmen … Und schon ist der Geist entwischt. Irgendwann fällt mir auf, dass ich bei Thema XY bin, dabei will ich doch meine Atmung beobachten. Wir können an dieser Stelle nichts anderes machen, als einfach immer wieder von Neuem zu beginnen. Wenn wir beispielsweise unsere Muskeln trainieren, um neuen Herausforderungen zu begegnen, werden diese mit der Zeit stärker und belastbarer. Das gleiche gilt für unseren Geist. Immer wieder neu zentrieren – das ist die Praxis, die den Weg bereitet. Achtung: Bemerke ich bei der Meditation, dass ich nach einem bestimmten Geisteszustand verlange und meine Praxis mache, um etwas Besonderes zu erreichen, sollte ich mich daran erinnern, was ich eigentlich gerade tue: Ich verlange, ich greife, ich stelle eine Bedingung.

Meditation zielt darauf ab, mich im „So-Sein“ zu schulen. Das bedeutet ein Ankommen im Augenblick. Ein Sein, so wie es ist, ohne Bedingungen an mich, an andere oder an die äußeren Umstände. Atmend, fließend, mit dem Rhythmus des Lebens tanzend. Selbst wenn die Praxis ein Beobachten des beständigen Abschweifens ist, ein Wahrnehmen der Sprunghaftigkeit des eigenen Geistes – letztlich haben wir uns selbst besser kennen gelernt und entdecken vielleicht Muster und Strukturen in uns, die wir verändern wollen. Das allein ist es schon wert. Und mit der Zeit werden wir beim Spielen unseres individuellen „Instruments“ Meister der Musik.


Nicole Konrad kennt den Monkey-Mind selbst zur Genüge. Ihr Rezept dagegen: Viel Yoga, Meditation, Geduld und eine große Portion Nachsicht mit sich selbst. Mehr Infos unter www.openlotus.de.


Klassische Atemmeditation

Finde eine bequeme, sitzende Position.
Sollte dies im Sitzen nicht möglich sein, dann gerne auch liegend. Beobachte deinen natürlichen Atemrhythmus ohne Einfluss zu nehmen. Du kannst dafür eine bestimmte Stelle in deinem
Körper wählen. Den Brustkorb, der sich hebt und senkt. Die Nasenspitze, an der du das Vorbeiströmen des Atmens fühlst. Oder die Bauchdecke, die sich beständig im Atemrhythmus bewegt.

Richte möglichst alle Konzentration auf den gewählten Punkt in deinem Körper und auf den Fluss deines Atems. Finde eine innere Haltung von Ausgeglichenheit. Übe 5 bis 20 Minuten, gerne täglich. Diese Praxis sollte eine zentrierende und doch beruhigende Wirkung haben. Und noch etwas: Erfolg ist, wenn wir geübt haben, unabhängig vom Ergebnis!


Link zur PDF: Yoga Deutschland Nr. 10 – Ausgabe November/Dezember 2014

Link zu Teil 1 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad

Link zu Teil 3 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad

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Yoga Deutschland 09/2014

11. April 2019

Yoga Deutschland - Titelbild

Teil 1 der Meditationsserie: Nicht-Denken ist nicht das Ziel – von Nicole Konrad

Link zur Veröffentlichung: Yoga Deutschland Nr. 9  · Ausgabe September/Oktober 2014


 

Nicht-Denken ist nicht das Ziel

Achtsamkeitspraxis ist ansteckend – schließlich lässt uns das Meditations-Virus nicht mehr los, wenn man einmal entdeckt hat, was Gegenwärtigkeit mit den eigenen Gedanken macht – auch nachdem das Sitzkissen weggeräumt ist.

Zuletzt rief jemand in meiner Yogaschule an, um sich über Yoga zu informieren. Er sagte, er wolle sich von seinen Rückenschmerzen befreien. Andere Sportarten wolle er nicht mehr machen, da er immer zu viel Ehrgeiz entwickelt und Sport für ihn immer in einer Art Wettkampf endet. „Deswegen möchte ich Yoga probieren. Da gibt es so was wie einen Wettkampf doch nicht, oder?“ Der Anrufer hatte recht – und auch wieder nicht. Ja, beim Yoga geht es nicht um die Frage, wer besser ist. Und nein, denn seinen „Kopf“ bringt er natürlich auf die Yogamatte mit. Wer auch immer wir sind, unsere Muster, Sorgen, Freuden und Ängste begleiten uns überall hin. Vollkommen unabhängig davon, womit wir uns gerade beschäftigen oder welche Sportart wir üben. Das, was den Unterschied macht, ist die Gegenwärtigkeit und Achtsamkeit in jedem Augenblick.

Genau das ist eine Definition von Meditation: Bewusstheit in jedem Moment, Atemzug für Atemzug. Ruhig auf einem Kissen sitzen und atmen – dieses Bild assoziieren die meisten mit Meditation. Hat man dies selbst auch nur einmal kurz ausprobiert, hat man es womöglich geschafft einfach nur still zu sitzen. Aber die Gedanken waren alles andere als ein „ruhiges Verweilen im Augenblick“. Vielmehr wird man beobachten, wie rastlos der unablässig denkende Geist ist. Selbst das Sitzen kann eine große Herausforderung sein. Meldet sich doch prompt ein juckender Arm oder ein eingeschlafenes Bein. Und das Bedürfnis, sich zu bewegen, wird nahezu übermächtig. Stellt sich die Frage: Geht es beim Meditieren einfach nur ums stille Sitzen oder darum, die Gedanken anzuhalten? Die allererste gute Nachricht: Nicht-Denken ist nicht das Ziel. Meditation möchte uns schulen, gegenwärtig im Augenblick zu sein oder – anders ausgedrückt – im beständigen Fluss des Wandels zu verweilen. Zuerst  beobachten wir beim Meditieren den immerwährenden Gedankenfluss. Ein Gedanke taucht nach dem anderen auf, eine Idee führt zur nächsten.

Viele Meditationstechniken schlagen als Konzentrations-Anker den eigenen Atemrhythmus vor. Beobachtet man diesen, mag beispielhaft Folgendes passieren: Ein Auto fährt hörbar vorbei und schon schweifen die Gedanken ab. „Wann habe ich eigentlich mein Auto getankt? Gleich, wenn ich unterwegs bin, kann ich das erledigen. Ach, neben der Tankstelle ist der Supermarkt. Da kann ich die Tomaten kaufen, die ich heute morgen vergessen habe …“ Irgendwann erinnert man sich, was man eigentlich gerade tut: „Ach ja, der Atem, ich bin abgeschweift, also gut, einatmen, ausatmen …“ Und wenig später ist der Geist wieder mit etwas anderem beschäftigt und ersinnt eine weitere Kette von Gedanken. Man mag nun frustriert schlussfolgern, dass Meditation mit diesem Geist wirklich nicht möglich ist. Es schier unmöglich scheint, auch nur eine Minute konzentriert zu bleiben. Ich selbst wunderte mich anfangs, ob ich mit dieser Erfahrung alleine bin. Schien es doch so, dass meine Mit-Meditierenden gelassen da saßen und offenbar ruhig mit ihrem Geist verweilten, während mein Geist ständig abschweifte und mit mir einen inneren Dialog hielt.

Die zweite gute Nachricht: Diese Erfahrung machen fast alle Meditations-Neulinge. Dann hilft es, sich selbst einzugestehen, wie rastlos der Geist ist und wie wenig Einfluss wir auf das haben, was sich im Kopf abspielt. Wir alle haben einen solchen Geist, der – zumindest zu Beginn – sprunghaft und vollkommen undiszipliniert ist. Und genau mit diesem Geist beginnt die Praxis. Jetzt und hier. Dazu brauchen wir keine besonderen Lebensumstände, wir dürfen gestresst und sorgenvoll sein, Kummer haben oder knapp an Zeit sein. Denn die Praxis beginnt aufrichtig mit dem Anerkennen des Augenblicks. Der Freuden wie auch der Schatten. Der Wünsche und Ablehnungen. Der Ambitionen und Überzeugungen. Und mit dem Erkennen der unzähligen Selbstbilder. Meditieren ist eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Nur wenn ich mich selbst kenne, kann ich mittelfristig Veränderungen erreichen. Viele unserer Gedanken können als Pläne identifiziert werden. Wann immer diese auftauchen – wie in dem oben genannten Beispiel, die vom Auto zu den Tomaten führten – kann man innehalten. Sich sagen, „ich plane, ich plane“ und zurückkehren zu dem, was als Fokus gewählt wurde. Sehr häufig werden Gedanken aufsteigen, die tiefer reichen und mit Emotionen oder Bildern behaftet sind. Um sich diese bewusst zu machen, helfen die sogenannten fünf Kleshas weiter, die in der Yoga-Philosophie als die „den Geist trübende Leidenschaften“ benannt werden: Avidya (Unwissenheit), Asmita (Identifizierung), Raga (Wunsch), Dvesha (Ablehnung), Abhinivesha (Furcht). Das Erstaunliche an den Kleshas: Die Beobachtung der eigenen Denkvorgänge wird einen erkennen lassen, dass überwiegend einer dieser Punkte die Gedanken beherrscht.

Avidya kann als das Ergebnis aller bislang angehäuften Erfahrungen erklärt werden. Damit ist gemeint, dass man in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Art reagiert hat. Bei der Wiederholung einer ähnlichen Situation wird man wahrscheinlich gleich handeln. Statt zu bemerken, dass dies ein neuer Moment mit anderen Umständen ist, fällen wir Urteile und Bewertungen aufgrund alter Strukturen und Erfahrungen. Anstatt offen zu sein für genau diesen Augenblick. Ein einfaches Beispiel: Als Kind habe ich mich eines Abends an dem bis dato heiß geliebten Schafskäse übergegessen. Die folgende Nacht verbrachte ich mich übergebend. Das Ergebnis: Ich mochte diesen Käse nicht einmal mehr riechen. Schon der Anblick erzeugte „Fluchtreflexe“ in mir und ich brauchte Jahre und viele Versuche mit kleinen Mengen Käse, bis dieses Lebensmittel wieder auf meiner Speisekarte Platz fand. Ich musste meinem Körper beibringen, dass dieser Käse nicht generell „giftig oder schädlich“ für mich war, sondern dass diese eine Erfahrung eine Ausnahme darstellte. Zugegeben, es spielt keine größere Rolle, ob ein Lebensmittel mehr oder weniger gemocht wird oder nicht. Doch was ist mit unseren inneren Verletzungen und unzähligen Prägungen? Möglicherweise hatte ich eine schlechte Erfahrung in einer meiner vorangegangenen Beziehungen. Bei der Wiederholung einer ähnlich gelagerten Situation werde ich unbewusst erwarten, dass diesmal genau das Gleiche geschieht. Jedoch ist es eine andere Situation, ein anderer Kontext, andere handelnde Personen, ein vollkommen neuer Moment. Gelingt es mir hingegen, gegenwärtig zu sein, fällt mir möglicherweise auf, dass ich eine „alte“ Meinung abrufe. Und an dieser Stelle kann ich zumindest hinterfragen, ob dem wirklich so ist oder ob ich nur eine Erinnerung abrufe, anstatt jetzt und hier offen zu sein für genau diesen Augenblick. Lässt man sich darauf ein, wird man überrascht sein, was für spannende, neue Geschmacksrichtungen das Leben zaubert – auch wenn es die alt bekannten Zutaten zum Kochen benutzt.

Asmita beschreibt alle Belange, die mit Selbstidentifizierung zu tun haben, welche sich sowohl in Selbstbezogenheit als auch – auf der anderen Seite des Spektrums – in Minderwertigkeit äußern können. Zu bemerken, dass man immer der Beste sein möchte, Wettkämpfe sucht und äußere Bestätigung verlangt, sind Anzeichen dafür, dass man in diesem Augenblick in selbstzentrierter Identifikation verhaftet ist.

Raga kann als Begierde verstanden werden – dem Wunsch, immer mehr haben zu wollen. Natürlich kann sich dieses Verlangen in der Anhäufung oder dem Begehren von materiellen Gütern zeigen. Jedoch auch in der Idee, dass mit dem, was man hat, Bestimmtes nicht erreicht werden kann oder nicht möglich ist. Es sind diese Wenn- Dann-Gedanken und Bedingungen, die gestellt werden: Wenn ich nur diesen anderen Job hätte, dann… Mit diesem Kleidungsstück würde ich mich schön finden… Meist steht jedoch das Objekt der Begierde nicht zwischen uns und dem Glück. Wie oft hat man sich eine neue Hose oder Jacke „gegönnt“ und fand sich letztlich doch nicht schön? Unzählige Male. Und immer wieder fällt man darauf rein und glaubt, dass dieses eine Objekt der Begierde noch fehlt – sei es Kleidung, Erfolg, eine andere Wohnung, ein anderer Partner oder eine weitere Fähigkeit. Und dann endlich wäre alles vollkommen. Leider funktioniert das so nicht. Begehren kennt kein Ende. Es sei denn, ich entdecke in mir das, wonach ich tatsächlich verlange. Oft ist es Anerkennung, der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, das Bedürfnis, sich zu belohnen oder eine Ersatzbefriedigung zu schaffen. Erkennt man die wahre Motivation hinter dem Wunsch, zerplatzt das Begehren. Man erkennt, dass auch die zehnte Hose nicht schöner macht. Es sei denn, es gelingt, sich aufrichtig anzunehmen und selbst zu lieben.

Dvesha ist das Gegenteil von Raga und bedeutet Ablehnung. Während der Meditation wird man dauernd mit Ablehnung konfrontiert. Während ich versuche, konzentriert ein- und auszuatmen, macht der Nachbar mit seiner Bohrmaschine Krach. Nicht, dass es sowieso schon schwer genug ist sich zu konzentrieren. Der Lärm reißt einen vollends aus der Stille und macht Versenkung unmöglich. Aber was wäre, wenn ich in einem ruhigen Raum üben würde, kein Geräusch zu mir dringt und mich nichts ablenkt? Umso „lauter“ hörte ich meinen Geist, meinen inneren Dialog. Der  „innere Lärm“ kann erheblich lauter sein als alles, was von außen zu uns dringt. Meditation versucht zu lehren, mit dem zu bleiben, was ist. Ob laut oder leise, angenehm oder unangenehm. Ich habe die Möglichkeit, trotzdem in mir Stille zu finden. Es geht um die Akzeptanz der Dinge, die ich nicht verändern kann. Egal, ob die Sonne scheint oder ein Regentag wartet – ich kann dem Morgen freudig begegnen.

Das letzte Klesha ist Abhinivesha, jede Form von Furcht. Besonders beim geistigen Planen werden wir dieser Angst begegnen. Gerade, wenn in uns der Wunsch nach einer Veränderung im Leben aufsteigt, gibt es den ewigen Pessimisten in uns. Dieser malt sich Szenarien aus, was passieren könnte und weswegen man es am besten gleich sein lassen sollte. Natürlich gibt es bei allem Risiken, die es zu berücksichtigen gilt. Gemeint ist nicht, sich Hals über Kopf in jedes Abenteuer zu stürzen. Doch sollte man sich immer hinterfragen, ob die Angst die Entscheidungen trifft. Denn sehr häufig ist es sogar „nur“ die Angst vor Veränderung. Wenn Meditation als Gegenwärtigkeit im Augenblick verstanden wird, stellt es eine Praxis dar, die uns dauerhaft begleiten kann. Übe ich gerade Yoga, erkenne ich vielleicht, wie der „alte Freund“ Ehrgeiz auftaucht und versucht, mich anzustacheln. Statt wie gewohnt im Wettkampf zu enden, kann ich – sobald es mir auffällt – innehalten und versuchen, diesem Muster nicht nachzugeben und mich stattdessen in Geduld, Akzeptanz und Selbstliebe üben. Ich kann mich fragen, warum dieser Wunsch in mir besteht, immer der oder die Beste sein zu wollen. Wem will ich etwas beweisen? Bin ich mir selbst nicht genug? War ich meinen Eltern nie genug? Habe ich das Gefühl, sonst nicht gesehen zu werden? Die Motivationen können vielschichtig sein und bedürfen einer vorurteilsfreien Begegnung mit dem eigenen Selbst. Achtsamkeitspraxis kann somit zum dauerhaften Begleiter werden.

Meditation ist Gegenwärtigkeit, von Augenblick zu Augenblick. Atemzug für Atemzug, Schritt für Schritt. Ich darf nicht den Berg sehen, den ich erklimmen soll, sondern immer diesen einen Moment, den jetzigen Schritt. Stelle ich mir die Aufgabe, von nun an für immer achtsam zu sein, ist das Unterfangen schon zum Scheitern verurteilt. Unzählige Male wird man abschweifen und sich ablenken lassen. Aber mit der Zeit gelingt das Meditieren besser: So wie man einen Muskel trainiert, wird es gelingen, auch besser mit dem Geist und dem eigenen Selbst zu sein. Die Was-denke-ich-Meditation Setze oder lege dich bequem hin und beobachte deinen Atem. Sobald Gedanken auftauchen, benenne ihre Qualität statt mit ihnen abzuschweifen: „Ich plane, ich plane.“ „Ich höre, ich höre.“ „Ich urteile, ich urteile.“ „Ich fühle, ich fühle.“ Danach kehre zu deinem Atem zurück. Übe dies gerne täglich für etwa 15 Minuten.

Tipp: Stelle Dir dabei unbedingt einen Timer, damit dein Geist nicht mit der Frage beschäftigt ist, ob die Zeit schon verstrichen ist.

Link zu Teil 2 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad

Link zu Teil 3 der Meditationsreihe mit Nicole Konrad


NICOLE KONRAD

Auch für die Yogalehrerin ist Meditation eine alles andere als einfache Praxis. Aber egal, „Atemzug für Atemzug einfach das Beste versuchen“ – das ist ihr Motto. Mehr zu ihr und ihrem Kölner Yogastudio unter www.openlotus.de.

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Yoga Deutschland 09/2013

11. April 2019

Nicole Konrad Autorin

Interview mit der Mantra- und Kirtangruppe „The Love Keys“.

The Love Keys, eine deutsche Mantra- und Kirtangruppe, sind dieses Jahr mit Jai-Jagdeesh auf Deutschland-Tournee. Wer sie sind, was sie bewegt und wie sie arbeiten haben sie uns im Interview erzählt.

 

YD: Könnt Ihr Euch kurz vorstellen?

The Love Keys: Wir sind Ben und Aleah, The Love Keys. Wir singen Mantras und geben seit drei Jahren Kirtan in Deutschland und Europa. Wir haben uns vor vier Jahren durch und mit Musik kennen gelernt und leben seitdem unseren gemeinsamen Traum: Als musikalische Nomaden und Paar mit den Mantras durch die Welt zu ziehen.

 Jay-Jagdeesh: Ich bin Sängerin, Tänzerin und Yogalehrerin und alle Aspekte meiner Arbeit liebe ich. Ich fühle mich gesegnet, dass, was ich liebe teilen und lehren zu können.

 

YD: Was wollt Ihr mit Eurer Arbeit erreichen?

The Love Keys: Wir wünschen uns, dass die Mantras die Menschen tief im Herzen berühren und bewegen. Wenn uns die Zuhörer sagen, dass sie mit unserer Musik Freude, Entspannung und Freiheit erfahren, fühlen wir uns in unserer Arbeit bestätigt.

Jay-Jagdeesh: Oh, in aller Kürze: Friede und Freude. Diese beiden Aspekte bringen tiefe Heilung. Das mag sich ein wenig zu einfach anhören, aber für mich ist es der Antrieb meiner Arbeit. Zuletzt, auf einem Retreat, welches ich in Mexiko geleitet habe, habe ich alle Teilnehmer gefragt, warum sie hier sind. Als ich an der Reihe war zu antworten, sagte ich, dass meine Seele danach verlangt, mit dem Klang der Erde zu klingen. So hatte ich es noch nie zuvor ausgedrückt, aber es ist absolut wahr. Als Sängerin möchte ich, dass die Musik, die ich schaffe, im Einklang mit der Welt entsteht. Ich möchte Klang kreieren, der heilt und uns hilft, eine höhere Ebene zu erreichen. Und natürlich die Freude, die darf man nicht vergessen, sie ist sehr wichtig!

 

YD: Ihr befindet Euch gerade zusammen auf Deutschland-Tournee. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

The Love Keys: Durch eine Freundin erfuhren wir, das Jai-Jagdeesh plante, im September nach Deutschland zu kommen. Ich Fragte Jay einfach, ob sie mit uns touren wolle. Sie gehört zu meinen Lieblingsmantrasängerinnen und wir merkten bald, dass wir super zusammenpassen. Als ich ihre CD ”I am Thine“ vor ca. 2 Jahren das erste Mal hörte und unsere CD ”Blessings“ in einem Laden nebeneinander stehen sah, hätte ich im Traum nicht daran gedacht, eines Tages mit ihr zu touren, aber Gott sei Dank erfüllt sich immer das, was für uns bestimmt ist.

Jay-Jagdeesh: Ja, es war Magie. Nachdem wir lange miteinander gesprochen hatten war klar, dass wir zusammen auf Tournee gehen. Wir entschieden, meine gute Freundin und unglaubliche Tabla-Spielerin Sukmani – sie ist ein Rock-Star in ihrem Metier – mitzunehmen. Schneller als wir uns versahen stand alles, ich freue mich sehr darauf.

 

YD: Was erlebt man, wenn man zu einem Eurer Konzerte kommt?

The Love Keys: Die Mantras, die wir chanten reichen von verträumt ruhig bis exstatisch wild. Man kann sich total fallen lassen und voll aus sich rausgehen. Mantras können sehr kraftvoll sein und vieles bewegen.

Jay-Jagdeesh: Hingabe, Göttlichkeit und pure Liebe. Meditation, ob sie nun still ist oder gesungen praktiziert wird, hat eine unglaubliche Kraft. Man kann viel Liebe und Raum schaffen, und das werden wir tun.

Link zur Veröffentlichung: Yoga Deutschland Ausgabe September 2013

Weitere Infos gibt es auf: thelovekeys. De und jaijagdeesh.com


Nicole Konrad leitet das Yogazentrum Openlotus in Köln. Dort führt sie regelmäßig alle Ausbildungsmodule des Anusara Yoga durch und lädt viele international renommierte Yogalehrer zu Gast ein.

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Yoga aktuell 03/2012

11. April 2019

Interview mit Carlos Pomeda: „Handeln aus höherer Perspektive“.

Der renommierte Yogalehrer ist intensiv mit der Bhagavad-Gita vertraut. Er erläutert die zentralen Lehren dieser wichtigen yogischen Schrift und widerlegt damit einige gängige Interpretationen

Link zur PDF: Interview Carlos Pomeda

Link zur ursprünglichen Veröffentlichung: Yoga aktuell – Ausgabe 3/2012


Carlos Pomeda ist ein international bekannter Yogalehrer, der die philosophischen Lehren Indiens tief durchdrungen hat. Der gebürtige Spanier lebte lange Zeit in Indien, u.a. neun Jahre lang im Siddha-Yoga-Ashram bei Swami Muktananda und Gurumayi Chidvilasananda, und war 18 Jahre lang Mönch des Sarasvati-Ordens. Heute ist er mit seiner Frau in Texas ansässig, gibt jedoch weltweit Workshops. Pomeda hat einen Mastertitel in Sanskrit von der UC Berkeley und einen Master in Religionswissenschaften von der UC Santa Barbara. Kürzlich brachte er die 6-teilige DVD-Reihe „The Wisdom of Yoga“ heraus. YOGA AKTUELL sprach mit ihm über die zeitlosen oder vielleicht sogar in unseren Tagen besonders relevanten Lehren der Bhagavad-Gita.

»Für mich geht es bei Ahimsa also darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten, und wenn sich uns in diesem Zusammenhang Fragen stellen, müssen wir uns auf unsere eigene innere Weisheit einstimmen. An diesem Punkt kommen Yoga und Meditation zum Zuge.«

YOGA AKTUELL: Die Bhagavad-Gita gehört zu den bekanntesten philosophischen Texten überhaupt. Wann ist sie entstanden?

Carlos Pomeda: Der Text entstand wahrscheinlich im Verlauf eines größeren Zeitraums und wurde zunächst mündlich überliefert. Die meisten Gelehrten datieren ihn auf das dritte bis zweite Jahrhundert v. Chr. Die Gita ist also ziemlich alt, und doch ist sie zugleich in ihren Lehren modern und hat für uns heute immer noch Bedeutung. Die Grundstimmung, die sie zum Ausdruck bringt, ist sehr demokratisch; Frauen haben in der Yogapraxis genauso ihren Platz wie Männer, und alle sozialen Schichten werden berücksichtigt. Das alles macht sie auch heute so relevant.

YA: Vor welchem Hintergrund sind die Lehren der Bhagavad-Gita angesiedelt?

Der Hintergrund, vor dem sie spielt, macht die Gita einzigartig. All die Lehren, die Krshna darin vorträgt, stehen im Kontext eines Krieges. Normalerweise trägt sich der in Yogatexten wiedergegebene Dialog zwischen Lehrer und Schüler in einer friedlichen Umgebung, beispielsweise in einem Ashram irgendwo im Wald oder in einem anderen ruhigen Umfeld, zu. Aber die Gita ist inmitten eines Kampfes angesiedelt. Ich glaube, dieser Hintergrund macht sie dramatischer und auch aussagekräftiger und relevanter für uns. Die meisten von uns leben ja schließlich ein Leben, in dem nicht alles ruhig und friedlich ist. Wir werden mit Herausforderungen und Konflikten konfrontiert, und dadurch haben wir einen Bezug zu diesen Lehren. Es handelt sich dabei nicht um Theorie, sondern die Lehren der Gita versuchen praktische Antworten zu geben, wie man leben soll.

YA: Sie meinen also, der Hintergrund der Gita wurde als Symbol für all die Kämpfe gewählt, mit denen wir in unserem Leben konfrontiert werden?

Genau. Die meisten Historiker nehmen an, dass sich der Text auf ein tatsächliches geschichtliches Ereignis beziehen muss, obwohl es dafür keine konkreten archäologischen Belege gibt. Der in der Gita beschriebene Kampf ist eine Fehde zwischen zwei Gruppierungen aus derselben Familie, was zahlreiche Interpretationen zulässt. Man kann es als Bild für den Unfrieden in der Welt sehen oder als Bild dafür, wie ein Yogi in der Welt leben kann, oder auch dafür, wie wir alle mit den Konflikten umgehen können, die wir in unserem eigenen Körper und unserem eigenen Leben vorfinden. Es geht auch darum, wie man mit Zweifeln klarkommt, um die Frage nach „richtig“ und „falsch“, um den Konflikt zwischen Wissen und Unwissen. Es geht um all die Dynamiken, die uns innewohnen, und die Gita gibt praktische Ratschläge, wie wir in den täglichen Kämpfen damit zurechtkommen.

YA: Welche Lehren bietet die Bhagavad-Gita genau an?

Die Gita ist ein Dialog zwischen den beiden Hauptcharakteren Arjuna und Krshna. Arjuna ist ein Mensch: ein Held, ein fähiger junger Mann, gebildet und erfolgreich. Doch er gerät in eine Situation, in der er von Zweifeln geplagt wird und nicht weiß, wie er sich korrekt verhalten soll.

Er fragt sich, ob er kämpfen oder nicht kämpfen soll. Moralische Aspekte spielen hier eine Rolle. Einerseits weiß er, dass es seine Pflicht ist zu kämpfen, andererseits ist ihm bewusst, dass der Krieg zum Tod von Menschen führen wird, die seinen Respekt verdienen – Familienmitglieder, Lehrer und andere werden sterben. In seiner inneren Zerrissenheit steht Arjuna stellvertretend für alle Menschen. Der andere Protagonist ist Krshna, der die Lehren zur Verfügung stellt. Krshna ist die Manifestation des Göttlichen, ein Avatar, eine Inkarnation der Lehre. Er kam in die Welt, um der Negativität gegenüberzutreten. Auch dies ist wieder hochgradig symbolisch. Der Krieg kann als Kampf zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen betrachtet werden, und ist es nicht so, dass wir alle dies in unserem spirituellen Leben durchmachen? Jeden Tag ist es das Gleiche: Auf welche Stimme hören wir – auf die menschliche, die einfach nur reagieren möchte, oder vertrauen wir auf die göttliche Stimme, die aus einer höheren Perspektive zu uns spricht, aus dem Inneren unseres Herzens heraus?

In der Gita wendet sich Arjuna mit seinen Sorgen an Krshna. Dieser antwortet nicht auf direkte Weise, sondern hilft Arjuna, sein Bewusstsein auf eine Perspektive zu erheben, von der aus er selbst entscheiden kann. Dies ist eine schöne Metapher für den spirituellen Weg. Es geht nicht darum, blind den Anweisungen von jemand anderem zu folgen, sondern darum, die Wahrheit in sich selbst zu finden und eine tiefe Bewusstheit zu finden, zu der wir alle gelangen können. Darin liegt für mich die Kernaussage, die wichtigste Lehre der Gita.

YA: Warum konnte Arjuna den Kampf nicht vermeiden? Hätte er sich nicht einfach abwenden können?

In Kapitel 3 sagt Krshna sehr deutlich, dass man auch dann, wenn man sich entscheidet, nichts zu tun, eine Wahl trifft, nämlich die Wahl, nein zu sagen. Und auch dies ist eine Form des Handelns.

Wir kennen das aus eigener Erfahrung: Man geht z.B. die Straße entlang und sieht einen Obdachlosen, der bettelt. Man fragt sich: Soll ich ihm etwas geben oder nicht? Beide Entscheidungen sind Formen des Handelns. Und welche ist die richtige? Es ist nicht immer ganz klar. Ich erinnere mich daran, dass ich mal beobachtete, wie ein Bettler mit dem Geld, das er soeben bekommen hatte, ins nächste Geschäft ging und Alkohol kaufte. War es also richtig? Immer wieder stellt sich diese Frage. Das ist nur ein einfaches Beispiel, aber der Kampf kann auch hier nicht vermieden werden. Wir können ihn nicht vermeiden. Selbst wenn wir beschließen, nicht zu kämpfen, beziehen wir damit Position, und wir sind für jede Entscheidung, die wir treffen, verantwortlich, ob wir uns nun für Unterlassung oder Teilnahme entschieden haben. Die Lösung ist in diesem Fall nicht auf der geistigen Ebene zu suchen, auf der wir uns fragen „Soll ich oder soll ich nicht?“, sondern sie liegt in einer Transformation in uns, durch die wir zu einem höheren Bewusstseinszustand emporsteigen. Und hier kommt Yoga ins Spiel. Yoga hilft uns, uns mit dem Höchsten zu verbinden. Im Herzen von allem ist jedoch die Meditation, denn sie ist die Praxis, die uns mit unserer inneren Weisheit verbindet.

YA: Können wir ein vollkommen gewaltfreies Leben führen, in der yogischen Terminologie: ein Leben in Ahimsa?

Die Idee von Ahimsa ist im Yoga eine Schlüssellehre, die in allen Traditionen vorkommt. Ahimsa wird oft mit „Gewaltlosigkeit“ übersetzt, ist aber eigentlich ein „Nicht-Verletzen“, was einen ziemlichen Unterschied bedeutet. Wenn man z.B. sieht, dass jemand sich grundlegend falsch verhält, und nichts dagegen unternimmt, dann handelt man auf eine Weise, die dieser Person ermöglicht, ihr schlimmes Verhalten fortzusetzen. Man wird dadurch zu einer Art Komplize und wird auf gewisse Art selbst gewalttätig, weil man zulässt, dass die Gewalt weitergeht. Indem man dem Bösen nicht entgegentritt und die Konfrontation vermeidet, macht man sich schlussendlich zu einem Teil der Gewalt. Statt uns zu fragen, wie wir keine Gewalt ausüben, müssen wir uns also eher fragen, was den wenigsten Schaden für die Welt anrichtet. Wir können einen Schaden nie zu 100 % verhindern. Schon allein dadurch, dass wir leben, zerstören wir andere Lebensformen: Wir essen – wir zerstören Lebensformen, wir gehen – und wieder zerstören wir Lebensformen. Absolute Nicht-Gewalt ist in dieser Welt unmöglich. Aber wir können uns auf jeden Fall bemühen, so wenig Schaden wie nur möglich anzurichten.

YA: Gandhi hat oft auf die Bhagavad-Gita Bezug genommen, und er steht für den Weg der Gewaltlosigkeit. Wie passt das zusammen?

Ich bewundere, dass Gandhi das Nicht-Verletzen als Strategie eingeführt hat. Er versuchte, die Gewalt abzuwenden, um Veränderungen herbeizuführen. Das ist brillant. Ich stimme jedoch nicht mit ihm überein, dass dies ein Absolutum sein soll. Absolute Gewaltlosigkeit ist, wie gesagt, gar nicht möglich. Die Natur beinhaltet Konflikte, sie beinhaltet Gewalt, dies ist unumgänglich. Wie die Upanishaden sagen, ist alles, was existiert, Nahrung für etwas anderes. Die Natur ist auf ihre eigene Art gewalttätig. Für mich geht es bei Ahimsa also darum, den Schaden so gering wie möglich zu halten, und wenn sich uns in diesem Zusammenhang Fragen stellen, müssen wir uns auf unsere eigene innere Weisheit einstimmen. An diesem Punkt kommen Yoga und Meditation zum Zuge.

YA: Die Gita gibt drei Definitionen von Yoga: Sie unterscheidet Jnana-, Karma- und Bhakti-Yoga. Ich glaube, insbesondere der Begriff Karma-Yoga wird oft völlig missverstanden. Was ist Karma-Yoga Ihrer Ansicht nach?

Ich stimme zu, dass Karma-Yoga sehr oft falsch verstanden wird. Viele Leute haben die Vorstellung, dass es dabei um Dienen geht, und dass es sich um Karma-Yoga handelt, wenn man für seine Arbeit nicht bezahlt wird. Aber das ist nicht das, was die Gita sagt, besonders, wenn man Kapitel 2, Vers 47 und 48 liest, wo die erste Beschreibung von Karma-Yoga zu finden ist. Der Schlüssel zu Karma-Yoga ist ein höheres Bewusstsein. Wenn wir Freiheit von unseren Handlungen erreichen möchten, müssen wir uns wieder mit unserer inneren Weisheit verbinden und von diesem Ort höheren Gewahrseins aus handeln. Krshna sagt das in Vers 48 sehr klar: „Festige dich im Yoga, und dann vollziehe deine Taten.“

YA: Wie stellt man das an?

Mit Meditation: Hier beginnt das Praktizieren.

Verbinden Sie sich jeden Tag mit dem höheren Bewusstsein. Ich würde sagen, dass Meditation die hauptsächliche Praxis ist, aber auch jede andere Praxis, die Sie mit Ihrem höheren Selbst verbindet, ist ein Eintrittstor in den Karma-Yoga. In Kapitel 3 und 4 eröffnet uns die Gita eine weitere Option. Dort heißt es, Handeln ist eine Form des Dienens. Wieder geht es nicht darum, ob man dafür bezahlt wird oder nicht, sondern ausschlaggebend ist der Bewusstseinszustand, aus dem heraus man handelt: ob man tief mit der höheren Weisheit verbunden ist. Wenn wir dies erfüllen, bewirken wir in der Welt einen feinen Unterschied und finden zugleich innere Freiheit.

YA:Die Idee von „Gleichmütigkeit des Geistes“ könnte man im Sinne von „Was auch immer geschieht, ist gut“ auffassen. Ist das wirklich gemeint?

Oft wird es so erklärt, dass uns gleichgültig sein sollte, ob ein gutes oder ein schlechtes Resultat zustande kommt, aber das ist weder eine gute Interpretation noch eine gute Lehre: Wie können wir unserem Umfeld gegenüber oder angesichts des Leidens anderer gleichgültig sein? Vielmehr bedeutet es, dass wir, wenn wir aus einer höheren Perspektive handeln, mehr Gleichmut aufbringen, um Ergebnisse zu akzeptieren, die wir nicht ändern können. Yoga ist die Praxis der Zentrierung und ermöglicht, auch dann zentriert zu sein, wenn die Dinge nicht so laufen wie erwartet. Das ist mit „Gleichmütigkeit des Geistes“ gemeint: Kultiviere Zentrierung, und von dieser Warte aus kannst du Dinge hinnehmen, die du nicht ändern kannst.

YA: Wenn das Handeln Teil der spirituellen Praxis werden kann, ist dann die Idee hinter Karma-Yoga die, dass jeder Augenblick des Lebens zu einer spirituellen Praxis wird und diese nicht nur auf Yoga, Meditation o.Ä. beschränkt ist? Das klingt wie eine Option für Householder.

Exakt. Das ist etwas, was ich an der Gita liebe. Sie fordert uns nicht wie andere Texte dazu auf, der Welt zu entsagen und alles aufzugeben. Stattdessen gibt sie uns Lehren an die Hand, die zeigen, wie man besser leben und seine spirituelle Praxis in die Arbeit integrieren kann.

YA: Bhakti-Yoga wird in der Gita ebenfalls erläutert. Wie wird er definiert, und warum hat er so lange gebraucht, um sich zu entfalten?

Bhakti-Yoga unterscheidet sich sehr stark von jenem Yoga, der vor der Zeit der Gita existierte. Der vorher bekannte Typus von Yoga war eher im Sinne von Jnana-Yoga zu verstehen, in dem eigenes Streben, Meditation, Askese und Entsagung als Wege zur Freiheit gehandelt wurden. Bhakti-Yoga legt den Fokus hingegen auf Offenheit, Liebe, Hingabe und eine Verbundenheit

mit dem Göttlichen in jedem Moment. Die Idee von Bhakti-Yoga war eine sehr andersartige und neue Art der Praxis. Aus diesem Grund brauchte Bhakti-Yoga, historisch gesehen, so lange, um sich herauszukristallisieren. Bhakti-Yoga schließt alle sozialen Klassen und beide Geschlechter mit ein; auch das war revolutionär im Vergleich zu den traditionellen Lehren, die von Männern dominiert wurden.

YA: Insgesamt gibt es in der Gita, wie schon angesprochen, drei verschiedene Definitionen oder Arten von Yoga. Ist eine davon besser als die anderen?

Man könnte sagen, dass die drei verschiedenen Ansätze für drei verschiedene Typen von Leuten sind. Jnana-Yoga ist für den eher traditionellen Yogi geeignet, Karma-Yoga für aktive Personen und Bhakti-Yoga für „Herzensmenschen“, für emotionsbetonte Personen. Man könnte die Systeme aber auch als komplementär begreifen. Ich mag diese Lesart mehr: Während wir unsere Meditationspraxis entwickeln, können wir auch unser Herz entwickeln, und dann kann sich das in unseren Handlungen widerspiegeln – auf diese Weise integrieren wir alle Aspekte des Yoga.

YA: Wenn Sie nur ein paar wenige Sätze über die Gita sagen sollten, was würden Sie sagen? 

Am meisten gefällt mir die Transformation, die man bei Arjuna sieht. Er gerät vom Zweifel in die Depression, nicht zu wissen, was er tun soll, aber sobald er sich einer höheren Gnade öffnet, macht diese Depression den Weg frei für höhere Weisheit und Führung. Dies wiederum vermittelt ihm die Erfahrung des Göttlichen. In der Person des Arjuna zeigt sich die Transformation der dunklen Nacht der Seele zur höchstmöglichen Perspektive, und diese ist für jeden von uns möglich. Dies ist das Versprechen, das ich in der Gita sehe. 


Nicole Konrad leitet das Yoga- und Ayurvedazentrum Openlotus in Köln. Dort finden immer wieder Workshops zu bestimmten philosophischen sowie auch yoga-spezifischen Themen statt. Jedes Jahr starten Yogalehrerausbildungen unter ihrer Leitung. Internet: www.openlotus.de

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Yoga Journal 06/2011

11. April 2019

Interview mit Guru Rattana –­ von Nicole Konrad, Openlotus Köln

Frauen müssen selbstbewusster werden!

Die erfolgreiche Buchautorin gilt als Spezialistin für Energiearbeit und Chakren und ist nach 30 Jahren Yoga-Erfahrung mittlerweile eine der bekanntesten Lehrerinnen für Kundalini Yoga weltweit. Ihre Vision: Eine Welt zu schaffen, die geprägt ist von Liebe und Klarheit. Im Rahmen einer Europatournee besuchte sie dieses Jahr zum ersten Mal Deutschland. Klar, dass sich YOGA JOURNAL die Chance nicht entgegen ließ, Guru Rattana ein paar Fragen zu stellen.


YogaJournal: In Ihren Zwanzigern und Dreißigern waren Sie als Akademikerin erfolgreich und lehrten an verschiedenen Universitäten. Damals beschäftigten Sie sich mit Fragen des Umweltschutzes und der Entwicklung. Glauben Sie also, dass die globalen Probleme auf politischer Ebenen gelöst werden können?

Guru Rattana: Probleme müssen auf politischer Ebene gelöst werden, aber die Menschen müssen sich ihrer bewusst sein. Wir versuchen uns oft an Teillösungen für unsere globalen Herausforderungen. Um zum Kern der Sache vorzudringen, müssen wir unsere Wahrnehmung der Realität erweitern. Wir glauben oft, dass unsere Probleme „äußere“ Gründe haben, und „äußere Lösungen“ gefragt sind. Wir sind uns nicht der „inneren“ Gründe für globale Probleme bewusst. Jedes Problem hat auch eine innere, spirituelle Komponente. Das müssen wir begreifen und entsprechend angehen. Im Idealfall sind die Leute, die politische Entscheidungen treffen, verbunden mit ihrer höheren Wahrnehmungsebene und haben Zugriff darauf. Sie sollten mit ihrem neutralen, meditativen Bewusstsein verbunden sein, das sie wiederum mit dem universellen Bewusstsein verbindet. Dann wüssten sie, was richtig und ehrlich ist, was Integrität ist, und sie würden für das Allgemeinwohl von uns allen arbeiten. Aber im Moment ist das nicht der Fall. Diesen Menschen geht es nur um Ego und Gier, und sie denken nur an Profit und Macht. Mit solch einer Einstellung kann die richtige Lösung nicht gefunden werden. Was passieren muss, ist eine Erweiterung des Bewusstseins. Die Menschen sind sehr oft überwältigt von den globalen Herausforderungen und fragen sich, was sie tun können. Man kann sich da schon mal machtlos fühlen und glauben, dass man als Individuum keinen Einfluss hat. Es ist daher äußerst wichtig zu begreifen, dass jede Person, die ihr Bewusstsein erweitert, auch das Bewusstsein der Masse verändert. Wenn Sie meditieren und mit diesem erweiterten Bewusstsein in die Arbeit gehen, Ihr Herz öffnen und den Menschen freundlich begegnen, machen Sie die Welt schon ein bisschen besser. Wenn Sie Ihr Leben so leben, verstärken Sie die positive Vibration des Planeten. Je mehr Menschen genau das tun und sich anderen in diesem Raum der Güte anschließen, desto mehr kann jede/r Einzelne dazu beitragen, ein Bewusstsein der Liebe statt der Angst zu erschaffen. Sie brauchen niemandem zu sagen, dass Sie meditieren, dass Sie spirituell praktizieren, aber man wird spüren, dass Sie gütig sind, allein dadurch können Sie schon etwas bewirken.

 

YJ: Glauben Sie, dass mittlerweile mehr Menschen durch ihre Praxis sich diesem höheren Bewusstsein anschließen und es unterstützen?

GR: Das Energielevel des Planeten ist im Moment wirklich hoch. Da passiert gerade eine Energieverschiebung. Wir sind viel empfänglicher für diese Frequenzen. Wenn Sie diese Energien in Ihrem Körper verankern, wirken Sie auch wie ein Anker und Anziehungspunkt dafür. Vor zehn Jahren war das noch anders: Wir mussten etwa sechs Stunden pro Tag meditieren, denn nach zwei Stunden waren wir ausgelaugt. Es war zu dunkel in der Welt, man musste meditieren um zu überleben.

 

YJ: Wie bewahren Sie sich ihre Offenheit? Wenn man sich öffnet, riskiert man ja, verletzt zu werden.

GR: Offenheit alleine ist falsch, da gibt es auch Einschränkungen. Offenheit ist gefährlich, vor allem für Frauen. Sie werden leicht benutzt und ausgesaugt. Frauen müssen Grenzen ziehen. Fühlen Sie Ihre Haut, spüren Sie die Energie in Ihrem Körper, lassen Sie Ihren strahlenden Körper wachsen und nehmen Sie ihn dann wieder zurück. Je mehr Sie in Ihrem Körper sind, in Ihren unteren Chakras, in Ihren Beinden und Füßen, desto mehr tragen Sie das Licht in sich. Sie können durch die Welt gehen in dem spürbaren Wissen, dass niemand Ihnen etwas anhaben kann. Es ist von größter Bedeutung, dass Sie Ihren Raum einnehmen, denn dann können Sie die Sicherheit in sich selbst fnden und benötigen nichts von außen. Sie können einfach Sie selbst sein, Ihr Frau-Sein, Ihr göttliches Selbst, und Ihr Leben genießen.

 

YJ: Worüber müssen sich Frauen Ihrer Meinung nach bewusst werden?

GR: Das größte Problem ist, dass Frauen glauben, sie seien geschlechtslose Personen. Sie sind aber keine Personen, sondern Frauen. Wenn eine Frau sich selbst als geschlechtslose Person definiert, weiß sich gar nicht, was sie eigentlich ist. Frauen haben zu viele Rollen. Sie fragen sich: Bin ich eine Frau, bin ich eine Mutter, habe ich ein Berufsleben, bin ich für dieses oder jenes verantwortlich…? Sie sind wie Roboter. Das ist der Keim der Katastrophe für Frauen. Wenn eine Frau sich als weibliches Wesen begreift, kann sie Kraft in sich selbst finden und authentisch sein. Frauen müssen verstehen, wer sie sind. Seinen Sie in Ihrer Welt, machen Sie Ihre Arbeit, was immer es sein mag. Aber Ihre Realität muss in Ihnen selbst sein, nicht außerhalb. Frauen sind ein lebendes Gebet. Wenn Sie sich dem öffnen, befreien Sie Ihre Kreativität. Sie können Ihre Träume ausleben und das Frausein feiern.

 

YJ: Also ist es für Frauen am wichtigsten, nach innen zu blicken?

GR: Es ist wichtig dass Frauen ihre innere Sicherheit, Vollständigkeit und Ganzheit finden. Sonst glauben sie, sie seien unvollständig und unterlegen. Es gibt zwei Polaritäten im Universum, eine stabile und eine bewegliche. Männer haben mehr von der stabilen, Frauen mehr von der fließenden Energie. Aber Frauen brauchen beides, sie brauchen ein Gleichgewicht aus beiden Polaritäten in sich selbst. Es ist eine archetypische Wunde von Frauen zu glauben, sie bräuchten etwas von außerhalb ihrer selbst. Alles was Frauen brauchen, ist ihre männliche Polarität in ihrer eigenen Psyche. Sie brauchen innere Stabilität ebenso wie die fließende Energie. Dann fühlen sie sich vollständig, ganz und glücklich. Dann brauchen sie keinen Mann oder keine Beziehung, sie können aus einer Position von Ganzheit beschließen, eine Beziehung zu führen, und diese genießen, eben weil sie sie nicht benötigen. Frauen müssen selbstbewusster werden.

 

YJ: Welche Rolle spielt der feminine Aspekt auf universeller Ebene?

GR: Unsere innere spirituelle Reise besteht darin, mit dem Femininen in uns in Kontakt zu treten. Wir müssen innerlich erwachen, um uns darüber bewusst zu werden, wie sehr der Status von Frauen entwertet wird, und die Rolle der Frau und des femininen Prinzips gering geschätzt wird. Das Feminine ist die Quelle der Schöpfung. Und diese Schöpfung soll aus einem Ort der Kraft, Sicherheit und Liebe entspringen – als Geschenk an die Menschheit. Wenn wir die Essenz und den femininen Aspekt des Göttlichen – welches jeder Frau und jedem Mann innewohnt – ehren, werden wir die Heiligkeit allen Lebens sehen. Wenn wir uns für Liebe, Akzeptanz, Frieden und Einssein öffnen, werden wir aufhören, Mutter Erde auszubeuten und unsere Realität für persönliche Integrität und Kraft öffnen.

 

YJ: Was können wir alle in unserem täglichen Leben als regelmäßige Praxis tun?

GR: Ein meditatives Bewusstsein erschaffen. Meditieren Sie täglich zusätzlich zu Atemübungen und Singen. Sehen und hören Sie in Ihr Inneres und verbinden Sie sich mit den guten Eigenschaften, die Sie finden: Stabilität, Friede, Raum und Stille. Meditieren Sie über Raum und Dunkelheit, denn das sind die Eigenschaften des Universums. Machen Sie es präsent für sich, fühlen Sie es selbst, verbinden Sie sich damit und fühlen es wahrhaftig, real und echt. Sie fühlen es in sich, in Ihrer eigenen Haut. Spüren Sie die Vibration, sind Sie auch in der Lage, diese zu beherrschen. Wenn es nur in Ihrem Kopf passiert, ist es verschwendet. Sie müssen es spüren. Man kann das nicht einfach überspringen, das ist genau das Feminine.

 

YJ: Was ist Ihre Vision für die nächsten 30 bis 100 Jahre? Welche Zukunft sehen Sie für den Planeten?

GR: Das hängt davon ab, ob die Menschen bereit sind, für ein höheres Bewusstsein zu arbeiten. Im Idealfall werden mehr Menschen auf ihr Herz hören. Es ist gerade so viel Energie da, dass mehr Menschen bereit sind, ihr Herz zu öffnen. Ich sehe also eine große Chance, dass wir zunehmend mehr von unserem Herzen bstimmt werden. Aber das ist nicht möglich, ohne uns mit den Problemen der dunklen Seite auseinanderzusetzen. Wenn die herzbestimmten Menschen ihren Job tun können, wird der Übergang weniger schmerzvoll sein. Das Problem besteht darin, dass die Vibrationen auf dem Planeten so stark sind, dass es für manche Menschen schwierig ist, damit umzugehen. Wenn Ihr Nervensystem nicht stark genug ist, Sie den Raum nicht einnehmen können, und ihn nicht in Ihrem Körper spüren, dann können Sie nicht mit dieser Energie arbeiten. Dann verlieren sich die Leute und tun seltsame und destruktive Dinge. Es sind keine schlechten  Menchen, sie können einfach nicht anders mit dieser Energie umgehen. Die Herausforderung liegt jetzt darin, zu lernen, auf welche Weise man mit  den jetzt verfügbaren höheren Frequenzen arbeitet. Deshalb ist es extrem wichtig, dass jede/r Einzelne von uns nun seine spirituelle Arbeit erledigt. Behaupten Sie den Raum, spüren Sie ihn in sich und arbeiten Sie mit den Chakras. Wenn die oberen Chakras frei und die unteren Chakras im Fluss sind, öffnet sich die Mitte des Herzens. Es ist eine Kombination der oberen und unteren Chakras. Die meisten Leute denken, das wäre eine aufeinander aufbauende Abfolge, aber dem ist nicht so. Es ist ein Wachsen auf allen Ebenen was da passiert. Die unteren und oberen Chakras, das Stabile und das Fließende, das Männliche und Weibliche arbeiten alle zusammen und unterstützen ein höheres Bewusstsein. Dann kann das Herz sich öffnen und wir können erwachen.

 

YJ: Gibt es so etwa wie eine einfache Formel dafür, die Sie empfehlen können?

GR: Die Praxis muss neutral und gütig sein. Am wichtigsten ist, dass man es lebt. Gute Ideen nur im Kopf zu haben ist wertlos. Leben Sie es. Üben Sie, neutral zu sein, nicht zu urteilen. Das ist harte Arbeit. So lange man sich in seinem rationalen Verstand befindet, ist man nicht in der Lage, das Nicht-Urteilen zu praktizieren, denn genau das ist seine Aufgabe. Der rationale Verstand bewertet, analysiert und beurteilt. Verschaffen Sie sich Zugang zu Ihrem neutralen Geist, verbinden Sie sich damit, dann wird es möglich sein, nicht zu urteilen. Sehen Sie nach innen, gehen Sie nach innen. Die Menschen glauben, es sei schwer zu meditieren – nun, das ist es gar nicht. Schließen Sie Ihre Augen und blicken Sie in den Raum und das, was sich darin befindet. Sie müssen einfach nur üben.


Guru Rattana veröffentlichte jüngst zwei neue Bücher: „The Inner Art of Love“ und „The Gift of Womanhood“ (auch als deutsche Fassung: „Die Gabe Frau zu sein“), erhältlich über www.yogatech.com.

Nicole Konrad absolviert gerade ihre Ausbildung zur Anusara-Yogalehrerin und leitet das Yogazentrum Openlotus in Köln.

Link zur Veröffentlichung: Yoga Journal – Ausgabe 6/2011

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Einzigartig und doch so gleich

2. Januar 2019

1885 begann Wilson Bentley, ein US-amerikanischer Farmer, Schneekristalle unter dem Mikroskop zu fotografieren. Mehrere tausend Fotos später wird klar: jede Schneeflocke ist einzigartig, keine gleicht der anderen in jedem Detail.

Wenn schon die kleinsten Teilchen eines großen Schneesturms so verschieden sind, wenn die unbelebte Natur eine solche Vielfalt darstellt, um wie viel einzigartiger sind wir selbst. Jeder Tag, jeder Augenblick ist neu und ganz besonders – wenn ich genau hinschaue. Alles ist im Fluss, in Veränderung (panta rhei). Die einzige Konstante im Leben und auf dieser Welt ist die Veränderung.

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Definition von „Tantra“

10. Dezember 2018

Wenn wir einen Begriff aus dem Sanskrit übersetzen unterscheiden wir drei Definitionsebenen:

1. Wortgetreue Bedeutung (entsprechend einem Lexikon),

2. Etymologische Bedeutung (Herleitung aus dem Wortstamm), und

3. Nirukta bzw. „interpretierende Etymologie“, eine traditionell indische hermeneutische Interpretationsweise. Hier geht es darum zu erklären, warum ein bestimmtes Wort angemessen ist für das, was es bezeichnen soll.

zu 1) z.B. würde man für „Tantra“ in einem Wörterbuch die Begriffe „Rahmen, System“ finden, bezogen auf ein System von Praktiken wäre „Lehre, Theorie und Schrift“ möglich, in diesem Falle also eine schriftliche Anleitung für ein  System von Praktiken. (Beachte: sogar die wortwörtliche Bedeutung hängt vom Kontext ab. Deshalb kann Tantra ausschließlich in einem textilen Kontext mit „Webstuhl“ oder „Gewebe“ übersetzt werden, jedoch niemals im spirituellen Zusammenhang.)

zu 2) Etymologische Bedeutung: Die Verbwurzel  von tantra ist „√tan“, „ausdehnen“; gefolgt von „tra“, dies ist normalerweise ein instrumentaler Suffix. Daher bedeutet tantra „ein Instrument (tra) der Ausdehnung“. Es gibt immer nur eine einzige korrekte etymologische Bedeutung eines Wortes.

zu 3) nirukta: „ein Text ist tantrisch wenn er sich mit Themen von Mantra und den Prinzipien der Realität (tattvas) befasst bzw. diese ausweitet/erweitert (tan), und weil er uns aus dem Kreislauf des Leidens befreit (tra). Dieses ist der Standard nirukta, das wir im „Kāmikā-tantra“ finden. Aber es kann mehr als eine Interpretation geben, und moderne Lehrer haben eigene Interpretationen erstellt.

Auch wenn die grundsätzliche Bedeutung von tantra „Text“ ist, kam es  im Laufe der Zeit dazu, dass der Begriff für eine bestimmte Art von Texten steht, die wir heute als tantrisch charakterisieren. Auf diese Weise angewandt ist das Wort tantra gleichzusetzen mit dem Begriff āgama.

In dem englischsprachigen Buch „Tantra Illuminated“ von Christopher Wallis, auf Seite 33 befindet sich eine Liste der entsprechenden spezifischen Charakteristika die einen tantrischen Text ausmachen.

Übersetzung: Brigitte Heinz, Lektorat: Cornelius Woelke, Marion Inderst
mit freundlicher Genehmigung von Hareesh Christopher Wallis: https://hareesh.org

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Negative Energie – gibt es die?

2. Oktober 2017

Negative Energie, Negative MenschenMir ist schon häufiger der Begriff „ Negative Energie “ begegnet. Oft auch in Zusammenhang mit Eigenschaften, die manche Menschen angeblich haben. Jemand sei negativ, raube jemand anderem seine Energien … Und dann gibt es noch die Vorstellung, man möge sich auf seinem spirituellen Pfad von solchen Menschen fernhalten, da sie einen in der eigenen Entwicklung aufhalten könnten.

Ist das nicht Arrogant? Selbstgerecht? Vermessen? Meiner Ansicht nach auch völlig fehlgeleitet und gefährlicher Ausgangspunkt für sehr viel Übel und Leid.

Christopher Wallis sagt hierzu: Was ist eigentlich Energie? Die Antwort der Physik wie auch der spirituellen Forschungen besagt: „Energie ist die Kraft, etwas zu bewirken oder zu transformieren. In diesem Sinne kann es keine Negative Energie geben!“

Die philosophische tantrische Idee, die hinter Anusara Yoga steht besagt: See the good first! Schau zuerst auf das Gute. Alles in der Welt ist eine Verkörperung des höchsten Bewusstseins. Die Welt ist keinesfalls verführerische Illusion (Maya), sondern es geht darum, die Herausforderungen, die mir das Leben stellt, willkommen zu heißen. Freiheit wird durch die Ausrichtung mit dem Fluss der Schöpfungskraft erlangt. Es geht nicht um Dominanz, Beherrschung, Unterdrückung, Kontrolle oder Ausbeutung der Natur – weder der eigenen, noch der anderer Menschen oder meiner Umgebung. Was natürlich auch bedeutet, dass ich mich nicht willentlich in schwierige Situationen begebe oder mich in anderer Leute Angelegenheiten einmische.

Können Menschen negative Energie haben?

Vor diesem Hintergrund kann es keine Menschen mit negative Energie geben, die mir die Kraft rauben und mich auslaugen. Was einen auslaugt ist die Tatsache, dass man selbst nicht die angemessenen und gesunden Grenzen gezogen hat. Anstatt andere zu beschuldigen, gilt es selbst die Verantwortung für das eigene Empfinden aufzunehmen. Jeder entscheidet selbst, wie viel Raum und Zeit man jemand anderem oder einer Sache widmet, ich bestimme die Grenzen. Und genau das ist meine und deine Aufgabe, du ehrst weder dich selbst noch jemand anderes, wenn du hier nicht ehrlich bist (satya).

Vielmehr stellt sich mir die Frage, was bewirke ich mit meinen Energien? Wie treffe ich die bestmögliche Entscheidung für mich selbst und für mein Umfeld (viveka)? Wie gehe ich mit den Menschen und Situationen um, die mir begegnen?

Habe ich die Verantwortung für ein Kind, einen behinderten oder alten Menschen übernommen, ist die Aufgabe klar. Ich muss für mich und den anderen einstehen, eingreifen, meine Energien einsetzen und mich einbringen. Hier geht es eher darum, mich nicht vollständig zu verausgaben, damit sowohl für mich selbst, wie auch für meinen „Schutz-Befohlenen“ ausreichend Energie für Handlungsfähigkeit, Lebendigkeit und Freude verfügbar ist.

Für alle anderen Menschen und Situationen gilt es, genau und ganz bewusst abzuwägen, ob meine Aktionen neutral sind, oder geprägt von eigener Bedürftigkeit, Geltungssucht oder getrieben von alten Verletzungen. Helfe ich anderen indem ich mich einbringe, oder möchte ich ihnen meine Überzeugungen aufdrücken? Nehme ich Anteil oder schleudere ich meine eigenen emotionalen Energien achtlos und unbedacht umher und erschaffe dadurch neue Dramen (und damit neues Karma). Kämpfe ich weil es „richtig“ ist, oder weil ich „recht“ haben will?

Es geht darum, mich ganz bewusst für die Aktion zu entscheiden, die für mich und für andere die beste ist (brahmacharya), die Entwicklung und Freude (oder zumindest möglichst wenig Leid) nach sich zieht (ahimsa).

Selbstüberprüfung

Guru Rattana empfiehlt hier eine regelmäßige Innenschau:

  1. Wie und warum lasse ich mich auf Menschen, Geschichten und Ereignisse im Außen ein, mache ich mir ihre Aufgaben zu eigen?

  2. Wie und warum flüchte ich in erdachte Geschichten, halte ich an meinen eigenen Dramen fest?

  3. Wie und warum vermeide ich es, mir selbst und meinen Gefühlen zu begegnen?

Wir haben uns über viele Jahre hinweg unsere emotionalen Reaktionen und Gewohnheiten antrainiert und in unserem Unbewusstsein verankert. Wollen wir Strategien ändern, die uns und anderen nicht dienlich sind, so ist dies viel Arbeit. Wir müssen viele Male bewusste Entscheidungen treffen, unsere Energien bewahren, nützlich einbringen und transformieren. Indem ich mich als Opfer von äußerer Negativität definiere, trete ich meine eigene Macht und Verantwortung ab. Befreiung aber setzt Selbstermächtigung voraus, die Fähigkeit, die eigene Kraft bewusst und aktiv einzusetzen, sich nicht durch andere oder äußere Einflüsse von der schöpferischen, universellen Wahrheit abbringen zu lassen – die ich hoffentlich daran erkenne, dass sie mir und anderen dient. Siehe auch Blogbeitrag: Bodhichitta.

(inspiriert durch die Facebook Posts von Christopher D. Wallis (Hareesh) „Die nahen Feinde der Wahrheit #4 – Negative Energie“; sowie durch Guru Rattana: „Die Gabe Frau zu sein, deutsche Übersetzung von Brigitte Heinz“)

Brigitte Heinz, Yogaübersetzung und Yogalehrerin Openlotus
Yoga Allianz + Anusara Elements zertifiziert

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Bodhichitta – Geist der Erleuchtung

2. April 2017

Die Vortrefflichkeit von Bodhichitta

Buchzusammenfassung von: Geh an die Orte, die du fürchtest – Pema Chödrön

Kernunterweisung: Wir können zulassen, dass die Umstände unseres Lebens uns hart machen, so dass wir immer verärgerter und furchtsamer werden, oder wir können uns von ihnen weicher, sanfter machen lassen, so dass wir freundlicher werden und offener für das, wovor wir uns fürchten. Wir haben stets die Wahl.

Was ist Bodhichitta: Chitta heißt „Geist, Bewusstsein“ , aber auch „ Herz oder „Einstellung“, Bodhi heißt „erwacht“, „erleuchtet“ oder „völlig offen“ – Geist der Erleuchtung

Manchmal werden das völlig offene Herz und der völlig offene Geist von Bodhichitta der wunde Punkt genannt. Jeder Mensch hat diesen wunden Punkt, es ist die uns angeborene Fähigkeit zu lieben und uns um andere zu kümmern. Bodhichitta wird auch mit unserer Fähigkeit zu lieben gleichgesetzt, in Teilen auch mit Mitgefühl.

Bodhichitta ist immer verfügbar, egal ob in Schmerz oder Freude, jeder gewöhnliche Mensch hat den Geist der Erleuchtung. Aus Angst, Zorn, Begehren, Gleichgültigkeit, Arroganz und Stolz  errichten wir Mauern, um uns zu schützen (vor dem Leiden der Anderen). Bodhichitta ist die Öffnung in diesen Mauern. Die Offenheit und Wärme von Bodhichitta ist unsere wahre Natur, auch wenn dies oft durch Mauern und Wolken nicht durchscheint.
Bodhichitta ist das Gefühl einer tiefen Verbundenheit mit Allen.

Zwei Ebenen von Bodhichitta:
bedingungsloses B: etwas so grundlegend Gutes, die Gewissheit, dass es nichts zu verlieren gibt
relatives B: die Fähigkeit, unser Herz und unseren Geist empfänglich zu halten für das Leiden anderer
– wer sich mit ganzem Einsatz schult, beide Ebenen von Bodhichitta zu wecken, den nennt man Bodhisattva oder einen Krieger, allerdings Krieger ohne Aggressivität, Männer und Frauen, die sich mitten im Feuer schulen

Die Schulung eines Bodhisattva funktioniert nicht auf die bequeme Tour. Die zentrale Frage in der Schulung zum Krieger ist, wie wir mit unangenehmen Zuständen umgehen können. Mut und Liebe, erwachsenwerden und sich dem Leben stellen, anstatt aus Furcht in einer unerfüllten Situation zu verharren

Die Quelle anzapfen

Sich mit Bodhichitta zu verbinden, Zugang zu dem wunden Punkt zu gewinnen, hat eine transformierende Wirkung. Sich in diesem Punkt aufzuhalten, mag sich unsicher und bedrohlich anfühlen, aber es ist auch etwas ungemein Befreiendes. Mitfühlend genug zu sein, unsere eigenen Ängste anzunehmen, verlangt Mut – aber daraus, dass wir unsere Ängste besser verstehen, entsteht Offenheit.
Drei Herren des Materialismus, die uns Boden unter den Füßen liefern sollen (Illusion der Sicherheit, sich dem Leben wie es ist entziehen): Herr der Form (Äußerlichkeiten), Herr der Rede (Überzeugungen, Glaubenssätze), Herr des Geistes (besondere Bewusstseinszustände, durch z.B. Drogen, Sport, neu verlieben)

Die Tatsachen des Lebens

Buddha lehrt drei Grundcharakteristika der menschlichen Existenz: Vergänglichkeit, Ichlosigkeit und Leiden oder Ungenügen. Der Mensch sucht nach Sicherheit. Sofern es uns jedoch gelingt, die drei Charakteristika zu akzeptieren und uns zu befreien, können wir in jedem Augenblick des Lebens gegenwärtig sein.

Bei sich bleiben

Das Sitzen in Meditation ist das Fundament für die Bodhichitta-Schulung. Indem wir einfach hierbleiben, entspannen wir uns immer mehr in die offene Dimension unseres Seins hinein. „Warum meditieren wir?“ erst wenn wir beginnen, uns mit uns selbst anzufreunden (Maitrî), wird die Meditation zu einem transformierenden Prozess.  Beim Meditieren entwickeln wir vier Qualitäten von Maitrî: Standhaftigkeit, Klares Sehen, die Erfahrung unserer emotionalen Not und Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Augenblick.

Losungen für den Krieger

Lojong-Unterweisungen zeigen uns, wie wir Schwierigkeiten in den Pfad der Erleuchtung umwandeln, statt uns von Gewohnheiten mitreißen zu lassen. „Schule Dich in den drei Schwierigkeiten“ 1. Unsere Neurose als Neurose anerkennen (anerkennen, dass wir durcheinander sind, feststecken), 2. Etwas anderes tun (lähmende Gewohnheiten durchbrechen, bei der Energie der Emotionen bleiben), 3. Sich vornehmen, weiterhin auf diese Weise zu üben (unsere zerstörerischen Gewohnheiten durchbrechen, ist eine lebenslange Aufgabe)

Vier grenzenlose Eigenschaften

Besonders machtvolle Übung, um die Saat unseres Wohlergehens zu säen. Wahrnehmen, wo wir Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut  fühlen und wünschen können, dies tun. Ausweiten auf Menschen, bei denen es uns nicht so leicht fällt. Es muss nichts Großartiges sein. Wir zwingen uns nicht dazu gut zu sein, die Übung bringt unsere Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut in Fluss, hilft uns, ihr grenzenloses Potenzial zu entfalten.

Liebende Güte (Maitrî)

Entscheidung für die Kultivierung von Liebe statt Zorn. Unwissenheit als Wurzel von Aggression und Leiden: Schulung zum Krieger-Bodhisattva – Wissen um Verbundenheit mit anderen: Wir schaden uns selbst, wenn wir anderen schaden. Wir schulen uns darin, aufrichtig, liebevoll und mitfühlend zu uns selbst zu sein. Kontakt mit dem wunden Punkt von Bodhichitta, erkennen, wann Schutzmauern gebaut werden. Ausweiten in 7 Stufen, bis ins Universum, es geht darum, unsere Fähigkeit unvoreingenommen zu lieben zum Vorschein zu bringen.

Mitgefühl

Mitgefühl ist emotional eine größere Herausforderung als Liebende Güte, weil es die Bereitschaft einschließt Schmerz zu empfinden. Denke an gequälte Wesen, spüre ihren Schmerz, um Mitleid zu erzeugen. Zulassen, dass die Angst uns weicher macht. Siebenstufige Übung der Wunschgebete: Alle Wesen mögen frei sein vom Leiden und der Wurzel des Leidens. „Wenn Du dauerndes Glück suchst, dann ist der einzige Weg, es zu finden, aus deinem Kokon herauszukommen“ – Der beste Weg uns selbst zu dienen, ist Liebe und Fürsorge für andere.

Tonglen = Sich selbst an die Stelle eines anderen versetzen

Tonglen bedeutet wörtlich „geben und nehmen“. Wenn wir bereit sind, auch nur für einen Moment bei der unangenehmen Energie zu verweilen, dann lernen wir langsam, sie nicht mehr zu fürchten à Leiden einatmen, Erleichterung des Schmerz/Leiden ausatmen. Übung hat 4 Abschnitte: 1) kurzer Moment der Stille und Offenheit (Moment des bedingungslosen Bodhichitta), 2) Visualisiere die Beschaffenheit von Enge und Weite und arbeite damit 3) das Unerwünschte einatmen, Gefühl der Erleichterung ausatmen, 4) Mitgefühl weiter ausdehnen

Fähig sein, sich zu freuen

Während wir uns mit den Bodhichitta-Übungen schulen, erleben wir allmählich immer mehr Freude, die Freude, die aus einer wachsenden Würdigung unseres grundlegenden Gutseins erwächst (und der Fähigkeit, sich mit der inneren Stärke des Gutseins zu verbinden). Das Zutrauen in unsere frische, unvoreingenommene Natur bringt uns grenzenlose Freude. Wir üben uns darin, gegenwärtig zu bleiben, auch auf die Details des gewöhnlichen Lebens zu achten (Alltagsglück). Am Anfang ist die Freude einfach das Glück, dass wir mit unserer eigenen Situation umgehen können. Wir hören auf, uns nach einem Ort umzusehen, der uns angemessener für unser Leben vorkommt. Siebenstufige Praxis der Wunschgebete kann helfen, Wertschätzung und Freude zu erwecken.

Die Schulung zur Freude vertiefen

Vier  grenzenlose Eigenschaften zusammengefasst: „ein gütiges Herz“ – Unser Herz für andere zu öffnen ist eine einfache Übung, die wir jederzeit und unter allen Umständen anwenden können. Erinnert an Verbundenheit und hilft uns, uns zu freuen. Denke an andere, wenn das Leben schön ist und wenn es schwer ist.

Die Vogelperspektive

Indem wir Liebende Güte, Mitgefühl, und Mitfreude praktizieren, kultivieren wir den unvoreingenommenen Zustand des Gleichmuts. Ohne diese vierte Eigenschaft bleiben die anderen drei durch unsere Gewohnheiten des Mögens/Nichtmögens, des Annehmens/Zurückweisens beschränkt. Zur Kenntnis zu nehmen, wo wir uns öffnen, wo wir uns verschließen – ohne Lob und Tadel – ist Grundlage unserer Praxis. Grenzenloser Gleichmut ‡ absolute Harmonie. Sich völlig auf alles einlassen zu können, was an unsere Tür klopft = total lebendig sein.

Ein Neuanfang

Vergebung ist ein wesentlicher Bestandteil der Bodhichitta-Praxis. Sie erlaubt uns, von der Vergangenheit abzulassen und einen Neuanfang zu machen. Vergebung als natürlicher Ausdruck des offenen Herzens.

Stärke

Fünf Methoden, mit denen ein Krieger zunehmend Zuversicht und Inspiration gewinnt: Fester Entschluss (erzeugt Stärke), Vertrautheit mit den Bodhichitta-Lehren und – Übungen, der Same des Gutseins, der sich in jedem Lebewesen findet, die Praxis des Tadelns (das Ego, wen wir in gewohnten schädlichen Mustern sind) und die Macht des Wunschgebets.

Drei Arten der Faulheit

Hängen an Bequemlichkeit: basiert auf unserer Neigung, Unangenehmes zu vermeiden àkann zu Aggressivität führen, wir werden wütend über Unannehmlichkeiten, macht unzufrieden
den Mut verlieren: Gefühl von Hoffnungslosigkeit „ich Armer“ – Wir fühlen uns nicht in der Lage, es mit der Welt aufzunehmen à Lassen den Lebensmut sinken, verharren beim Fernsehn, rauchen, essen, trinken…
„Scheißegal!“: Geprägt von Ablehnung à schwelgen in dem Gefühl, verraten und verkauft zu sein, die andern sind schuld à kann leicht zu einer Depression werden

Es gibt 3 gewohnte Methoden (unnütze Strategien), wie Menschen mit Faulheit (oder jeder störenden Emotion umgehen): Angreifen, Schwelgen, Ignorieren – Die Geistesschulung für Krieger schlägt vierte Strategie vor, erleuchtete Strategie: die 3 Arten der Faulheit erforschen

Das Wirken des Bodhisattva

Der Bodhisattva-Krieger gelobt, nicht nur für sich selbst zu erwachen, sondern zum Wohle aller Lebewesen.
Der Bodhisattva schult sich der Tradition nach in sechs Weisen (sechs Pâramitâs = „ans andere Ufer gegangen“) eines mitfühlenden Lebens: Großzügigkeit (Gebefreudigkeit), Disziplin (Sittlichkeit), Geduld, Begeisterung (Energie), Meditation und bedingungslose Weisheit.

Bodenlosigkeit

Jede Schlussfolgerung zu der wir kommen, müssen wir loslassen. „Form ist Leere, und Leere ist auch Form„ Erst wischen wir alle Voreingenommenheit beiseite, dann müssen wir auch noch unseren Glauben loslassen, dass wir die Dinge ohne Voreingenommenheit ansehen sollten. Wir ziehen uns selbst den Teppich unter den Füßen weg. In dem Ausmaß, in dem wir aufhören, gegen Ungesichertheit und Ungewißheit zu anzukämpfen, in dem Ausmaß löst sich unsere Furcht auf. Das Synonym für totale Furchtlosigkeit ist Erleuchtung – eine rückhaltlose, vollkommen offene Wechselbeziehung mit der Welt. Erleuchtung ist nicht irgendein Endpunkt.

Die Verstärkung der Neurose

Geschieht einfach. Auf dem Weg des Erwachens verlieren wir den Halt/Boden unter den Füßen. Man mag das Befreiung nennen, aber lange Zeit fühlt es sich nur nach Ungesichertheit an, wir bekommen Angst, haften an alten Mustern an. Wir müssen langsam das Vertrauen entwickeln, dass das Loslassen etwas Befreiendes ist.

Wenn der Weg steinig wird

Über Dich darin, niemandem zu schaden – weder Dir selbst noch anderen – und tue jeden Tag, was Du kannst, um hilfreich zu sein. Vier Methoden des Sitzenbleibens als grundlegende Unterweisung/Hilfsmittel, wenn der Weg steinig wird: 1. Kein Ziel für den Pfeil aufstellen, 2. Kontakt zum Herzen aufnehmen, 3. Hindernisse als Lehrer ansehen, 4. Alles, was geschieht, als Traum betrachten

Der spirituelle Freund

Krieger im Prozess der Schulung brauchen jemanden, der sie führen kann, der die zu durchwandernde Landschaft gut kennt und der ihnen den Weg weisen kann. Die Liebe des Lehrers für den Schüler manifestiert sich als Mitgefühl. Die Liebe des Schülers für den Lehrer ist Hingabe. Diese gegenseitige Wärme, diese Herzensverbindung macht eine Begegnung von Geist zu Geist möglich. Die Beziehung zu unserem spirituellen Freund inspiriert uns dazu, furchtlos loszumarschieren und zu beginnen, die phänomenale Welt zu erforschen.

Der Zwischenzustand

Es braucht einige Zeit der Schulung, bis völliges Loslassen = Wohlbefinden. „Nichts an dem man festhalten könnte“ ist die Wurzel des Glücks. Wir haben ein Gefühl der Freiheit, wenn wir akzeptieren, dass wir nicht die Kontrolle besitzen. Das mag zu einer „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“ Empfindung führen, dem Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Angst, Traurigkeit, Zartheit sind Kennzeichen dieses Zwischenzustands, in dem wir unsere alten Annehmlichkeiten nicht mehr von außen bekommen, aber auch noch nicht in einem beständigen Gefühl des Gleichmuts und der Wärme Zuhause sind – Fähigkeit, im Paradox zu bleiben

von: Jenny Tilling, Absolventin der Yogalehrerausbildung bei Openlotus

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Yogapraxis

26. August 2016

Die geheime Geschichte des Yoga

In diesem Radiobeitrag wird dargelegt, dass unsere heutige Yogapraxis mitnichten uralt sei, sondern erst im frühen 19. Jahrhundert entstand. Die Idee, Yoga sei eine alte indische Tradition, eine zeitlose Disziplin, die über lange Zeit vom Lehrer zum Schüler weitergegeben wurde, wird in Frage gestellt.

Kommentar zu einem Beitrag (englisch) bei BBC Radio 4 · Link

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Die Aura – oder: Koshas – die „Schichten“ des Körpers

7. April 2016

Malerei Mensch in SchichtenWas ist eigentlich eine Aura?

Wir im Westen würden vielleicht sagen, das ist die Ausstrahlung eines Menschen. Manchmal begegne ich jemandem, der/die ohne etwas zu sagen meine Aufmerksamkeit fesselt. Er/sie wirkt einfach durch seine Präsenz, weniger durch seine Optik oder seine Worte. Wenn die Worte dann zu meinem Eindruck passen, umso besser.

Außerdem gibt es die Vorstellung eines Energiefeldes welches alles umgibt was lebt. Vielleicht ist dieses Energiefeld mal mehr, mal weniger spürbar, je nachdem, wie es mit meinem eigenen übereinstimmt oder sich miteinander verträgt. Kinder und auch geistig behinderte Menschen haben oft einen sehr guten Zugang zu dem Gefühl welches der Gegenüber nach außen strahlt, oder auslöst. Jeder hat natürlich gute und weniger gute Stimmungen die sicherlich unsere Ausstrahlung beeinflussen, aber vielleicht gibt es doch so eine grundlegende, spürbare Frequenz in der jede/r schwingt und sich bewegt.

Ist mit Aura mein persönlicher Raum gemeint, meine fühlbaren Außengrenzen, meine Haut oder der unmittelbare Bereich darum herum? Ist es mein Verstand in den ich niemanden ohne meine Erlaubnis hineinlasse bzw. den ich anderen mitteile oder auch nicht?


In der Tradition des Yoga geben die „Upanischaden“, eine Sammlung philosophischer Schriften (ca. 700-200 v. Chr.) eine mögliche Erklärung. Der menschliche Körper besteht aus drei groben Einteilungen: physisch, subtil, kausal. Diese werden wiederum in 5 Koshas (Hüllen) „unterteilt“. Die Hüllen durchdringen einander, bedingen und nähren sich gegenseitig und hängen voneinander ab, jede ist gleich wichtig und kostbar. Das ist ein wenig so wie bei dem optischen Modell eines Atoms, eine theoretische Annäherung um komplexe Ideen sichtbar und damit verständlicher zu machen.

Wie gut meine Hüllen genährt und vollständig sind und einander ergänzen, beeinflusst unsere Wahrnehmung und Wertung der Realität die uns umgibt, und die für sich gesehen neutral ist.

1. Annamaya Kosha – Die Nahrungshülle

entspricht unserem physischen Körper der durch Nahrung lebt und selbst Nahrung (Erde) wird. Die fünf Elemente beziehen sich auf diese Hülle, Geburt und Tod sind ihre Themen. Wir beeinflussen ihre Kraft und Stabilität durch die Standhaltungen der Asana-Yogapraxis.

2. Pranayama Kosha – Die Vitalkraft

oder auch unser Astral- bzw. Phantomkörper. Prana ist die lebendige Energie des Universums, aufgenommen und bewegt durch unseren Atem. Hier entstehen die Schwingungen die unsere Organe und unseren physischen Körper funktionieren lassen. Prana steht in Verbindung mit unseren Organen, Nerven, Empfindungen. Die Energiebahnen Nadis sind Aspekte dieser Hülle. In der Asana-Yogapraxis üben wir Drehungen/Twists und natürlich den bewussten Umgang mit unserem Atem in Pranayama-Atemübungen.

3. Manomaya Kosha – Die Gedankenhülle

Manas wird mit Geist übersetzt, hier schwingen die vrittis, unsere Gedanken. Unser Verstand, unsere Gedanken und Emotionen aufgrund von Sinneswahrnehmungen durchdringen die beiden anderen Hüllen und füllen sie mit unserem Selbst, mit unserer Seele. Träume gehören zu dieser Hülle. Wir üben Hüftöffner und Vorbeugen um uns mit dieser Hülle zu verbinden.

4. Vijnamaya Kosha – Die Weisheitshülle

hängt mit unserer Fähigkeit zur Erkenntnis zusammen. Durch bewusstes Beobachten erkennen wir, unsere innere Einsicht führt zu Wissen und in Verbindung mit unserer Intuition zu Weisheit. Balance-Übungen wirken in unserer Yogapraxis. Meditation verbindet uns mit der höheren Intelligenz unseres unsterblichen Kerns.

5. Anandamaya Kosha – Die Wonnehülle

Sind alle unsere Hüllen gut entwickelt und genährt, ruhen wir im Sein. Wir sind glückselig und fühlen uns vollkommen. In der Asana-Praxis sind Rückbeugen mit dieser Hülle assoziiert. Natürliche Folge von Glückseligkeit sind Offenheit, Mitgefühl und Toleranz für alle Lebewesen. Erfahrung von Einheit mit allen Dingen.


Dies ist die vedantische Sicht bzw. ihre Interpretation der Koshas, zum tantrischen Modell gibt es hier im Blog einen weiteren, sehr lesenswerten Beitrag, Link hier!

Beitrag: von Brigitte Heinz, Yogaübersetzung und Yogalehrerin Openlotus
Yoga Allianz + Anusara Elements zertifiziert

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Hindernisse und Ganesha – was haben die miteinander zu tun?

10. Februar 2016

ElefantenstatueGanesha – der Elefantengott – wofür er steht

Ganesha ist in der indischen Mythologie hoch geschätzt, da er für die Kraft zur Bewältigung von Hindernissen steht.

Interessanterweise hilft er jedoch nicht nur dabei, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Es kann vorkommen, dass er sie auch ganz absichtlich in unseren Weg platziert. Warum sollte er das tun?

Schwierigkeiten in unserem Leben helfen uns oft dabei, mehr Klarheit darüber zu erlangen, was wir wollen. Zeigen sich Hindernisse, müssen wir innehalten, der Aufgabe begegnen, und lernen, wie wir diese überwinden. Dazu müssen wir vielleicht neue Fähigkeiten entwickeln, die es uns ermöglichen, weiter zu gehen.

Auch werden wir gefragt, ob wir auch „wirklich wollen“, oder schon bei kleinen Problemen die Flinte ins Korn werfen.

Unsere Absicht, Willensstärke, Geduld und Standfestigkeit wird gefordert – Qualitäten, die ein Elefant symbolisiert.

Wir wissen aus Erfahrung, dass es am Wichtigsten ist, den Glauben an die Möglichkeit der Entfaltung zu bewahren. Wir wissen auch, dass so manche Schwierigkeit in unserem Leben die besten „Lehrmeister“ waren und wir Dinge verstanden haben, die für unsere Entwicklung wichtig waren. Auch zeigt uns das Überwinden von Hindernissen wie stark wir sind, was wir können, und was in uns steckt.

Dafür steht Ganesha! Es ist nicht Boshaftigkeit, weswegen „er“ die Schwierigkeit kreiert. Es geschieht in bester Absicht: um uns an unsere Fähigkeiten zu erinnern, um uns zu helfen, reflektiert und in Klarheit unseren Weg zu gehen und auch, um uns zu bremsen, so dass wir erst einmal die Fähigkeiten erlernen, derer es bedarf, auf dem Weg vor uns weiter zu gehen.

Mögen wir uns an unsere Elefanten-Kraft erinnern!

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Was hat Yoga für Dich verändert?

2. Juli 2015

Was hat Yoga für Dich verändert?

Diese Frage stellte mir kürzlich eine liebe Freundin. Hmm, eine schwere Frage irgendwie, wo fange ich da an?
Ein Aspekt, den Yoga bei mir vollkommen umgekrempelt hat, ist meine Beziehung zu mir selbst. Ab der Pubertät begegnete ich mir und meinem Körper im besten Fall neutral bis hin zu feindselig. Jeden Sport, den ich machte, unterwarf ich Leistungsgedanken und dem Wunsch, einfach nur besser zu werden. Körperliche Herausforderungen waren ein pures Ankämpfen gegen mich und meine Grenzen, getragen von dem Wunsch nach „mehr, schneller und weiter“. (mehr …)

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Bodhichitta – das völlig offene Bewusstsein – wie kann man dieses kennen lernen?

2. Januar 2015

Buch: In jedem Moment unseres Lebens haben wir die Wahl: Unsere Lebensumstände können uns verhärten, uns ängstlich und abweisend machen, oder sie lehren uns, sanfter, mitfühlender und freundlicher zu werden. Doch unsere gewohnten Strategien mit Ängsten, Leiden und Schwierigkeiten umzugehen, sind wenig geeignet, diese zu überwinden - stattdessen zementieren sie diese letztlich nur. Aus dem riesigen Fundus buddhistischer Geistesübungen schöpfend, macht die erfahrene Meditationsmeisterin hier deutlich, wie wir unsere Ängste nutzen können, um in einer schwierigen Welt und in schweren Zeiten zu Furchtlosigkeit finden und authentisch leben zu können.

Bodhichitta, das völlig offene Bewußtsein, der erleuchtete Geist, das offene Herz, unsere empfindlichste, verletzlichste, zarteste, traurigste Stelle

Wie man mit dieser arbeiten kann erklärt Pema Chödrön in ihrem Werk:
GEH AN DIE ORTE DIE DU FÜRCHTEST

Bodhichitta

Bereits als kleines Mädchen erhielt Pema Chödrön den Rat, sich nicht durch die Widrigkeiten des Lebens härter werden zu lassen oder sich zu verschließen, sondern sich von unangenehmen Umständen weicher und sanfter werden zu lassen, um offener zu werden für das, was wir fürchten. „Wir haben stets diese Wahl.“

Bodhichitta, das völlig offene Bewußtsein, der erleuchtete Geist, das offene Herz, unsere empfindlichste, verletzlichste, zarteste, traurigste Stelle lehrt uns Mitgefühl. Bodhichitta macht uns demütig und freundlich. Pema Chödrön schlußfolgert: „Bodhichitta wird uns inspirieren und tragen, in guten wie in schlechten Zeiten.“

Pema Chödrön rät dazu, furchtlos das eigene Verhalten einer mitfühlenden Untersuchung zu unterziehen, um Taktiken zu entlarven, mit denen wir versuchen uns dem Leben, wie es ist, zu entziehen. Wenn wir uns sowohl der Ungesichertheit als auch der Langeweile des Alltags nicht entziehen, sondern einfach allem mit Offenheit und Flexibilität begegnen, wenn wir das, was geschieht, einfach wohlwollend wahrnehmen, ohne es zu beurteilen, dann können wir mit Bodhichitta in Verbindung treten. Mit jener empfindsamen Stelle, der Pema Chödrön transformierende Wirkung einräumt.

Pema Chödrön erklärt, daß wir, wenn wir uns darin schulen Bodhichitta zu erwecken, die Anpassungsfähigkeit unseres Geistes vergrößern. Das ist eine große Hilfe dabei uns den drei buddhistischen Grundcharakteristika der menschlichen Existenz zu stellen: Vergänglichkeit, Ichlosigkeit und Leiden. Wir können aufgeben, vergeblich Sicherheit in der Beständigkeit zu suchen und den steten Wandel als Quelle der Freiheit zu nutzen. Wir können unser Leben dazu nutzen, unsere Annahmen und Überzeugungen aufzulösen. Und wir können unser Leiden überwinden, wenn wir die ewige Wahrheit von Vergänglichkeit und Tod akzeptieren lernen.

Meditation

Die Grundlage für Bodhichitta ist das Verweilen in unserer Verwundbarkeit beim Sitzen in der Meditation. Dabei braucht es eine bedingungslose Freundlichkeit gegenüber uns selbst, um allen Gedanken und Emotionen näher zu kommen. Indem wir den Seiten von uns, die wir für abstoßend und Angst einflößend halten, mit Wärme und Mitgefühl begegnen, schaffen wir die Voraussetzung dafür uns selbst zu transformieren. „Wir treten aus einer Phantasiewelt heraus und entdecken die simple Wahrheit.“

Bei der Meditation bleiben wir aufmerksam und gewahrsam bei dem, was wir sind. Sobald sich unser Geist zerstreut, nehmen wir das ohne Beurteilung zur Kenntnis und kehren mit sanfter Standhaftigkeit zu uns zurück. Durch regelmäßige Übung werden wir ehrlicher mit uns selbst und beginnen klarer zu sehen. Alle auftauchenden Emotionen lassen wir auf uns einwirken, wir erfahren sie, ohne sie zu bewerten, ohne nachzudenken.

Geistesschulung

Pema Chödrön stellt fest, daß wir im alltäglichen Leben gewöhnlich von der Schwungkraft unserer Gewohnheiten überrannt werden, ohne daran zu denken unsere Verhaltensmuster zu ändern. Die Übung besteht nun darin, das Aufkommen eines gewohnten Musters zu erkennen, die auslösende Emotion zur Kenntnis nehmen und dann völlig vom gewohnten Verhalten abzuweichen. So können wir daran arbeiten unsere Gewohnheitsmuster zu durchbrechen.

Eine machtvolle Bodhichitta-Übung unsere gewohnten Abneigungen und Sehnsüchte zu überwinden ist die Übung der Vier grenzenlosen Eigenschaften – Liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut. Diese Eigenschaften habe die Macht unsere Gewohnheiten zu lockern.

Bei der Übung zur Entwicklung Liebender Güte beginnen wir damit aufrichtig, liebevoll und mitfühlend mit uns selbst zu sein. Dann dehnen wir die Liebende Güte auf uns nahestehende Personen aus, dann auf Freunde, dann auf neutrale Personen,  dann auf Menschen, die wir nicht mögen, dann auf alle bisher genannten als Gruppe und schließlich rufen wir Liebende Güte für alle Wesen in Raum und Zeit hervor.

Entscheidend bei dieser Übung ist aufrichtiges Wohlwollen zu empfinden, wenn wir unsere Wünsche nach Glück und Zufriedenheit aussenden. Mit dieser Übung trainieren wir sozusagen unser Herz und die vier grenzenlosen Eigenschaften nehmen von selbst zu. Und wir freunden uns mit uns selbst an, mit unseren Ängsten, unseren Blockaden und unseren Abneigungen.

Mitgefühl kann auf gleiche Weise wie zuvor beschrieben mit einem siebenstufigen Wunschgebet entwickelt werden. Bei dieser Übung wünschen wir frei zu sein vom Leiden und von der Wurzel des Leidens. Pema Chödrön findet es besonders hilfreich die Übung des Mitgefühls mit auf die Straße zu nehmen und im Alltag zu praktizieren. Wir lernen unsere Vorurteile wahrzunehmen und unsere Furcht vor dem Schmerz zu überwinden.

Das Zutrauen in uns selbst, die Fähigkeit mit jeder Situation umgehen zu können, unser grundlegendes Gutsein und unsere Achtsamkeit und Präsenz in jedem Augenblick schenkt uns Freude. Auch die Fähigkeit zur Freude läßt sich mit einem siebenstufigen Wunschgebet üben. Uns mit anderen zu freuen bringt uns in Kontakt mit unseren Emotionen und hilft uns unser Herz offen zu halten.  Pema Chödrön’s Rat: „Wenn das Leben schön ist – denke an andere. Wenn das Leben schwer ist – denke an andere.“

Gleichmut bedeutet ohne Hoffnung das zu bekommen, was wir wünschen, und ohne Furcht zu verlieren, was wir haben, das anzunehmen, was uns das Leben beschert, und uns auf das einzulassen, was sich uns bietet. Wir lernen alles unabhängig von Zuneigung oder Ablehnung willkommen zu heißen.


Feinde der Vier grenzenlosen Eigenschaften:

  • Liebende Güte: Anhaften – Haß
  • Mitgefühl: Mitleid – Grausamkeit
  • Freude: Übermut – Neid
  • Gleichmut: Gleichgültigkeit – Voreingenommenheit

Tonglen

Eine weitere Bodhichitta-Übung ist Tonglen, „sich selbst an die Stelle eines anderen versetzen“. Wir nehmen unser Leiden und unsere Schmerzen auf, ebenso das Leid und die Schmerzen der anderen und senden Glück an uns selbst und an alle anderen aus. Aus einem Zustand völliger Offenheit, einem Gefühl allumfassender Weite atmen wir das Unerwünschte ein und atmen das Gewünschte aus. Beim Einatmen öffnen  wir uns und akzeptieren Leid und Schmerz und beim Ausatmen lassen wir los.

Ganz ähnlich läßt sich auch die Bodhichitta-Übung zur Vergebung praktizieren. Wir nehmen Kontakt zu unseren Schuldgefühlen und unserer Scham auf, öffnen ihnen unser Herz, senden Vergebung an uns selbst und an andere, und beginnen dann neu.

Sechs Paramitas

Großzügigkeit, Disziplin, Geduld, Begeisterung, Meditation und bedingungslose Weisheit. Diese Aktivitäten helfen uns Herz und Geist offen zu halten, unsere Gewohnheitsmuster zu durchbrechen und unsere Vermeidungshaltung aufzugeben. Allen aufkommenden Gedanken und Gefühlen, Schmerz und Freude, Furcht und Angst begegnen wir mit Mitgefühl, ohne uns einer Situation zu entziehen oder uns zurückzuziehen. Alles unterziehen wir einer mitfühlenden Untersuchung.

Durch vollkommene Hingabe und totale Offenheit für alle Situationen und Gefühle entwickeln wir eine Sicherheit, die keinen festen Boden, keinen Halt, kein Festhalten mehr braucht.

Vier Methoden des Sitzenbleibens

  • In Zeiten des Zorns vermeiden wir ein Ziel für eine Reaktion aufzustellen.
  • Wir nehmen Kontakt zu unserem Herzen auf.
  • Schwierigkeiten und Hindernisse sehen wir als Lehrer an.
  • Wir stellen uns alles als Traum vor.

Zwischenzustand

„Nichts, an dem man festhalten könnte.“ Wir nehmen Ungewißheit und Unsicherheit wahr, nehmen die aufkommenden Gefühle zur Kenntnis, spüren die damit verbundene Energie und verweilen in unserer Mitte. Das bereitet  uns auf das Unbekannte vor, so können wir uns unserem Leben und unserem Tod furchtlos stellen. Jetzt ist die einzige Zeit, die wir haben.

Von MICHAEL SCHULTE – Teilnehmer der Yogalehrerausbildung 2014/2015

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Shunryu Suzuki: Zen-Geist – Anfänger-Geist

10. Dezember 2014

Das Buch „Zen-Geist – Anfänger-Geist“ von Suzuki liefert eine eindrucksvolle und verständliche Unterweisung in die Praxis des Zen. Es beschreibt die innere Einstellung bzw. Einsicht, welche die Zen-Praxis und letztendlich die Verwirklichung des eigenen „Zen-Geistes“ ermöglichen; in Meditation wie auch im alltäglichen Leben, denn es gibt keinen Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen.

Der beschriebene „Zen-Geist“ ist zugleich „Anfänger-Geist“. „Anfänger-Geist“ ist unsere wahre Natur – alle Menschen kommen mit „Anfänger-Geist“ in diese Welt, die meisten verlieren ihn aber im  Laufe des Lebens wieder.

„Anfänger-Geist“ ist vielleicht am Besten zu verstehen in der Abgrenzung zum „Experten-Geist“, welcher sich bei den meisten Menschen ganz automatisch aufgrund der im Verlauf des Lebens gesammelten Erfahrungen etabliert und dadurch den „Anfänger-Geist“ verdrängt. Im Grunde genommen ist der „Experten-Geist“ zu einem gewissen Grad sogar notwendige Voraussetzung für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das Leben wird durch die in seinem Verlauf aufgrund von Erfahrungen erstellten „Schubladen“ strukturierter, teils leichter und unter Umständen auch sicherer. Anders ausgedrückt: „Durch Erfahrung wird man klug“.

Das, was nach dieser Auffassung für Klugheit gehalten wird, nämlich der Glaube, aus Erfahrungswerten (immer) ableiten zu können, wie sich eine Situation entwickeln wird, nimmt einem aber tatsächlich meistens die Offenheit, neuen Situationen unvoreingenommen zu begegnen, also mit „Anfänger-Geist“.

Der dem „Experten-Geist“ gegenüberstehende „Anfänger-Geist“ meint die Offenheit, jeder Situation die Möglichkeit zu geben, sich in jede erdenkliche Richtung zu entwickeln.

„Zen-Geist“ oder „Anfänger-Geist“ ist auch ein vollkommen freier Geist. Frei, sich in jedem Augenblick neue Pfade zu erschließen gleich einem Fluss, der sich bei Hochwasser nicht mehr im Flussbett bewegt, sondern über die Ufer des etablierten Pfades tritt und sich dadurch in alle Richtungen neues Territorium erschließen kann. Das dauerhafte, eingefahrene und damit eingeschränkte Selbst ist eine Illusion – jede Existenz ist in ständigem Wandel begriffen.

Durch Annahme dieser Tatsache kann sich auch das Leiden verringern, welches entstehen kann, wenn man an aus alten Erfahrungen gewonnenen Erwartungen festhält und sich dadurch in sich immer wiederholenden (negativen) Strukturen bewegt oder diese Erwartungen nicht erfüllt werden.

Die aus solchen Gedankenstrukturen entstehenden Erwartungen an das Resultat einer Situation oder einer Handlung bedeuten nicht nur ein Unfreisein in der Zukunft, sondern auch eine Missachtung des jetzigen Augenblicks. Solange die Gedanken in der Zukunft (oder auch der Vergangenheit) weilen, läuft man Gefahr, die Schönheit und Möglichkeiten des gegenwärtigen Moments nicht wahrnehmen zu können. Der sich immer wieder überraschen lassende „Anfänger-Geist“ ist eng verbunden mit dem Leben im Hier und Jetzt, vielleicht sogar dessen Voraussetzung. Nur wenn man Anhaftungen der Vergangenheit loslässt, vollkommen offen ist für kommende Erfahrungen und Eindrücke, kann man sich im Hier und Jetzt bewegen und den Augenblick als das schätzen, was er ist. Das Leben in der Wirklichkeit der Gegenwart, frei von Anhaftungen und Erwartungen, ist gekennzeichnet durch einen gelassenen, annehmenden, wachen, achtsamen und die ursprüngliche Natur der Dinge erkennenden Geist.

„Anfänger-Geist“ ist leer. Und wird dadurch aufnehmend – und in gleichem Maße wieder abgebend, um Raum zu schaffen für neue Eindrücke. Wie der Atem, der einen durchströmt. Nur durch vollständige Ausatmung kann man wieder Platz schaffen und neue, unverbrauchte Atemluft in sich aufnehmen. Ein ständiger Austausch.

Die Ausführungen Suzukis zur Zen Praxis, z.B. über die Qualitäten des „Anfänger-Geistes“ und der Bedeutung des Hier und Jetzt sind auch für die Yoga-Praxis von großer Bedeutung.

Nicht selten geht die anfänglich vielleicht bestehende Einstellung von Offenheit einem Asana gegenüber, welches man noch nicht praktiziert hat, durch Wiederholung verloren. Aber wenn man es schafft, beim Üben von Asanas den „Anfänger-Geist“ zu bewahren, öffnet man sich viele Türen zu neuen Erfahrungen. Wenn man keine Erwartungen an ein Asana stellt – wie es aussehen soll, wie es sich anfühlen soll – dann ist man in seiner Praxis viel freier und aufmerksamer, und kann jedes Asana immer wieder neu für sich entdecken und sich überraschen lassen. Das ständige Üben als Anfänger versetzt den Übenden erst in die Lage, wahrhaftig zu lernen. Dann kann man auch frei von jedem körperlichen oder mentalen Ehrgeiz üben, und bei der Praxis ganz bei sich sein. Im Innern, bei sich, mit Körper und Geist im Hier und Jetzt. Man praktiziert nicht, um etwas zu erreichen, sondern um das jeweilige Asana – und sich selbst im Asana – zu entdecken. Es ist nicht notwendig, vollkommen zu vergessen, wie die letzte Praxis war, aber man soll nicht daran bzw. an einem einmal erzielten Fortschritt festhalten und erwarten, beim nächsten Mal an genau diesem Punkt zu beginnen. Stattdessen beginnt man jedes Mal neu.

Denn sobald man glaubt, etwas genau zu kennen, wird man unaufmerksam und läuft Gefahr, seine Aufmerksamkeit zwischen der Praxis und anderen Dingen aufzuteilen. Man ist nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern opfert vielmehr seine jetzige Praxis für ein Ideal in der Zukunft.

Wie viel schöner ist es nicht auch, jede Form, die ein Asana einnimmt, willkommen heißen und wertschätzen zu können, als Ausdruck des Selbst und gleichzeitig als Lehrer für das Selbst. Dies ist nicht nur wahr für die Asanapraxis, sondern für alle Aspekte des Lebens.

Was man vorher vielleicht als Einschränkung empfunden hat, begrenzt einen ohne Erwartungshaltung auch nicht mehr. Dualismus löst sich auf. Man übt nicht mehr ein Asana, man ist das Asana, in Körper und Geist, in voller Hingabe durch Aufgabe des Selbst in non-dualistischem Verständnis des Seins: „Wenn ihr etwas tut, wenn ihr euren Geist mit einigem Vertrauen fest auf die Aktivität richtet, ist die Beschaffenheit eures Geisteszustands die Aktivität selbst.“

Das rechte Bemühen, d.h., Yogapraxis ohne die besondere Anstrengung, etwas zu erreichen, bringt Geist und Körper als zwei Seiten einer Münze wieder zusammen. Wenn man in diesem rechten Bemühen übt, ist es tatsächlich unerheblich, wie gut man eine bestimmte Haltung erreichen kann. Es gibt kein gutes Asana, kein schlechtes Asana.

Dieses Nichtausrichten der Praxis auf ein bestimmtes Ziel und das Bewahren des „Anfänger-Geistes“ bewirkt auch, dass die Praxis im täglichen Leben nach- und fortwirkt und nicht mit dem Verlassen der Yogamatte endet.

Buchreport von Daniela Meier – Absolventin der Yogalehrer Ausbildung bei Openlotus – die Yogaschule in Köln

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Ich gehe nach innen und bleibe trotzdem draußen

29. Oktober 2014

Überlegungen zur eigenen Praxis in einer überfüllten Yogastunde.

Wir klingeln um 19:15 Uhr an der Tür. Es ist Montag Abend in einem der angesagteren Stadtteile Berlins. Neben mir und meiner Freundin stehen noch drei weitere Mädels, die ihre Yogamatte unter den Arm geklemmt haben. Einen Moment lang erhalten wir keine Antwort. Ein kurzer Anflug von Panik tritt zwischen den anderen ein: Verdammt, ob es schon wieder zu voll ist und sie deshalb niemanden mehr rein lassen? Dabei beginnt die Stunde erst in 15 Minuten. Kurz darauf ertönt der Buzzer und die Tür geht auf. Puh, doch noch geschafft.

Im Treppenhaus zwei Etagen höher türmen sich die Schuhe auf und neben dem Regal. Im Raum selber sind neben der Tür alle Kleiderhaken doppelt und dreifach mit Klamotten, Taschen und Jacken belegt. Ich schaue mich um, frage mich kurz, wo wir überhaupt noch hin sollen, und nehme dann doch noch ein Plätzchen zwischen zwei anderen ein, die ein paar Zentimeter zur Seite rücken. Zwischen unseren Matten ist zwei Finger breit Platz.

Der Raum ist lang, die Decken hoch. Zum Glück gibt es direkt vor mir eine weite Fensterfront. Schräg gegenüber hat der Yogalehrer seine Matte ausgebreitet. Ein kleiner, schmächtiger Mann mit Nasenpiercing, sanfter Stimme und ausgeprägtem französischen Akzent. Ziemlich ernst sieht er aus.

Geringelte Leggings, Tattoos, Rastazöpfe, Piercings, Heavy Metal Band T-Shirts sehe ich vage im Raum verteilt. Nichts Ungewöhnliches also. Auch nicht für diese Altersgruppe oder den Stadtteil. Ich bin zum ersten Mal hier, gespannt und ein bisschen aufgeregt. Selten habe ich an einer so dicht besetzten Yogastunde teilgenommen, bei der ich weder Lehrer noch Teilnehmer kannte.

Die Vinyasa Stunde die nun folgte, war nicht anders als das, was ich in verschiedenen Studios schon mitgemacht hatte: schnell, dynamisch und fordernd. Mit einem ruhigen Anfang und Ende. Was mich jedoch die Stunde über nicht losließ war dieser Gedanke, wie schwer es doch sein kann, in einem so vollen Raum wirklich nach „innen“ zu gehen. Das, was um einen herum passiert, in den Hintergrund versinken zu lassen und die eigene Praxis und das Erlebnis davon wirklich in den Mittelpunkt zu bringen.

Und der zweite Gedanke war das Paradox, dass eigentlich jede Yogastunde mit sich bringt: die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, obwohl man in einer Gruppe ist. Natürlich können Partnerübungen das Miteinander einer Klasse verstärken, doch liegt der Fokus hauptsächlich auf dem Introspektiven, seinen eigenen Körper und Atmung beobachten und spüren – was noch durch das Schließen der Augen verstärkt werden kann.

Um mich herum atmen, bewegen sich und schwitzen ca. 30 Menschen, Unbekannte. Unterschiedliche Leute im Raum seufzen etwas lauter und affektierter als ich es gewohnt bin. Ich verdrehe im Herabschauenden Hund reflexartig die Augen. Gleichzeitig fällt es mir schwer, nicht gucken zu wollen, nicht wissen zu wollen, wie das bei den anderen aussieht, was sie da machen, und vor allem interessiert mich eins: wieso habe ich das Gefühl, dass die Atmosphäre angespannt ist?

Natürlich liegt es auch an mir: der Teil, der als Yogalehrerin tätig ist, will wissen, wie es die Anderen unterrichten, worauf sie achten, wie sie Dynamik und Ruhe in die Klasse bringen. Und wie Yogastunden in anderen Studios, anderen Städten und Kulturkreisen funktionieren. Die Globalisierung hat eben nicht nur H&M in jede europäische Stadt gebracht, sondern auch Yogastudios.

Einige Male innerhalb der 90 Minuten vibriert ein Telefon. Nicht sehr laut, aber doch merklich. Und das funktioniert für mich als Symbol für die Stunde, ich verstehe, was mich eben verunsichert hat: Das, was normalerweise für mich während Yogastunden draußen bleiben sollte, hat sich hier mit eingeschlichen.

Gerade durch das Klischee, dass sich in meiner überzeichneten Darstellung erfüllt, werden Aspekte noch deutlicher, die mir schon vorher in anderen Yogaklassen begegnet waren. Eben weil Berlin so lebendig ist, viele neue Bewohner der Stadt so hip und jung, aber eben auch oft hyperaktiv und ruhelos sind, dient wohl dieses Bild so gut als Beispiel für meine Argumentation.

Im Alltag hat man oft das Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Dinge erledigen, arbeiten, kreativ sein, innovativ und dabei auch noch attraktiv sein. Und das beschränkt sich inzwischen keineswegs auf die Arbeitswelt. Von den Menschen um uns erhoffen wir uns (zumindest ein bisschen) Anerkennung für das, was wir sind und tun. Durch die Kleidung, Freunde, Orte, die wir in der Freizeit besuchen, signalisieren wir viele unterschiedliche Dinge, auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und/ oder Altersklasse.

All das – so dachte ich – sollte man in der Yogastunde draußen lassen können. Dabei ist mir ganz klar, dass Yoga auch elitär sein kann. Nicht jeder kann es sich leisten, sowohl zeitlich als auch finanziell, Yogastunden zu nehmen.

Trotzdem habe ich das idealisierte Bild, dass man den Raum betritt, in dem man mit anderen Menschen – Unbekannten – Yoga praktiziert, und viele Dinge für die Dauer der 90 Minuten draußen aussperrt. Darunter liegt an höchster Stelle eben diese Anspannung, die der Leistungsdruck erzeugt.

Es ist egal, wie laut mein „OM“ ist, wie tief ich mich über meine Beine vorbeugen kann, wie lange ich in einer Balance-Haltung stehen kann oder mit geschlossenen Augen reglos dasitzen. Von den so genannten Fancy-Poses ganz abgesehen. Es ist auch egal, wie groß oder klein, dick oder dünn, was für eine Leggings ich trage, ob und wie ich tätowiert bin und ob ich mich vegetarisch ernähre oder nicht. Grundsätzlich ist es auch noch gleichgültig, ob ich bei der Bank arbeite oder gerade arbeitslos bin. Das alles sollte in dem Moment unwichtig sein.

Für die Dauer der Yogapraxis bin ich Anwesenheit, bin ich Aufmerksamkeit, bin ich in einigen Momenten und an guten Tagen sogar Ruhe und Gelassenheit. Ich bewege meinen Körper, weil es mir gut tut, auch wenn nicht jede Position gleich angenehm ist. Ich gehe in einen Flow – wie es der Lehrer an dem Tag nennt – , weil die Bewegungen mir Energie geben, mich stark machen und mich herausfordern. Aber ich gehe auch mal zwischendurch in die Kindhaltung und ruhe mich aus, weil ich ganz einfach mal eine Pause brauche.

Mitten in einer großen Gruppe zu sein verleitet mich aber doch dazu, um mich zu schauen (wie sollte ich auch nicht, wenn das Knie meiner Nachbarin immer wieder auf meiner Matte landet). Die Menge zieht einen mit, man macht vielleicht doch ein Vinyasa mehr als sonst. Vielleicht geht man in der Vorbeuge doch ein bisschen tiefer. Hält eine Position ein bisschen länger. All das ist prinzipiell gut. Aber ich muss mich immer wieder fragen: Übersehe ich dabei meine eigenen Grenzen? Bin ich dazu verleitet, mich mit anderen zu messen, etwas zu repräsentieren, was ich gerne verkörpern möchte? Oder bin ich abgelenkt, weil ich besonders kritisch den Nacken meiner Nachbarin in einem Twist begutachte, der nicht sonderlich „weit und frei“ aussieht, wie unser Lehrer gerade angesagt hat?

Es ist an sich schon seltsam, die Menschen um sich herum ignorieren zu wollen: Selbst wenn mein Blick nicht in deren Richtung geht, so spüre ich doch die Präsenz derjenigen, die um mich sind. Blick, Gehör und all die anderen Sinne verbinden mich und meinen Körper mit der Außenwelt. Ich bin auf sie angewiesen, um mich im Raum zu orientieren und den Anweisungen folgen zu können. Ein stückweit kann ich sie nach innen richten, trotzdem wehren sie sich, werden beansprucht oder abgelenkt. Sie sind schließlich dafür vorgesehen, vorwiegend „nach außen“ zu gehen. Verstehe ich beispielsweise nicht, was der Lehrer sagt, so drehe ich mich zu einer meiner Nachbarinnen und imitiere sie. Wird das Ohm angekündigt, orientiere ich mich an der Stimme der anderen und schließe mich an.

Yoga besteht also vielmehr aus „nebeneinander“ als miteinander. Friedliches, rücksichtsvolles nebeneinander. Bei dem der oder die Nachbarin nicht gewertet wird. Ähnlich wie (idealerweise) in Bus und Bahn oder an anderen öffentlichen Orten, an denen ich tagtäglich fremden Menschen begegne. Ist das ein Widerspruch, wenn doch im Yoga – soweit ich das verstehe – Mitgefühl, Gewaltlosigkeit und Achtsamkeit gelehrt werden?

Wiederholen sich im Yoga dieselben Muster wie im Alltag, überwältigt mich das Gefühl, dass ich weniger davon habe. Auf jeden Fall habe ich dann weniger Spaß an der eigenen Praxis. Dabei möchte ich in der Yogapraxis einen Raum finden, der mich so sein lässt, wie ich Off Duty bin. Wo ich entspannen, mich im übertragenen Sinne „zurücklehnen“ kann. Ohne Angst vor fremder Wertung, ohne mich messen zu müssen. Das bedeutet jedoch auch vertrauen und loslassen zu können.

Aber vielleicht lautet die Frage anders herum: wieso trenne ich zwischen dem, was in- und außerhalb des Yogaraums geschieht? Würde diese Gelassenheit, diese Möglichkeit, sich „zurückzulehnen“ immer und überall vorhanden sein, wäre unsere Lebensqualität immer und überall auch höher. Und ich würde im Alltag vielleicht gar nicht so oft das Verlangen verspüren, mich zurück zu ziehen oder in eine Yogastunde zu gehen, um dies tun zu können.

Jetzt, am Ende von diesem Text angelangt, hinterfrage ich meine ursprünglichen Gedanken und frage zurück: soll Yoga dazu dienen, uns einen abgegrenzten Raum zu bieten, in dem wir uns entspannen können? Oder sollte es nicht vielmehr umgekehrt sein: dass wir die Gelassenheit, die wir in einer Yogastunde erleben, in all unsere Lebensgebiete übertragen?

Wenn das möglich ist, dann ist Yoga doch mehr als nur eine der Aktivitäten, die wir am Tag verrichten und von unserer To-Do-Liste streichen. Dann wird Yoga auch nicht von dem System instrumentalisiert, in dem wir die ganze Zeit nur „funktionieren“ sollen. Weil es dann eben nicht dafür da ist, Energie zu tanken, um danach direkt wieder los powern und endlos weiter machen zu können.

Während dem Yoga gehe ich „nach innen“, bin aber unvermeidbar mit den Sinnen nach außen gerichtet. Und das ist auch gut so. Ich plädiere nicht für leere Yogastunden, weite Räume ohne andere Menschen, sondern vielmehr dafür, den ganzen Rest draußen zu lassen. Taschen, Telefone, aber auch Vorurteile (wie meine eigenen), Wertungen und zu viel Ernsthaftigkeit und Anstrengung. After all, it’s just Yoga!

Text: Johanna

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Lebe Yoga

3. Juli 2014

Was ist Yoga? Handelt es sich beim Yoga um das Erlernen und praktizieren von Asanas (Körperhaltungen), ein Aspekt des Hatha-Yoga. Oder geht es um das Studium der philosophischen Texte, wie zum Beispiel den Sutren des Patanjali oder der Bagavad Gita, ein Aspekt des Jana-Yoga oder bedeutet Yoga Hingabe, das Singen von Mantren und das Rezitieren von Texte, Aspekte aus dem Bhakti-Yoga? Oder ist Yoga von allem ein bisschen? (mehr …)
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ATHA – Hier und Jetzt –- inspiriert vom Yoga Sutra des Patanjali

12. Juni 2014

Das Yoga Sutra des Patanjali beginnend mit Atha. Hier und Jetzt.

buddha-header

(Der Text beginnt einleitend mit einer Vorstellung des 8-gliedrigen Pfades und endet mit POESIE – zu Ende lesen!!!)

Atha bündelt Alles. Vorstellbares, nicht Vorstellbares, Angst, Freude, Tod, Blumen, Wälder, Tiere, das Universum, Ameise, Mörder, Verdammte, Geliebte, Masse und Freiheit, die Enge, wäre Athaeine Zahl wäre es Gogol Plex Plex hoch 10 und dennochohne aufzuhören. Alles und Nichts liegt in diesem einen Moment, er ist es, der Moment, das Jetzt, der alle Möglichkeiten birgt, und dennoch auch wieder nichts denn Sein.

Wir alle sind verankert in Vergangenheit und Zukunft,

Citta= unser Geist (das Meinende, denkende Selbst, unsere Wahrnehmung, Gefühle, Gedanken, Phantasien, Erinnerungen, Konditionierungen…) sind erwachsen aus dem Erleben und vererbten.Unser Gehirn verarbeitet Alles zu „sinnvollen, lebenserhaltenden“ Strukturen.

Wir lernen zu sein, zu funktionieren.

Aber all diese erlernten, zu Fleisch gewordenen Erfahrungen und Voraussetzungenunterliegen einemallzu menschlichen, (aber) eben falschen Verständnis, und sind erwachsen aus den 5 Kleshas:

  1. Avidaya: Unwissenheit Täuschung, Verwechslung

Etwas, das die reale Gegenwart vorwegnimmt und stattdessen etwas Eigenes präsentiert, basierend auf dem Wissen der Vergangenheit.

  1. Asmita:  Identifizierung mit dem Ego, zu glauben, wir seien das was wir denken

die vollständige Identifikation mit einem momentanen Gefühl. Das „Ich bin“-Gefühl.

  1. Raga:     Wunsch, Verlangen, Begierde. Die Verhaftung in die Materielle Welt.
    1. Dvesha:  Abneigung, Angst vor Veränderung und dem Unbekannten.
    2. Abhinivesha: Angst, Panik, Existenzängste

Angst vor Zukunft, Angst vor Krankheiten, vor allem Angst vor dem Tod

So ist das Yoga Sutra mit Atha der Beginn der Yoga Praxis.

Der Begin des Prozesses um irgendwann dort anzukommen was CIT = das ganz klare, das reine, erkennende Bewusstsein ist. Cit, das sehende Selbst, es sieht die Wirklichkeit wie sie tatsächlich ist, unabhängig von Meinungen, Einbildungen, Erfahrungen und und und.

Atha, das Ankommen, nein das Seinim Jetzt birgt alle Daseins- Aspekte in sich und löst sie dennoch auf. Es führt so zu einer inneren Harmonie, nicht im Sinne von trautem harmonischen Zusammensein, sondern zu etwas, das man als Selbstverständnis verstehen kann.

Als Klarheit. „Aha. So und nicht anders.“

Verstehen im Sinne von Ankommen und Betrachten, wertfrei da sein. Gewahrsein.

Und wenn dann Jetzt Atha, das klare Bewusstsein nicht erfahrbar ist, geben die Sutren (aufgeteilt in 4 Kapitel) die Anleitungen zum Gewahr werden dessen, was der klare Geist Cit ist.

Wir können unsere Praxis nur dort beginnen, wo wir gerade stehen. Im Jetzt.

Ist unser Geist unruhig und wir sind innerlich unausgeglichen? Yoga beginnt genau hier.

Die Praxis ist immer bereit, wenn wir es sind.

Angeleitete werden wir in den Sutren durch den 8- teileigen Yoga Pfad,

1. Yama: Verhalten gegenüber anderen Menschen

Ahimsa/ Gewaltlosigkeit, Satya/Wahrhaftigkeit, Asteya/Nicht Stehlen, Brahmacarya/Enthaltsamkeit,

Aparigraha/Begierdelosigkeit

2.Nyama: Verhalten gegenüber uns Selbst

Saucha/Reinheit, Samtosha/Zufriedenheit, Tapas/Askese, Svadhyaya/Studium der Schriften, Ishvarapranidhana/Hingabe an das Göttliche

3. Asana: Körperübungen

4. Pranayama: Atemübungen

5. Pratyahara: Sinnesrückzug

und Samyama, die Versenkung welche sich aufteilen in die folgenden Schritte:

6. Dharana: Konzentration auf ein Objekt

7. Dhyana: Meditation, mit dem Objekt fließen

8. Samadhi: Ekstase, Erleuchtung, Einswerdung mit dem Objekt

Es gibt also einen Weg. Und durch die Praxis des Yoga entsteht ein Verständnis von uns selbst und wir finden immer näher zu unserem klaren Geist.

Wenn wir keine Rolle mehr spielen, nicht mehr unser Sein steuern, dann sind wir frei, rein und klar.

In reinem Gewahrsein. Nicht mehr Wahrnehmende. Sondern im Hier und Jetzt sein. Vergangenes, gewesen sein lassen, Seiendes sein, werdendes, sein lassen werden. Frei von Gefühl und Anhaftung. Körperlos. Das ist Jetzt. Das ist Atha.

 

Atha                                                                                                  

Es ist die Zeit gekommen.

Ich war da. Ich habe es gespürt. Jetzt bin ich anders. Ich kann nicht anders.

Jetzt

Atha

Nie habe ich eine tiefere Stille

Einen ruhigeren Wind

Ein stilleres Streicheln auf meiner Seele gespürt als

Damals im Jetzt

Nun ist es gewesen

Aber es war

Und es wird sein

Jetzt. Stillstand. Gewissheit. Vertrauen. Süße. Angst. Leere. Liebe. Glückseligkeit.

Ein Verständnis von Selbstverständlichkeit, das das, was jetzt ist, nicht anders sein kann.

Genau so und nur so. Unspektakulär. Alltäglich. Wunderbar. Schmerzerschreiend und Leer.

Es gab eine Begegnung mit dem Vergehen, dem Hass, der Erlösung.

Und irgendwo, ich war da, geht keine Zeit mehr vorbei,

denn alles war genau so wie es sein soll.

Ein Moment der vollkommenen Hingabe an das was geschieht.

Vergangenes. Seiendes. Und Werdendes.

Neu manifestiert inder Seele dieser sommerlichen Frühlingswiese.

Invielen Gestalten und doch in nur Einem.

Im Jetzt. Alles ist Eins. Jetzt. Atha.

Jetzt. Der alte Mann, der Hund, ein Blick, das Leiden, das Vergehen, der Schmerz, das Fenster, die Schreie, das Verlassen, die Mutter, die Bäume, das Kind, alles nektarsammelnd im Gras schwirrend. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Auch das Gewesene war da. Auf dieser Sommerlichen Frühlingswiese. Und das was kommen würde war auch schon da um zu sein.

Ich war da. Im Jetzt.

Jetzt sind wir wieder am Anfang.

Da wo wir anfingen, nur anders. In der Zukunft.

Verrückter.

Wilder.

Irrer.

Geliebter.

Starr. Bewegungslos. Frei.

Ich weiß nun einmal mehr, das ich nichts weiß und doch so viel.

Gesehen.

Niemals vergessen. Vergessen.

Es hat mich berührt und ich werde wieder da sein, wenn es Zeit ist im Jetzt zu sein.

Atha. Jetzt.

Wenn es sein wird.

Wenn es gewesen sein wird um zu sein.

Zeit und Raum vereint um aufzugehen im Nichts. Im Jetzt.

Die Seel ist da. Leicht. Nicht verloren. Rein und Klar.

Du.

Ich.

Wir.

Nichts. Atha.

TEXT: GABI BAYKAL, Absolventin der Yogalehrerausbildung bei Openlotus

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„Geh an die Ort, die du fürchtest“

7. Mai 2014


Buch: In jedem Moment unseres Lebens haben wir die Wahl: Unsere Lebensumstände können uns verhärten, uns ängstlich und abweisend machen, oder sie lehren uns, sanfter, mitfühlender und freundlicher zu werden. Doch unsere gewohnten Strategien mit Ängsten, Leiden und Schwierigkeiten umzugehen, sind wenig geeignet, diese zu überwinden - stattdessen zementieren sie diese letztlich nur. Aus dem riesigen Fundus buddhistischer Geistesübungen schöpfend, macht die erfahrene Meditationsmeisterin hier deutlich, wie wir unsere Ängste nutzen können, um in einer schwierigen Welt und in schweren Zeiten zu Furchtlosigkeit finden und authentisch leben zu können.Das Buch von Pema Chödrön „Geh an die Orte, die du fürchtest“ , ist wie ein kleiner Wegweise, der uns Methoden zeigt und Werkzeuge an die Hand gibt, wie wir uns auf dem Weg machen können, in uns das völlig offene Herz zu wecken und zu einem mitfühlenden Krieger zu werden. „Wir können zulassen, dass die Lebensumstände uns verhärten, uns ängstlicher und abweisender machen, oder sie lehren uns, sanfter, mitfühlender und freundlicher zu werden und offener für das, wovor wir unsfürchten. Wir haben die Wahl.“ Auf dieser Unterweisung basiert das Buch.

„Bodhichitta“ („völlig offenes Herz”, „wunder Punkt“) wird auch mit der Fähigkeit „zu lieben“ und mit Mitgefühl gleichgesetzt. Liebe und Mitgefühl  machen uns Angst, weil wir uns durch diese öffnen. Da wir uns ständig davor fürchten, verletzt  zu werden, errichten wir Schutzmauern aus Meinungen und Vorurteilen, die wir durch verschiedene Emotionen verstärken. Wir müssen lernen, dass  unter den errichteten Mauern das Herz liegt, das uns Mitgefühl lehren kann. Wir können lernen, dass auch in den schwersten Zeiten, mitten in unserem Leiden, Zugang zu Bodhichitta möglich ist.

Ein Bodhisattva (mitfühlender Krieger), stellt sich den herausfordernden Situationen, um Leiden zu lindern indem er sich darin schult, das bedingungslose Bodhichitta zu wecken.

Wenn wir uns auf dem Weg des Kriegers machen, brauchen wir Mut, Offenheit und Mitgefühl, um unsere eigenen Ängste anzunehmen und uns in dem wunden Punk, unserem Schmerz, aufzuhalten. Offenheit hilft uns, unsere Ängste besser zu verstehen. Wenn wir offen und empfänglich bleiben für alles was passiert, wird Bodhichitta zum Vorschein kommen.

Vergänglichkeit, Ichlosigkeit und Leiden belehren uns, nicht länger gegen die Natur der Wirklichkeit anzukämpfen.  Wenn wie die Vergänglichkeit akzeptieren, die Prinzipien der Ichlosigkeit und die Gründe unseres Leidens verstehen, können wir damit aufhören, dem Wechsel von Freude und Schmerz entfliehen zu wollen. Wir können lernen, uns zu entspannen und einfach in jedem Augenblick unseres Lebens voll gegenwärtig sein.

Die Bodhichitta Schulung

Die zentrale Praxis für einen werdenden Bodhisattva ist das Kultivieren von Maitri (bedingungslose Liebe). Die Übungen der vier grenzenlosen Eigenschaften: Meditation, Liebenden Güte, Mitgefühls, Freude und Gleichmuts sind Werkzeuge, die uns darin schulen können, den wunden Punkt von Bodhichitta freizulegen.

Im Sitzen, in Meditation, können wir an unseren Gedanken und Emotionen näher herankommen und uns mit unserem Körper verbinden. In der Meditation akzeptieren wir uns so, wie wir sind, mit unserer Verblendung und unserer geistigen Gesundheit (MAITRI). Erst wenn wir beginnen, uns mit uns selbst anzufreunden, wird die Meditation zu einem transformierenden Prozess in dem wir vier Qualitäten von Maitri entwickeln:

  • Standhaftigkeit (einfach in unserem Körper zu sein, zur Kenntnis nehmen, was darin vorgeht )
  • Klares Sehen (Ehrlichkeit gegenüber uns selbst, die Barrieren sehen, die wir errichten)
  • unsere emotionale Not annehmen, ohne unsere Erfahrung zu verdammen oder zu rechtfertigen
  • völlig „da zu sein“, Augenblick für Augenblick

Diese vier Eigenschaften sind auch für alle Bodhichitta Übungen und für den Umgang mit schwierigen Situationen in unserem Alltag von Bedeutung.

1.) Die Übung „Liebende Güte“ schult uns, Aufrichtigkeit, Liebe und Mitgefühl uns selbst gegenüber zu entwickeln und unsere Engstirnigkeit zu erkennen. Wir lernen, unser Herz und unseren Geist auch unter schwierigeren Umständen zu öffnen und zu erkennen, wann wir Barrieren zwischen uns und anderen errichten. Ziel ist, die liebende Güte erst für uns selbst zu entwickeln und diese dann Schritt für Schritt auf einen immer größeren Kreis auszudehnen. Jede Stufe gibt uns die Möglichkeit, unser Herz ein Stück weiter zu öffnen und unser Fähigkeit, ohne Voreingenommenheit zu lieben, zum Vorschein zu bringen.

2.) Um Mitgefühl zu üben, brauchen wir die Bereitschaft, Schmerz zu empfinden, wir üben uns in Tapferkeit, uns dem Schmerz zu stellen. Wir wünschen, dass alle Wesen – einschließlich wir selbst, und auch diejenigen, die wir nicht mögen – vom Leiden und vor der Wurzel des Leidens frei sein mögen. Mit dem Wunschgebet können wir unser Herz sanfter werden lassen und gleichzeitig – in Hinsicht auf die Momente, in denen wir uns öffnen oder abschotten –, ehrlicher und nachsichtiger mit uns selbst werden. Durch diese Übung gewinnen wir ein immer tieferes Verständnis für die Wurzel des Leidens.

In der Übung des Tonglens wird unser Mitgefühl auf all jene ausgedehnt, die in derselben misslichen Lage sind, wie wir. Wir sind bereit, unser eigenes Leiden und Schmerz, sowie den von anderen aufzunehmen, und das Glück zu uns selbst und allen anderen auszusenden. Mit der Praxis des Tonglen schulen wir uns darin, uns nicht mehr so sehr an unser Ich zu klammern und uns um andere zu kümmern.

3.) In dem Wunschgebet zum Erwecken von Wertschätzung und Freude üben wir uns darin, uns auch über die geringste Wohltat zu freuen und Dinge wertzuschätzen, die das Leben für uns bereithält. Der Schlüssel ist, in jedem Augenblick ganz präsent zu sein. Die Kombination von Achtsamkeit und Wertschätzung bringt uns in vollen Kontakt mit der Wirklichkeit und schenkt uns Freude. Wir lernen, uns zu freuen, wenn wir an einen geliebten Menschen denken und sein oder ihr Glück würdigen. Dann üben wir mit Menschen, die uns weniger eng verbunden sind. In den einzelnen Schritten lernen wir, unser Herz für andere zu öffnen und uns mit anderen zu verbinden.

4.) Gleichmut zu kultivieren bedeutet, dass wir alles, was im Leben kommt (Krankheit, Gesundheit, Armut, Reichtum) annehmen können. Egal „was“ es ist, wir heißen es willkommen und lernen es kennen.

Die Übungen der vier  grenzenlosen Eigenschaften sind Wege, um Bodhichitta zu erwecken. Mit diesen Übungen drücken wir unsere Bereitschaft aus, unser Herz zu öffnen und näher an unsere Ängste heranzukommen. Sie helfen uns, unsere Fähigkeit auszubauen, standhaft bei unseren Erfahrung zu bleiben und den Unterschied zwischen einem verschlossenem und einem offenem Geist kennenzulernen. Wir entwickeln die Bewusstheit und die Freundlichkeit, die wir brauchen, um anderen helfen zu können.

Die nahen und entfernten Feinde der vier grenzenlosen Eigenschaften: Anhaften, Hass, Mitleid, Überwältigt-Sein, Grausamkeit, Übermut, Gleichgültigkeit und Voreingenommenheit – sind unsere Lehrer, die uns zeigen, dass wir uns und andern mit allen Schwächen akzeptieren können.

Auch Vergebung ist ein wichtiger Bestandteil der Bodhichitta-Praxis. Durch Vergebung lernen wir, von der Vergangenheit abzulassen und einen Neuanfang zu machen. Vergebung kann man nicht erzwingen, sie ist ein natürlicher Ausdruck des offenen Herzens, unseres grundlegendem Gutseins.

Text: Eva Bales, Teilnehmerin der Yogalehrerausbildung

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Zusammenfassung der Geschichte „Siddhartha“ von Hermann Hesse, Teil I

7. April 2014

Hintergrundinformationen:

Ich finde die Literatur der Jahrhundertwende unglaublich spannend. Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich der europäische Kulturkreis für Ansichten aus anderen Denksystemen. Nachdem Vivekananda 1893 auf dem Parlament der Weltreligionen die Philosophie des Vedanta (seine Interpretation davon) vorgestellt hatte, beschäftigten sich die geistigen Vorreiter und künstlerischen Eliten in Europa auch mit dem Buddhismus und Hinduismus. Die Geschichte „Siddhartha“ von Hermann Hesse spiegelt fernöstliches Gedankengut so gut wieder, dass sie in mehrere indische und asiatischen Sprachen übersetzt wurde und dort sehr erfolgreich war.

Zusammenfassung der Geschichte „Siddhartha“ von Hermann Hesse, geschrieben 1919-1922


Ein junger Bramahne mit Namen Siddhartha übt sich früh in den vedischen Künsten, ist sehr lerneifrig und wissbegierig, lernt schnell und gut und übertrifft bald seine Lehrer. Aber er ist unzufrieden und stellt fest, dass seine Lehrer ihm ihr bestes bereits gegeben haben. Er sieht, dass sie sich ihr Leben lang den Lehren widmen und doch das ersehnte Ziel der Erlösung nicht erlangen.

So verlässt er sein Elternhaus und schließt sich den wilden Samanas (Asketen) an. Sein Ziel: leer werden, leer von Durst, von Wunsch, von Traum, Freude und Leid. Das Ich zu überwinden um im innersten das große Geheimnis zu finden. Er lernt viel: den Atem zu sparen, den Herzschlag zu kontrollieren, sich in die Dinge der Welt hineinzuversetzen. Er schlüpft gedanklich und in jedes Tier von seiner Geburt bis zu seinem Tod und fühlt mit ihm, er erlebt den Kreislauf des Lebens, tötet seine eigenen Sinne, seine Erinnerungen, seinen Bedürfnisse.

Doch bald fragt er: Was ist Versenkung, Verlassen des Körpers, Fasten, Anhalten des Atems anderes als eine weitere Flucht vor dem Ich, Betäubung gegen den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Das kann man auch in der Kneipe oder beim Wein finden. Nähern wir uns der Erkenntnis oder gehen wir vielmehr im Kreis? Wenn das Wissen in allem ist, ist nicht das Lernen/Wissenwollen selbst der ärgste Feind der Erkenntnis?

Siddhartha verlässt die Samanas und trifft auf einen erleuchteten Weisen. Er erkennt, dass dieser das höchste Ziel erreicht hat und Erlösung vom Tod gefunden hat. Er sieht aber auch, dass dies nicht durch eine noch so klare und einleuchtende Lehre erreicht wurde, sondern nur durch eigene Suche, auf eigenem Weg, durch Gedanken, Versenkung und eigene Erkenntnis. Das Geheimnis der Erleuchtung ist nicht durch Worte mitteilbar. Also setzt Siddhartha seine Wanderschaft fort und verlässt alle Lehrer und Lehren um sein Ziel allein zu erreichen.


Kommentar: In diesem ersten Teil der Erzählung finden sich viele Aspekte wieder, die mir in der Yoga-Praxis begegnen. Der Wunsch nach Erweiterung des eigenen Horizonts, Lernen, neue Erfahrungen – das ist ein ganz grundlegender menschlicher Antrieb.

 Auch die Übungen im Yoga, die Asanas (Körperübungen) in Verbindung mit Pranayama (Atemlenkung) und Meditation haben das Ziel, die Grenzen von Körper und Geist zu erfahren und vielleicht auszudehnen und zusammen mit dem Atem Zugang zu neuen Energien zu finden.

So hilfreich es ist, eine Yoga-Richtung zu finden, die mir guttut, mich nicht verletzt sondern stärkt, so sehr bin ich auch immer auf mich selbst zurückgeworfen. Ich muss selbst meine Übungen machen und bestimme deren Intensität. Ich achte auf meinen Körper und seine Möglichkeiten und Beschränkungen. Beim Yoga lerne ich, die eigenen Grenzen zu respektieren oder vielleicht auch schwierigen Herausforderungen immer wieder zu begegnen, bis ich sie meistern kann. Wie Nicole Konrad immer wieder sagt: „Schau, wie Du Deiner Yoga-Praxis begegnest, vielleicht begegnest Du so auch dem täglichen Leben.“

Und nun noch einmal Hesse (sinngemäß): „Suchen heißt: ein Ziel zu haben; finden heißt: frei sein, offen sein, kein Ziel zu haben. Wissen kann man kommunizieren und lernen, Weisheit nicht. Man kann Weisheit finden, sie leben, von ihr getragen werden.“

In manchen Yoga-Stunden als Teilnehmer oder auch als Lehrer fühle ich ein wenig von dieser Idee, getragen zu sein. Dann bin ich immer wieder sehr glücklich, Yoga für mich entdeckt zu haben und vermitteln zu dürfen.

 Namaste!  (weit gefasst könnte man sagen: Das Wissen/Licht in mir sieht und achtet das Wissen/Licht in Dir)!

Brigitte Heinz, Yogaübersetzung und Yogalehrerin Openlotus
Yoga Allianz + Anusara Elements zertifiziert

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Zusammenfassung des Buches SIDDARTHA von Hesse – Teil 2

29. April 2014

Nachdem Siddhartha die Welt der Lehre hinter sich gelassen hat, nimmt er zum ersten Mal die Welt um sich herum wirklich wahr. Sie ist, bunt, magisch und schön, und wie er selbst begierig, sich zu erfahren. Die Welt der Erscheinung ist keine Täuschung (Maya) denn Göttlichkeit liegt in allen Dingen. Siddharta möchte nun diese Welt, die er so lange verleugnet hat, kennenlernen und vor allem die Liebe erleben.

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Das neue Jahr und die „guten Vorsätze“ – TAPAS

6. Januar 2014

2014 – Das neue Jahr ist noch „ganz frisch“.

Vielleicht hast Du Dir etwas für das Jahr vorgenommen … Dich mehr zu bewegen, besser zu essen, mehr zu entspannen, Dir mehr Zeit und Auszeiten zu gönnen, einen Traum zu verwirklichen, …

Die Silvesternacht ist oft der Startschuss für das neue Vorhaben. Die ersten Tage und Wochen gelingen oft gut, ist man noch euphorisch und voller Zuversicht diesmal beständig zu bleiben. Mit der Zeit wird es schwieriger, vielleicht ertappst Du Dich dabei, Dich im Geist zu fragen, ob nicht unter Berücksichtigung dieser speziellen Situation, ggf. nur dieses eine mal eine Ausnahme drin wäre. Nur das eine mal …?
Aus dem „einen mal“ werden dann schnell „zwei mal“ und mit der Zeit verwässert dei Absicht und man gibt sie auf.

Wie kann Yoga helfen? In der Yoga-Philosophie gibt es im 8-gliedrigen Pfad des Patanjali die Idee von TAPAS – was häufig mit Disziplin, Willensstärke und Disziplin übersetzt wird.
Yoga erkennt an, dass Praxis schwierig ist, es beständiger Übung und oftmals eben auch einer gewissen Strenge bedarf, damit es gelingt, alte Muster zu verändern. Tapas steht auch für Leidenschaft, Feuer, Verwandlung und Transformation. Ist es schließlich nötig, alte Dinge zu verwandeln oder aufzugeben, um Neues zu schaffen und zu etablieren.
Wir wünschen Dir, dass es Dir gelingt mit Achtsamkeit und Beständgkeit an den neuen Vorsätzen festzuhalten – in dem Bewusstsein, dass zu viel Härte und Strenge auch nicht richtig ist.
Maß halten, Mitte finden, Geduld üben, mitfühlend bleiben, aber den Weg nicht aus den Augen verlieren.

Ein GUTES 2014!

Das Openlotus-Team – Yoga in Köln

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Was macht Yoga so „anders“ – wirkungsvoll und kraftvoll?

23. Oktober 2013

Was macht Yoga so „anders“? Oder: Was Tadasana uns lehren kann

Tadasana ist die Basisposition aller Asanas – Ausgangsposition für alle anderen.
Warum könnte man meinen, schließlich ist das aufrechte Stehen keine Kunst, sondern scheinbar Alltäglichkeit.
Was unterscheidet Tadasana oder Samastiti vom einfachen Stehen oder anders ausgedrückt, was unterscheidet Yoga von jeder anderen Art der Bewegung oder Sportart?
Es ist die Intention in der Handlung, die Absicht, im Moment präsent zu sein und bestimmte Qualitäten zu etablieren: Yoga ist Meditation in Bewegung.
Fast jede Yogastunde beginnt damit, ein Thema, einen Schwerpunkt oder einen Fokus zu setzen. Bewusst nimmt man sich einen Moment Zeit und fühlt in sich hinein, wie sich der Körper anfühlt und wie ruhig oder unruhig der Geist ist. Man prüft, welche Qualitäten man in der Asanapraxis etablieren möchte oder welche Ängste, negative Gedanken oder Überzeugungen man bewusst „ gehen lassen“ möchte. Es ist ein Ritual, die Absicht, der Praxis eine Intention zu geben.
Vielleicht braucht man Stärke, Beständigkeit, Kraft und Unerschütterlichkeit. Genau die Qualitäten, die Tadasana und viele andere, vor allem stehende Positionen, repräsentieren. Ein Berg reicht tief in die Erde, ist „verwurzelt“, er ist kraftvoll und besteht über Jahrtausende. Egal wie schlimm eine Wetterfront toben mag, der Fels lässt sich davon nicht beeindrucken, er ragt weiter kraftvoll empor. Selbst wenn ich mich schwach fühle, kann ich auf der Matte ein Berg sein. Die Füße, die in Tadasana das Fundament bilden, kann man mit Bewusstsein platzieren, das Gewicht gleichmäßig verteilen und sich vorstellen, wie Wurzeln tief in den Boden reichen. Der Rest des Körpers wird ebenfalls kraftvoll über dieser Basis ausgerichtet, die gesamte Muskulatur wird aktiviert, die Wirbelsäule verlängert und der Brustkorb geweitet.
Je stärker ich mich fühle, je mehr ich innerliche wachse, meine Kraft, meine Mitte und meinen Ausdruck finde, um so kraftvoller wird meine Position und ebenso meine innere Stärke.
Es mag Tage oder Phasen im Leben geben, an denen es nicht gelingen mag, auch nur einen Hauch von dieser inneren Kraft bei sich zu entdecken. Wenn das passiert, erinnere ich mich gerne an den Satz einer Yogalehrerin: „fake it till you make it“. Damit meinte sie nicht, dass man irgendwas vertuschen sollte oder versuchen sollte, etwas zu sein, was man nicht ist, sondern vielmehr, dass man nicht aufgibt, beständig weiter übt, gibt, was man hat und sich innerlich vorstellt, dass es einem SELBST gelingen kann. Wenn man glaubt, dass man Position XY niemals schaffen kann oder irgendein Problem niemals lösen kann, dann beraubt man sich schon der Möglichkeit. Ohne den Glauben an die eigene Kraft und an das eigene Potenzial kann Veränderung nicht gelingen. Ich muss mir vorstellen, der Himalaya zu sein, nicht der kleine Hügel um die Ecke.

Zu dieser Idee gibt es ein wundervolles Zitat von Marianne Williamson, aus A Return To Love: Reflections on the Principles of A Course in Miracles

“Our deepest fear is not that we are inadequate. Our deepest fear is that we are powerful beyond measure. It is our light, not our darkness that most frightens us. We ask ourselves, Who am I to be brilliant, gorgeous, talented, fabulous? Actually, who are you not to be? You are a child of God. Your playing small does not serve the world. There is nothing enlightened about shrinking so that other people won’t feel insecure around you. We are all meant to shine, as children do. We were born to make manifest the glory of God that is within us. It’s not just in some of us; it’s in everyone. And as we let our own light shine, we unconsciously give other people permission to do the same. As we are liberated from our own fear, our presence automatically liberates others.

Herzliche Grüße von Openlotus – Die Yogaschule in Köln

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Ein ayurvedisches Herbst-Rezept: Frucht-Nuss-Kompott

7. Oktober 2013

Im Ayurveda passt man das Essen dem Rhytmus der Jahreszeiten an.
Da unsere Nahrung eine der „direktesten Wege“ der Einflussnahme auf unseren Körper und unsere Gesundheit darstellt, ist Ernährung im Ayurveda ein wesentlicher Bestandteil.

Ein Nachtisch-Rezept für den Winter, nährend, wärmend und lecker…. (mehr …)

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Yogastile: Anusara Yoga – ein „Kind“ des Iyengar Yoga

29. September 2013

Anusara School of Hatha YogaAuch Anusara Yoga steht in der Tradition Krishnamacharyas.

Iyengar Yoga ist bekannt durch seine Präzision in den Asanas, den Einsatz von „Hilfsmitteln“, wie zum Beispiel Klötzen und  Gurten und sein umfassendes Verständnis von Yoga Therapie.
John Friend, der Gründer des Anusara Yoga, war lange Jahre Meisterschüler in der Tradition des Iyengar Yoga.
Der erhebliche Einfluss dieser Tradtion ist daher spürbar.

Anusara Yoga ist fließender als Iyengar Yoga, es gibt immer ein „Thema“ im Unterricht und Anusara Yoga arbeitet mit sogenannten „universellen Prinzipien der Ausrichtung“, die in jedem Asana Anwendung finden.
Das Alignment – also die Ausrichtungsprinzipien in den einzelnen Asanas – ist ebenso ausgereift und präzise wie bei Iyengar. Eine gesunde und auf allen Ebenen heilsame Praxis ist mit diesem System sehr gut möglich.
Mehr zu den Inhalten und Ideen findet man unter: anusarayoga.com
Anusara Yoga wurde 2012 aufgrund von Fehlverhalten von John Friend „erschüttert“. Viele Anusara Lehrer reichten daraufhin ihre Zertifikate zurück. Seit 2013 wird die Anusara School of Hatha Yoga von Yoga-Lehrern und Yoga-Lehrerinnen in Eigenverantwortung überwiegend ehrenamtlich weitergeführt. Seit 2016 ist ASHY eine Non-Profit-Organisation die ihr Angebot beständig erweitert.

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Filme zu Yoga – Empfehlungen

21. September 2013

Wie erfolgreich und bekannt Yoga geworden ist, sieht man unter anderem daran, wie stark die Medienwelt auf Yoga reagiert. Eine Vielzahl von Filmen sind bereits erschienen, hier ein paar Empfehlungen.

  • One Track Heart – The Story of Krishna Das
    Ein Film zu einem der bekanntesten Mantra-Sänger der Welt
  • Yoga unveiledEvolution and Essence of a spiritual practice
    behandelt den großen philosophischen Hintergrund des Yoga, mit vielen Interviews renomierter Philosophen und Yogis
  • Der Atmende Gott – Reise zum Ursprung des modernen Yoga
    ein Film zu allen Yogaformen in der Tradition Krishnamacharyas
  • Yoga – Die Kunst des Lebens
    Die Dokumentation begleitet eine Gruppe westlicher Pilger auf eine Reise nach Rishikesh und in einen abgelegenen Ashram im Himalaya
  • Im Kopfstand zum Glück
    Ein Film über vier Menschen, die eine Yogalehrerausbildung machen

Hast Du eine weitere Empfehlung? Dann schreibe uns gerne einen Kommentar und wir ergänzen die Liste!

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Yogastile: Die „Kinder“ des Ashtanga Yoga

15. September 2013

Im Blog von Openlotus wurde bereits die Geschichte vom „Urvater“ vieler moderner Yogastile Krishnamacharya zu seinen Schülern, u.a. seinem ersten wichtigen Schüler Pattabis Jois – dem Begründer des Ashtanga-Yoga, beschrieben. In diesem Beitrag geht es um die „Kinder des Ashtanga“.

Ashtanga Yoga zeichnet sich, wie bereits beschrieben, durch eine sehr dynamische und durchaus fordernde Asana-Sequenz aus, bei der die Asana-Abfolge, das Verweilen in der jeweiligen Position als auch Blickrichtung und Atem genau festgelegt sind. Ein Abweichen von der Sequenz ist nicht vorgesehen.

Einige Praktizierende des Ashtanga-Yoga schätzten die Dynamik dieser Yogaart, suchten aber die Freiheit, den Ablauf in der Sequenz zu verändern und auch länger in den Asanas zu verweilen. So entwickelten sich das Vinyasa Yoga. Vinyasa bedeutet im Wortsinn „in bestimmter Weise setzen“.

Vinyasa Yoga ähnelt dem Ashtanga Yoga. So werden einzelne Positionen durch eine fließende Bewegungsfolge (genannt Vinyasa – dies stellt einen  Teil des Sonnengrußes dar) miteinander verbunden. Der fließende und dynamische Charakter des Yoga bleibt dadurch erhalten.
Durch die Freiheit, die Positionen unterschiedlich anzuordnen, kann man als Praktizierender unterschiedliche Schwerpunkte setzen, z.B. verstärkt Hüftöffner der Rückbeugen in die Übungssequenz einbauen.
Dennoch bestehen grundsätzliche Sequenzregeln. Man beginnt die Stunde mit Sonnengrüßen oder Sonnengrußelementen und baut einfache stehende Asanas ein. Dies dient dazu, den Körper aufzuwärmen und auf die darauf folgenden Übungen gezielt vorzubereiten. Der Schwierigkeitsgrad der Übungen ist ansteigend, läuft oft zu einer Top-Position, um dann langsam wieder auszuklingen. Beendet wird die Stunde, wie immer im Yoga, mit Shavasana, der Schlussentspannung.

Power Yoga, Jivamukti Yoga und Flowyoga sind nur wenige Namen, die dieselbe Yogaart beschreiben. Viele weitere „Yogastile“, ebenso die oben genannten, stellen eigentlich kein neues System bzw. Yogaidee dar, sondern sind einfach Vinyasa Yoga. Daher ähneln sich diese Stile sehr.

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Zeit – was ist Zeit- kann ich Zeit sparen? Was ist das „Hier und Jetzt“

4. September 2013

In dem Buch „Momo“ von Michael Ende sparen die Menschen Zeit, die von den „grauen Herren“ auf Zeitsparkonten angelegt werden. Doch anstatt mehr Zeit zu haben, hetzten alle nur noch schneller durch das Leben. Alle warten auf den Zeitpunkt, irgendwann die gesparte Zeit nutzen zu können und dann zu leben, nicht erkennend, dass es gesparte Zeit nicht gibt und alle nicht genutzten Momente unwiederbringlich vergangen sind. (mehr …)

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Yogastile: Iyengar Yoga

26. August 2013

Was ist Iyengar Yoga und wie ist es entstanden?

Auf dem Blog von Openlotus, Yoga Köln, erklären wir die Hintergründe und Herkunft der gänigen Yogastile. Dieses mal: Iyengar Yoga.

Iyengars voller Name lautet: Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, er wurde 1918 geboren und lebt noch heute, in Mysore, Indien, wo sich das Iyengar Yoga Institut befindet.
Seine Schwester war mit Krishnamacharya, dem „Vater“ des modernen Yoga (mehr zu ihm hier im Openlouts Blog) verheiratet.
Iyengar war in seiner Jugend eher schwächlich und häufig krank, daher arbeitete er zunächst im Haushalt seines Schwagers.

Um Yoga populär zu machen veranstaltete Krishnamacharya zur damaligen Zeit öffentliche Vorführungen.  Als sein wichtigster Schüler plötzlich verschwand, sollte/durfte Iyengar einspringen und sein Können beweisen. Von diesem Tag an unterrichtete Krishnamacharya ihn dann auch. Auch damals noch war Krishnamacharya mehr als streng und durchaus gewaltvoll in seinen Unterrichtsmethoden – Iyengar erzählt davon selbst.
Schon nach einem Jahr  Unterricht trennten sich ihre Wege.  Dies lag daran, dass Krishnamacharya vom Maharadscha Krishnaraja Wodeyar IV, an dessen Hof er lebte und unterrichtete (dieser sorgte auch für seinen Lebensunterhalt), gebeten wurde, dafür zu sorgen, dass eine Gruppe von Frauen, die in einer entferneten Stadt wohnten, im Yoga unterrichtet werden.
Dieses Aufgabe erteilte Krishnamacharya Iyengar (zur damaligen Zeit wurde Yoga Frauen nicht unterrichtet).
Iyengar verließ daraufhin Krishnamacharya und lehrte von nun an selbst. Er forschte tief nach der Natur der inneren Ausrichtung, berücksichtigte jeden Teil des Körpers, sogar die Haut und entwickelte eine tiefe heilende Praxis. Er schuf therapeutische Programme und die Praxis mit Hilfsmitteln (Props) aller Art. Diese Entwicklung liegt sicher zum einen an der eigenen Erfahrung mit seinem Körper, seinen Krankheiten und der Frage, wie man diese heilen kann, als auch an der veränderten „Zielgruppe“ seiner Schüler.

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Yogastile: Ashtanga Yoga

20. August 2013

Es gibt unzählige verschiedene Yoga-Stilrichtungen. Es ist manchmal schwer zu verstehen, wie sich die einzelnen Yogarichtungen voneinander abgrenzen bzw. unterscheiden.
Daher starten wir hier im Blog von Openlouts eine Serie, in der wir beschreiben, was was ist und woher es kommt.
Den Anfang macht Ashtanga-Yoga, da es in der zeitlichen Abfolge (in der Traditon Krishnamacharyas) als erstes entstand. (mehr …)
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Vier Formen der Freude – nach dem Yoga Sutra des Patanjali

5. August 2013

Die Yogaphilosophie ist faszinierend und wahrlich tief greifend. Sich damit zu beschäftigen, diese zu studieren, zu reflektieren und immer wieder im Alltag zu testen, eine Freude.
In den Yogaklassen bei Openlotus – Yoga Köln – werden diese Inhalte oft in den Klassen vorgestellt und in den Unterricht eingewoben. So genießt man nicht nur Asanas, sondern nimmt einfach mehr aus den Stunden mit.

Eine wunderschöne Idee, die wir heute vorstellen wollen, sind die 4 Formen der Freude, die das Yoga Sutra unterscheidet:
SUKHA, SANTOSHA , MUDITA und ANANDA. (mehr …)

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Was Yoga kann

29. Juli 2013

Da Yoga ein immer stärkerer werdender „Trend“ ist, beschäftigen sich auch die Medien immer mehr mit dem Thema. Die Ergebnisse und Meinungen klaffen jedoch eklatant auseinander.
Die einen warnen vor Yoga und seinen Gefahren und provozieren mit Titeln wie „Wie Yoga deinen Körper ruinieren kann“, die anderen sind voll des Lobes ob der vielen positiven Effekte.
Was stimmt den nun? Eine nicht so einfach zu beantwortende Frage…


Sicher ist, dass der Nutzen des Yoga sehr unterschiedlich ist, je nachdem welchen Yogastil man übt, in welcher Tradition der Yogalehrer ausgebildet wurde und wie erfahren dieser ist. Natürlich spielt der Charakter des Übenden eine weitere Rolle, übertriebender Ehrgeiz führt bei jedem „Sport“ zu Verletzungen.
Aber  zurück zu den Fakten und die mittlerweile doch umfassende Studienlage zu Yoga (mehr als 2000 – nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführte – Studien liegen vor)
Hier einige Ergebnisse über den Nutzen und die Wirkung des Yoga:

– eine tägliche Meditationspraxis von 30 Minuten verändert signifikant das Gehirn von extrem gestressten Personen
– Studien deuten an, dass Yoga- und Meditationspraxis die kognitiven Fähigkeiten verbessern
– subjektive Empfindugen wie Wohlgefühl und Lebensqualität verbessern sich, Yoga wirkt gegen Anspannung und Depression besser als andere Sportarten wie z.B. Ausdauertraining
-Yoga verbessert den Schlaf deutlich, die Einschlafzeit wird kürzer und die Schlafdauer länger
– Entzündungsstoffe im Körper reduzieren sich bei regelmäßiger Yogapraxis
– die Erfolge bei der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen sind besser als bei allen anderen Maßnahmen wie Bewegungstraining oder Krankengymnastik
– Yoga wirkt bei Bluthochdruck, Atem- und Gefäßkrankheiten signifikant
– besonders die Kombination aus Yoga, Atemübung und Meditation erbringen besonders deutliche Heilerfolge bei der Behandlung von Herzerkrankungen, Bluthochdruck, akuten Stress-Symptomen und Depressionen
– Yoga wird als Zusatztherapie bei Schizophrenie eingesetzt
– Yoga verstärkt die Ausschüttung eine Neurotransmitters (Gamma-Aminobuttersäure), ein niedriger Gehalt dieses Botenstoffs geht häufig mit Depressionen einher
– Yoga scheint auf „Krebs-Gene“ zu wirken, die Genaktivierungsmuster konnten durch Yoga verändert werden
– die Produktion der Immun-Proteine steigt an

Eine beeindruckende Liste!


Ein guter Artikel, der einiges zusammenfasst und differenziert darstellt: GEO vom 06.06.2013 – „WAS YOGA KANN“
wer noch genauer hinschauen mag, hier einige Studien:
– „Effect of Yoga on Mental and Physical Health“ – Hindawi Publishing Corporation, Evidence -Based Complementary and Alternative Medicine, Volume 2012, Article ID 165410
– „Yoga as a Therapeutic Intervention“, Hindawi Publishing Corporation, Evidence -Based Complementary and Alternative Medicine, Volume 2012, Article ID 174291
– „Effects of Yoga Versus Walking on Mood, Anxiety, and Brain GABA Levels: A Randomized Controlled MRS Study“, The Journal of Alternative and complementary medicine, Volume 16, Number 11, 2010
– „Comparing Yoga, Exercise, and Self-Care Book for Chronic Low Back Pain“, Annals of internal medicine, 2013


Die Qualität von Yoga ist wichtig, sehr wichtig, besonders für uns von Openlotus – Yoga Köln. Wir gehen da „keine Kompromisse“ ein.

 

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Patanjalis Yoga Sutra – eine Zusammenfassung

21. Juni 2013

Das Yogasutra des Patanjali

Von der Erkenntnis zur Befreiung – eine Zusammenfassung

Das Yoga Sutra  des Patanjali besteht aus 195 Sutren und teilt sich in 4 Kapitel auf. Jedes Kapitel hat einen anderen Schwerpunkt, wobei die zentrale Idee des Yoga Sutra darin besteht, dass wir die tiefen Ursachen unseres Leidens nicht dadurch verringern können, indem wir die äußeren Umstände anpassen oder verändern. Entscheidend, was wir mit unserem Geist tun. Es geht darum das meinende, denkende Selbst (CITTA), das sich ganz klar unterscheidet von dem reinen, erkennenden Bewusstsein (CIT) unterscheidet, zu erforschen und zu verstehen.

Das meinende Selbst, CITTA, umfasst den ganzen mentalen Bereich: unsere Eindrücke,  Meinungen, Erinnerungen, Konditionierungen usw. Der Autor eines Kommentars zum Yoga Sutra, DESIKACHAR,  beschreibt das meinende Selbst wie ein Segel: richtig gesetzt unterstützt es uns auf unserem Weg, wird es jedoch vom Wind der äußeren Umstände unstetig hin und her geworfen, übernimmt es die Kontrolle und wir sind im ausgeliefert. Yoga hilft uns das Segel selbst in die Hand zu nehmen.
CIT hingegen ist sehende Selbst, es sieht die Wirklichkeit wie sie tatsächlich ist, unabhängig von Meinungen, Einbildungen und Erfahrungen.

1.Kapitel: SAMADHI PADA

Yoga wird gleich zu Beginn des ersten Kapitels als ein Zustand definiert, in dem die Bewegungen des CITTA in eine dynamische Stille übergehen und so das wahre  Selbst erkannt werden kann (Yoga Citta Vritta Nirodhah).
Im Yoga Sutra wird die Praxis auf zwei wesentlichen Standbeinen gestellt:

  • beharrliches Üben (Abhyasa) zur Mobilisierung der Willenskraft
  • Gleichmut, (Vairagya) um unser Ziel mit Gelassenheit und etwas Abstand zu erreichen
Ein weiterer Weg die Vrittas, die Wellen des Geistes zu stoppen, ist das Besinnen auf ISVARA, eine zeitlose und vollkommene Kraft, die in jedem Menschen ruht und ihm in allen Zeiten als Inspiriationsquelle dient. Eine solche Anbindung an ISVARA ist nicht nur in schwierigen, sondern auch in unbeschwerten Zeiten wichtig. Solch eine dauerhafte Anbindung entsteht durch kontinuierliche Anrufung in meditativer Praxis, der Mensch findet sie in seiner tiefsten Vorstellung. Durch Anbindung an diese Kraft sind wir verwurzelt und haben Vertrauen.
Wenn wir hingegen nicht verwurzelt sind, entstehen Hindernisse (Krankheit, Trägheit, Zweifel, Hast, Faulheit, Abgelenktheit, Fehleinschätzung, keine Zielstrebigkeit, Unbeständigkeit). Sie sind die Zeichen dafür, dass wir in diesem Moment nicht in uns ruhen. All diese Hindernisse bringen Leiden (DUKHA) mit sich.
Heilmittel gegen DUKHA, welche alle mit beharrlichem Üben und Gleichmut ausgeführt werden sollen:
  • Besinnung auf die vier wesentlichen Gefühle (Liebe, Mitempfinden, Enthusiasmus, Vergeben)
  • Reflektion über eigene Zu- und Abneigungen
  • meditative Ausrichtung des Geistes auf ein bestimmtes Thema oder Objekt, das unsereGefühlswelt positiv anspricht.
Wenn die Hindernisse schwächer werden, sieht man die Dinge wie sie wirklich sind, das CITTA wird zu einem klaren Kristall, umso besser er geschliffen ist umso klarer die Erkenntnisse. Der Zustand der Selbstbesessenheit wird zu einem Zustand der Selbstvergessenheit. Dies ist ein Zustand der vollkommenen Erkenntnis, genannt SAMADHI.

2. Kapitel SADHANA PADA

Das 2. Kapitel wird als SADHANA PADA bezeichnet. Es geht in diesem Kapitel um die Ursachen des Leidens (KLESAS) und deren Wirkungsweise. Weiterhin erfolgt eine Unterrichtung über die ersten 5 Schritte auf dem 8fachen Pfad (Übungsweg des Yoga).
 Die KLESAS werden als tief sitzende Kräfte beschrie ben, die unser Denken und Handeln beeinflussen. Das Yoga Sutra beschreibt 5 dieser KLESAS wobei AVIDYA, die Verwechslung, das stärkste unter ihnen ist. Verwechslung ist wie ein inneres Urteil, das die reale Gegenwart vorwegnimmt und statt dessen etwas eigenes präsentiert, basierend auf dem Wissen der Vergangenheit.
Die ersten 5 Übungsglieder auf dem fünffachen Pfad
sind die folgenden:
1. Yama: Verhalten gegenüber anderen Menschen
(Ahimsa= Gewaltlosigkeit, Satya=Wahrhaftigkeit, Asteya=Nicht Stehlen, Brahmacarya=Enthaltsamkeit, Aparigraha: Begierdelosigkeit)
2. Nyama: Verhalten gegenüber uns selbst
(Sauca=Reinheit, Samtosha=Zufriedenheit, Tapas=Askese, Svadhyaya: Studium der Schriften, Ishvarapranidhana= das Handeln zu Gottes Füße legen)
3. Asana: Körperhaltungen
4. Pranayama: Führung des Atems
5. Pratyahara: Sinnesrückzug

3. Kapitel VIBUTHI PADA

Im 3. Kapitel, VIBUTHI PADA, genannt werden hauptsächlich die letzten 3 Glieder des 8-fachen Pfads vorgestellt. Diese werden als SAMYAMA (Versenkung) bezeichnet und umfassen:
6. Dharana: Konzentration
7. Dhyana: Meditation
8. Samadhi: Ekstase
Die Wirkung der SAMYAMAS besteht darin, dass der Übende unterscheiden kann zwischen CIT undCIITA, es ist keine Verwechslung mehr möglich und die Erkenntnisse werden klar.

 4. Kapitel KAIVALYAPADA

Das 4. Kapitel ist das Kapitel über die Befreiung, KAIVALYAPADA. Das Yoga Sutra führt in diesem Merkmale auf, die für eine dauerhafte persönliche Veränderung wichtig sind.
Ein wirklich freier Mensch, so heißt es hier, zeichnet sich dadurch aus, dass sein Tun vollkommen absichtslos ist. Das Ziel des absichtlosen Tuns wird erschwert durch den Bann der KLESAS, durch die wir uns sehr schnell eine Meinung bilden und in alte gewohnte Handlungsmuster zurückfallen.
Auf dem Weg, frei von Triebhaftigkeit, sollten wir deshalb die Zusammenkunft der 4 Faktoren stets verhindern:
  • wir unterliegen immer wieder dem Irrtum, der zur Bildung unserer Gewohnheit geführt hat
  • wir erwarten bestimmte Ergebnisse
  • wir sind in einer unruhigen Verfassung
  • äußere Reize wirken auf uns ein und veranlassen, dass wir in unser altes Verhalten zurück fallen
Wie ich etwas wahrnehme hängt stets von der Ausrichtung meines Geistes ab; bei veränderter Ausrichtung präsentiert sich das gleiche Thema/die gleiche Situation völlig anders.
Ein vollkommen freier Zustand, in dem es keinen Rückfall mehr gibt, wird mit den folgenden Attributen beschrieben:
  • vollkommener Gleichmut
  • man kann in jeder Situation CITTA von CIT unterscheiden
  • das Aneignen von Wissen ist nicht mehr von Bedeutung
  • der Druck durch Aufgabe oder Ziele fällt weg
Das Leben verläuft im Gleichklang, das Innere des Menschen leuchtet unverhüllt hervor.
Verfasserin: Lena Fischer, Absolventin der Yogalehrer-Ausbildung bei Openlotus
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DEM ALLTAG FLÜGEL GEBEND

10. März 2015

dem Alltag Flügel gebend

das Universum in Gras und Himmel erkennend

beseelt mit Freude auf das was kommen mag

mit Liebe in jedem Wort, jedem zweiten dritten 1000sensten wort

die Krater des Lebens in uns tragend

wiegen wir uns im Strom der Zeit

kein gestern, das uns bestraft

kein morgen, das uns zur eile zwingt

in diesen Moment

wir sind nicht das was wir denken sagen und tun

wir sind mehr

oder weniger

es ist das Lachen

das unsträgt

die Träne, die von uns wäscht den Staub der Lava

die Schatten auslöscht und alles Seiende

jede Form in jedem Moment neu erschafft

hast du es gesehen

und wenn auch nicht

nimm dich an die hand

und tanze mit dir

Gabi Baykal – Teilnehmerin der Yogalehrerausbildung bei Openlotus – die Yogaschule

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Yoga Lehrer Ausbildung – wie ist das? Der Bericht einer Absolventin

14. Juni 2013

Vom Glück, Yoga zu unterrichten.

Ich bin nun 48 Jahre alt und habe schon einige berufliche Stationen in meinem Leben durchlaufen, aber diese Erfahrung – als Yogalehrerin aktiv zu sein – ist unvergleichlich.

Die Yoga Lehrer Ausbildung bei Openlotus war wunderbar, sie hat mir viele neue Erkenntnisse gebracht, mich Dinge gelehrt, mit denen ich mich vorher noch nie beschäftigt habe, mich an Grenzen gebracht und mich über Grenzen gehoben, die ich nicht kannte. Aber vor allem hat es mir eins geschenkt: Die Leidenschaft und die Liebe zum Yoga.

Nun ist es eins, Yoga selbst zu praktizieren. Eine ganz andere Sache ist es, Yoga zu unterrichten.

Am Anfang unserer Ausbildung bekamen wir die Aufgabe, einen Sonnengruß vor der Gruppe zu unterrichten. Ich hätte alles lieber getan – Patanjalis Sutren auswendig gelernt oder zwei Monate freiwillig das Klo geputzt – als diese Aufgabe zu erfüllen. Das erschien mir unmöglich.

Aber das konnte ich nun schlecht bringen, das ließ mein Ehrgeiz nicht zu. Ich schlief also die halbe Nacht nicht und ging den Sonnengruß in Gedanken ständig durch – wohlgemerkt mit Ansagen von Ein- und Ausatmen und links und rechts an der richtigen Stelle!

Irgendwie hat’s funktioniert, ich erinnere mich nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich an das Bild der Menschen vor mir, die das getan haben, was ich gesagt habe. Ich sah die Reaktionen auf meine Ansagen in ihren Gesichtern und auch in ihren Körpern.

So kam ein Stein ins Rollen. Dachte ich anfangs noch, die Ausbildung ist toll, aber du musst ja nicht unbedingt unterrichten, hatte ich nun Feuer gefangen. Auch wenn die nächsten Proben in der Ausbildung sehr aufregend und holprig waren, war es eine tolle Erfahrung, sich selbst von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen.

Heute ist die Aufregung in den Hintergrund getreten und hat einer ganz tiefen Qualität Platz gemacht: Der Herzens-Qualität. Dieses tiefe Gefühl der Verbindung mit sich selbst aber auch mit seinen Schülern ist außerordentlich. Schon bei der Entwicklung des Themas und der entsprechenden Sequenz tritt man in einen inneren Dialog. Du hast die Menschen dabei vor deinem inneren Auge, siehst ihre Potenziale und ihre Absicht. Im Unterricht selbst spürst du, dass jeder Teilnehmer einzigartig ist und so ist jeder herabschauende Hund einzigartig. Immer wieder machst du die Erfahrung, dass die erarbeitete Sequenz ein Gerüst ist, du folgst den Impulsen, die die Menschen dir geben.

So sind meine Schüler Mit-Reisende, die mich auf meinem Weg begleiten, die mich lehren, zu vertrauen. Dass ich diese Seite an mir ausleben und an diesen Erlebnissen reifen darf, ist ein großes Geschenk, das ich voller Dankbarkeit und großer Überraschung annehme.

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Tut Yoga weh?

7. Juni 2013

Eines abends kam in einer Yogaklasse der Lehrer zu mir, um in Paschimottanasana, der sitzenden Vorbeuge, zu adjusten. Er legte sich auf meinen Rücken und drückte mich tief nach unten. Ich sagte ihm, dass es für mich schmerzhaft sei, worauf seine Antwort war: „Nun, Yoga muss weh tun, ohne Schmerz kommst du nicht weiter.“

Stimmt das? Muss Yoga „weh tun“. Bringen nur grenzwertige Erfahrungen ein Vorankommen, eine Erweiterung? Kommt man nur „auf die harte Tour“ vorwärts? (mehr …)

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Die Bhagavad Gita – einer der wichtigsten Texte des Yoga

24. Mai 2013

Die Bhagavad Gita ist eine der bekanntesten Schriften des Hinduismus.

Sie behandelt eine Frage, die wir uns alle sicher oftmals selber stellen: wie handele ich richtig, wie entscheide ich mich jetzt?

Immer noch top-aktuell und absolut lesenswert! Hier ein paar Eindrücke:

Die Bhagavad Gita ist ein kleiner Teil der MAHABHARATA, dem größten literarischen Werk Indiens  und stellt die erste ausführliche Beschreibung von Yoga dar. Handlungsplatz der Gita ist kein friedvoller Ort, sondern ein Schlachtfeld. Arjuna, ein heldenhafter Prinz, macht sich bereit in den Kampf zu ziehen. Er will ein Königreich zurück gewinnen das rechtmäßig ihm gehört. Sein Wagenlenker ist Krishna, sein bester Jugendfreund, welcher in Wahrheit jedoch eine Inkarnation Gottes ist. Inmitten des Krieges überkommen Arjuna plötzlich Zweifel an dem was er tut. Er fragt sich, ob er kämpfen soll oder nicht. Denn er weiß, wie auch immer er sich entscheiden wird, er wird Menschen verletzen, die er liebt. Diese innere Zerrissenheit Arjunas gipfelt in der Frage „Wozu?“, die er an Krishna richtet, welcher ihn dann in den folgenden Kapiteln der Gita in die Geheimnisse des Lebens und die Lehren des Yoga  einweiht.

Zeitlose Lehren

Das faszinierende an der Bhagavad Gita ist, dass ob wohl sie schon sehr alt ist, ihre Lehren dennoch zeitlos und sogar heute aktueller den je sind. In der Gita geht es eben nicht darum wie man in einer einsamen Höhle zu sich selbst finden kann, sondern vielmehr darum wie man in der Welt ein  spirituelles Leben führen kann. Wie finde ich also in der „normalen Alltagswelt“ Erleuchtung , ohne dass hierfür zwingend Rückzug und Einsamkeit Vorraussetzung sind. Gerade diese Botschaft ist in  unsere heutigen, stressigen, schnelllebigen Welt besonders wichtig:

Nicht nur die Frage, was richtiges Handeln ist, sondern auch „Warum bin ich hier und was ist meine Aufgabe im Leben?“ sind Fragen, die nicht nur die Menschen von damals beschäftigten, sondern  elementare Lebensaspekte, heute so aktuell wie eh und je. Das Gita sagt dazu ganz klar, Antworten auf diese Fragen wird man nicht im Außen finden, sondern nur indem man nach innen zu sich selbst blickt und sich selbst kennen lernt.

Krishna erklärt Arjuna:„Ob dein gegenwärtiger Schmerz und Kummer enden werden, hängt davon ab, wie gut du deine Unwissenheit über dein wahres inneres Selbst überwindest.“
Richtiges Handeln sagt die Gita, ist wie eine Pflicht gegenüber sich selbst, die besagt, nie etwas tun was im Gegensatz zu unserem inneren, wahren Selbst steht.

Das Richtige nicht zu tun, wenn es erforderlich ist, sei sogar schlimmer als das Falsche zu tun.

In der Bhagavad Gita werden 3 verschiedene Wege der spirituellen Praxis aufgezeigt, die auch ganz einfachen Menschen einen Zugang zum Höheren ermöglichen. Diese sind Karma Yoga, Bhakti Yoga und Jnana Yoga.

Jnana Yoga, auch Yoga des Wissens genannt, meint die Fähigkeit zu unterscheiden. Krishna sagt zu Arjuna, jeder ganz normale Mensch kann Gott tatsächlich kennen lernen. Dazu brauche es göttliche Erkenntnis und Weisheit. Die Essenz des Göttlichen habe 2 Aspekte: das Reich der Natur (Prakriti) und der höhere, spirituelle Bereich (Pursuha). Jnana Yoga bedeutet nun, zwischen Purusha, dem wahren, inneren Selbst und Prakriti der Welt der Natur unterscheiden zu können. Die Idee des Jnana Yoga existierte bereits und ist kein neuer Aspekt der Gita.

Bhakti Yoga wird auch Yoga der Hingabe genannt. Alle Handlungen in der Welt sollen im Licht des Göttlichen ausgeführt und dem Höchsten dargeboten werden immer auch mit dem Ziel vor Augen, das Wohlergehen aller Lebewesen zu fördern. Krishna sagt zu Arjuna: „[…] durch unbeirrbare, unabgelenkte Liebe und Hingabe können Menschen die Essenz meiner höchsten Herrlichkeit gewahren und in mein Sein eingehen. In einem dauernden Zustand inniger Liebe zu Gott erkennt ein wahrer Gottesverehrer nichts als Gott. Darum also, oh Prinz, weihe alle deine Handlungen mir. […] und hege keinen Groll gegen irgendein Geschöpf. Dann wirst du zu mir  gelangen.“ (Kapitel 11)

Durch Bhakti Yoga kann der Suchende direkt zum Göttlichen gelangen und sich mit ihm verbinden. Der Schlüssel dafür ist persönliche Hingabe und Liebe – eine vermittelnde Instanz wie zuvor ist nun nicht mehr nötig.

Karma Yoga ist der Yoga des Handelns. Der Grundgedanke ist, dass man nicht den Früchten einer Handlung anhaften sollte, egal ob Erfolg oder Nichterfolg einer Tat sich einstellen. Ein Karma Yogi ist bei jedem Ergebnis innerlich ausgeglichen und gleichmütig und somit frei von Erwartungsdruck. Dieses Gefühl der Nichtanhaftung basiert auf einem ruhigen, beständigen Geist. Einem Gefühl der Fülle, welches der Yogi durch die Praxis der Meditation erschafft. Ausgehend von diesem klaren und beständigen Geist, auf den er sich in jeder Lebenslage und Situation berufen kann, weiß der Karma Yogi wie er zu handeln hat.

Die sozusagen alltagstaugliche Idee dahinter ist, dass man sich zwar intensiv mit irdischen Dingen beschäftigen kann und auch sollte, mit dem Herz aber in Losgelöstheit verharren kann, Man muss also seine weltlichen Pflichten, wie seinen Beruf, nicht aufgeben um Karma Yoga zu praktizieren, nur die innere Einstellung ist das entscheidende, nicht die Handlung an sich.

Die Gita sagt, Befreiung von der Begierde nach den Früchten des Handelns ist der Schlüssel zum  Glücklichsein. Der auf das wahre selbst konzentrierte Geist ist keinen Schwankungen mehr unterworfen. Durch regelmäßiges Üben gelingt es, den Geist weg von den weltlichen Reizen zu ziehen. So kann er sich nach innen ziehen und ruhiger werden. Nur diese anhaltende Selbsterforschung führt zum Erkennen des wahren inneren Selbst.

Im Rahmen der Yogalehrerausbildung bei Openlotus Köln ist die Bhagavd Gita Teil des Philosophie-Parts.

Verfasserin: Lena Fischer, Absolventin der Yogalehrausbildung bei Openlotus

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How to open the shoulders – by Jayendra Hanley

31. Mai 2013

“Opening the Shoulders, the Gateway to the Heart”

Jayendra HanleyBy Jayendra Hanley, certified Anusara® Yoga teacher

The body is an amazing structure. It contains an “invisible matrix” that is conscious and knows when we are in optimal alignment. When our physical bodies are out of alignment, our energy and mood decline, the muscles harden, the breath gets shallow, and it becomes very difficult to connect with the higher purposes of life – to know the Heart and live from the Heart.

One amazing part of the human body is the shoulder joint and shoulder girdle. The shoulder joint is where the head of the humerus bone enters the scapula or shoulderblade. It is a shallow ball-and-socket joint that is built for maximum freedom and full 360-degree range of motion. This ROM (range of motion) is possible because of the freedom of movement in the shoulderblade. When we move the arm up or back or in any direction, if the shoulderblade is not fixed onto the back with muscular action, it can move in a number of ways to support the ROM of the shoulder.

Why such freedom? Two reasons. First, a free shoulder joint supports the great dexterity and precision of movement found in our hands and fingers. Second, the arms are the gateway to the heart. We reach out to the world from the heart through the arms and hands. The more freedom we have there, the more we can connect both inside to the Heart, and out to the wide world.

In our yoga practice, we can open up the shoulder joint with various asanas, but what we find in Anusara yoga is that the real key to opening the body is not which poses we do; it’s how we do them. Specifically, using Anusara’s Universal Principles of Alignment, which are based on the biomechanics of the human body, we create both structural integration and full range of movement in whatever posture we take. Let’s go over a few of these principles in Tadasana.

The first principle of Anusara yoga is called “Open to Grace”. Standing with your feet hip width apart and parallel, be aware of the area of your heart. In every human heart is supreme Goodness. Practice seeing the Good that is you. Hmmm. When that happens, the inner energy body softly expands. Light radiates from the Heart. In addition, the sides of the body lengthen from the waistline to the armpits, while the outer body, the skin and muscles remain soft.  This is first principle, and we can maintain this inner body fullness throughout our practice.

Now bring the arms overhead into Urdhva Hastasana with the hands shoulder width apart and this time, the palms facing forward. The second principle of Anusara Yoga is called Muscular Energy. Move your hands a little forward, then integrate the arms into the shoulder sockets, moving the head of the humerus back. The shoulderblades will move onto the back and in towards the spine. Feel the strength and integration of Muscular Energy. It connects us to an inner power.

Third, keeping the thighs back over the pelvis, keeping the head of the humerus back in the shoulder socket, draw the tailbone down and arch back into a backbend. Allow the gaze to follow the heart as it lifts and opens. The last principle of Anusara is called Organic Energy. From the pelvis, root down into the earth and from the pelvis, rise up with full knowledge of your supreme Goodness. After a few joyful breaths here, exhale and lower your arms down.

The beautiful thing about these Universal Principles of Alignment are first, they work! All over the world, yoga students are discovering how effectively they open the body in an entirely safe way. This becomes particularly important for the shoulders as we start to bear weight on the hands and arms and take them into their full range of motion. The second great thing is that the same principles of alignment apply to all poses. They are Universal!

Poses to practice to open the shoulders:

  1. Adho Mukha Svanasana: downward facing dog pose
  2. Bhujangasana: cobra pose
  3. High lunge or Virabhadrasana 1 with the heel up on the back leg
  4. Urdhva Mukha Vrksasana: handstand
  5. Anjaneyasana: “monkey lunge” with the knee of back leg on floor, arms up
  6. Setubhandasana: baby bridge pose
  7. Urdhva Dhanurasana: full bridge or wheel pose
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Interview mit dem internationalen „Yoga-Star“ Desirée Rumbaugh

17. Mai 2013

desiree-163x300Nimm nicht alles zu ernst, vergiss das Lachen nicht!

Wer Desirée Rumbaugh einmal erlebt hat, wird sie nicht wieder vergessen.

Sie sprüht vor Lebensenergie, Freude und Humor und verkörpert pure Leidenschaft für Yoga. Ihr Unterricht ist anspruchsvoll und sehr herausfordernd, getragen von einer tiefen Ernsthaftigkeit für die Kunst und Wissenschaft des Yoga und das Wissen um die transformierende und heilende Kraft.
Desirée, kann auf mehr als 20 Jahre Yogapraxis zurück blicken und sagt, dass es ihre Aufgabe sei, die heilende Wirkung des Yoga zu vermitteln. Yoga half ihr selbst dabei, wieder Freude zurück in ihr Leben zu bringen, nachdem ihr Sohn im Alter von 20 Jahren aus bis heute ungeklärten Umständen bei einem Campingausflug getötet wurde und sie selbst durch eine Zeit unerträglicher Traurigkeit und Schmerz ging.

Desirée, wie bist Du zum Yoga gekommen?
Seit meinem dritten Lebensjahr tanze ich. Ich war professionelle Tänzerin und habe Tanz unterrichtet. Im Alter von 28 Jahren entdeckte ich Yoga. Die Positionen waren alle relativ einfach für mich. Ich fand Interesse daran und entdeckte Yoga als Alternative zu Aerobic.

Warum zog Dich Yoga mehr an als Aerobic?
Ich fühlte, dass etwas Außergewöhnliches während der Yogapraxis stattfand, nach jeder Stunde fühlte ich mich anders. Das Problem war auch, dass ich mich durch das Tanzen immer wieder verletzte. Yoga half mir dabei zu heilen. Und bei Aerobic, da fehlte mir der spirituelle Ansatz.

Gibt es irgendwelche Voraussetzungen, um Yoga zu üben? Schaut man sich die Covers von Yoga-Magazinen an, könnte man auf die Idee kommen, dass man solche Positionen nicht schafft und dann gar nicht mit Yoga beginnt.
Ich weiß, Bilder von Menschen, die sich so frei bewegen, können einschüchternd wirken. Ich empfehle immer, verschiedene Stile des Yoga auszuprobieren und sich dann für das entscheidet, womit man sich am wohlsten fühlt. Wenn ich unterrichtet versuche ich auf einfache Weise den Teilnehmern beizubringen, wie sie ihre Flexibilität und Kraft verbessern können. Manche Menschen möchten sich anstrengen, manche mögen fließende Stile, manche wollen erst einmal detailliert Grundlagen lernen, bevor sie mit fließenden Bewegungsabläufen beginnen. In der Yogawelt ist für jeden etwas dabei. Eins muss man wissen, Yoga darf nie weh tun, geschweige denn verletzen.
Manchmal kommt es vor, dass Anfänger schnell meinen, Yoga sei nichts für sie. Hätten jedoch erfahrene Lehrer ihnen geduldig beigebracht, wie der Körper funktioniert und wie man die für sich beste körperliche Ausrichtung findet, hätten sie eine bessere Erfahrung gehabt. Es ist wie mit allem anderen. Mit ein wenig Geduld und Übung wird alles besser. Ohne gute Anleitung lernt man auf die harte Art. Es gibt viele Experten in der Yogawelt, die ein sehr tiefes Verständnis für Yoga entwickelt haben und sehr helfen können. Warum das Rad neu erfinden?

Hat Dich Yoga verändert?
Ja, ich fühle mich heute sowohl kraftvoller als auch sensibler. Yoga ließ mich innerlich stärker werden und hat mir aufgezeigt, dass ich so außen sanfter sein kann. Yoga hat mich herausgefordert, meinen Ängsten zu begegnen und mich mit etwas Höherem zu verbinden. Ich habe gelernt, mir selbst besser helfen zu können, von Augenblick zu Augenblick.

2003 musstest Du Dich einer unglaublichen Tragödie stellen. Dein Sohn wurde im Alter von 20 Jahren aus bis heute ungeklärten Gründen bei einem Campingausflug in den USA in Begleitung seiner Freundin erschossen. Wie ist es Dir gelungen, diesen Schmerz zu überwinden?
Es dauerte Jahre, um dies zu bewältigen. Von Beginn an setzte ich mir das Ziel, wieder Freude in mein Leben zurück zu bringen. Meinem Herzen zu folgen und meinen Geist zu überzeugen, dass dies möglich ist, dauerte eine sehr lange Zeit.
Die Unterstützung aus der Yoga-Community half mir sehr. Ich habe mich nie wirklich alleine gefühlt in dieser Zeit, ich erhielt viel Unterstützung, um zurück ins Leben zu finden.
Heute, wenn ich erfahre, dass jemand sein Kind verloren hat, versuche ich Kontakt herzustellen, um den Eltern mitzuteilen: wenn ich es geschafft habe, schaffst du es auch,… hier, nimm meine Hand.

Was glaubst Du, müssen wir alle in unserem Leben entdecken und lernen?
Ich glaube, wir müssen alle lernen und entdecken, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, Energie, die für einen kurzen Augenblick in einem menschlichen Körper wohnt. Wir sind weder Opfer, noch dem Schicksal ausgesetzt. Wir dürfen uns nicht zufrieden geben, bis wir erhalten, was wir alle verdienen und das ist die Erfahrung von Glückseeligkeit und Ganzheit. Wenn uns das gelingt, können wir mit den Dingen, die in unserem Leben geschehen, umgehen und versuchen, solange wir auf diesem Planeten sind, wirklich das Beste daraus zu machen. Wir geben und machen was wir im Stande sind zu tun, den Rest überlassen wir einer größeren Kraft. Wenn das jeder verstehen würde, wären wir alle eine ganze Menge glücklicher, glaube ich.

Wie unterrichtest Du Yoga?
Wenn ich unterrichte, versuche ich den Teilnehmern zu zeigen, wie sie ihren eigenen Körper nutzen können, um die eigene Kraft in sich zu entdecken, als auch die Verbindung zur göttlichen Natur direkt im eigenen Körper zu fühlen. Man kann es sofort wahrnehmen, da es sich einfach so viel besser anfühlt. Auch versuche ich Yogis zu ermuntern, bei ihrer Verpflichtung gegenüber dem Yoga nicht das Lachen und die Verspieltheit zu verlieren. Dies alles verändert direkt das Leben. Man versteht, dass man nicht alles so unglaublich ernst nehmen muss.

Was ist für Dich Schönheit?
Für mich kommt Schönheit aus dem Innersten des Menschen oder ist in der Natur zu finden. Ich mag die Idee, erst das Gute zu suchen, das Gute in Menschen, Orten und Situationen. Das ist eine sehr kraftvolle und heilende Praxis und verändert die eigene Realität zum Besseren. Erhöhe deine positive Einstellung und deine Negativität löst sich von alleine auf. Lächele mehr und Deine Schönheit wird in die Welt hinaus strahlen. Liebe aus einer höheren Perspektive deines Herzens und du wirst andere weite Herzen anziehen.

Was ist Deiner Ansicht nach der wesentliche Grund, um Yoga zu üben?
Der Hauptgrund ist sich besser zu fühlen. Wie kann mir Yoga dabei helfen, mehr Glück zu erfahren und ein gesünderes Leben zu leben, welches mir hilft, vollständig zu heilen und zu transformieren? Wenn wir uns darauf konzentrieren, uns Moment für Moment besser zu fühlen, werden wir uns verändern und alle um uns herum ermuntern, das gleiche Glück für sich selbst zu finden. Wenn wir ein harmonisches und friedliches Umfeld schaffen wird dies gelingen. Immer haben wir die Wahl, das zu versuchen.

Jedesmal, wenn ich einen Deiner Workshops besuchte, wusste ich, dass ich heute eine Position machen würde, die ich selbst als eine “niemals-in-diesem-Leben”- oder zumindest als eine “niemals-innerhalb-der-nächsten-10-Jahre”-Position einschätzen würde. Wie bringst Du den Menschen bei, mit Ängsten umzugehen?
Angst kommt daher, dass wir nicht verstehen, wer wir selbst und die anderen auf der tiefsten Ebene sind. Sobald wir die Schritte kennen, die uns mit unserer eigenen Kraft verbinden, müssen wir diese gehen. Wir brauchen das Wissen um unsere eigene Kraft als auch die Erfahrung, immer mit etwas Größerem verbunden zu sein. Dann gelingt es uns Schritt für Schritt in ein Leben zu starten, das eine höhere Version unseres Selbst darstellt, stärker und mutiger.

Wie kann eine physische Praxis die innere Realität jedes Einzelnen verändern?
Nun, der Körper verändert den Geist und der Geist verändert den Körper – es funktioniert in beide Richtungen. Wenn Körper und Geist zusammen arbeiten, verändert dies unser Herz.

Was ist Deine wesentliche Nachricht, die Du versuchst zu vermitteln, was soll jeder einmal selbst erfahren?
Mein Hauptanliegen ist es, den Menschen dabei zu helfen, sich selbst zu erkennen und Eigenverantwortung dafür zu übernehmen, was man denkt, sagt und wie man handelt. Sobald wir dieses Bewusstsein etablieren, wird sich die Art, wie wir unser Leben wahrnehmen, dramatisch verändern. Wir sind mehr die Ursache als die Wirkung. Immer haben wir die Möglichkeit, unsere Einstellung und unsere Perspektive zu verändern.

Desirée unterrichtet weltweit Workshops, Retreats, Immersions und Teacher Trainings. Mehr Infos zu ihr findet man auf ihrer Website: www.desireerumbaugh.com.

Die Autorin Nicole Konrad leitet das Yoga- und Ayurvedazentrum Openlotus – die Yogaschule in Köln.

Desirée kann man in einem Workshop nun am 30. Mai 2013 im Openlotus Yoga Köln erleben!

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Vorsicht Yoga! Wie Yoga das Leben verändern kann

10. Mai 2013

An einem Samstagnachmittag vor einigen Jahren fing alles an. Der Besuch meiner ersten Yogaklasse veränderte, in der Rückschau gesehen, mein Leben. Nie hätte ich gedacht, dass der einfache Wunsch, kurzfristig etwas Neues zu probieren, langfristig alles auf den Kopf stellen würde.

Mich hat das Bedürfnis nach Entspannung zum Yoga gebracht. Viele kommen zu ihrer ersten Yogastunde, da sie Schmerzen haben und manche, da sie neugierig sind, was Yoga ist. Wahrscheinlich denken die Wenigsten daran, sich durch die Art der Bewegung mit „dem Höheren“ zu verbinden, durch Körperarbeit eine spirituelle Praxis zu erreichen.

Zu Beginn meiner Yogapraxis war ich damit beschäftigt, meinen Körper in die Position zu bewegen, die der Lehrer vorgab. Berg, Cobra und Hund machten wenig Sinn. Mit der Zeit wusste ich, was die einzelnen Positionen bedeuteten und ich konnte mich meinem Atem widmen. Es gelang, einen „fließenden Atem“ zu etablieren. Der ruhige, tiefe Rhythmus bewirkte tiefe Entspannung und ein ungeahntes Körpergefühl. Später zog ich sogar in Betracht, dass das, was der Lehrer über Größe und unbegrenztes Potenzial sagte, vielleicht tatsächlich auch mich meinen könnte. Mein Vertrauen wuchs und ich begann damit, die in den Stunden vermittelten Prinzipien auch außerhalb des Yogaraums anzuwenden. Ich begann, meinen Atem zu beobachten, zu sehen, wie mein Geist auf bestimmte Situationen reagierte und wie es zumindest ein bisschen möglich war, Abstand zu scheinbar überwältigenden Emotionen zu schaffen und zu beobachten, statt sofort zu reagieren.

Yoga hatte Einzug in meinen Alltag gefunden und begann, meine Art mit Menschen und Situationen umzugehen, zu verändern. Ich bin aber nicht die Einzige, bei der Yoga gewaltige Veränderungen und Transformationen unterstützte oder sogar bewirkte.

Doch wo liegt das Geheimnis, wie können Asanas, Pranayama und Meditation einen neuen Menschen aus einem machen, eine Richtung aufzeigen, von der man vorher nicht einmal gewagt hätte zu träumen?

Wie kann man diese Aspekte finden, Asana für Asana auf der Matte und Atemzug für Atemzug im alltäglichen Leben? Wie kann eine scheinbar rein physische Praxis solch tiefgreifende Transformation ermöglichen? Jeder Sonnengruß kann mechanisch praktiziert werden. Man kann ein „Workout“ machen oder man kann jedem Moment eine tiefere Ausrichtung geben, jeder Bewegung durch Fokus „Leben einhauchen“. Es ist nicht erforderlich, dies zu tun. Doch wenn man damit beginnt, wird man die Tiefe des Yoga entdecken und sich vielleicht dazu entscheiden, die Prinzipien selbst auszuprobieren.

Die eigene Yogapraxis ist ein Spiegel des Selbst. Wie ich mich selbst während der Asanas behandle, die Gedanken, die ich mir gegenüber habe, zeigen mir, wie ich lebe und mit schwierigen oder schönen Momenten umgehe. So wie ich praktiziere, lebe ich mein alltägliches Leben. Bin ich liebevoll zu mir, werde ich dies auch im Alltag sein, bin ich mir nie genug, werde ich Unvollkommenheit spüren.

Wenn man jedoch damit beginnt, der eigenen Praxis ganz bewusst einen Fokus zu geben, kann es einen verwandeln.

Yoga ist, um es in John Friend’s Worten zu sagen, Absicht mit Ausrichtung in Aktion.

Die Absicht ist der wichtigste aller genannten Aspekte. Dahinter steht die Frage, warum praktiziere ich, was bringt mich jeden Tag auf meine Matte, was für ein Ziel habe ich in jedem einzelnen Moment und mit welcher inneren Einstellung, mit welchem Bewusstsein, atme ich jeden einzelnen Atemzug? Yoga kann jeden transformieren, wenn man Moment für Moment mit Bewusstsein und Absicht lebt.

Doch welche Absicht hat ein Yogi?
Alle Yogatexte stimmen darin überein, dass das Ziel des Yoga Vollkommenheit ist. Vollkommenheit und Einheit mit dem Höchsten, dem Absoluten. Doch was ist das? Wir können es nur beschreiben, vielleicht so: kreierende Kraft, umfassende Güte, absolutes Bewusstsein, größte Freude, Freiheit, Fülle, Vibration, pulsierende Kraft und absolute Schönheit. Yoga lehrt, dass es mehr gibt, als nur die einfachen Empfindungen des Körpers und des Geistes. Es lehrt, wie man Körper und Geist schult, fokussiert zu sein und zu bleiben, Kraft und Ausdauer zu entwickeln, um Anhaftungen und Ängste zu überwinden. Die Tradition des Tantra lehrt sogar, dass man das Absolute ist, dass alle Schönheit, Anmut, Größe und Kraft in einem selbst liegen und man sich dessen nur erinnern müsse. Tantra sagt, dass alles, was existiert, eine individuelle Ausformung der einen Kraft ist, alles miteinander verbunden ist, den gleichen Atem und Pulsschlag teilt.

Asanas mit einer Absicht zu praktizieren, sind um ein vielfaches stärker. Wenn ich nur in Betracht ziehe, ein Teil des Absoluten zu sein, kann jede Bewegung eine Meditation sein, ein Gebet, ein Geschenk. Jeder Atemzug kann mich daran erinnern, dass ich expandieren kann, dass Prana, die allumfassende Lebensenergie, in jedem Moment durch meinen Körper pulsiert und ich Teil eines Größeren bin.

Ebenso kann ich mich darauf fokussieren, dass die Früchte meiner Praxis jemanden zu Gute kommen mögen, der Kraft bedarf, ich kann darum bitten, dass Prana Heilung und Kraft bringt, um alte Verletzungen gehen zu lassen und den Mut zu finden, neue Wege zu gehen. Themen, um eine höhere Absicht zu finden, sind unbegrenzt.

Doch wie gelingt es dann, die Absicht in eine Ausrichtung, in „alignment“ zu bringen?

Wieder lehrt die Yogapraxis auf der Matte Wesentliches. Gelingt es, den Körper gesund auszurichten, wird alles leichter.

Zu Beginn meiner Yogapraxis stellte Virabadrasana I und II schlicht ein Workout für meine Oberschenkel dar. Es war einfach nur anstrengend. Es gelang zwar, die Position nach und nach länger zu halten, doch brachte erst die Integration des „restlichen“ Körpers ein wirklich kraftvolles Erlebnis. Ich musste lernen, wie ich meinen Körper in Einheit zueinander bewegte, wie die Integrität der Füße, des hinteren Beins, der Wirbelsäule und der Arme Kraft, Sanftheit und Anmut entstehen ließen.

Sicherlich erfordern Asanas Kraft und Ausdauer, doch wenn sich der Körper in einer gesunden Ausrichtung befindet, erhält man ebendiese zurück.

Wie alles zusammenhängt und miteinander verbunden ist, lehrte mich direkt mein Körper. Auch im Alltag spürte ich deutlicher, wie Ereignisse direkte Auswirkungen auf mein Wohlbefinden hatten. Stress bewirkte eine flachere Atmung und Angespanntheit, Freude Entspannung und Sanftheit. Mit der Zeit verstärkte sich die Fähigkeit zu unterscheiden, was mir gut tut und welche Wege ich gehen wollte. Es fiel mir leichter, Entscheidungen zu treffen und zu bemerken, wann ich nicht mehr „gut ausgerichtet“ war.

Mehr und mehr erinnerte ich mich im Alltag an die im Yoga gelernten Prinzipien und ich stellte fest, dass die eigentliche Praxis dann beginnt, wenn man seine Matte verlässt. Wo war ich mit meinen Gedanken beim Essen, wie begegnete ich meinen Mitmenschen? Yoga ist Praxis, Yoga bedarf der Praxis, der Aktion. Selbst wenn andere Aufgaben wichtiger erscheinen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wird man die Zeit finden, um zu üben, mit Absicht.

Das ist der Zauber des Yoga. Auf der Matte lernt man, wie viel Kraft und Sanftheit in einem selbst liegen. Prana kann direkt erfahren werden. Man lernt, Vertrauen zu haben, in sich selbst, aber auch in das Leben.

Dieses Vertrauen lässt Transformation zu, die Bereitschaft sich zu öffnen bewirkt, dass man mehr und mehr der inneren Stimme folgt und so Schritt für Schritt Größe und Anmut zum Ausdruck bringt.

Meine erste Yogalehrerin sagte einmal: „Passt auf, Yoga kann euer Leben total verändern. Wenn ihr das nicht wollt, dann praktiziert lieber nicht.“

Sie hatte Recht.

Nicole Konrad / Openlotus – die Yogaschule in Köln

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Tief Durchatmen – Pranayama- Atemübung

4. Mai 2013

Tief durchatmen
„Atme mal tief durch“ oder „lass mal die Luft raus“ sind Sätze, die man immer mal wieder gesagt bekommt oder hört. Doch bergen diese ‚Sprichwörter‘ vielmehr Weisheit und Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheinen mag, verdeutlichen sie doch, dass auch in unserem Sprachgebrauch der Atmung mehr Bedeutung zugeschrieben wird, als der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid. (mehr …)
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Interview mit den LOVE KEYS

26. April 2013

Yoga_koeln_mantrayoga_lovekeysThe Love Keys begeistern mit ihrer tollen und berührenden Musik. Bei  uns im Openlotus Yoga Köln waren sie zum Glück schon des Öfteren.
Mehr zu ihnen und ihrer Musik hier im Interview. 

Wie schafft Ihr zwei es bei Eurem Tour-Programm zur Ruhe zu kommen?

Ben: Wir haben zum Glück unseren Tourbus, in dem wir auch schlafen können. Diesen nutzen wir häufig, um an besonders schönen Plätzen noch ein-zwei Tage bleiben zu können. Inmitten der Natur kommt man herrlich runter und bei sich selbst an.

Aleah: Ich liebe es, ständig unterwegs zu sein, so fühle ich mich frei und bekomme durch die vielen Kontakte neue Eindrücke und Inspirationen

 

In dem Lied „Holy Illusion“, dass auf der CD Blessings ist, erzählt ihr von Eindrücken in der „spirituellen Szene“. Wie kam es dazu?

Aleah: Der Text von „Holy Illusion“ entstand,  während Ben einfach so auf dem Keyboard spielte, was es mir einfach machte, die Melodie in mir nachklingen zu lassen und „damit zu spielen“. Die Musik hatte etwas dramatisches, emotionales, von daher kam das Thema wie von selbst. Es fühlte sich befreiend an, den manchmal herausfordernden Erfahrungen in der spirituellen Szene Ausdruck zu geben und sie öffentlich zu zeigen.

 

Eure Musikerkarriere brachte Euch sicher nicht direkt zu Mantren, was hat Euch dorthin gebracht?

Ben: Musik und ihre verschiedenen Klänge begleiten mich schon mein ganzes Leben. Als ich drei Jahre alt war drehten meine Eltern einen ziemlich unvorteilhaften Film über Klein-Benni, in dem er mit einem Spielzeughammer über den Hof robbt und gegen alles, wirklich alles, was seinen Weg kreuzt klopfen muss, um zu hören wie es klingt. Im Laufe der Kindheit kam dann die obligatorische Blockflöte und Keyboardunterricht hinzu. Mit neun Jahren entdeckte ich die Gitarre meines Vaters auf dem Dachboden, ein einschneidendes Erlebnis, denn sie wurde zu „meinem” Instrument.  Als Jugendlicher spielte ich in diversen Bands der härteren Gangart, vom Punk bis hin zum Metal. In dieser Zeit machte ich meine ersten Recording-Erfahrungen.

Später, während meines Studiums rückte die Musik für eine Weile in den Hintergrund. Nach dem Motto „Junge, lern was Ordentliches, wie wär’s mit BWL ?!“ lief bis auf ein wenig E-Gitarre zu Hause wenig.

Nach meinem Studium ging es dann aber wieder voll los, als ein Bekannter einen Gitarristen für seine Band suchte. Bei einer Probe dieser Band habe ich auch Aleah kennen gelernt, das war im Sommer 2009. Ein paar Wochen später gab es „The Love Keys“.

 

Aleah, wie war Dein Weg?

Aleah: Das erste Mal hörte ich Mantras im Alter von 17 in Spanien, wo zwei Schwedische Mädchen auf den Straßen traditionelle Mantras sangen. Ich war sehr fasziniert. Die folgenden 9 Jahre nach diesem Treffen brachten mich aber zuerst in eine andere musikalische Richtung: Acoustic Pop. Ich schrieb Songs, reiste durch fast ganz Europa, Kalifornien, Hawai’i und Kanada, trat auf und nahm 10 CDs mit verschiedenen Internationalen Musikern auf. Ich bewegte mich auf Reisen immer in der alternativen Szene, sodass ich Mantras immer wieder hörte,
Eigentlich wusste ich schon nach meinem Abitur, dass ich reisen wollte. Zuerst studierte ich Naturheilkunde, Ascension Therapy mit meiner spirituellen Lehrerin Zaria Et An und Thai Massage für 5 Jahre und dachte, dass sei mein Weg. Während dieser Zeit war ich hin und her gerissen zwischen Musik und Naturheilkunde, wissend, ich müsste mich zwischen den Beiden eines Tages entscheiden.

Als ich einige Monate im Kräuterladen in Edinburgh gearbeitet hatte, wurde mir klar, dass ich ersetzbar bin und nicht mein volles Potential lebe. Jeder hat eine Gabe, mit der er auf diesen Planeten kommt. Zu dieser Zeit lebte ich meine Gabe nicht, ich war nicht frei. Ich entschied mich, vollkommen Musik zu leben und mit Ben als exzellenten Musiker und Produzenten an meiner Seite, entwickelten sich The Love Keys.

 

Ihr seid nicht auf Mantren festgelegt, wie würdet Ihr Euren Stil beschreiben?

Ben: Es gibt bei uns alles vom klassischen Mantra bis hin zur rockigen Popnummer mit E-Gitarren. Ich finde es wichtig, dass man sich selbst treu bleibt und immer wieder die Musik macht, die man auch selbst gut findet und gerne hört. Wir achten die Tradition, wollen die Musik aber auch behutsam etwas ausweiten. Die klassischen Mantrainterpretationen – also mit Tabla, Tambura und Kirtan-Wechselgesang – machen wir ebenso wie spirituelle Lieder im Acoustic Pop Stil. Wir Beide möchten Dinge hin- und wieder ganz bewusst anders machen und aus einem anderen Blickwinkel beleuchten und vertonen. Daher gehören für uns auch ganz klar moderne Instrumente dazu.

 

Was wollt Ihr mit Eurer Arbeit transportieren?

Aleah: Hingabe in der Musik zu hören und zu spüren ist für mich das Wichtigste. Ein Gefühl von „bei sich zuhause ankommen, bei seinem göttlichen Selbst“ ist es, was ich transportieren möchte. Während ich singe, ist es meine Absicht in einen  Zustand zu kommen, dass das Mantra „uns singt“.  Wenn das passiert, dann ist auf einmal alles offen und so ekstatisch, als würden wir schweben. Selbst wenn das nicht immer passiert, erfreut es mich total, wenn ich die strahlenden Gesichter unseres Publikums sehe, die uns sagen, dass sich etwas positiv verändert hat.

 

Eure Zuhörer sind immer sehr berührt von Eurer wundervollen Musik und fühlen sich beschenkt, wie macht Ihr das?

Ben: Ui, Dankeschön! Bewusst machen wir eigentlich nur Musik, nicht mehr nicht weniger.

Aleah: Die Mantras beschenken uns und wir teilen das Geschenk

 

Wo kann man Euch erleben?

So gut wie in ganz Deutschland: www.thelovekeys.de

 

 

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Wie kann mich Yoga Akzeptanz lehren?

14. April 2013

Wie kann es gelingen, sich selbst zu akzeptieren, losgelöst von äußeren Umständen ein liebevolles Verhältnis zu sich zu haben? Hilft Yoga dabei, dies zu lernen?

„Ich kann nicht meditieren, mein Geist ist zu unruhig“.

„Ich kann nicht an der Yogalehrerausbildung teilnehmen, ich bin noch nicht gut genug“.

Sätze, die ich als Yogalehrerin hier im Openlotus Yoga Köln immer wieder höre. All diesen Gedanken liegt die Vorstellung zu Grunde, dass man für irgendetwas nicht gut genug ist, nicht ausreicht, sich erst noch verbessern muss.

In jedem von uns tauchen solche Gedanken auf. Es ist jedoch nicht nur die Angst, nicht gut genug zu sein, sondern eigentlich ein Mangel an Akzeptanz sich selbst gegenüber, an Liebe zu sich selbst. Man glaubt, wenn man etwas Bestimmtes erreicht hat, sei es ein Yogaasana, einen anderen Job oder eine bessere Figur, dann endlich würde man sich mögen, sich annehmen können, glücklich werden. Es sind diese „wenn- dann“-Sätze, von denen wir uns Glück und Zufriedenheit versprechen, wenn nur bestimmte Voraussetzungen oder Bedingungen erfüllt seien.

Wie oft musste aber jeder schon feststellen, dass dem nicht so ist. Ein Kleidungsstück, das man sich geleistet hat und bei welchem man sich im Geschäft noch wunderschön gefühlt hat, ist nach einer Weile auch nur noch ein weiteres Teil im Kleiderschrank. Ein Job, den man bekommen hat, wird zur Gewohnheit. Das Asana, welches man jahrelang nicht praktizieren konnte und nunmehr kann, ist nichts Besonderes mehr. Schon wartet eine neue Position, eine neue Herausforderung, die bei Erreichen Glückseligkeit verspricht. Das, was man selber leisten und erreichen kann, wird nicht beachtet, sondern als selbstverständlich abgetan. Kein Grund, sich darüber zu freuen, kein Grund, die eigene Leistung anzuerkennen und noch weniger ein Grund, sich zu 100% zu mögen und anzunehmen. Es ist ein Teufelskreis. Niemals wird man, wenn man dieses Muster nicht durchbricht, Frieden mit sich schließen können, niemals gut genug sein, um irgendetwas zu machen, niemals wird es gelingen, wirklich bei sich selbst zu sein. Ewig wird man versuchen, jemand Anderes zu sein, irgendein Mehr von etwas, was man bislang vermeintlich nicht ist oder hat. Es ist ein Hoffen auf eine Zukunft, die nie kommen wird.

Ziele und Wünsche zu haben ist nicht verkehrt. Ohne diese würde man reglos verharren, nicht nach Höherem streben, nichts würde sich bewegen. Ziele zu haben ist sogar essenziell, es ist der Motor, um Dinge anzugehen, sich zu trauen, sich zu motivieren. Nur mit Absicht und Fokus gelingt es, Ziele zu verfolgen. Es ist nicht der Wunsch, der das Problem ist, sondern das Unvermögen, sich zu mögen und zu akzeptieren.

Zu Beginn meiner Yogapraxis konnte ich lange Zeit urdhva mukha svanasana nicht praktizieren. Mir war, als wäre ich unter all den anderen die Einzige, die es nicht fertig brachte, chaturanga dandasana, die tiefe Liegestützposition, zu halten, um von dort grazil, so wie es bei allen andern schien, in den heraufschauenden Hund zu fließen. Ich fühlte mich eher wie ein Sack ohne Kraft. Die Kobraposition, „meine“ Alternative, wurde mir verhasst, war sie doch Sinnbild für mein Unvermögen. Ich träumte von der Zeit, wenn auch ich endlich „fließen“ konnte, dachte, von da an sei ich dann ein Yogi und würde mich nicht mehr als so ungenügend empfinden. Was für eine Lektion. Mit beständiger Praxis gelang es irgendwann, doch ich war immer noch die Gleiche. Es ging kein Feuerwerk los, welches mich im Kreis der „wahren Yogis“ empfing, ich gewann keinen Preis, alles war wie immer. Ich freute mich. Für eine halbe Stunde. Dann gingen mir schon Gedanken durch den Kopf, wie, „ das war aber auch nötig, Basispositionen nicht zu können ist inakzeptabel, Position XY ist toll, was ist schon ein heraufschauender Hund?“ Für eine kurze Zeit nur war ich mit mir zufrieden, dann schon nagte wieder die gleiche innere Stimme, die meinte, das sei noch lange nicht genug, das würde noch lange nicht ausreichen. Die Vorstellung, die ich hatte, dass ich mich bei Gelingen der Position leiden könnte, hatte sich nicht erfüllt. Ich war mir immer noch nicht gut genug. Ich konnte zwar nun die Position, aber ich war die alte geblieben. Die Veränderung der äußeren Umstände hatte für meine innere Welt keine Veränderung gebracht.

Bis ich dieses Muster auch im Yoga erkannte, dauerte es seine Zeit, schließlich gibt es unzählige, schier unglaubliche Positionen, die man alle vermeintlich erst noch können muss.

Wie kann es also gelingen, sich selbst zu akzeptieren, losgelöst von äußeren Umständen ein liebevolles Verhältnis zu sich zu haben?

Es ist immer nur in jedem einzelnen Moment möglich, immer nur im Hier und Jetzt unter den gegebenen Umständen. Ich kann nur ich selber sein — was sonst sollte ich mitbringen? Ich habe nur diesen Körper, nur diesen Geist, nur dieses Aussehen, nur diese Fähigkeiten. Mehr habe ich nicht, mehr bin ich nicht, mehr muss ich aber auch gar nicht sein. Es ist unser Geist, der uns treibt, der vergleicht, sich ungenügend fühlt und nicht zulässt, dass wir, so wie wir sind, uns selber akzeptieren und lieben können.

Wenn es nicht gelingt, innere Liebe zu sich zu entwickeln, die unabhängig von äußeren Faktoren ist, werden Veränderungen schmerzhaft sein. Sobald ich älter werde, vielleicht nicht mehr so fit und leistungsfähig wie davor, graue Haare und Falten Einzug halten, ich meinen Job verliere oder scheinbar Misserfolg habe, werde ich mein Selbstwertgefühl verlieren. Beständig werde ich versuchen, den alten Zustand wieder herzustellen, anstatt zu erkennen, dass Veränderungen zur Natur des Daseins gehören und alles im Fluss ist. Ständig werde ich versuchen, ein anderer zu sein, als ich eigentlich bin.

Jeder einzelne von uns muss lernen, dass er, so wie er ist, gut ist. Wir müssen lernen, uns selber zu lieben. Wenn ich mich nicht mag, ich mich nicht akzeptieren kann, dann suche ich außen nach Bestätigung. Ich brauche Menschen, die mir sagen, dass ich schön bin, gut bin etc., da ich selber es nicht kann. Ich werde beständig versuchen, mich anders darzustellen, vermeintliche Schwachstellen zu vertuschen, versuchen, mich größer zu machen, als ich bin, nur um nicht so „nackt“ mit meinem Selbst zu sein. Das ist kein Weg, der sich zu begehen lohnte.

Mir wurde einmal eine Geschichte erzählt, die Osho gelehrt haben soll: Ein König hatte einen Garten. Er hatte viele verschiedene Pflanzen gesetzt und ging, um nach ihnen zu sehen. Was er sah, verwunderte ihn. Alle Pflanzen kümmerten vor sich hin. Er fragte einen Baum, warum er nicht wachse, der antwortete, er sei traurig, da er nicht so schöne Blüten habe, wie die Blume. Die Blume war unzufrieden, da sie nicht so groß werden konnte wie der benachbarte Strauch. So ging er von Pflanze zu Pflanze und von allen bekam er die gleiche Antwort. Alle Pflanzen im Garten waren unglücklich. Dann sah der König ein Stiefmütterchen, welches leuchtend und kraftvoll in einem Beet strahlte. Er ging hin und sagte der Pflanze, dass er sich freue, dass sie so gut wachse. Das Stiefmütterchen antwortete: Nun, da du mich gepflanzt hast, denke ich, dass du mich haben wolltest. Also versuche ich mein Bestes, um zu wachsen und zu blühen.

Als ich diese Geschichte das erste Mal hörte, dachte ich, wie albern es für eine Blume wäre, sich nicht zu mögen. Ist sie doch, wie alles, perfekter Ausdruck der Schöpfung. Einer Pflanze würde ein solcher Gedanke nie in den Sinn kommen. Dann habe ich verstanden und fing bei mir selber an, mein eigenes Wachsen und Gedeihen mit einem liebevollen Blick zu bedenken.

Nicole Konrad, Openlotus – die Yogaschule in Köln

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